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Full text of "Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin"

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ABHANDLUNGEN 



DER 



KÖNIGLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 



1885. 



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ABHANDLUNGEN 



DER 



KÖNIGLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 



1885. 



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ABHANDLUNGEN 



DER 



KÖNIGLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



zu BERLIN. - 



AUS DEM JAHRE 
1885. 



BERLIN. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

1886. 



S:P 7 1886 



Buchdruckerei der Konigl. Akademie der Wissenschaften (6. Vogt). 

Berlin, Universitats-Strafse 8. 



o 



Inhalt. 



Yerseichnifs der im Jahre 1885 stattgehabten Sitzungen der Akademie 

and der darin gelesenen Abhandlungen S. vn — xvn. 

Bericht über die zur Beantwortung der philosophischen Preisfrage von 

1882 eingegangenen Arbeiten ^ xvn — xx. 

Yerzeichnifs der im Jahre 1885 erfolgten besonderen Geldbewilligun- 
gen aus akademischen Mitteln zur Ausfahrung oder Unterstützung 

wissenschaftlicher Unternehmungen ^ xx — xxui. 

Yerzeichnifs der im Jahre 1885 erschienenen, mit Unterstützung der 

Akademie bearbeiteten oder herausgegebenen Werke . . . . ^ xxin — xxiv. 

Yerfinderungen im Personalstande der Akademie im Laufe des Jahres 

1885 ^ XXIV — XV. 

Yerzeichnifs der Mitglieder der Akademie am Schlüsse des Jahres 1885 ^ xxvi — xxxrv. 



1^ Dillmann: Oedfichtnifsrede auf Karl Richard Lepsius S. 1 — 25. 



Abhandlungen. 

Physikalisch - mathematische Classe. 

Physikalische Abhandlungen. 
/), Eichler: Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenhlfitter. (Mit 5 Tafeln). S. 1 — 24. 



5 /.'-• ■- . -> > >:-, 



Philosophisch -historische Classe. 



IuI^chrader: Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des 

Sebeneh-Su. (Mit 1 Tafel) Abh. I. S. 1—31. 

i^, DiELs: Über die Berliner Fragmente der 'ASfjvatMv noXirsla des Ari- 
stoteles. (Mit 2 Tafeln) ^ IL „ 1—57. 

y. DiELs: Seneca und Lucan ^ m. ^ 1 — 54. 



VI 



Abhandlungen nicht zur Akademie gehöriger Gelehrter« 

Physikalische Abhandlungen. 

yI.Heider: Über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceiu L. 

(Mit 2 Tafeln) S. 1—47. 

Philosophisch-historische Abhandlungen. 

vitHiRfiCHFELD, O.: Paphlagonische Felsengr&ber. Ein Beitrag zar 

Ennstgeschichte Eleinasiens. (Mit 7 Tafeln) . Abb. I. S. 1 — 57. 
y'iilßcHWEiNFURTH: Alte Banreste and hieroglyphische Inscbriften im 

Uadi Oasüs. Mit Bemerkungen von A. Erman. 

(Mit 2 Tafeln) ,, JI. „ 1—23. 



Jahr 1885. 



i. 

Terzeichnife der im Jahre 1885 stattgehabten Sitzungen 
der Akademie nnd der darin gelesenen Abhandinngen. 

öffentliche Sitzungen. 

Sitzung am 22. Januar zur Feier des Jahrestages 

Konig Friedrich's IL 

Der an diesem Tage Vorsitzende Secretar, Hr. Auwers, er- 
ofihete die Festsitzung mit einer Ansprache. 

Hierauf hielt Hr. von Sybel einen Vortrag „Zur Erinnerung 
an Jacob Grimm*. Dieser Vortrag ist in den Sitzungsberichten ab- 
gedruckt 

Sitzung am 19. März zur Vorfeier des Geburtstages 
Sr. Majestät des Kaisers und Königs. 

Hr. Mommsen, als Vorsitzender Secretar, eröffnete die Sitzung 
mit einer in den Sitzungsberichten mitgetheilten Festrede. 



VIII 

Hierauf wurden die statutarisch vorgeschriebenen Jahresbe- 
richte über die fortlaufenden grofseren litterarischen Unternehmun- 
gen der Akademie verlesen. 

Hr. A. Kirchhoff berichtete über die griechische Inschrif- 
tensammlung, Hr. Mommsen über die lateinische, sowie über die 
Vorarbeiten für die römische Prosopographie. 

Im Namen der akademischen Commission wurde über die 
Herausgabe der Commentatoren des Aristoteles berichtet. 

Hr. Duncker berichtete im Namen der Commission für die 
Herausgabe der politischen Correspondenz Konig Friedrich's II, so- 
wie über die Fortsetzung der Preufsischen Staatsschriften aus der 
Regierungszeit Friedrich's 11. 

Der von Hm. Weierstrafs über die Herausgabe der Werke 
Jacobi's erstattete Bericht wurde mitgetheilt. 

Schliefslich folgte die gleichfalls statutarisch vorgeschriebene 
Berichterstattung der mit der Akademie verbundenen Stiftungen 
und wissenschaftlichen Institutionen. 

Der von der vorberathenden Commission der Bopp-Stiftxmg 
erstattete Bericht wurde vorgetragen. 

Hr. E. du Bois-Reymond, als Vorsitzender des Curatoriums 
der Humboldt -Stiftung für Naturforschung und Reisen, erstattete 
Bericht über die Wirksamkeit der Stiftung im verflossenen Jahre. 

Hr. Waitz verlas den Jahresbericht der Central-Direction der 
Monumenta Germaniae historica. 

Hr. Conze berichtete über die Thätigkeit des Kaiserlich Deut- 
schen Archäeologischen Instituts im abgelaufenen Rechmmgsjahre. 

Die Vorträge dieser Sitzung sind sämmtlich in den Sitzungs- 
berichten abgedruckt. 



IX 



Sitzung am 2. Juli zur Feier des Leibniz'schen Jahres- 
tages. 

Hr. Curtius eröffnete die Festsitzung mit einer in den 
Sitzungsberichten mitgetheilten Rede. 

Hierauf hielten die neu eingetretenen Mitglieder HH. Schulze 
und Hirschfeld ihre von den Secretaren beantworteten und in 
den Sitzungsberichten mitgetheilten Antrittsreden. 

Darauf verlas Hr. Zeller den Bericht über die zur Beant- 
wortung der philosophischen Preisfrage eingegangenen Arbeiten. 

Zum Schlufs las Hr. Dillmann eine Gedächtnifsrede auf 
das verstorbene Mitglied der Akademie, Hrn. Richard Lepsius. 
Dieselbe ist in den Abhandlungen der Akademie erschienen. 



Gesammtsitzungen der Akademie. 

Januar 8. Scherer, Betrachtungen über Goethe's Faust 

Hausmaninger, V., in Graz, über die Theorie des 
longitudinalen Stofses cylindrischer Korper. Vor- 
gelegt von G. Kirchhoff. (S. BJ) 

Januar 29. Virchow, über die Verbreitung des blonden und des 

brünetten Typus in Mitteleuropa. (S. B.) 

Februar 12. Schmidt, über die Bildung des Nominativ pluralis 

der Neutra. 
Siemens, über die von Hrn. Fritts in New York 
entdeckte elektromotorische Wirkung des beleuch- 
teten Selens. (S. B.) 

b 



Februar 26. Munk, über totale Exstirpation der Sehsphäre beim 

Hunde. 
Röntgen, Prof., über die elektromagnetische Wir- 
kung der dielektrischen Polarisation. Vorgelegt 
von V. Helmholtz. (S. jB.) 

März 12. Weber, über die beiden Anukramani der Naigeya- 

Schule der Samasamhitä. 
Hellmann, Dr. G., über gewisse Gesetzmäfsigkeiten im 
Wechsel der Witterung aufeinanderfolgender Jah- 
reszeiten. Vorgelegt von Auwers. 
Braun, Prof. F., über die Thermoelektricität geschmol- 
zener Metalle. Vorgelegt von v. Helmholtz. (Ä. B.) 

April 9. Waldeyer, über den Bau des Rückenmarks von Gorilla 

Oina. 

April 23. Curtius, Beiträge zur ältesten Stadtgeschichte von 

Athen. 
Holder, Dr. 0., über eine neue hinreichende Bedin- 
gung für die Darstellbarkeit einer Function durch 
die Fourier'sche Reihe. Vorgelegt von Weierstrafs^ 
(& B.) 

Mai 7. von Sybel, Preufsen und die Union von 1850. 

Juni 4. Duncker, des Perikles Fahrt in den Pontus. (S.B.) 

Hoffory, Dr. J., Erklärung zweier Strophen der Voluspa. 
Vorgelegt von Scherer. (S. B.) 

Juni 18. Rammeisberg, über die Gruppe des Skapoliths. 

Juli 9. Weier straf s, über die analytische Darstellbarkeit soge- 
nannter willkürlicher Functionen einer reellen Ver- 
änderlichen. (Ä. B.) 
Kronecker, über das Dirichlet'sche Integral. (S. B.) 

Juli 23. Hofmann, über das pentamethylirte Amidobenzol. (S.B.) 



XI 

Hofmann, Untersuchungen über das polymere Sulfo- 
cyanmethyl: 
I. über die Sulfocyanursäure; 
n. über alkylirte Melamine nebst Betrachtungen 
über die Constitution des Melamins und der 
Cyanursäure ; 
ni. Polymerisationen des Phenylcyanamids. (Ä B.) 
October 22. Schwendener, über Scheitelwachsthum und Blatt- 

steliungen. 
Schneider, Dr. R., der unterirdische Gammarus von 
Clausthal. Vorgelegt von Schulze. {S.B.) 
November 5. Diels, über Seneca und Lucan. (Abh.) 

Weber, L., Prof. in Breslau, über einen DiflFeren- 

tial-Erd-Inductor. Vorgelegt von Siemens. (S.B.) 

November 19. Diels, über Seneca und Lucan. 2. Theil. {Abh.) 

Westermaier, Dr. M., zur physiologischen Bedeu- 
tung des GerbstoflFes in den Pflanzen. Vorgelegt 
von Schwendener. (S.B.) 
December 3. Mommsen, über die ökonomischen Verhältnisse 

und insbesondere die Bodenwirthschaft der romi- 
schen Kaiserzeit. 
December 17. Brunner, die Landschenkungen der Merowinger 

und der Agilolfinger. (S.B.) 



Sitzungen der physikalisch -mathematischen Classe. 

Januar 15. Kronecker, einige Anwendungen der näherungswei- 

sen ganzzahligen Auflösung linearer Gleichungen. 



XII 

Fuchs, über den Charakter der Integrale von Diffe- 
rentialgleichungen complexer Variabein. (& Ä) 
Schering, E., zum dritten Gauss'schen Beweis des 
Reciprocitätsgesetzes für die quadratischen Reste. 
{S. B.) 
Fritsch, Prof. G., über die Organisation des Gymnar- 
ckus nibticfis. Vorgelegt von E. du Bois-Reymond. 
(S. B.) 
Wilsing, Dr. J., über die Anwendung des Pendels 
zur Bestimmung der mittleren Dichtigkeit der Erde. 
Vorgelegt von Auwers. (S.B.) 
Februar 5. Websky, über die Vanadinsäure enthaltenden Bleierze 

aus der Provinz Cordoba (R. A.). (S. B.) 
Rammeisberg, über die Oxyde des Mangans und 

Urans. (S. B.) 
Koganei, Dr. J., über den Bau der Iris. Vorgelegt 

von Waldeyer. (S. B.) 
Mendelssohn, Dr. M., Untersuchungen über Reflexe. 
3. Mittheilung. Vorgelegt von E. du Bois-Reymond. 
(S. B.) 
Chun, Prof. C, über Entwickelung der Sinophoren. 
Vorgelegt von Schulze. (S. B.) 
Februar 19. Schulze, über das Verhältnifs der Spongien zu den 

Choanoflagellaten. (S. Ä) 
März 5. Eichler, zur Entwickelungsgeschichte der Palmenblät- 
ter. (Abh.) 
März 26. Landolt, über die Zeitdauer der Reaction zwischen 

Jodsäure und schwefeliger Säure. 2. Theil. (S. B.) 
Rüdorff, Prof. Fr., über die Löslichkeit von Satzge- 
mischen. Vorgelegt von Rammeisberg. (S. B.) 



xni 

Müller-Erzbach, Dr. W., über die Dissociation was- 
serhaltiger Salze und daraus abgeleitete Folgerun- 
gen über die Constitution der Salzbestandtheile. 
Vorgelegt von Rammeisberg. (S.B.) 
April 16. Schwendener, einige Beobachtungen an Milchsaftge- 

fafsen. (S. B.) 
Albrecht, Prof. P., über die im Laufe der phyloge- 
netischen Entwickelung entstandene, angeborene 
Spalte des Brustbeinhandgriffes der Brüllaffen. 
Vorgelegt von Waldeyer. (S. B.) 
April 30. Kronecker, die absolut kleinsten Reste reeller Grös- 
sen. (S. B.) 
Mai 21. Noetling, Dr., über Cnistaceen aus dem Tertiär Aegyp- 

tens. Vorgelegt von Beyrich. {S.B.) 
Schweinfurth, Prof. G., über alte Baureste und hiero- 
glyphische Inschriften im üadi Gasüs. Vorgelegt 
von Beyrich. (Abh.) 
Burmeister, Prof. H., Berichtigung zu Coelodon. (S. B.) 
Steiner, Dr. Is., die Lehre von den Zwangsbewegungen 
des Frosches. Vorgelegt von E. du Bois-Reymond. 
(S. B.) 
Juni 11. Roth, über die von Hm. Dr. Paul Güssfeldt in Chile 

gesammelten Gesteine. {S. B.) 
Roth, über eine von ihm im Jahre 1881 ausgeführte 
geologische Reise in Schweden. 
Juni 25. Auwers, Mittheilung von Beobachtungen der Sonnen- 

finstemifs vom 16. Mai 1882 in Berlin, Potsdam 
und Strafsburg und deren Ergebnissen. 
Berendt, Prof., über das Tertiär im Bereiche der Mark 
Brandenburg. Vorgelegt von Beyrich. (S. B.) 



XIV 

Juli 16. £• du Bois-Reymond, lebende Zitterrochen in Berlin. 

Zweite Mittheilung. (S. B.) 

Kronecker, über eine bei Anwendung der partiellen 
Integration nützliche Formel. (S.B.) 
Juli 30. Fuchs, über eine Classe linearer Differentialgleichungen 

zweiter Ordnung. {S.B.) 

Kronecker, zur Theorie der elliptischen Functionen. (^S.B.) 

Kronecker, über den Cauchy'schen Satz. (S.B.) 

Weierstrafs, über die analytische Darstellbarkeit soge- 
nannter willkürlicher Functionen einer reellen Ver- 
änderlichen. Zweite Mittheilung. {S.B.) 

Noetling, Prof. F., Bericht über die von ihm unternom- 
mene geognostische Forschungsreise im Ost-Jor- 
danland. Vorgelegt von Roth. (S. B.) 

Weber, Prof. H. F., über das Wärmeleitungsvermo- 
gen der tropfbaren Flüfsigkeiten. Vorgelegt von 
V. Helmholtz. (S.B.) 

Wien, W., über den Einflufs der ponderablen Theile 
auf das gebeugte Licht. Vorgelegt von v. Helm- 
holtz. (S. B.) 
November 12. Kirchhoff, G., zur Theorie der Gleichgewichts- 

vertheilung der Elektricitat auf zwei leitenden Ku- 
geln. (S. B.) 

Kundt, über die elektromagnetische Drehung der 
Polarisationsebene des Lichtes im Eisen. (S.B.) 
von Lendenfeld, Dr. R., über das Nerven- und 
Muskelsystem der Homschwämme. Vorgelegt von 
Schulze. (Ä B.) 

Wiebe, H. F., weitere Mittheilungen über den 
Einflufs der Zusammensetzung des Glases auf die 



XV 

Nachwirkungs- Erscheinungen bei Thermometern. 
Vorgelegt von Auwers. (S. B.) 
November 26. von Helmholtz, die Elektrodynamik nach Fara- 

day-Maxwell's Hypothese zurückgefiihrt auf Hamil- 
ton's Princip. 

Kronecker, über die absolut kleinsten Reste 
reeller Grofsen. (S. B.) 

von Jhering, Dr. H-, über die Fortpflanzung 
der Gürtelthiere. Vorgelegt von Waldeyer. (S. B.) 

Heider, Dr. K., über die Anlage der Keimblät- 
ter von Hydrophilm piceus L. Vorgelegt von 
Schulze. (Abh.) 
December 10. Virchow, über krankhaft veränderte Knochen al- 
ter Peruaner. (Ä. J5.) 



Sitzungen der philosophisch- historischen Classe. 

Januar 15. Brunner, über das Alter der lex Alamannica. (S. B.) 

Menadier, Dr., über die Funde romischer Münzen 
in den Dorfschaften Venne und Engten Vorge- 
legt von Mommsen. (S. B.) 
Mommsen, über die Örtlichkeit der Varusschlacht 

(S. B.) 
Gerhardt, über neu gefundene Manuscripte von Leib- 
niz. (S. B.) 
Februar 5. Pernice, über ülpian als Schriftsteller. (S.B.) 
Februar 19. Schott, über eine illustrirte Bekanntmachung der 

strafenden Gerechtigkeit in China. (S. B.) 



XVI 

März 26. Kiepert, über den Gewinn für antike Geographie aus 

türkischen Quellen. 

April 16. Kirchhoff, A., über ein Selbstcitat Herodot's. (S. B.) 

April 30. Zeller, über den Ursprung der Schrift von der Welt. 

(S. B.) 

Mai 21. Diels, über die Berliner Fragmente der 'A^va/wv voXiTela 

des Aristoteles. (Abh.) 
Curtius, über das Heiligthum des Kodros, des Neleus 
und der Basile in Athen. (S.B.) 

Juni 11. Vahlen, über die Elektra des Euripides. 

Scherer, über altdeutsche Sagen. (S.B.) 
Eutin g, Prof., epigraphische Mittheilungen. Vorgelegt 
von Dillmann. (S. B.) 

Juni 25. Waitz, über den sogenannten Catalogus Felicianus der 

Päpste. 

Juli 16. Schrader, die Keilinschriften am Eingang der Quell- 
grotte des Sehen eh -Su. (Abh.) 

Juli 30. Dillmann, über Pithom, Hero, Klysma nach Naville. 

(S. B.) 
Fo erster, Prof. R., über Handschriften des Libanios. 
Vorgelegt von A. Kirchhoff. (S. B.) 

October 29. Tobler, über ein Lied Bernarts von Ventadour. 

(S. B.) 

November 12. Wattenbach, über die Inquisition, welche von 

dem Coelestiner Petrus gegen die Waldenser in 
Pommern und der Mark Brandenburg in den Jah- 
ren 1393 und 1394 geführt wurde. 
Lolling, Archaische Inschriften. Vorgelegt von 
A. Kirchhoff. (ß. B.) 



XVII 



November 26. Mommsen, über die romische Legende von Ko- 
nig Tatius. 
December 10. Pernice, zum römischen Sacralrechte. I. {S. B.) 



Die mit S. B. bezeichneten Vorträge sind in den Sitzungsberichten, die 
mit Abh. bezeichneten in den Abhandlungen aus dem Jahre 1885 abgedruckt. 



n. 

Bericht ttber die zur Beantwortung der philosophischen 
Preisfirage Ton 1882 eingegangenen Arbeiten. 

In ihrer öffentlichen Sitzung vom 29. Juni 1882 hatte die 
Akademie zu Preisarbeiten eingeladen, deren Thema in den Wor- 
ten ausgedrückt war: 

,, Die Akademie wünscht eine Darstellung und Prüfung der 
Theorieen über den Ursprung, den Sinn und die Geltung 
des Causalitätsgesetzes , welche auf die wissenschaftliche 
Entwickelung der letzten drei Jahrhimderte Einflufs ge- 
wonnen haben." 
Diese Aufgabe hat drei Bearbeitungen gefunden. 
Die erste von diesen, mit dem Motto: „Suum cuique", wel- 
che in französischer Sprache abgefafst ist, und schon vor dem 



xvm 

Ende des Jahres 1883 einging, macht den Eindruck einer Schrift, 
die in ihrem Hauptkörper nach einem andern Plan ausgeführt, der 
von der Akademie gestellten Aufgabe erst nachträglich und un- 
vollständig angepafst wurde. Nur ein Drittheil derselben ist näm- 
lich der Geschichte der Theorieen über das Causalgesetz gewidmet, 
während der doppelt so starke Rest in einer selbständigen philoso- 
phischen Erörterung besteht, welche über das Gesetz der Causali- 
tät weit hinausgeht. In seinen historischen Ausführungen beschränkt 
sich der Verfasser auf das allgemein bekannte, und er behandelt 
auch dieses oberflächlich und ungenügend, mit starken Verstöfsen 
im einzelnen, und bemüht sich weder um eine klare Hervorhebung 
der Momente, auf die es für die Lösung der vorliegenden Aufgabe 
ankam, noch um eine tiefere Erkenntnifs des geschichtlichen Zu- 
sammenhangs. Seine Schrift würde daher den von der Akademie 
zu stellenden Anforderungen auch dann nicht entsprechen, wenn 
die systematische Ausfuhrung ihres zweiten Theils tiefer in den 
Gegenstand eindränge und ihn mit gröfserer Schärfe behandelte^ 
als dies — trotz einzelner treflfenden Bemerkungen und guten Aus- 
einandersetzungen — geschehen ist. 

Noch weniger genügt eine zweite Arbeit mit dem Motto: 
„Ratio sufificiens", da dieselbe statt der von der Akademie ver- 
langten Geschichte und Beurtheilung der neueren Theorieen über 
das Causalgesetz lediglich die eigenen, nicht sehr tief gehenden, 
Reflexionen des Veifassers enthält, und dabei nur ein paarmal auf 
einige von den bekanntesten früheren Philosophen einen flüchtigen 
Blick wirft. 

Viel gründlicher verfahrt die dritte Arbeit, welche, 711 Fo- 
lioseiten stark, das Motto trägt: „Vere scire est per causas scire". 
Auch sie deckt sich zwar, ihrem Umfang und ihrer Abz weckung 
nach, nicht genau mit der Aufgabe, deren Lösung die Akademie 



XIX 

gewünscht hatte; denn nur ihr erster Theil, drei Fünftel des Gan- 
zen umfassend, beschäftigt sich mit den neueren Theorieen über 
die GauLsalität, der zweite dagegen bringt speculative Untersuchun- 
gen über diesen Gegenstand, welche die Grenzen der von der Aka- 
demie gestellten Aufgabe zu weit überschreiten, um bei der Frage 
nach der Beantwortung der letzteren in Betracht kommen zu kön- 
nen, welche aber auch an sich selbst in ihrer dogmatischen Hal- 
tung zur wissenschaftlichen Erkenntnifs der Frage wenig beitragen. 
Dagegen werden in dem ersten Theil die Ansichten von mehr als 
vierzig Philosophen, theils ausführlicher, theils kürzer, dargestellt 
und beurtheilt So anerkennenswerth aber auch der Fleifs und 
die Sorgfalt ist, welche der Verfasser diesem Theil seiner Schrift 
gewidmet hat, so leidet er doch, auch abgesehen von minder wich- 
tigen Einzelheiten, an sehr erheblichen Mängeln. Für's erste geht 
nämlich aus der ganzen Darstellung hervor, dafs sich ihr Urheber 
die ihm gestellte Aufgabe nicht klar gemacht hat. Während die 
Akademie eine Darstellung und Prüfung der Theorieen über das 
Oausalitätsgesetz verlangt hatte, beschäftigt sich der gröfsere Theil 
seiner Ausführungen nicht speciell mit den hierauf bezüglichen 
Untersuchungen der von ihm besprochenen Philosophen, sondern 
mit dem ganzen Inhalt ihrer Systeme; was sich ihnen dagegen in 
Beziehung auf den Ursprung, den Sinn und die Geltung des Cau- 
salitätsgesetzes entnehmen läfst, tritt bei den meisten durchaus 
nicht scharf und klar hervor. Wenn femer der Werth einer mo- 
nographischen Untersuchung, wie die von der Akademie verlangte, 
neben anderem wesentlich auch darauf beruht, dafs ihre Angaben 
durch einen in's einzelne gehenden Nachweis ihrer Urkundlichkeit 
sichergestellt werden, so hat es der Verfasser hieran viel zu sehr 
fehlen lassen, und einzelne der von ihm besprochenen Theorieen 
scheint er überhaupt nur aus secundären Quellen zu kennen. 

c* 



Auch hinsichtlich der Vollständigkeit und Gleichmäfsigkeit in der 
Benutzung des geschichtlichen Materials ist namentlich in den Ab- 
schnitten seiner Arbeit, welche sich mit den letzten Jahrzehenden 
beschäftigen, manches zu vermissen. Ein wesentlicher Mangel die- 
ser Arbeit besteht endlich darin, dafs sie sich fast durchweg be- 
gnügt, die Philosophen einzeln an einander zu reihen, statt zu zei- 
gen, um welche Fragen es sich bei der Untersuchung über das 
Gausalitätsgesetz handelt, wie weit man in der Beantwortung der- 
selben bis zum 16. Jahrhundert gekommen war, was jeder von den 
Späteren zur Berichtigung und Ergänzung seiner Vorgänger that, 
welche Anregungen und Einflüsse er von ihnen erfuhr und wie er 
seinerseits auf seine Nachfolger einwirkte. Auch diese Losung der 
von der Akademie gestellten Aufgabe kann daher als eine befrie- 
digende nicht anerkannt werden. 



in. 

Yerzeiclmife der im Jahre 1885 erfol^n besonderen Oeld- 

bewilligongen ans akademischen Mitteln znr Ansftthmng 

oder Unterstützung Tnssenschaffclicher Unternehmungen. 

3000 Mark dem Mitgliede der Akademie Hrn. A. Kirchhoff zm: 

Fortsetzung des Corpus Inscriptionum Graecarum. 

3000 „ dem Mitgliede der Akademie Hm. Mommsen zur fer- 
neren Herstellung von Supplementen zum Corpus In- 
scriptionum Latinarum. 



XXI 

500 Mark demselben zur Fortfuhrung der Prosopographie der rö- 
mischen Eaiserzeit. 

4500 „ den Mitgliedern der Akademie HHrn. Zeller, Bonitz, 

Vahlen und Diels zur Fortsetzung der Arbeiten für 
eine kritische Ausgabe der griechischen Commentato- 
ren des Aristoteles. 

6000 „ den Mitgliedern der Akademie HHrn. Duncker und 

von Sybel zur Fortsetzung der Herausgabe der politi- 
schen Correspondenz und der Staatsschriffcen Konig 
Friedrich's ü. 

2500 „ dem Mitghede der Akademie Hm. Weierstrafs zur 

Fortsetzung der Herausgabe der Werke Jacobi's. 
600 y^ dem Hm. Landolt zu seinen fortgesetzten Untersu- 
chungen über die chemischen Reactionen. 
800 „ zur Anschaffung eines Box-Chronometers für die aka- 
demische Instrumenten - Sammlung. 
10000 „ den HHrn. Dr. Arthur Konig und Dr. Franz Richarz 

zu einer Bestimmung der mittleren Dichtigkeit der Erde. 

1200 „ dem Hm. Dr. Roh de in Breslau für Ausführang von 

Untersuchungen über Chaetopoden in der Zoologischen 
Station zu Neapel. 
500 „ dem Hm. Dr. Joh. Walther in München zur Bearbei- 
tung einer Sedimentkarte des Golfs von Neapel. 

6000 „ dem Hrn. Dr. Noetling in Königsberg i. Pr. zur geo- 
logischen Erforschung der südöstlichen Abhänge des 
Hermongebirges. 

2000 ^ dem Hm. Professor Dohrn in Neapel als weitere Un- 
terstützung zur Fortfuhrung des von der Zoologischen 
Station in Neapel herausgegebenen Jahresberichts über 
die Fortschritte der Zoologie. 



xxn 

5000 Mark dem Hm, Professor Goebel in Rostock zu einer bo- 
tanischen Forschungsreise nach den Tropen, 

600 ji dem Hrn, Dr. 0. Zacharias in Hirschberg i. Schi, zu 

einer faunistischen Untersuchung der Seefelder in der 
Grafschaft Glatz. 
800 w dem Hm. Professor L. Koch in Heidelberg zur Heraus- 
gabe eines Werkes über Orobanchen. 

3000 „ dem Hm. Professor Krause in Göttingen zu Untersu- 
chungen über Nervenendigungen an Seefischen, speciell 
des Mittelländischen Meeres. 

1500 yi dem Hm. Professor Stenzel in Breslau zur Heraus- 
gabe des Goppert'schen Nachlasses über fossile Coni- 
feren. 

2000 ji dem Hm. Premier-Lieutenant a. D. M. Quedenfeldt 

hierselbst für eine naturwissenschaftliche Beise nach 
Marocco. 

2500 ,, dem Hrn. Professor Selenka in Erlangen zum Ankauf 

von Beutelthieren u. s. w. zur Fortsetzung seiner em- 
bryologischen Studien. 

1000 „ dem Hm. Dr. Will in Rostock zu Studien über Eibil- 

dung bei den Hydroiden auf der Zoologischen Station 
in Neapel. 

2000 ^ zur Unterstützung des Drucks von Brinker's Wörter- 
buch und Grammatik der Sprache der Herero im Da- 
maraland und der Ovambo in Ondonga. 

4500 „ für die Publication über Nemruddagh und die Ancyra- 

Expedition an die D. Reimer'sche Buchhandlung hier- 
selbst, und für dieselbe 

1800 „ dem Hrn. Dr. Humann und 
900 ,, dem Hm. Dr. Puchstein als Honorar. 



XXUI 

563 Mark dem Hrn. Professor Hübner hierselbst als Restkosten 

zur Anfertigung von Zinktypen für die Exempla scrip^ 
turae. 
1200 n der G. Reimer'schen Buchhandlung hierselbst als Beitrag 

zur Herausgabe von Euting^s Nabatäischen Inschriften. 
1500 „ dem Hrn. Professor Partsch in Breslau zur Bereisung 

der Ionischen Inseln behufs geographischer Studien. 
500 „ dem Hm. Dr. Lohmeyer in Kassel, zur Benutzung der 

Handschriften des Willehalm Ulrichs von Türheim. 
900 „ dem Hm. Dr. Gaedertz hierselbst zum Besuch frem- 
der Bibliotheken zum Studium iiber das niedersächsi- 
sche Theater. 
80 „ dem Hrn. Dr. Menadier hierselbst zur Beschreibung 

der Münzftmde bei Veene. 
1500 9 dem Hm. Dr. Deufsen hierselbst als Zuschufs zur 

Drucklegung seiner Ausgabe der Philosophie der Inder. 
1500 jf dem Hm. Dr. Moritz, z. Z. in Damascus, zur Berei- 
sung von Nord- Syrien. 
300 9 dem Hm. Dr. Winkler in Breslau als Unterstützung zu 

sprachlichen Forschungen bei Bereisung der europai- 
schen Orientlander. 
180 9 der G. Reimer sehen Buchhandlung hierselbst zur Her- 
ansgabe des 3. Heftes des 5. Bandes der Etmskischen 
Spiegel. 



XXIV 

IV. 

Yerzeichnife der im Jahre 1885 erschienenen mit Unter- 
stützung der Akademie bearbeiteten oder herausgegebenen 

Werke. 

Corpus inscriptionum latinarum. Vol. VI, P. V. Berlin. 
Politische Correspondenz König Friedrich's IL Bd. XIII. Berlin. 
Supplementum Aristotelicum. Vol. I. 1. Aristophanis epitome etc. 

ed. Lambros. Berlin. 
Weber, A., Indische Studien. Bd. XVII. 
Euting, Nabatäische Inschriften. Berlin. 
Dohrn, Jahresbericht der Zoologischen Station in Neapel für 1884. 

Abth. L U. m. IV. Berlin. 
Leibnizens Philosophische Schriften. Herausgegeben von Gerhardt 

Bd. VI. Berlin. 



V. 

Yeränderungen im Personalstande der Akademie im Laufe 

des Jahres 1885. 

Gewählt wurden: 
zum ordentlichen Mitgliede der philosophisch - historischen 
Classe: 
Hr. Otto Hirschfeld am 11. December 1884, bestätigt durch Kö- 
nigliche Cabinetsordre vom 9. März 1885; 

zum auswärtigen Mitgliede der physikalisch- mathematischen 
Classe: 
Hr. August Kekule in Bonn, bisher correspondirendes Mitglied, 
am 29. Januar 1885, bestätigt durch Königliche Cabinetsordre 
vom 2. März 1885; 



ll 



XXV 

zum auswärtigen Mitgliede der philosophisch - historischen 
Classe : 
Hr. Otto von Boehtlingk in Leipzig, bisher correspondirendes 
Mitglied, am 18. Juni 1885, bestätigt durch Königliche Cabi- 
netsordre vom 30. November 1885; 

zu corrßspondirenden MitgUedem der physikalisch-* mathe- 
matischen Classe: 
Hr. Wo 1 cot t Gibbs in Cambridge, Mass», am 29. Januar 1885, 
„ Friedrich von Recklinghausen in Strafsburg i. E. am 26. 
Februar 1885; 

zu correspondirenden Mitgliedern der philosophisch - histo- 
rischen Classe: 
Hr. Kuno Fischer in Heidelberg am 29. Januar 1885, 
„ Christoph Sigwart in Tübingen am 29. Januar 1885. 

Gestorben sind: 
das Ehrenmitglied: 
Hr. Johann Jacob Baeyer am 11. September 1885; 

die correspondirenden Mitglieder der physikalisch - mathe- 
matischen Classe: 
Hr. Carl Theodor Ernst v. Siebold in München am T.April 1885, 
„ Friedrich Gustav Jacob Henle in Göttingen am 13. Mai 1885^ 
„ Henri Milne Edwards in Paris, am 29. Juli 1885, 
„ Louis Rene Tulasne in Paris am 22. December 1885; 

die correspondirenden Mitglieder der philosophisch - histo- 
rischen Classe: 
Hr. Leon Renier in Paris am 11. Juni 1885, 
„ Georg Curtius in Leipzig am 7. August 1885, 
„ Emile Egger in Paris am 30. August 1885, 
„ Willem Jonckbloet in Wiesbaden am 19. October 1885, 
„ Samuel Birch in London am 29. December 1885. 



XXVI 



Verzeichnifs 

der 

Mitglieder der Akademie der Wissenschaften 

am Schlüsse des Jahres 1885. 



I. Beständige Secretare. 

Hr. du Boü-Beymandj Secr. der phys.-math. Classe. 

- CurtiuSy Secr. der phil.-hist. Classe. 

- Mommsetif Secr. der phil.-Iiist. Classe. 

- AuwerSy Secr. der phys.-math. Classe. 



n. Ordentliche Mitglieder 



der physikaÜBch-rnftthematischen der philoBophiBch-hlBtorischen Datum der KöniglicheD 

Classe. Classe. Bestätigang. 



^ / " > #■ " 



Hr. Leopold v. Bänke . . . 1832 Febr. 13. 

- Wilhelm Schott .... 1841 März 9. 
Hr. Emil du Boie-Reymond 1851 März 5. 

- Heinrich Kiepert .... 1853 Juli 25. 

- Heinr, Ernst Beyrich 1853 Aug. 15. 

- Jul Wilh. Ewald 1853 Aug. 15. 

- Karl Friedr. BammeUberg 1855 Aug. 15. 

- Ernst Eduard Kummer 1855 Dec. 10. 

- Karl Weierstrafs 1856 Nov. 19. 

- Albrecht Weber .... 1857 Aug. 24. 

- Theodor Mommsen . . . 1858 April 27. 

- Adolf Kirchhoff .... 1860 M&rz 7. 



XXVII 

der physikalUch-mathematiBchen der philoBophisch-historischen Datam der Königlichen 

Classe. Claese. Bestätigang. 



* / * 



Hr. Leopold Kronecker 

Hr. Ernst Curtius 

- Aug. Wilh. Hojmann 

- Arthur Auwers 

- Justus Roth 

- Hermann Bonitz .... 

- Nathanael Pringsheim 

- Gustav Robert Kirchhof 

- Hermann von Helmholtz 

- Eduard Zeller 

- Max Duncker 

- Werner Siemens 

- Rudolph Virchow 

- Johannes Vahlen .... 

- Georg Waitz 

- Martin Websky 

- Eberhard Schrader . . . 

- Heinrich von Sybel . . . 

- August Dillmann .... 

- Alexander Conze .... 

- Simon Schwendener 

- Hermann Munk 

- August Wilhelm Eichler 

- Adolf Tobler 

- Wilhelm Wattenbach . . 

- Hermann Diels .... 

- Hans Landolt 

- Wilhelm Waldeyer 

- Wilhelm Scherer .... 

- Alfred Pemice .... 

- Heinrich Brunner, . . . 

- Johannes Schmidt, . . . 

- Lazarus Fuchs 

Franz Eühard Schulze 

- Otto Hirschfeld .... 



1861 


Jan. 23. 


1862 


März 3. 


1865 


Mai 27. 


1866 


Aag. 18. 


1867 


April 22. 


1867 


Dec. 27. 


1868 


Aug. 17. 


1870 


März 19. 


1870 


Juni 1. 


1872 


Dec. 9. 


1873 


Mai 14. 


1873 


Dec. 22. 


1873 


Dec. 22. 


1874 


Dec. 16. 


1875 


April 3. 


1875 


Mai 24. 


1875 


Juni 14. 


1875 


Dec. 20. 


1877 


März 28. 


1877 


April 23. 


1879 


Juli 13. 


1880 


März 10. 


1880 


März 10. 


1881 


Aug. 15. 


1881 


Aug. 15. 


1881 


Aug. 15. 


1881 


Aug. 15. 


1884 


Febr. 18. 


1884 


April 9. 


1884 


April 9. 


1884 


April 9. 


1884 


April 9. 


1884 


April 9. 


1884 


Juni 21. 


1885 


März 9. 



xxvni 



in. Auswärtige Mitglieder 

Datum der Eönigl. 
der physikalisch-mathematischen Classe. der philosophisch-historischen Classe. Bestatiininff. 



Sir Henry Rawlinson in 

London 1850 Mai 18. 

Hr. jPran^ iVi^untann in Königs- 
berg 1858 Aug. 18. 

- Robert Wilhelm Bunaen in 

Heidelberg 1862 März 3. 

Hr. Franz Ritter v. Miklodch 

in Wien 1862 März 24. 

- WtZÄ^/m W«6^r in Göttingen 1863 Juli 11. 

- Lebrecht Fleischer in 

Leipzig 1874 Aprü 20. 

- Hermann Kopp in Heidel- 

berg 1874 Mai 13. 

- Giovanni Battieta deRosei 

in Rom 1875 JuU 9. 

- August Friedrich Pott in 

Halle a. S 1877 Aug. 17. 

Sir Richard Owen in London 1878 Dec. 2. 

- George Biddell Airy in 

Greenwich 1879 Febr. 8. 

Hr. Charles Hermite in Paris 1884 Jan. 2. 

- Äugtet KekuU in Bonn 1885 März 2. 

- Otto von Boehtlingk in 

Leipzig 1885 Nov. 30. 



lY. Ehren -Mitglieder. 



Datum der Königlichen 
Bestatigang. 

Hr. Peter von Tschichatschef in Florenz 1853 Aug. 22. 

- Graf Helmuih v, Moltke in Berlin 1860 Juni 2. 

Don Baldassare Boncampagni in Rom 1862 Juli 21. 

Hr. Georg Haneaen in Göttingen 1869 April 1. 

- Carl Johann Malmsten in Upsala 1880 Dec. 15. 

S. M. Dom Pedro j Kaiser von Brasilien 1882 Oct. 18. 

Earl of Craw/ord and Balcarree in Dunecht, Aberdeen 1883 Juli 30. 



V. Correspondirende Mitglieder. 



Physikalisch -mathematische C lasse. 

Datum der Wahl. 



Hr. Hermann Abich in Wien 1858 Oct. 14. 

- Adolf von Baeyer in München 1884 Jan. 17. 

- Anton de Bary in Strafsburg 1878 Dec. 12. 

- Euffenio Beltrami in Pavia 1881 Jan. 6. 

- P. J. van Beneden in Löwen 1855 Juli 26. 

- Enrico Betti in Pisa 1881 Jan. 6. 

- Jean-BaptUte Bousdngault in Paris 1856 April 24. 

- Francesco Brioachi in Mailand 1881 Jan. 6. 

- Ole Jacob Brock in Christiania 1876 Febr. 3. 

- Em9t von Brücke in Wien 1854 April 27. 

- Hermann Burmeieter in Buenos Aires .... 1874 April 16. 

- Auguste Cahoura in Paris 1867 Dec. 19. 

- Alphonse de Candolle in Genf 1874 April 16. 

- Arthur Cayley in Cambridge 1866 Juli 26. 

- Michel^ Ettghie Chevreul in Paris 1834 Juni 5. 

- Elvin Bruno Ch/rütoffel in Strafsburg .... 1868 April 2. 

- Rudolph Julius Emmanuel Claueius in Bonn. . 1876 März 30. 

- James Dana in New Haven 1855 Juli 26. 

- lernst Heinrich Karl von Dechen in Bonn . . . 1842 Febr. 3. 

- Richard Dedekind in Braunschweig 1880 März 11. 

- Franz Cornelius Benders in Utrecht 1873 April 3. 

- Gustav Theodor Fechner in Leipzig 1841 März 25. 

- LouiS'Hippolyte Fizeau in Paris 1863 Aug. 6. 

- Edward Frankland in London 1875 Nov. 18. 



XXXI 



D»tiim der Wahl. 

4 

Hr. Carl Gegenbaur in Heidelberg 1884 Jan. 17. 

- Wolcott Gibba in Cambridge, Massachusetts 1885 Jan. 29. 

- Benjamin Aptharp Gould in Wollaston, Massachusetts . 1883 Juni 7. 

- Aaa Grray in Cambridge, Massachusetts 1855 Juli 26. 

- Franz von Hauer in Wien 1881 März 3. 

- Rudolf Eeidenhain in Breslau 1884 Jan. 17. 

- Johann Friedrich Hittarf in Münster 1884 Juli 31. 

Sir Joseph Dalton Hooker in Kew 1854 Juni 1. 

Hr. Thomas Hualetf in London 1865 Aug. 3. 

- Joseph Hyrtl in Wien 1857 Jan. 15. 

- Theodor Kjerulf in Christiania 1881 März 3. 

- Albert von Kolliker in Würzburg 1873 April 3. 

- Friedrich Kohlrausch in Würzburg 1884 Juli 31. 

- Auffust Kundt in Strafsburg 1879 März 13. 

- Rudolph Lipschitz in Bonn 1872 April 18. 

- Sven Ludvig Lovin in Stockholm 1875 Juli 8. 

- Karl Ludwig in Leipzig 1864 Oct. 27. 

- Charles Marignac in Genf 1865 März 30. 

- Gerardus Johannes Mulder in Bennekom bei Wageningen 1845 Jan. 23. 

- Karl von NägeH in München 1874 April 16. 

- Simon Newcomb in Washington 1883 Juni 7. 

- Eduard Fflüger in Bonn 1873 April 3. 

- Friedrich August von Quenstedt in Tübingen 1868 April 2. 

- Georg Quincke in Heidelberg 1879 März 13. 

- Gerhard vom Rath in Bonn 1871 Juli 13. 

- Friedrich von Recklinghausen in Strasburg 1885 Febr. 26. 

- Ferdinand von Richthofen in Leipzig 1881 März 3. 

- Ferdinand Romer in Breslau 1869 Juni 3. 

- Georg Rosenhain in Königsberg 1859 Aug. 11. 

- George Salmon in Dublin 1873 Juni 12. 

- Arcangelo Scacchd in Neapel 1872 April 18. 

- Ernst Christian Julius Schering in Göttingen .... 1875 Juli 8. 

- Giovanni Virginio Schiaparelli in Mailand 1879 Oct. 23. 

- Ludwig Schläfli in Bern 1873 Juni 12. 

- Heinrich Schröter in Breslau 1881 Jan. 6. 

- Philipp Ludwig von Seidel in München ...... 1863 Juli 16. 

« Japetus Steenstrup in Kopenhagen 1859 Juli 11. 

- George Gabriel Stokes in Cambridge 1859 April 7. 



XXXII 



Hr. Otto von Struve in Pulkowa 

- Bernhard Studer in Bern 

- James Joseph Sylvester in London .... 

Sir William Thomson in Glasgow 

Hr. AugtASt Töpler in Dresden 

- Pa/nutij Tschebyschew in St Petersburg . 

- Gustav Tschermak in Wien 

- Gustav Wiedemann in Leipzig 

- Heinrich Wild in St. Petersburg .... 

- Alexander William Williamson in London . 

- August Winnecke in Strafsburg . . . . 



Datum der Wahl. 


1868 


April 2. 


1845 


Jan. 13. 


1866 


Juli 26. 


1871 


Juli 13. 


1879 


März 13. 


1871 


Juli 13. 


1881 


März 3. 


1879 


März 13. 


1881 


Jan. 6. 


1875 


Nov. 18. 


1879 


Oct. 23. 



Philosophisch-historische Glas 8 6. 

Hr. Theodor Au/recht in Bonn 1864 Febr. 11. 

- George Bancroft in Washington 1845 Febr. 27. 

- Heinrich Brugsch in Charlottenburg 1873 Febr. 13. 

- Heinrich von Brunn in München 1866 JuU 26. 

- Franz BücheUr in Bonn 1882 Juni 15. 

- Georg Bühler in Wien 1878 April 11. 

- Giuseppe Canale in Genua 1862 März 13. 

- Antonio Maria Ceriani in Mailand 1869 Nov. 4. 

- Alexander Cunningham in London 1875 Juni 17. 

- Leopold Delisle in Paris 1867 April 11. 

- Wilhelm Dittenberger in Halle 1882 Juni 15. 

- £hwt Dümmler in Halle 1882 März 30. 

- Petros Eustratiades in Athen 1870 Nov. 3. 

- Giuseppe Fiorelli in Rom 1865 Jan. 12. 

- Kuno Fischer in Heidelberg 1885 Jan. 29. 

- Paul Foucart in Athen 1884 Juli 24. 

- Karl Immanuel Gerhardt in Eisleben .... 1861 Jan. 31. 
Wilhelm von Giesebrecht in München .... 1859 Juni 30. 

- Konrad Gislason in Kopenhagen 1854 März 2. 

- Graf Giambattista Carlo Giuliari in Verona . 1867 April 11. 



XXXIII 



Datam der Wahl. 

« ■ 

Hr. Aureliano Fernandez Guerra y Orbe in Madrid . 1861 Mai 30. 

- Friedrich Wilh. Karl Hegel in Erlangen . . . 1876 April 6. 

- Emil Eeitz in Strafsburg 1871 Juli 20. 

- Wilhelm Henzen in Rom 1853 Juni 16. 

- Paul Hunfalvy in Vesth 1873 Febr. 13. 

- Friedrich Imhoqf- Blumer in Winterthur . . . 1879 Juni 19. 

- Vatroslav Jagic in St. Petersburg 1880 Dec. 16. 

- Heinrich Keil in Halle 1882 Juni 15. 

- Franz Kielhorn in Göttingen 1880 Dec. 16. 

- Ulrich Koehler in Athen 1870 Nov. 3. 

- Sigismund Wilhelm Koelle in London .... 1855 Mai 10. 

- Stephanos Kumanudea in Athen 1870 Nov. 3. 

- Konrad Leemans in Leiden 1844 Mai 9. 

- Giacomo Lumbroso in Pisa 1874 Nov. 3. 

- Johann Nicolas Madvig in Kopenhagen . . . 1836 Juni 23. 

- Giulio Minervini in Neapel 1852 Juni 17. 

- Ludvig Müller in Kopenhagen 1866 Juli 26. 

- Max Müller in Oxford 1865 Jan. 12. 

- August Nauck in St. Petersburg 1861 Mai 30. 

- Charles Newton in London 1861 Jan. 31. 

- Theodor Nöldehe in Strafsburg 1878 Febr. 14. 

- Julius Oppert in Paris 1862 März 13. 

- Gaston Paris in Paris 1882 April 20. 

- Georges Perrot in Paris 1884 Juli 24. 

- Karl von Prantl in München 1874 Febr. 12. 

- Rizo Rangabe in Berlin 1851 April 10. 

- Fdlix Ravaisson in Paris 1847 Juni 10. 

- Ernest Renan in Paris 1859 Juni 30. 

- Alfred von Reumont in Burtscheid bei Aachen. 1854 Juni 15. 

- Georg Rosen in Detmold 1858 März 25. 

- Rudolph Roth in Tübingen 1861 Jan. 31. 

- Eugene de Rozihre in Paris 1864 Febr. 11. 

- Hermann Sauppe in Göttingen 1861 Jan. 31. 

- Theodor Sickel in Wien 1876 April 6. 

- Christoph Sigwart in Tübingen 1885 Jan. 29. 

- Friedrich Spiegel in Erlangen 1862 März 13. 

• Aloys Sprenger in Heidelberg 1858 März 25. 

- Adolf Friedrich Stenzler in Breslau 1866 Febr. 15. 



XXXIV 



Datum der Wahl. 



Hr. Ludolf Stephani in St. Petersburg 1875 Juni 17. 

- William Stubba in Chester 1882 März 30. 

- Theodore Hersant de la Villemarque in Quimperle 1851 April 10. 

- Louis Vivien de Saint" Martin in Paris . . . 1867 April 11. 

- Matthias de Vries in Leiden 1861 Jan. 31. 

William Waddington in Paris 1866 Febr. 15. 

- Natalis de Wailly in Paris 1858 März 25. 

- Friedrich Wieseler in Göttingen 1879 Febr. 27. 

- William Dmght Whitney in New Haven . . . 1873 Febr. 13. 

- Jean-JosephrMai^ie-Antoine de Witte in Paris. . 1845 Febr. 27. 
William Wright in Cambridge 1868 Nov. 5. 

- Ferdinand Wüstenfeld in Göttingen 1879 Febr. 27. 

- K, E. Zachariae von Lingenthal in Grofsknieblen 1866 Juli 26. 



L'-a 



Gedächtnifsrede auf Karl Bichard Lepsius. 



Von 



H" DILLMANN. 



Otdächtnifsreden i885. 1 



Gelesen am Leibniz'schen Jahrestage den 2. Juli 1885. 



x\jn 



10. Juli V. J. ist Richard Lepsius, einer der ältesten, der ver* 
dienstvoUsten, der berOhmtesteD aus unserem Kreise geschieden. Was er 
war und wie er es wurde, wollen wir uns noch einmal vergegenwärtigen. 
Das Wort dazu ist mir durch die Clause übertragen; weder meine per- 
sönliche Bekanntschaft mit ihm, welche nur seine letzten Lebensjahre um- 
fafst, noch die Grenznachbarschaft meiner Studien zu den seinigen hätten 
mir Recht oder Muth dazu gegeben. 

Karl Richard Lepsius ist am 23. Dec. 1810 zu Naumburg a/S. 
geboren, als 6*** von 9 Geschwistern. Sein Vater Karl Peter Lepsius 
war Jurist, K. sächsischer Finanzprocurator des ThQringer Kreises, seit 
1817 K. preufsischer Landrath des Kreises Naumburg; nach seiner Pen- 
sionirung im Jahr 1841 lebte er noch 12 Jahre in Naumburg und erlebte 
somit die Glanzzeit seines Sohnes. Vater Lepsius war nicht blos ein 
tüchtiger, pflichttreuer Beamter und in seinem ganzen Kreise hoch ange- 
sehen, sondern auch ein trefflicher Geschichts- und Alterthumsforscher, 
welcher als Begründer des thüringisch - sächsischen Alterthums Vereins und 
durch viele werthvoUe Specialarbeiten über Stifter, Klöster, Schlöfser und 
Baudenkmale der sächsisch - thüringischen Landschaft sich einen bleiben- 
den Namen gemacht hat. Sinn und Verständnifs für derartige Forschun- 
gen ist auf den Sohn übergegangen, wenn nicht angeerbt, so doch durch 



4 Dill mann: 

die tägliche Anschauung der mit Lust geübten Thätigkeit des Vaters an- 
gebildet. Anerzogen vom Vater ist ihm jedenfalls der strenge Ordnungs- 
sinn und die musterhafte Pünktlichkeit, welche ihn später in der Lebens- 
führung und in der Arbeit auszeichnete und seine wissenschaftlichen Er- 
folge wesentlich mit bedingte. 

Nächst dem Vaterhaus verdankt er die nachhaltigsten Anregungen 
der Schulpforta, wo er von Ostern 1823 — 29 seine Gymnasialbildung er- 
hielt, und auf derselben namentlich den Professoren Lange und Kober- 
stein, welche ihm die Schönheit des classischen und deutschen Alter- 
thums aufzuschliefsen und sogar schon einen Vorschmack der in diesen 
Studien neu auftauchenden Probleme zu geben verstanden. Mit pietät- 
voller Dankbarkeit ist er dieser trefflichen Bildungsanstalt sein Leben lang 
verbunden geblieben. Als ein harmonisch entwickelter, geistig geweckter 
und gereifter Jüngling bezog er Ostern 1829, mit einem glänzenden Schul- 
zeugnifs, zum Studium der Philologie die Universität, zuerst in Leipzig, 
wo er unter Gottfried Hermann der exegetisch - kritischen Richtung 
sich hingab, sodann 1830 — 32 in Göttingen, wo er durch Otfried Mül- 
ler mächtig angefafst und bald ganz für die archäologische Richtung ge- 
wonnen wurde. Mit beharrlichem, zielbewufstem Fleifs benutzte er hier 
schon jede sich bietende Gelegenheit, um sich in Besitz der mannigfalti- 
gen Kenntnisse und Mittel zu setzen, welche ihn befähigen sollten, an der 
Erforschung des gesammten Geistes- und Culturlebens der alten Völker 
mitzuarbeiten und den geschichtlichen Zusammenhängen seiner Entwick- 
lung nachzugehen: neben Dissen und Müller hatte er darin auch Män- 
ner wie die Grimm für deutsche Sprache und Alterthümer, Ewald für 
Sanskrit, Heeren und D ah Im an n für Geschichte zu Führern. Alter- 
thumskunde und vergleichende Sprachwissenschaft war bereits sein ausge- 
sprochenes Ziel, als er mit der Vorbereitung zur Doctor-Arbeit beschäftigt 
im Sommersemester 1832 nach Berlin übersiedelte, um hier auch noch 
die Weise von Boeckh, Lachmann und Bopp kennen zu lernen. Am 
22. April 1833 (dem Tag, dessen 50jährige Wiederkehr wir vor 2 Jahren 
mit ihm feierten) promovirte er hier bei der philosophischen Facultät 
mit seiner Dissertation de tabulis Eitgubtnts, und gab damit seinen üni- 
versitätsstudien einen glänzenden Abschlufs. Mit jener auf 0. Mülle r's 
Anregung unternommenen Arbeit, worin er durch richtige Bestimmung 



Gedächtnifsrede auf Karl Richard Lepsius. 5 

des Werthes zweier bis dahin unklar gewesener Schriftzeichen und durch 
annähernd treffende Aufhellung der Zeit und Reihenfolge jener Tafeln die 
umbrische Forschung entschieden förderte, wies er sich als einen vielver- 
sprechenden jungen Gelehrten aus, und erwarb sich die Anerkennung der 
bedeutendsten Männer des Fachs. 

Derartige gelungene Erstlingsarbeiten sind bei vielen Gelehrten ent- 
scheidend geworden für die Richtung ihrer ferneren Thätigkeit. Auch 
bei Lepsius schien es so werden zu sollen. Da er zur Schulamtslauf- 
bahn weder Lust noch Beföhigung in sich verspürte, begab er sich, im 
Einverständnifs mit dem Vater, im Juli 1833 zur Fortsetzung seiner ar- 
chäologisch-sprachwissenschaftlichen Studien nach Paris, welches damals 
seinen Rang als erste Hochschule fQr viele Zweige des Wissens und als 
Bergungsort unerschöpfter geistiger Schätze noch immer behauptete, und 
ein Anziehungspunkt besonders für die Orientalisten war. Durch keinen 
geringeren als A. von Humboldt an C. B. Hase, und von diesem an 
die Koryphäen der Pariser Gelehrtenwelt empfohlen, noch mehr aber 
durch seine Kenntnisse, seine feine Lebensart und seine vielseitige, auch 
musikalische Bildung sich selbst empfehlend fand er überall freundliche 
Aufnahme und Förderung. Er nahm es auch hier mit dem Studium sehr 
ernst. Obwohl genöthigt, durch deutschen Unterricht und weiterhin durch 
Arbeiten für den gelehrten Duc de Luynes sich die nöthigen Mittel 
grofsentheils selbst zuverdienen, obwohl an . den Kunstgenüssen und dem 
GeseUschaftsleben der französischen Hauptstadt mit Lust sich betheiligend, 
hörte er doch eifrig bei dem grofsen Philologen Letronne, frequentirte 
Eugene Burnouf, liefs sich von Stahl sogar ins Chinesische einweisen, 
und fand dennoch Zeit, gleich im ersten Jahr seine 2**, den Grimm ge- 
widmete Schrift „Paläographte als Mittel für die Sprachforschung.^ (Berlin 
1834) ausgehen zu lassen, für welche ihm die französische Akademie den 
prix Volney zutheilte. Die geistvolle, feinsinnige Weise, wie er aus den 
stummen Zeichen der Devanagari die geschichtliche Entwicklung der in- 
dischen Schrift herauszulesen versteht, verdient gewifs alle Anerkennung. 
Wenn er aber an der Entwicklung dieser Schriftzeichen auch die Entwick- 
lung der Sprachlaute selbst, z. B. sogar die Herausentwicklung sämmt- 
licher Vokale, Halbvokale und Liquidae aus einem einzigen Urvokal nach- 
weisen zu können meinte, so waren das Misgriffe, die man jener Sturm* 



6 Dillmann: 

und Drangperiode der Sprachwissenschaft, in welche Bopp eben erst 
normirend einzugreifen begann, zu gut halten mufs. Glücklicherweise 
waren das nur Vorübungen f&r realere Forschungen. Die Wendung, die 
ihn auf sein eigentliches Berufsfeld zog, trat unmittelbar ein. 

Vier Jahre vorher (1829) war das archäologische Institut in Rom 
gegründet. Der Generalsecretär desselben, Josias Bunsen, mit seinem 
viel umfassenden Geist, hatte längst die Bedeutung der eben aufblühenden 
ägyptologischen Studien, für die er sich durch Fr. Champollion bei 
dessen Anwesenheit in Rom (1826) hatte erwärmen lassen, für die Klar- 
stellung der Zusammenhänge der alten Cultur erkannt und suchte wo 
möglich Arbeiter auch in diesem Feld für das Institut zu gewinnen. 
Durch Gerhard, der den jungen Lepsius in Berlin kennen gelernt 
hatte, auf diesen aufmerksam gemacht, lud Bunsen (gegen Ende des J« 
1833) ihn förmlich ein, nach Rom zu kommen, um theils mit d^ Samm- 
lung der umbrischen, oskischen und etruskischen Alterthümer sich zu be- 
fassen, theils allen Ernstes das Studium der Schrift und Sprache der al- 
ten Ägypter vorzunehmen; er glaubte ihm in diesem Fall mit der Zeit 
auch eine Anstellung im preufsischen Staat in Aussicht stellen zu kön- 
nen. Nur zögernd und erst nachdem er durch eigne Prüfung die Über- 
zeugung gewonnen hatte, dafs in der Entzifferung der Hieroglyphen wirk- 
lich ein sicherer Grund gelegt sei, gieng Lepsius auf das Anerbieten ein, 
und wagte sich auf ein ihm bisher völlig fremd gewesenes Gebiet hinüber. 
Aber Bunsen bleibt, neben vielen andern, auch das Verdienst, Lepsius 
in seine Bahn gewiesen und uns den grofsen Ägyptologen gegeben zu 
haben. 

Die Schaar der Gelehrten und Techniker, welche General Bona- 
parte auf seine ägyptische Expedition mitgenommen, hatte das alte, 
längst vergessene Wunderland geistig wieder erobert, und in ihrem Rie- 
senwerk, der Descrtphon de VEgypte^ in Wort und Bild dem staunenden 
Europa einen Begriff gegeben von der Fülle der Denkmäler und Oultur- 
reste, welche es birgt; aber von Lichtung und Sichtung des Ungeheuern 
Materials konnte keine Rede sein, so lange die Inschriften der Monumente 
unverständlich waren. Der Ruhm, mit Hülfe des dreifachen Schrifttextes 
des Basaltblockes von Rosette diese stummen hieroglyphischen Zeugen 
wieder zum Reden gebracht zu haben, gebührt bekanntlich, neben dem 



Gedächtnifsrede auf Karl Richard Lepsius. 7 

scharfsinnigen englischen Physiker Thomas Young (1819), dem genialen 
Franzosen Fran^ois Champollion (1822 Lettre ä M. Dacier; 1824 
Precü du systhne hieroglyphiqve). Von da an datirt der Anfang der wis- 
senschaftlichen Ägyptologie. Aber kleinere Geister bestritten noch län- 
gere Zeit die Richtigkeit der Champollion 'sehen Entdeckung; den Mei- 
ster selbst hatte (4. März 1832) ein frühzeitiger Tod vom Schauplatz ab- 
gerufen; seine Schüler Salvolini und Rosellini hatten nicht oder noch 
nicht das Gewicht von Auctoritäten. So lagen die Dinge, als der 23jäh- 
rige Lepsius Bi>nsen's Einladung zu folgen sich anschickte. Kaum 
hatte er durch eigene Nachprüfung von der Sicherheit des durch Cham- 
pollion gelegten Grundes sich überzeugt, und die Fülle dessen, was 
noch zu thun sei, begriffen, so begann er seine volle Energie in den 
Dienst des neuen Studiums zu stellen. Mit Eifer erlernte er zunächst 
das Koptische, zu welchem das wichtigste Hülfsmittel, Peyron's noch 
immer unübertroffenes lextcon linguae copticae eben damals im Erscheinen 
begriffen war; für das hieroglyphische Studium hatte er sich der libera- 
len BeihOlfe Salvolini's und Rosellini's zu erfreuen; Champollion's 
nachgelassene Grammaire Egyptienne (1836) war damals eben erst im 
Druck. Es ist aber leicht begreiflich, dafs sein Sprachvergleichungsinter- 
esse unsern Lepsius zunächst auch noch in diese neuen Studien hinein 
begleitete. Früchte dieser Combination sind seine „Zwei sprachverg [ei- 
chende Abhandlungen''^ unserer Akademie vorgelegt 1835/6 („1. Über die 
Anordnung und Verwandtschaft des Semitischen , Indischen^ Äthiopischen, 
Altpersischen und Altdgyptischen Alphabets; 2. Über den Ursprung tirul die 
Verwandtschaft der Zahlworter in der Indogermanischen^ Semitischen und der 
Koptischen Sprache^. BerL 1836), sprechende Zeugnisse seines wissen- 
schaftlichen Sinnes, der beim einzelnen nicht stehen bleiben kann, son- 
dern die letzten Zusammenhänge ermitteln will, mit vielen feinen Einzel- 
beobachtungen und scharfsinnigen Combinationen, mit ahnendem Blick in 
die letzte Verwandtschaft auch des Ägyptischen mit asiatischen Sprachen, 
aber wegen Unzulänglichkeit der damaligen Hilfsmittel den Anforderungen 
einer strengen Beweisführung längst nicht mehr genügend. Jedoch we- 
der derartige Ausläufer seiner bisherigen Richtung, noch die von ihm stell- 
vertretend übernommenen Geschäfte bei der Drucklegung der Schriften des 
archäologischen Instituts konnten ihn mehr von seinem Hauptziel abbrin- 



8 Dillmann : 

gen. Nachdem er lernend im Ägyptischen soweit fortgeschritten war, 
dafs er selbständig zu forschen sich getraute, setzte er, bei dem damali- 
gen Mangel an brauchbaren publicirten Texten, alles daran, in Paris von 
allen hieroglyphischen Texten, die auf den vielen dortigen Monumenten, 
Gipsabgüssen u. s. w. aufzutreiben waren, Abschriften, Durchzeichnungen 
und Papierabdrücke zu sammeln. Ausgerüstet mit massenhaftem Material 
trat er dann (Ende des J. 1835) die Reise nach Italien an, für welche 
ihm unsere Akademie zum Zweck der Untersuchung der dortigen ägypti- 
schen Alterthümer eine Unterstützung von 500 Thlr. bewilligt hatte, die 
ihm im Jahr darauf wiederholt wurde. Über Turin, wo er in dem an 
Monumenten und wichtigen Papyri überaus reichen Museum ähnlich sam- 
melte, und über Pisa, wo ihm Rosellini seine von seiner ägyptischen 
Expedition mitgebrachten Schätze zur Verfügung stellte, kam er dann 
(im Mai 1836) nach Rom, freudig bewillkommt von ßunsen, der ihm 
bald ein väterlicher Freund und der einflufsreichste Förderer seiner Wege 
wurde und bis an sein Ende blieb. 

Während seines 2jährigen Aufenthalts in Rom (bis Juli 1838) hat 
Lepsius nicht blos als Directionsmitglied und redigirender Sekretär des 
archäologischen Instituts diesem wichtige Dienste geleistet und die Schrif- 
ten desselben mit einer stattlichen Zahl von Berichten und Abhandlungen 
archäologischen und kunstgeschichtlichen Inhalts bereichert, nicht blos die 
umbrischen und oskischen Inschriften gesammelt und die etruskischen 
Culturreste untersucht, sondern ist bereits im Altägyptischen in die Reihe 
der Führenden eingetreten, indem er in seiner Lettre ä Mr. H. Rosellini 
sur V aiphabet hieroglyphique (Rome 1837) durch klare und scharfe Schei- 
dung der rein alfabetischen Lautzeichen von der umfangreichen Classe 
der Sylbenzeichen das verwickelte ChampoUion'sche System vereinfachte, 
und damit die feste Grundlage schuf, auf welcher alle Hieroglyphenlesung 
seither beruht. Gleiche Meisterschaft bewies er zu gleicher Zeit im Ge- 
biet der ägyptischen Kunstarchäologie durch seine Abhandlung sur Vordre 
des colonnes - piliers en Egypte et ses rapports avec le second ordre Egyp- 
tien et la colonne grecque (Rome 1838), worin er mit Unterscheidung des 
Felsenbaus und Freibaus die allmählige Herausentwicklung der beiden 
ägyptischen Säulenordnungen bis zu ihrer höchsten Vollendung auf ge- 
schichtlichem Wege maafsgebend nachwies. 



Geddchtni/srede auf Karl Richard Lepstus. 9 

Als er (Juli 1838) Rom verliefs, führten ihn Geschäfte des Insti- 
tuts noch einmal nach Paris; aber sein Vorsatz, sämmtliche in Europa 
befindliche altägyptische Materialien selbst kennen zu lernen und seiner 
Sammlung einzuverleiben, zog ihn weiter in das schöne Museum nach 
Leiden zu dem trefflichen Leemans, und zuletzt nach London (wo er 
den dorthin übergesiedelten Bunsen wieder traf). Nachdem er alles ein- 
geheimst, was in Europa vorhanden war, kehrte er (Nov. 1839) nach 
Deutschland zurück. Aber nun trat nur um so unwiderstehlicher der 
Wunsch in ihm hervor, das Land der Pharaonen selbst durchsuchen zu 
dürfen. Auch dieser Wunsch sollte ihm erfüllt werden, nicht so ganz 
schnell, wie er's ersehnte, aber dann auch in einer alle Erwartungen über- 
steigenden Weise. 

Die Zeit des Wartens (es war zugleich die Zeit des Thronwechsels 
in Preufsen) benutzte er zu rastloser Arbeit, um viel Vorbereitetes zu 
vollenden und Neues vorzubereiten. Mit seiner sorgfältigen und verdienst- 
lichen Ausgabe der umbrischen und oskischen Inschriften (^InscripHones 
Umbrtcae et Oscae quotquot adhuc repertae- sunt omneSy ad ectypa monu- 
mentorum ed. Lips. 1541 cum 8 tab.) und mit seiner Schrift über die 
Tyrrhenischen Pelasger in Etrurien (Leipzig 1842) gab er diesem Zweig 
seiner Erstlingsstudien den Abschlufs. In letzterer gieng sein Endergeb- 
nifs dahin, dafs die Tyrrhener oder Trusker ein pelasgischer Stamm wa- 
ren, der vom Nordosten her eingewandert die ümbrer unterjochte, diese 
einer höheren Bildung zuführte und durch Mischung mit diesen die 
etruskische Cultur und Sprache erzeugte, nur eine Hypothese freilich, aber 
doch eine solche, die er mit nicht verächtlichen Gründen zu stützen ver- 
stand. Theils für seinen eigenen Gebrauch, theils für Bunsen's längst 
geplantes grofses Werk (Ägyptens Stelle in der Weltgeschichte 1845 ff.), von 
dessen Miturheberschaft er schliefslich wegen unübersteiglicher wissen- 
schaftlicher Differenzen sich zurückzuziehen genöthigt fand, arbeitete er 
schon damals in seinem Hauptfach an der Chronologie und dem Eönigs- 
buch. In seiner y^ Auswahl der wichtigsten Urkunden des ägyptischen Alter- 
thums (theils zum erstenmal, theils nach den Denkmälern berichtigt heraus- 
gegeben und erläutert^ ^ mit 23 Taf. Leipz. 1842 fol.) gab er den Lernen- 
den und Suchenden ein willkommenes zuverläfsiges Hilfsmittel an die 
Hand. Längst, besonders in Turin, hatte er den zahlreichen auf Sarko- 

Gedächtni/ereden 18S5. 2 



10 Dillmann: 

phagen, Mumienbändern, Papyrusrollen überlieferten Texten, weil sie über 
die religiösen Vorstellungen der Ägypter Aufschlufs zu geben versprachen, 
seine Aufmerksamkeit zugewendet; ein neuer kurzer Besuch des Turiner 
Museums (Winter 1841), auch zum Zweck der Beschaffung von Gypsab- 
güssen fQr die hiesige ägyptische Sammlung unternommen, setzte ihn in 
den Stand, von dem grofsen Turiner Papyrus eine genaue Ausgabe her- 
zustellen (Das Todtenbuch der Ägypter , nach dem hieroglyphischen Papyrus 
in Turin, 79 Tafeln, Leipz. 1842. 4*), und trotz der ungemeinen Schwie- 
rigkeit, welche derlei Texte, zumal in der jungen Turiner Abschrift, dem 
Verständnifs bieten, erkannte er doch schon völlig sicher, dafs diese Texte 
nicht, wie man bisher gemeint hatte, Leichenritualien enthalten, sondern 
vielmehr Anweisungen für den Todten seien zu dem, was er im Jenseits, 
Angesichts der mannigfachen dort seiner wartenden Begegnisse, bis zur 
Erreichung des Zustandes der Vergottung oder der Seligkeit, zu thun und 
zu lassen habe; er entwarf auch schon die Eintheilung des Buches, wel- 
che seither, trotz der gefundenen vielen neueren und besseren Abschrif- 
ten, sich bewährt hat. Er hat sein Leben lang diese für die Sprache und 
Mythologie so wichtige Schrift im Auge behalten, und schliefslich für eine 
auf ältere Texte basirte, mit sämmtlichen Varianten ausgestattete Ausgabe 
den passendsten Mann, Herrn Naville in Genf, gewonnen und die Mit- 
tel dazu von unserer Regierung erbeten und erhalten. Noch wenige Wo- 
chen vor seinem Tod hatte er die Freude, die Nachricht von der Fertig- 
stellung des Manuscripts zu erhalten; sie wird seinen Manen gewidmet 
gegenwärtig hier gedruckt. 

Man kann es heutzutage kaum verstehen, wie einem Mann von so 
hei*vorragenden Leistungen, schon damals einem der bedeutendsten Nach- 
folger Champollion's, dem ersten wirklichen Ägyptologen Deutschlands, 
trotz seines Gesuchs, ein Lehramt an unserer Universität versagt bleiben 
konnte. Auch hierin, wie in so vielem anderen, bedurfte es erst der 
Dazwischenkunft A. von Humboldt 's, um für das neue Fach eine aufser- 
ordentliche Professur mit kleinem Gehalt zu gründen, welche Lepsius 
endlich (26. Januar 1842) übertragen wurde, zu spät freilich, um sie so- 
fort wirklich antreten zu können, da die Vorbereitung zur ägyptischen 
Heise bereits in vollem Gange war. 



Geddchtnt/srede auf Karl Richard Lepsius. 11 

Bansen und A. von Humboldt war es gelungen, den kunst« 
sinnigen König Friedrich Wilhelm IV, welcher schon als Kronprinz 
die ägyptische Forschung mit wohlwollender Theilnahme verfolgte und 
mehrere Anschaffungen (z. B. auch der Passalacqua'schen CoUection) 
fQr die ägyptische Sammlung im Schlofs Monbijou ins Werk gesetzt hatte, 
für den Lepsius 'sehen Reiseplan zu gewinnen. Aber bei der detaillirten 
Durchberathung erweiterte sich der Plan immer mehr, zumal ein Haupt- 
zweck der Reise auch der sein sollte, schöne und merkwürdige Denkmä- 
ler aus der Pharaonenzeit für das Schlofs Monbijou zu erwerben. Die 
Reise des einzelnen Gelehrten wurde zu einer von den competenten Be- 
hörden, auch der Akademie gründlich vorberathenen, auf mehrere Jahre 
berechneten, auf Staatskosten auszufnhrenden wissenschaftlichen Expedition 
eines soi^fältig ausgewählten Personals (von Bautechnikern, Zeichnern, 
Malern und Formern) unter des 31jährigen Lepsius Führung, mit eigen- 
händiger Empfehlung des Königs an Mehemed Ali und durch diesen 
mit unbedingter Vollmacht zur Vornahme von Ausgrabungen , zur Requi- 
sition von Arbeitern und Transportmitteln, sowie zur Ausfuhr von Denk- 
mälern und Funden ausgestattet. An die Spitze einer solchen Expedition 
sich gesetzt zu sehen, war sicher ein seltenes Glück, und Lepsius hat 
das nie verkannt; aber ebenso sicher ist, dafs ein würdigerer und ge- 
schickterer Leiter zu dieser Unternehmung nicht gefunden werden konnte. 
Der überaus günstige, programmmäfsige Verlauf und die glänzenden Ergeb- 
nisse legen für die Sachkunde und Umsicht, ftlr den Spürsinn und die 
Beobachtungsgabe, für die unverwüstliche Arbeitskraft und das Organisa- 
tionstalent des Mannes das beredteste Zeugnifs ab. Das Tagebuch dieser 
Reise, welches ebenso von dem Gang der Entdeckungen wie von seinen 
persönlichen Erlebnissen und Empfindungen und seiner humanen Leitung 
des Ganzen ein anmuthiges und lebendiges Bild gibt, sind seine an Ort 
und Stelle geschriebenen, 1852 gesammelt herausgegebenen y, Briefe aus 
Ägypten, Äthiopien und der Halbinsel des Sinai^. 

Vom 18. Sept. 1842 bis Oct. 1845 wurden auf der langen Strecke 
von Alexandria bis Ehartum die Reste besonders des höheren und höch- 
sten Alterthums geschichtlich und antiquarisch untersucht und aufgenom- 
men, die Inschriften vermittelst des von ihm damals zuerst angewendeten 
Abklatsches genau copirt: das alte Memphis und die Pyramidengegend, 



12 Dillmann : 

das Fajüm und der Mörissee, auf dem Rückweg aus dem Süden Thebe 
mit seiner Tempel- und Gräberwelt waren Hauptruhepunkte der Forschung; 
quer durch die östliche Wüste über Hammamät und das rothe Meer nach 
dem Sinai hinüber, und wieder nördlich durch das östliche Delta bis zum 
Nähr el-Kelb in Syrien wurden Abstecher, nicht ohne erhebliche Ergeb- 
nisse gemacht, nebenbei auch auf alles ethnographisch und geographisch 
Wichtige die Beobachtung gerichtet. Aufser der Ungeheuern Fülle ur- 
kundlichen Materials, der Masse von Plänen, Rilsen, Bildern und Original- 
Monumenten liegt der Hauptertrag dieser Expedition in dem neuen Licht, 
welches Lepsius selbst und durch ihn der Wissenschaft aufgieng über das 
Alter und den Verlauf der ägyptischen Civilisation. Gerade die älteste 
Pharaonengeschichte, die ganze Cultur des Alten Reichs, welches die fran- 
zösisch -toskanische Expedition so gut wie unberührt gelassen hatte, wurde 
durch Lepsius' Nachforschungen auf den Pyramidenfeldern von Memphis 
und in den Gräberstätten Mittelägyptens in die volle geschichtliche Helle 
gerückt, so zu sagen von ihm zuerst aus dem Grabe wieder aufgeweckt, 
und damit die Möglichkeit eröffnet, auch die Geschichte der Schrift und 
Sprache, der Kunst und Religion über 1200 Jahre weiter rückwärts zu 
verfolgen. Auch die Kenntnifs des Neuen Reichs, sowohl der thebani- 
schen Prachtzeit als der folgenden Dynastien bis herunter auf die Ptole- 
mäer und die römischen Cäsaren wurde sehr wesentlich ergänzt, berich- 
tigt, monumental gefüllt und gesichert. Der Traum (den Lepsius früher 
selbst geträumt ^^) von einem uralten Mero6 als dem Ausgangspunkt der 
ägyptischen Cultur wurde durch die nubische Expedition, wie mit einem 
Zauberschlag, verscheucht, und vielmehr das stufenweise Vordringen der 
ägyptischen Civilisation nach Süden mit vollkommener geschichtlicher Klar- 
heit erfafst. Eine Masse chronologischer, antiquarischer, kunst- und re- 
ligionsgeschichtlicher Einzelfragen fanden ihre Lösung. 

Wie ein ruhmgekrönter Sieger kehrte Lepsius (27. Jan. 1846) von 
seinem friedlichen Feldzug heim; ein begeisterter Empfang wurde ihm al- 
lenthalben in Deutschland, welches bisher in derlei Unternehmungen hin- 
ter den andern grofsen Nationen hatte zurückstehen müssen, zumal in 



^) z. B. über die Anordnung und Verwandtschaft des semitischen u. s. w. Alpha- 
bets S. 78 f. 



Gedächtm/srede auf Karl Richard Lepsias. 13 

Berlin zu Theil; er war von da an der berühmte Mann, noch ehe er 
seine Ergebnisse veröffentlicht hatte. 

Auf die ruhelose Wander- und Saminelzeit folgt nun, zugleich mit 
dem Übergang in Amt, Beruf und Ehestand ^\ eine 35jährige Periode ru- 
higer, aber unermüdlicher Verarbeitung des Gesammelten, die eigentliche 
Hohezeit seines wissenschaftlichen Schaffens, sich erhebend auf dem Un- 
tergrund eines ungetrübten häuslichen Glückes, umrankt von Auszeich- 
nungen, Würden und Ehren, verschönert durch den geselligen Verkehr 
mit den Besten seiner Zeit, bestrahlt von der Gunst des königlichen 
Hauses. 

Der von Lepsius zur Bereicherung der hiesigen öffentlichen 
Sammlung mitgebrachten, sachkundig ausgewählten (gegen 1500) Origi- 
nal-Denkmälern und Gypsabgüssen wurde im Erdgeschofs des damals im 
Bau begriffenen Neuen Museums unter der Leitung des Herrn von 01- 
fers ein würdiges Heim bereitet. Lepsius selbst hatte von Kairo aus 
(11. Juli 1845) den Plan dazu eingereicht. Dafs es ein harmonisch ge- 
gliedertes, mit charakteristischen Denkmalen der Hauptperioden einer über 
3000jährigen Geschichte reich ausgestattetes, stylvoll gehaltenes, histori- 
sches Museum wurde, durch dessen Beschauung sich der Besucher nach 
Ägypten selbst versetzt fühlt, hierin das erste in seiner Art unter den 
ägyptischen Museen, das beruht auf seiner Gonception, jedenfalls auf sei- 
ner langjährigen aufopfernden Mitwirkung, und ist ein bleibendes Denk- 
mal seines künstlerischen Geschmacks, für unsere Stadt eine einzige Zierde. 
Erst fünf Jahre (1853) nach vollendeter Aufstellung wurde er Mitdirector 
der Anstalt; selbständig leitete er sie als Director nach Passalacqua's 
Abgang von 1865 an, und sorgte als solcher für immer neue Bereiche- 
rungen. 

In freudiger Anerkennung und mit vollem Verständnifs der glän- 
zenden Ergebnisse der Expedition befahl König Friedrich Wilhelm IV, 
durch Publication die heimgebrachten Schätze in der würdigsten Weise 
der gelehrten Welt zugänglich zu machen. Die Geldmittel, bei der da- 
maligen Technik des Vervielfaltigungsverfahrens die Kosten der Expedition 



>) Er wurde 26. Juni 1846 Ordinarius an der Universität, 18. Mai 1850 ord. 
Mitglied der Akademie, verbeirathete sich 5. Jali 1846 mit Frl. Elisabeth Klein. 



14 Dillmann: 

fast dreifach fibersteigend, wurden mit königlicher Munificenz zur Verfil- 
fOgung gestellt. Dreizehn Jahre später (1859) lagen die „Denkmäler ans 
Ägypten und Äthiopien^ ^ 12 Bände gröfsten Folioformates mit 894 Tafeln, 
vollendet vor. Leider ohne begleitendep Text, aber streng historisch ge- 
ordnet, gibt dieses Prachtwerk die fortlaufende monumentale und inschrift- 
liehe Illustration der gesammten ägyptischen Geschichte und Cultur, von 
den ältesten Dynastien bis herunter auf die römischen Kaiser. Schon 
äufserlich betrachtet, dem Kraft- und Zeitaufwand nach, ist es ein Werk 
langer, mühevollster Arbeit, zugleich eine Prachtprobe der eigenen tech- 
nischen Fertigkeit seines Urhebers und der hierogrammatischen Künstler 
(der Brüder Weidenbach, seiner Naumburger Landsleute), die er sich 
selbst herangezogen hatte. Sieht man aber auf den Reichthum, die streng 
geschichtliche Anordnung, die Zuverlässigkeit und Genauigkeit des Inhalts, 
worin es alle ähnlichen früheren Werke (auch die Champollion's und 
Ros ellin i^s) weit hinter sich läfst und auch nur von wenigen Textpubli- 
cationen der Nachfolger erreicht wird, so mufs man seine Herstellung 
eine geistige That ersten Ranges nennen. Ohne die in langen Jahren er- 
worbene vollständige und sichere Beherrschung des gewaltigen Stoffs, 
ohne das scharfe Auge für die feinsten Nuancen der Schriftzeichen und 
Kunsterzeugnisse, ohne wirkliche praktisch- technische Kenntnisse und Er- 
fahrungen, ohne die peinlichste Sorgfalt im einzelnen, wie sie Lepsius, 
und eben nur ihm in dieser Verbindung eigen waren, konnte ein solches 
Werk nicht angefertigt werden. Es ist das preiswürdigste von allem, was 
er geleistet, für alle Zeiten „das grofse Haupt- und Grundbuch für die 
gesammte Ägyptologie'' (Ebers), zu welchem die den monumentalen Stoff 
massenhaft mehrenden neuen Expeditionen und systematischen Ausgrabun- 
gen hervorragender Gelehrter nur Vervollständigung, aber nicht Oorrectu- 
ren bringen konnten. 

An die wissenschaftliche Verarbeitung des hier aufgehäuften Mate- 
rials hat er noch zu gleicher Zeit mit dieser Publication rüstig Hand an- 
gelegt. 

Seine „Chronologie der Ägypter'' (1849. 4''), längst vorbereitet, un- 
ter beständiger Rücksicht auf Biot's und Boeckh's Monographien und 
den ersten Theil von Bunsen's grofsem Werk ausgeführt und bei allem 
Gegensatz gegen dessen System doch diesem seinem Wohlthäter und 



Gedachtnifsrede auf Karl Richard Lepsius. 15 

Freund dedicirt, sollte den von ihm beabsichtigten geschichülichen Auf- 
bau fundamentiren. Es gibt nur die Einleitung und den ersten Theil, 
die Kritik der Quellen, und stellt die Principien fest, nach welchen die 
Manetho'sche Überlieferung zu corrigiren und mit den Ergebnissen der 
Monumente in Einklang zu bringen sei. Sowohl manche einzelne Auf- 
stellungen dieses Werkes, als auch sein Schlufsergebnifs, dafs Menes auf 
das Julianische Jahr 3892 v. Gh. zu setzen sei, sind seither viel umstrit- 
ten worden; eine Menge anderer Berechnungen wurden versucht, und 
heutzutage verzichtet man fast lieber auf jede sichere Zeitbestimmung für 
die ältesten Dynastien. Aber die Gründlichkeit, methodische Sicherheit 
und Klarheit, mit welcher er der Reihe nach die thatsächlichen Grund- 
lagen der ägyptischen Zeitrechnung erörtert und die sämmtlichen litera- 
rischen und monumentalen Quellen ihrer Brauchbarkeit nach beurtheilt, 
hat etwas imposantes, und sichert dem Buch seinen Werth als wichtiges 
Hilfsmittel für jeden, der sich über diese Fragen orientiren will. Und er 
selbst wenigstens hat bis an sein Ende an der Richtigkeit seiner Ergeb- 
nisse festgehalten. In einer Menge kleinerer Arbeiten ^^ kam er aus An- 
lafs der Untersuchungen seiner Nachfolger oder neuentdeckter kalendari- 
scher Monumente der Ägypter, auch der assyrischen Eponymenlisten 
(1868), immer wieder auf dieses Lieblingsthema seiner Studien zurück, 
und hellte noch manche dunkle Punkte auf. 

Die Durchführung seiner chronologischen Principien und Ergeb- 
nisse durch den gesammten Umfang der ägyptischen EOnigsgeschichte 
sollte der 2. und 3. Theil des Werkes bringen. Sie sind ungeschrieben 
geblieben und wurden ersetzt durch sein viertes grofses Hauptwerk y^Das 
Königsbuch der alten Ägypter * (Abth. I: 169 S. Text u. 23 synoptische Ta- 
feln der ägyptischen Dynastien; Abih. II: 73 hieroglyphische Tafeln mit 987 
Königsschildem. Berl. 1858. kl. Fol.). Es gibt die Resultate seines 20jäh- 
rigen Sammlerfleifses und zugleich den im engern Sinn geschichtlichen 
Ertrag seiner Expedition, kritisch gesichtet, chronologisch geordnet, hie- 
roglyphisch belegt, und ist das eigentliche Urkundenbuch der ägyptischen 
EOnigsgeschichte, tadelloser Ausführung und dauernden Werthes, würdig 
dem Eönige selbst, dem erlauchten Förderer dieser Studien, gewidmet zu 

^) aufgezählt bei Ebers Richard Lepaius S. 215. 



16 Dili^mann: 

sein. Monographische Behandlungen einzelner Ausschnitte dieser Königs- 
geschichte giengen diesem grofsen Werke voraus: Die Abhandlung übe?' die 
12te ägyptische Dynastie (1852), über die 22te (1856), die 26te (1857), 
über die Ptolemäergeschichte (1852), und sind „classische Beiträge für die 
Kenntnifs dieser Könige und ihrer Folge ** (H. Brugsch). Dafs er haupt- 
sächlich, vermöge seiner genauen Kenntnifs der urkundlichen Geschichte 
Ägyptens, den Fälscher Simon i des zu entlarven half, soll hier nicht un- 
erwähnt bleiben (Mon.-Ber. 1856). 

Alle diese Arbeiten beziehen sich auf die Geschichte im engeren 
Sinn. Der Rehgionsgeschichte speciell gehören seine Bemühungen um 
Beschaffung und Aufklärung älterer Texte des Todtenbuches an (beson- 
ders Älteste Texte des Todtenbuches ndch Sarkophagen des altdgyptischen 
Reichs im Berliner Mitseum. 1867. Fol.), vor allem aber seine tief ein- 
greif enden Abhandlungen „über den ersten ägyptischen Götterkreis ^ (1851) 
und „über die Götter der 4 Elemente bei den Ägyptern^ (1856). Von einer 
wirklichen Lösung der Aufgabe, die Entstehung und Gliederung des über- 
reichen ägyptischen Pantheons sicher festzustellen, konnte weder damals, 
noch kann auch heute schon die Rede sein. Aber gegenüber von den 
phantastischen Constructionen und Deutungen der Religionsphilosophen, 
auf die geschichtliche Scheidung der Zeiten und Orte, sowie auf die Noth- 
wendigkeit, die localen Bedingungen für das Aufkommen der mythologi- 
schen Gestalten zu berücksichtigen, als den einzig richtigen Weg zur Lö- 
sung mit Ernst hingewiesen und solide alte Urkunden in diesem Sinn 
glücklich verwerthet zu haben, ist ein wesentliches Verdienst auch dieser 
Arbeiten. 

Die Kunst der Ägypter hat er seit seinem römischen Aufenthalt 
stets im Auge behalten. Dem Kanon der Proportionen in der ägyptischen 
Plastik ist er mit dem Maafsstab in der Hand eifrigst nachgegangen, und 
hat schliefslich in einer classischen akademischen Abhandlung „ Über einige 
Kunstformen und ihre Entwickelung ^ (1871) seine Beobachtungen und Ent- 
deckungen über die Bedingungen, die Entwicklung und die eigenthüm- 
lichen Vorzüge der ägyptischen Kunstformen zusammenfassend dargelegt. 
Auch sonst gibt es fast keinen Zweig der ägyptischen Alterthumskunde, 
in dem er nicht aufklärend eingegrififen oder bleibend Gültiges erarbeitet 
hätte. Aus einem Aufsatz über die in den hieroglyphischen Texten er- 



Geddchtni/srede auf Karl Richard Lepsius. 17 

wähnten Steine und Metalle, den er einst (1841) för A. von Humboldt 
gefertigt, ist seine musterhafte Abhandlung y^über die Metalle in den dgyp- 
tischen Inschriften^ (1871; ,^ Kupfer und Eisen^ 1872) hervorgegangen. 
Noch während seiner Reise hat er, allerdings mit Hülfe Erb kam 's, den 
Bau der Pyramiden verstehen gelehrt (Mon.-Ber. 1843), den alten Nil- 
messer bei Semne entdeckt und die Tragweite dieser Entdeckung nach 
verschiedenen Seiten hin erläutert (Mon.-Ber. 1844); seine Untersuchun- 
gen über die Vermessung der Ländereien, die zu dem alten Besitz des 
Tempels von Edfu gehörten (Abh. 1854; Mon.-Ber. 1855) oder über das 
Felsengrab Ramses IV (Abh. 1869; ZÄSp. 1884) zeigen ihn im Besitz 
auch der mathematisch - technischen Kenntnisse , welche die Vorbedingun- 
gen für seine meti'ologischen Untersuchungen waren. Auf seine treffliche 
Abhandlung „über die altägyptische Elle und ihre Eintheilung^ (1865) folg- 
ten einige kleinere Arbeiten über andere Maafse. Neuen Reiz, weil zu- 
gleich zur comparativen Betrachtung der alten Culturen anlockend, be- 
kamen diese Studien für ihn durch die assyrisch- babylonischen Entdeckun- 
gen, und führten ihn zu der bewunderungswürdig scharfsinnigen Recon- 
struction der Tafel von Senkereh (Abh. 1877). Nicht blos der Wider- 
spruch mehrerer Gelehrten (eines Assyriologen und eines Architekten) 
gegen seine Aufstellungen, sondern noch mehr die Bedeutung dieser Fra- 
gen für die Ergründung des internationalen Culturaustausches im Alter- 
thum hielten ihn bis an sein Ende dabei fest, und noch kurz vor seinem 
Tode vollendete er seine letzte Schrift jj,2)ie Längenraaxifse der Alten^ (1884), 
worin er seine Ergebnisse bezüglich der Längenmaafse der sämmtlichen 
alten Culturvölker des Mittelmeerkreises übersichtlich zusammenstellte und 
neu begründete. 

Theils die Absicht, neue Erwerbungen für das Museum zu machen, 
theils das Bedürfnifs, durch Autopsie sich über dieses und jenes Problem 
zu unterrichten, hatten ihn wiederholt nach den andern Centren ägypti- 
scher Alterthümer (Paris, Leiden, London) geführt. Im Frühjahr 1866 
aber gaben ihm die gelegentlich der Arbeit am Sues-Oanal gemachten 
Aufgrabungen persisch -ägyptischer Trümmerstätten und Denkmäler die 
äu&ere Veranlassung, noch einmal das Land der Pharaonen zu besuchen 
und diesmal das östliche Delta, zugleich den Schauplatz der israelitischen 
Auszugsgeschichte, zu untersuchen, und noch einmal leuchtete ihm der- 

Gedächinifireden 1885. 3 



18 Dillmann: 

selbe Glücksstern, welcher ihn in seiner Jugend begleitet hatte. Seine 
Bestimmung der Lage von Avaris (der alten Hyksosfeste) beim späteren 
Pelusium (Mon.-Ber. 1866) hat alles für sich, ist aber noch nicht gesi- 
chert; seine Ansetzung der Stadt Ramses bei Tell-el-Mashuta ist nach 
Naville's neuester Aufgrabung nicht mehr zu halten; aber das lange, 
vollständig erhaltene, dreisprachige (hieroglyphisch, demotisch, griechisch) 
Decret von Tanis, genannt die Tafel von Kanopus (vom Jahr 238 v, Gh.), 
welches er in den Trümmern des alten Tanis auffand, und in einer be- 
sondern Schrift (1866) publicirte, war ein Fund ersten Rangs, welcher 
neben manchem andern, namentlich kalendarischem, auch den Gewinn 
abwarf, dafs dadurch die durch GhampoUion-Lepsius inaugurirte Hie- 
roglyphenlesung das Siegel durchgängiger Bestätigung erhielt. 

Auf dem gesammten Gebiet der ägyptischen Geschichte und Alter- 
thumskunde hat Lepsius bleibende Spuren seiner Thätigkeit zurückge- 
lassen und den Späteren allenthalben unverrückbare Marksteine für ihre 
weiteren Forschungen gesetzt. Aber die Sprache selbst, die eigentliche 
ägyptische Philologie, hat er unbearbeitet gelassen. Er hat die Hiero- 
glyphen gewifs so richtig als einer gelesen und verstanden, und seine ge- 
legentlichen kritischen Bemerkungen zu den von Andern gelieferten Über- 
setzungen hieroglyphischer Texte bekunden hinlänglich seine vollkommene, 
in der Regel überlegene Sachkenntnifs; er, hat als Professor, neben der 
Geschichte, den Denkmälern und den Sitten und Gebräuchen, wenigstens 
von 1847 — 68 fast jährlich, und noch einmal 1872 u. 73 auch hierogly- 
phische und ägyptische Grammatik zum Gegenstand seiner Vorlesungen 
gemacht, und viele junge Männer in die Sprache eingeleitet; aber mit 
Ausnahme eines Stücks (vom 17ten Kapitel) des Todtenbuchs und des 
Decretes von Kanopus hat er nie eine Übersetzung längerer hieroglyphischer 
Texte veröffentlicht, in auffallendem Gegensatz gegen manche seiner aus- 
wärtigen und deutschen Fachgenossen, welche dem wifsbegierigen Laien- 
publicum den Inhalt ägyptischer Literaturstücke in flüssiger, auch elegan- 
ter und poetischer Übertragung verständlich zu machen jederzeit bereit 
sind. Aufser einem kleinen Aufsatz (über einige syntaktisehe Punkte der 
hieroglyphischen Sprache Mon.-Ber. 1846) hat er auch zur ägyptischen 
Grammatik nichts publicirt. Das scheint auffallend, ist aber charakteri- 
stisch für seine wissenschaftliche Art. Einer kann nicht alles. Lepsius 



Gedachtni/srede auf Karl Richard Lepsius. 19 

war durch Neigung und Bildungsgang Arcbäolog, nicht Pbilolog. Die 
massenhaften archäologischen und geschichtlichen Probleme, die sich ihm 
entgegenthfirmten , liefsen ihm die Zeit nicht zu der viel langwierigeren, 
minutiösen philologischen Arbeit. Um über alle die dunklen Punkte der 
hieroglyphischen Sprache grammatisch und lexikalisch in's Reine zu kom- 
men, dazu gehören viel mannigfaltigere Texte als die einförmigen monu- 
mentalen, eine viel reichere und sicherere Papyruspublication , als man 
sie damals hatte, eine genauere Eenntnifs der mittleren oder demotischen 
Schrift- und Sprachstufe, die erst H. Brugsch und E. Revillout auf- 
zuschliefsen begannen; im ganzen gehört dazu das eindringende Studium 
nicht eines einzigen, sondern vieler Gelehrten, ja ganzer Generationen von 
solchen. Diese strengeren Philologenschulen fangen erst jetzt an aufzu- 
blühen. Ehe sie das Ihrige gethan, waren und sind der Anstöfse, die 
einem strengen Hieroglyphenübersetzer in den Weg treten, noch zu viele. 
Das wufste Lepsius und darum enthielt er sich. Nicht sicher begründe- 
tes oder nur halbverstandenes oder mit zu viel Unsicherem untermisch- 
tes drucken zu lassen, war ihm nicht gegeben. Das ist fbr ihn ein 
grofses Lob. 

Statt der ägyptisch -philologischen Forschungen beschäftigten ihn, 
wie in seiner Jugend, so auch noch in seinen reifen Jahren, bis ins Al- 
ter linguistische Arbeiten. 

Die lautlich -alfabetischen Studien, in die er sich in Paris vertieft 
hatte, wurden von ihm seit 1854 in gröfstem Maafsstab wieder aufge- 
nommen auf Anregung der Church Missionary Society, welche für die 
praktischen Zwecke der Missionen nach einem einheitlichen Lautschrift- 
system für die mannigfaltigsten Sprachen begehrte. Das Problem war 
nicht neu. Schon Sir William Jones, C. T. Volney u. A. hatten sich 
daran versucht; der Volney'sche Preis war (1820) zum Theil recht 
eigentlich dafür gestiftet worden; die verschiedenen Missionsgesellschaften 
hatten vorgearbeitet; die indogermanischen und semitischen Sprachforscher 
hatten sich je ihre besonderen Transscriptionsalfabete zurechtgemacht. 
Zu einer, wo möglich allgemeinen und endgültigen Lösung machte Lep- 
sius Jahre lang die eingehendsten Studien in der Lautphysiologie, in den 
Lautsystemen aller durch besondere Schriftarten repräsentirten und einer 
Unzahl der wilden schriftlosen Sprachen, hatte hier und in England viele 

3* 



20 Dillmann: 

Conferenzen mit den besten Auctoritäten ^^ in den einzelnen Sprachen, 
oder holte schriftlich ihren Rath ein, unterbreitete auch (1855) sein dar- 
auf gegründetes System einer Commission unserer Akademie (Bopp, 
J.Grimm, Pertz, Gerhard, Buschmann und Joh. Müller), die dar- 
über berichtete. Aus diesen Bemühungen ging dann sein Allgemeines lin" 
guistisches Alphabet (1855) und in vervollkommneter Gestalt sein Standard 
Alphabet (1863) hervor. Nichts hat seinen Ruhm als Linguistiker so po- 
pulär gemacht in allen Ländern, wie diese Schrift, worin er sein System 
im allgemeinen wissenschaftlich begründete und im einzelnen durch 150 
Sprachen durchführte. Gewifs war Lepsius durch seine paläographischen 
Studien und sein scharfes, feines Gehör für die menschlichen Sprachlaute 
zu einer solchen Aufgabe besonders befähigt, und ist auch sein System 
das rationell sich am meisten empfehlende, hat sich praktisch für die 
Schreibung der wilden Sprachen bewährt, und im Bibelverbreitungs- und 
Missionsdienst schon grofsen Nutzen gestiftet. Aber für die Transscription 
der Schriftsprachen, namentlich der alten, konnte es nicht, oder höchstens 
eklektisch, zur Annahme kommen, weil fast in allen derselben der Laut- 
werth mancher Schriftzeichen weder durch die ganze Lebenszeit der 
Sprache hindurch sich gleich blieb, noch auch schon sicher genug be- 
stimmt ist, ein Transscriptionssystem ohne Rücksicht auf die sprachge- 
schichtliche Entwicklung der Laute aber nur IrrthOmer verfestigen würde. 
Aus diesem Grunde konnte nicht einmal die von Lepsius in London 1874 
vorgeschlagene einheitliche Transscription der Hieroglyphen durchdringen, 
weil auch hier die genaue lautliche Geltung mancher dieser Zeichen noch 
keineswegs sicher bestimmt, wenigstens nicht allgemein anerkannt ist. Über 
die Lautverhältnisse von Sprachen, die man grammatisch und lexikalisch, 
zugleich nach ihrer dialektischen Mannigfaltigkeit und ihrer geschichtlichen 
Entwicklung, nicht selbst beherrscht, Bestimmungen zu treffen, hat im- 
mer etwas Bedenkliches, und von dieser ün Vollkommenheit werden auch 
seine andern ähnlichen Specialarbeiten (^über chinesische und tibetanische 
Lautverhältnisse 1860; über das Lautsysterti der persischen Keilschrift 1862; 
über das ursprüngliche Zendalphabet 1 862), so eindringend und verdienst- 
lich sie sonst sind, nicht frei zu sprechen sein. 



1) aafgezählt in Standard Alphabet ^ (1863) S. 311 f. 



Gedächtnifsrede auf Karl Richard Lepsius. 21 

Nicht blos auf das lautliche und alfabetische Aufsenwerk der 
Sprachen, sondern auf die Sprachen selbst oder wenigstens auf einen be- 
stimmten Kreis von Sprachen bezieht sich sein letztes grofses Werk, das 
er eben noch vor dem Eintritt in das 70"* Lebensjahr fertig stellte, sammt 
dessen Vorstudien, Schon auf seiner ägyptischen Expedition hatte Lep- 
sius den Sprachen der Völker, deren Gebiet er südlich vom ersten Ka- 
tarakt berührte, eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, auf ihre Er- 
forschung mit Hilfe der Eingebornen alle seine freie Zeit verwendet, na- 
mentlich von der Nuba- (Berber), Kungara- (Neger von Dar Für) und 
der Bega-(Bisarin) Sprache sich die zur grammatischen und lexikalischen 
Bearbeitung nöthigen Aufzeichnungen gemacht. Er hat es besonders auch 
in der Absicht gethan, um dadurch möglicherweise Hilfsmittel zur Ent- 
zifferung der noch immer unenträthselten äthiopisch - demotischen Inschrif- 
ten auf dem Boden des alten MeroS zu gewinnen. Auf den damals und 
durch spätere weitere Nachforschungen gewonnenen Kenntnissen beruht 
seine gut orientirende Abhandlung y^Über die äthiopischen Sprachen und 
Völker zvnschen Ägypten, Abessinien und den Ländern der Negervolker (1872). 
Von einer jener Sprachen, der Nubasprache, in die er sich am gründlich- 
sten hineingelebt, weil er sie damals noch für den eigentlichen Schlüssel 
der Inschriften hielt, hatte er auch schon als Textprobe das Marcus- 
Evangelium (1860) drucken lassen. Viel später erst, nachdem er auch 
in andern afrikanischen, namentlich Negersprachen, sich genügend um- 
gesehen, glaubte er seine grammatische Bearbeitung derselben soweit aus- 
gereift zu haben, um sie als Nvhische Grammatik (1880) erscheinen las- 
sen zu können, unmittelbar nach Reinisch's Arbeit gleichlautenden Ti- 
tels (1879), neben welcher sie ihren selbständigen Werth hat, wie sie 
auch von seiner Fähigkeit, gegebene Stoffe zu zergliedern und zu ordnen, 
auf einem neuen Gebiet einen nochmaligen Beweis gibt. Besonders wich- 
tig aber wurde dieses Werk durch die vorausgeschickte Einleitung ^üher 
die Völker und Sprachen Afrikas^ (126 Seiten), worin er auf Grund lang- 
jähriger Einzelstudien zum erstenmal in kühnster Weise ein grofsartiges 
Gesammtbild von der Gruppirung und geschichtlichen Verbreitung sämmt- 
ücher Sprachen und Völker Afrikas, von den Syrten bis zum Gap, ent- 
worfen und seine letzten und höchsten Erkenntnisse über die vorgeschicht- 
lichen Wanderungen der Völker Südwestasiens und Afrikas klar und bün- 



22 Dillmann: 

dig zusammengefafst hat. Diese Schrift voll weittragender Ideen hat in 
Kennerkreisen ein wohlberechtigtes Aufsehen erregt; ob die Grundzüge 
des von ihm entworfenen Bildes durch die von ihm ins Feld geführten 
GrQnde genügend gestützt sind, kann erst künftige Einzelforschung ent- 
scheiden; aber ein schöneres Zeugnifs von den hochgesteckten Zielen, die 
er mit allen seinen Forschungen erstrebte, konnte er, vor seinem Abtre- 
ten vom Schauplatz, der Nachwelt nicht vermachen. 

Hier wären wir zu Ende, wenn wir eben nur seine grofsartige Ute- 
rarische Thätigkeit zu überblicken hätten. Aber er hat auch noch andere 
Verdienste, an welche wenigstens flüchtig zu erinnern sich ziemt. An den 
Verhandlungen und Arbeiten unserer Akademie hat er immer hervon^a- 
genden Antheil genommen; die meisten und besten seiner kleineren Ar- 
beiten zieren ihre Schriften: die Herstellung unserer Drucktypen für 
sprachwissenschaftliche Zwecke, vor allem unsere schönen hieroglyphischen 
Typen, die auch das Ausland sich angeeignet hat, sind sein eigenstes 
Werk. Die Lehrthätigkeit an der Universität trat bei ihm, der Natur 
seines Faches nach, hinter der akademischen Forscherthätigkeit in den 
Hintergrund; doch hat er in seinen besten Jahren mit Eifer, und wo er 
begabte, strebende Schüler fand, mit grofser Hingebung sie ausgeübt. In 
der Centraldirection des archäologischen Instituts, dem er zeitlebens ver- 
bunden blieb, hat er seit Gerhardts Tod (1867) bis 1880 den Vorsitz 
geführt, viel Zeit und Kraft auf die damit verbundene Correspondenz ver- 
wendet, die Erweiterung des Instituts zu einem Reichsinstitut und die Er- 
richtung der Schwesteranstalt in Athen mit herbeiführen helfen. Seit dem 
Jahr 1864 hat er sich der Leitung der von H. Brugsch gegründeten 
^^Zeitschrift für ägyptische Sprache und Alterthumskunde^ angenommen, und 
durch dieses Organ viel für Belebung und Sammlung der ägyptologischen 
und verwandten Studien gewirkt. Ja bei schon angehendem Alter konnte 
er sich noch entschliefsen, das Amt eines Oberbibliothekars der K. Biblio- 
thek zunächst (April 1873) provisorisch, darauf (März 1874) definitiv zu 
übernehmen, und allerdings nur auf Kosten seines Lehramts und unter 
Zuhülfenahme jüngerer Kräfte für das Museum und die Zeitschrift, bis an 
sein Ende zu verwalten. Man kann wohl fragen, ob es gerechtfertigt ist, 
dafs ein Mann in höherem Alter das Gebiet seiner Thätigkeit noch wech- 
selt. Aber gerade im Alter, wo zwar nicht der Trieb, aber die Kraft 



Gedächtni/srede auf Karl Richard Lepsius. 23 

unausgesetzter intensiver wissenschaftlicher Arbeit abnimmt, kann solcher 
Wechsel auch etwas erfrischendes haben. Seine nächsten Freunde sagen, 
dafs gerade diese Nebenarbeit, die freilich unter andern Verhältnissen die 
Hauptarbeit hätte sein müssen, ihn so lange geistig frisch und rOstig er- 
halten habe, und ohne viele gute und nützliche Frucht auch für die An- 
stalt ist sie nicht geblieben, wenn gleich die wichtigste, durch ihn ange- 
strebte Besserung für dieselbe. Umstände halber, nicht erreicht wurde. 

Ein halbes Jahrhundert hindurch war es Lepsius vei^önnt, den 
innern Fonds geistiger Kraft, den der Schöpfer ihm mitgegeben, voll und 
ganz aus sich herauszuarbeiten, und in vielen schönen und glänzenden 
Werken zu verkörpern, zu seiner Ehre, zum Nutzen seines Vaterlandes, 
zur Förderung der höchsten Ziele menschlicher Erkenntnifs. Wie er noch 
lebend unter seinen Zeitgenossen als der erste seines Faches im In- und 
Ausland willig anerkannt und von einer Schaar mittelbarer oder unmittel- 
barer Schüler als ihr Meister und Führer dankbar verehrt wurde, so wird 
auch in Zukunft sein Name mit höchster Achtung genannt werden, so 
lange es eine Alterthumswissenschaft gibt. Es ist wahr, ein seltenes Glück 
hat ihn begünstigt, in seinem wissenschaftlichen und öffentlichen Wirken 
ebenso wie in seinem häuslichen Leben. Eine Glücksfügung, wie sie nur 
wenigen zu Theil wird, hat ihn gerade zur rechten Zeit auf ein fast noch 
jungfräuliches Arbeitsfeld, und zwar auf ein Arbeitsfeld grofsartiger Be- 
deutung, hineingestellt, wo die Aufgaben in Fülle sich drängten und ein 
Erfolg den andern hervorlockte, hat ihn Gönner und Förderer finden 
lassen, die ihm seine Wege ebneten, hat ihm die Gunst der Fürsten und 
zweier Könige zugewendet, welche ihm die äufseren Mittel für seine Werke 
reichten und ihn mit der Stellung und dem Ansehen bekleideten, die ihm 
in vielem Nützlichen imd Trefflichen, was zu seiner Zeit geschaffen wurde, 
einen mafsgebenden Einflufs gestatteten. Aber das meiste hat doch er 
selbst gethan, um die von ihm erstiegene Stufe zu erreichen. Innerlich 
erwärmt und getrieben von den höchsten Idealen menschlicher Erkennt- 
nifs, hat er verständig die Mittel erwogen, welche ihrer Erreichung zu- 
führen, und dann in harter, unverdrossener Arbeit sich in ihren Besitz zu 
setzen gewufst. Jeden Gegenstand, den er anfafste, hat er selbständig 
von seinen Wurzeln an durchgearbeitet, durchdacht, nach allen Seiten über- 
legt und immer wieder nachgeprüft, bis er zu voller Klarheit darüber und 



24 Dillmann: 

zu festen Ergebnissen gekommen war. Und durch diese froh angewöhnte 
Art seines Arbeitens, wie sie ihn bewahrte, je mit Halbreifem und Un- 
vollendetem aufzutreten, wuchs ihm der Muth, auch die schwierigsten 
Probleme anzufassen, und die Eraft, sie zu bewältigen. Darum sind auch 
„alle seine Arbeiten fruchtbar und anregend" (E. Gurtius), auch wo An- 
dere, von andern Gesichtspunkten ausgehend oder mit bessern Mitteln der 
Forschung ausgerüstet, seinen Ergebnissen nicht mehr zustimmen können. 
Weil mit dem ganzen Einsatz seines Könnens und Wissens erworben, 
waren ihm seine Erkenntnisse so zu sagen ein Stock seiner eigenen Per- 
sönlichkeit, und die grofse Zähigkeit, mit der er sie festhielt, eine nur zu 
natürliche Folge davon. Dabei war er in seiner Forschung und Kritik 
frei von aller Gebundenheit und von Vorurtheil, sei es einer Schule und 
Partei, sei es religiöser Art, aber auch durchdrungen von der freudig- 
festen Zuversicht, dafs man die Wahrheit mit den rechten Mitteln finden 
könne, noch nicht angesteckt von der krankhaften Zweifelsucht, welche 
zu keinerlei Überlieferung mehr Zutrauen zu fassen vermag. 

Die strenge Arbeit und geistige Zucht seines wissenschaftlichen 
Forschens hat sich denn auch in dem ganzen Mann, wie wir ihn unter 
uns wandeln und wirken sahen, ausgeprägt. Jene leidenschaftslose Ge- 
lassenheit, jene vornehme Haltung, jenes unentwegte Selbstvertrauen, jene 
zähe Beharrlichkeit, welche man wohl auch Eigensinn nannte, waren Cha- 
rakterzüge, die mit seiner wissenschaftlichen Art in engstem Zusammen- 
hang standen. Obwohl gemOthlich reich beanlagt, kehrte er doch in sei- 
nem Thun und Auftreten mehr die nüchterne Verständigkeit heraus. Seine 
Gewohnheit, alles reiflich zu überlegen, bewahrte ihn vor vorschnellem 
Urtheil. Andere gerne in ihrem Werthe und nach ihrem Verdienst aner- 
kennend, beanspruchte er das gleiche für sich. Er hatte ein starkes männ- 
liches Selbstgefühl, aber Stolz und Eitelkeit blieben ihm fern. Ehren und 
Anerkennungen fielen ihm von überall her, vom Inland und Ausland, von 
Regierungen und gelehrten Körperschaften in reichlichstem Maafse^^ zu; 
er prunkte nie damit; aller Ostentation war er abhold; seine Werke glänz- 
ten selbst, er brauchte Glanz und Ruhm für sie nicht zu suchen. Wahr 



1) Dr. theol. von Leipzig 1859; Geh. Reg.-Rath 1873; Geh. Ob.-Reg.-Rath 1883; 
bajr. Maximiliansorden 1869; pour le merite 1872, u. s. w. 



Geddchtnt/srede auf Karl Richard Lepsius. 25 

und zuverläfsig, edel denkend und das edelste erstrebend, mit vielen der 
besten Männer, nicht Deutschlands allein, in treuer Freundschaft verbun- 
den, seinen Wohlthätern dauernd dankbar und selbst wieder Vielen wohl- 
thuend und helfend, so ist er geblieben bis zu seinem Ende. 

Den Unbestand äufserer Güter hat er spät ei*st erfahren; mit männ- 
lichem Muth hat er ihn Oberwunden. Auch der Schlaganfall, der an der 
Scheide des TO'**" Jahres vorübergehend seine eine Seite lähmte, ver- 
mochte seine innere Kraft nicht zu brechen, noch ihn auf die Dauer sei- 
ner gewohnten Arbeit zu entziehen. Erst als ein dunkles Geschick ihm 
sein häusliches Glück zerstörte, sank auch seine eigene Lebenskraft schnell 
dahin. Ohne Klage nahm er an, was ihm beschieden war; sein Geist 
blieb hell und wach ; noch auf dem Sterbelager vollendete er seine letzte 
Schrift. Kämpfend und schaffend ist er vom irdischen Schauplatz abge- 
treten ; seine Werke werden noch lange fortzeugend schaflFen. Sein Ge- 
dächtnifs bleibt uns in Ehren. 



Ein Verzeichnifs der Schriften von Richard Lepsius findet sich bei Georg Ebers, 
Richard Lepsius, ein L/ebensbild. Leipz. 1885, im Anhang S. 376 — 390. 



Gedächtni/sreden 1880. 



PHYSIKALISCHE 



ABHANDLUNGEN 






DEB 



KÖNIGLICHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 



AUS DEM JAHRE 
1885. 



MIT 6 TAFELN. 



BERLIN. 

YERLAO DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

1886. 



BCCHDHCCKXREI DER KÖNIGL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (O. TOOT). 



r"-: 



Zur Entwickelimgsgeschichte der Palmenblätter, 



Von 

H" EICHLER. 



Phyt. Ahh. 1885. I. 



Gelesen in der Sitzung der phjsik.-math. Classe am 5. März 1885. 



ü. 



ber die Entwickelung der Palmenblätter haben wir bereits Un- 
tersuchungen von Mohl, Karsten, Tr^cul, Hofmeister und GöbeP). 
Man weifs durch dieselben, dafs die Fieder- oder Fächerform in dieser 
Pflanzengruppe nicht, wie sonst, durch Hervorsprossen freier Segmente 
aus der Rachis zu Stande gebracht wird, sondern dadurch, dafs in einer 
zusammenhängenden Spreitenanlage bestimmte Gewebestreifen absterben. 
Die Einzelheiten des Vorgangs sind jedoch noch nirgends genauer dar- 
gestellt; man kennt wohl verschiedene Details, an einer vollständigen und 
zusammenhängenden Entwickelungsgeschichte aber fehlt es noch, auch 
wurden nur erst wenige Arten untersucht 2). Zum Theil mag dies darin 
seinen Grund haben, dafs zu den Untersuchungen ein reichlicheres Ma- 
terial erforderlich ist, als jenen Beobachtern zur Verfügung stand; da ich 

1) Mohl, Vermischte Schriften (1845) p. 177 Taf. VI pp. — Karsten, die Ve- 
getationsorgane der Palmen (1847) p. 79 ff. Taf. II pp. — Trecul, Ann. des scienc. na- 
turelles ni. Ser. vol. 20 (1853) p. 278 ff. Taf. XIV pp. — Hofmeister, Allgemeine Mor- 
phologie (1868) p. 532. — Göbel, Vergleichende Entwickelungsgeschichte der Pflanzen- 
organe (1883) p. 221 ff. 

') So sagt auch der letzte Autor der über diese Materie gehandelt hat, Gobel 
(1. c. p. 221): Die Entwickelungsgeschichte ist selbst für die wenigen Arten bei denen sie 
untersucht ist, nur sehr lückenhaft bekannt. 



4 Eichler: 

mich nun in dieser Hinsicht durch die Schätze des hiesigen botanischen 
Gartens in günstigerer Lage befand, so schien es mir angemessen, den 
Gegenstand einer erneuten Untersuchung zu unterwerfen. Zwar konnte 
ich nicht erwarten, an dem oben bezeichneten Hauptergebnifs der früheren 
Beobachter etwas Wesentliches abzuändern; aber immerhin durfte es als 
eine nützliche Aufgabe erscheinen, bei einer so ausgezeichneten Pflanzen- 
familie, wie die Palmen es sind, und gerade bei demjenigen Organe, in 
welchem sie ihre hauptsächlichste Schönheit entfalten, die Entstehungs- 
weise des letzteren vollständiger, als es bisher geschehen war, aufzuhellen. 
Wenn dies nun hier ebenfalls nur für eine beschränkte Zahl von Alten 
geschieht, so mag sich das daraus erklären, dafs einestheils auch im hiesi- 
gen botanischen Garten die Mehrzahl der Arten, welche hier cultivirt 
werden, nicht in der hinlänglichen Menge zur Verfügung standen, und 
dafs anderntheils die Verhältnisse der Blattentwickelung sich im Grossen 
und Ganzen so ähnlich erwiesen, dafs es nicht hinlänglich lohnend er- 
scheinen mufste, die Untersuchung, welcher in jedem einzelnen Falle 
mehrere ganze Exemplare geopfert werden mussten, noch weiter auszu- 
dehnen. 

Es wird für die Übersichtlichkeit der Darstellung zweckmäfsig 
sein, zuerst die Entwickelung der fächerförmigen, dann die der fieder- 
förmigen Palmenblätter an einigen ausgewählten Beispielen zu betrachten. 



Zur Eiitwickelungsgeschichte der Palmenblätter. 



L Fächerförmige Blätter. 

1. Pritchardia filifera Hort. 
(Taf. I. Fig. 1—14.) 

Das ausgebildete Blatt hat 20 und mehr Segmente, welche un- 
gefö^hr bis zur Hälfte der Spreite hinabreichen und, wie bei allen Palmen 
aus der Gruppe der Corypheae^ welcher Pritchardia und auch die beiden 
folgenden Gattungen angehören, ihre Mittelrippe nach unten wenden i). Die 
Spitzen der Segmente zeigen sich in Fasern aufgelöst, ihre Ränder mit 
zahlreichen rofshaarähnlichen, weifslichen Fäden besetzt, welche nach der 
Blattoberfläche gewendet meist zu mehreren (2 — 6) übereinanderstehen 
und sich einzeln bis zur Basis der Segmente herunter ablösen lassen. 
Im untern zusammenhängenden Theil der Spreite fehlen solche Fasern, 
und die von den Segmenträndern herunterführenden Kanten erscheinen 
entweder grQn und glänzend oder nur da und dort mit einem weifsen, 
abwischbaren Flaume bedeckt. Ein ähnlicher Flaum, nur in Form von 
lauter kurzen Strichlein vertheilt, findet sich dann auch noch längs der 
beiden Kanten der nach unten gerichteten Mittelrippen. — Der Petiolus 
zeigt an den Rändern einzelne kurze Dömchen; abwärts geht er — wie 
nahezu bei allen Palmen — in eine geschlossene, im Alter zerfasernde 
Scheide über; beim Eintritt in die Spreite bildet er oberwärts eine häu- 
tige, weifsliche, fransig zerfaserte Schuppe, die als Ligula bezeichnet 
werden kann. 

Bei der ersten Anlage erscheint dies Blatt in Gestalt eines stumpfen 
ZellhQgels, seitwärts an dem breiten flachen Vegetationspunkt des Stammes. 
Seine Basis wird rasch stengelumfassend, womit die Anlage der Scheide 
gegeben ist; der Mitteltheil erhebt sich zu einem dicken stumpfen Zapfen 
mit concaver Ventralseite (Fig. 1, 3). Nunmehr wird die Anlage der 

^) Das Dämliche ist aach, soweit Fächerpalmen in Betracht kommen, bei den 
Borassineae der Fall, während in der Gruppe der Mauritieae die Mittelrippen der Seg- 
mente nach oben gerichtet sind. (In der Bezeichnung der Gruppen folgen wir hier und 
Bpäter den Genera plantarum von Bentham und Hook er.) 



6 Eic hler: 

Spreite sichtbar, in Gestalt eines flossenartigen Saumes, der Ober den 
Scheitel jenes Zapfens hin, wo er am breitesten ist, an beiden Rändern 
des letzteren herabläuft und nach unten sich allmälich verliert (Fig. 2). 
Gegen das dicke Podium, aus dem er entspringt und das sich später 
zum Petiolus streckt, erscheint dieser Saum, sowohl auf der Rück- als 
auf der Vorderseite, durch eine leichte Furche abgegrenzt; anfangs schräg, 
wird er durch gefördertes Wachsthum des Podiums auf der Innenseite in 
Bälde nahezu horizontal gestellt (Fig. 4). 

Fast unmittelbar nach seinem Auftreten beginnt nun die Spreiten- 
anlage, in Folge verstärkten Breitenwachsthums, sich der Länge nach zu 
falten, was äufserlich an einer Anzahl Furchen erkannt wird, welche so- 
wohl auf der Rücken- als auf der BatUchfläche sichtbar und auf beiden 
alternirend, vom untern Rande aus vertikal nach oben verlaufen. Sie 
erlöschen jedoch, ehe sie den obern Rand noch erreicht haben, in gleichen 
Abständen von letzterem; es bleibt somit ein continuirlicher Randstreif 
ungefaltet (Fig. 4, 5). Im Übrigen zeigt sich die Faltung in der Mitte 
der Spreitenanlage zuerst und schreitet von hier aus, aber sehr rasch, 
rechts und links nach den Seiten; es kann dies als basipetal bezeichnet 
werden. Die Falten legen sich ganz dicht aneinander und wachsen in 
der Mitte am stärksten, so dass der Querschnitt des ganzes Complexes 
von seiner anfangs oben vertieften Form (Fig. 9) zu einer beiderseits ge- 
wölbten übergeht; das ganze Blatt erhält dadurch eine kegelförmige, mit 
fortschreitendem Wachsthum sich mehr und mehr zuspitzende Gestalt 
(Fig. 6 — 8). Dabei wächst, bis nahe zur Entfaltung, vornehmlich nur 
die Spreite; die Scheide bleibt ganz bedeutend zurück und beim Petiolus 
findet gar kein Längenwachsthum statt, so dafs Spreite und Scheide fast un- 
mittelbar aneinander gi^enzen (Fig. 8). In der Scheide steckt dann allemal 
ein nächstjüngeres Blatt, das mit seiner Spitze aus derselben hervorragt. 

Wenn das junge Blatt etwa 1*"° Länge erreicht hat, so beginnt 
der Procefs, durch welchen die bis dahin noch zusammenhängende Spreite 
in ihre fächerförmigen Segmente zertheilt wird. Er hebt an bei der 
Spitze und an den Flanken und schreitet von da nach abwärts und ein- 
wärts fort; er besteht in nichts weiter, als in einem Absterben und Ver- 
trocknen bestimmter Gewebsparthieen. Die Spitzen der Falten und der 
ungefaltete Randstreif vertrocknen völlig; erstere zerfasern später, letzterer 



Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenblätter. 7 

löst sich in einzelne Flöckchen auf. Beim Haupttheile der Spreite, der 
während dieses Desorganisationsprocesses beständig von unten her fort- 
gebildet wird, findet aber das Vertrocknen nur an den nach vorn ge- 
richteten Kanten (den „Oberkanten^) statte alles andere bleibt intakt. 
Vor dem Vertrocknen hatten sich bereits die Gefäfsbündel differenzirt 
(Fig. 10, 11), und zwar in den absterbenden Theilen mit besonders star- 
kem Sklerenchymbelag; dieselben sterben daher zwar gleichfalls ab, ver- 
hindern aber ein Verschrumpfen des Ganzen, die abgestorbenen Kanten 
bleiben vielmehr ziemlich vollständig in Gestalt und Gröfse erhalten 
(Fig. 12, 13). 

Wenn nunmehr das Blatt aus der Knospe hervortritt, in Folge 
Streckung der zum Petiolus werdenden Region zwischen Scheide und 
Spreite, und wenn sich die Lamina ausbreitet, so reifsen die Spreiten- 
falten an ihren abgestorbenen Oberkanten auseinander und stellen nun 
die Segmente dar, deren Mittelrippen aus den intakt gebliebenen Unter- 
kanten gebildet werden. Die abgestorbenen Oberkanten aber werden, 
indem sie sich von den freigewordenen Segmenträndern ablösen, zu jenen 
rofshaarähnlichen Fäden, nach welchen Pritchardia fdifera benannt ist. 

Das Absterben ergreift nicht nur die eigentlichen Ecken der Ober- 
kanten bis hinein zum Innenwinkel, sondern auch — wenigstens bei etwas 
entwickelteren Blättern — noch ein angrenzendes Stück der beiden die 
Kante bildenden Lamellen. Es kann dasselbe ein oder mehrere Gefäfs- 
bündel enthalten (mehr als 6 habe ich indefs nicht beobachtet); diese 
grenzen sich dann durch das Vertrocknen des umgebenden Parenchyms 
rosenkranzförmig gegen einander sowie gegen das EckstOck ab und bilden 
nachher beim entfalteten Blatte die mehrfachen Fasern, welche jeder 
Segmentrand zeigt. Da sich dieselben, je weiter sie nach innen liegen, um 
so weniger tief vom Segmentrande trennen, so stehen die Fäden, nach 
oben kleiner werdend, etagenweise über einander, lassen sich aber alle- 
sammt, wie schon oben gesagt, bis zum Grunde herunter ablösen. Die aus 
der Kante selbst hervorgegangene Faser ist die dickste, die übrigen haben 
unter sich ziemlich gleiche Stärke ; erstere zeigt aufserdem auf dem Quer- 
schnitt oft Spitzen, Zacken u. dgl. (cf. Fig. 12, 13), welche erst beim 
Vertrocknen zu Stande kommen und wohl von ungleicher Schrumpfung 
des Gewebes, sowie von einer geringen Pubescenz herrühren. 



8 Eichler: 

Die Kanten der Segmente bilden gegen das vertrocknende Rand- 
gewebe hin keine neue Epidermis; sie reifsen einfach von demselben ab, 
zeigen infolgedefs unter dem Mikroskop kleinzackige Contouren (Fig. 14) 
und bei Betrachtung mit freiem Auge eine weifsliche, borkige Beschaffenheit. 

Im untern, zusammenhängenden Theil der Spreite, der bei dem 
basipetalen Wachsthum zuletzt gebildet wird, findet jene Desorganisation 
der Oberkanten nicht oder doch nur in unvollkommener Weise statt, so 
dafs sich hier die Segmente nicht von einarider trennen. Der abwisch- 
bare Flaum, der sich hin und wieder an denselben und regelmäfsiger 
noch an den Unterkanten (Mittelrippen der Segmente) findet, rührt von 
einer vertrockneten Pubescenz her, welche sich in den, zwischen den 
Spreitenfalten verbleibenden kleinen Ecken zu entwickeln pflegt. 

Bei jungen Pflanzen zeigen die Blätter noch keine Theilung, um 
dann durch Mittelstufen — Trennung einzelner Segmente — zur voll- 
ständigen Segmentirung erwachsener Blätter Oberzugehen; ein bei allen 
Palmen mit getheilten Blättern wiederkehrendes Verhalten. Es braucht 
kaum bemerkt zu werden, dafs ein Unterbleiben der Theilung seinen 
Grund in unterbliebenem Absterben der Faltenkanten hat; sonst ist in 
der Entwickelung kein Unterschied. Doch entbehren jüngere Blätter von 
Pritchardia filifera auch der Petiolardornen und der Ligula; was die Ent- 
wickelung dieser Theile anbelangt, so erscheinen beide erst spät, die 
Ligula indefs schon bei einem Blatte, das noch keinen Petiolus hat, wäh- 
rend die Petiolardornen natürlich erst auftreten, wenn sich jener ent- 
wickelt. Beide stellen Emergenzen dar. 

Noch ein Wort Ober den Mechanismus der Blattentfaltung. Die- 
selbe wird bewerkstelligt durch ein Gewebe, das sich im Innenwinkel 
der Unterkanten und beim zusammenhängenden Theil der Spreite auch 
im Innenwinkel der Oberkanten differenzirt. Es besteht aus ziemlich 
weiten, zur Oberfläche des Blattes gestreckten, nach dem Innenwinkel 
der Falten mehr weniger convergirenden Zellen mit farblosem Safte. 
Dies Gewebe wird erst deutlich, wenn das Blatt sich der Entfaltung 
nähert; durch die dann plötzlich erfolgende Vergröfserung seiner Zellen 
wird die Falte auseinandergebogen. Es fand sich bei allen Palmen wieder, 
welche darauf untersucht wurden; bei manchen, z. B. Livistona australisy 
ist es von dünnen Sklerenchymsträngen durchzogen. 



Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenbldtter. 9 

Die ganze Entwickelung des Blattes verläuft in der Knospe ziem- 
lich langsam, dann aber rasch , so dafs man von Blättern, die aus der 
Knospe hervorgetreten sind, nur 2 oder 3 in verschiedenen Ausbildungs- 
stadien, innerhalb der Knospe aber eine gröfsere Anzahl in allmälichen 
Abstufungen vorfindet. 



2. Ltvtstona australis Mart. 

(Taf. L Fig. 15—19, Taf. IL Fig. 20 — 23.) 

Das Blatt dieser Art, mit welcher in der Hauptsache auch Livi- 
stona chinensis R. Br. Obereinstimmt, weicht von Pritchardia filifera 
hauptsächlich nur dadurch ab, dafs es der roIShaarartigen Fasern jener 
Palme entbehrt und entweder glatte oder nur hier und da mit einem dün- 
nen Fädchen versehene Segmentränder, sowie unzerfaserte Spitzen besitzt. 
Aulserdem ist der Petiolus mit stärkeren und zahlreicheren Dornen be- 
wehrt und die Ligula von derberer Consistenz. 

Die ersten Entwickelungsstadien gleichen im Wesentlichen denen 
von Pritchardia (cf. Fig. 15 — 19), nur dafs die Ligula hier schon früh- 
zeitig, bald nach Anlage der Spreite, in Gestalt eines concaven dicken 
Auswuchses auf deren Innenseite sichtbar wird (Fig. 20 bei /). In der Folge 
besteht der Hauptunterschied gegenüber Pritchardia darin, dafs das Ab- 
sterben der Oberkanten sich nur bis zum Innenwinkel, nicht jedoch auf die 
Lamellen selbst fortsetzt, sowie in der schwächern Ausbildung des die Ober- 
kante durchziehenden Gefäfsbündels (Fig. 21), wodurch bewirkt wird, dafs 
die absterbende Ecke viel mehr, als bei jener Art zusammenschrumpft 
(Fig. 22). Bei der Entfaltung der Segmente bleibt sie gewöhnlich an dem 
einen der freiwerdenden Ränder als weifslicher Streif haften oder löst sich 
auch hin und wieder als dünne Faser ab; der andere Rand erscheint glatt 
und läfst nur unter dem Mikroskop durch Unterbrechung der Epidermis 
und Vertrocknen des an der Unterbrechungsstelle gelegenen Gewebes den 
ursprünglichen Zusammenhang noch erkennen (Fig. 23). 



Phys. Abh. 1885. L 



10 Eichler: 



3. Chamaerops humilis L. 

(Taf. II. Fig. 24 — 35, Taf. III. Fig. 48, 49.) 

Das Blatt hat hier aufser der ventralen Ligularschuppe auch noch 
eine dorsale Excrescenz am Eintritt des (unbewehrten) Petiolus in die 
Spreite, oft eingebuchtet oder halbirt, kleiner als die Ventral schuppe und 
zuweilen kaum angedeutet; auch die Ventralschuppe ist mitunter nur sehr 
schwach entwickelt. Am entfalteten Blatte erscheinen die Segmentränder 
ganz glatt und ohne Fasern; sie haben auch eine Epidermis, die sich 
ohne Unterbrechung in die Flächenoberhaut der Segmente fortsetzt, 
jedoch nach Göbel der Spaltöffnungen entbehren soll. Tritt das Blatt, 
noch zusammengefaltet, aus der Knospe, so zeigt es sich mit einem weifs- 
lichen, abwischbaren Flaum bedeckt; bei der in den Gärten als Chamaerops 
macrocarpß gehenden Varietät pflegt derselbe schwächer zu sein und kann 
auch ganz fehlen. 

Die ersten Stadien der Blattentwickelung zeigen uns die junge 
Spreite zwischen den beiden Ligularschuppen bald fast versteckt, bald 
mehr weniger hervorragend (Fig. 25, 27), sowie eine reichliche, nament- 
lich von der Spreite ausgehende, zottig-filzige Behaarung; sonst ist alles 
in der Hauptsache wie bei den vorhergehenden Arten (vgl. Fig. 24 — 29 
nebst der Erklärung). Die beiden Ligularschuppen werden von der sich 
kräftig entwickelnden Spreite rasch überholt und bleiben, relativ immer 
kürzer werdend, an deren Basis zurück (cf. Fig, 29 a, 6)^). 

Der wichtigste Unterschied, der sich im weiteren Verlaufe der 
Entwickelung bei Chamaerops gegenüber von Pritchardia und Livistona 
zeigt, besteht darin, dafs das absterbende Gewebe der Oberkanten der 
Spreitenfalten nicht vertrocknend erhalten bleibt, sondern sammt der 
Behaarung verschleimt und bis auf geringe flockige Reste verschwindet. 
Dies beginnt schon frühe, wenn das Blatt noch ganz cambial ist; die 
absterbenden Oberkanten haben demnach hier auch keine Gefäfsbündel 
(cf. Fig. 31 — 33). Das intakt bleibende Gewebe der Lamellen differenzirt 

^) Göbel (Vergl. Entwickelungsgesch. p. 222) sagt, dafs sie später Vertrockne- 
ten und abfielen; doch findet nur das erstere statt, namentlich an den Rändern, ein Ab- 
fallen nicht. 



n 



Zur Entwickelungsgeschtckte der Palmenblätter. 11 

nunmehr am Rande eine Epidermis, welche in die, ebenfalls jetzt erst 
sichtbar werdende Oberhaut der Seitenflächen continuirlich übergeht 
(Fig. 34, 35, auch Taf. IIL Fig. 48, 49 nebst der Erklärung). 

Die von dem zerstörten Gewebe herrührenden Flöckchen sind bei 
der Entfaltung des Blattes noch wahrnehmbar, um dann allmälich zu 
verschwinden. Es wurde schon bemerkt, dafs sie bei der Varietät ma- 
crocarpa schwächer zu sein pflegen, oder auch ganz fehlen ; hier ist denn 
auch die an&ngliche Behaarung meist geringer, als bei der gewöhnlichen 
Form (s. Fig. 25 — 27). Die Haare stellen im Übrigen lange, gegliederte 
Schläuche dar, die zu einem dichten Filz verflochten sind. 

Bei jüngeren Blättern wird nur ein kleiner Theil der Oberkanten 
soweit desorganisirt, dafs die Fächerstrahlen frei werden, bei mittelgrofsen 
alle oder doch die meisten, bei noch weiter entwickelten geschieht es 
auch mit einem Theile der Unterkanten, so dafs die betreffenden Segmente 
nochmals, nur minder tief herunter, sich spalten. Auch hier wird dann 
eine Epidermis an den Segmenträndei'n gebildet, wodurch man derart 
freigewordene Abschnitte von solchen unterscheiden kann, die sich — 
was ebenfalls vorkommt — durch mechanische Zerreifsung des Gewebes 
längs der Mittelrippe getheilt haben. 

Die Blattentwickelung von Chamaerops humilis ist vordem schon 
von Tr^cul (Ann. sc. nat. 3. Ser. vol. XX p. 278) beschrieben worden; 
über den interessantesten Punkt, die Bildung der Fächerstrahlen, hat sich 
Tr^cul jedoch nicht ausgelassen. Auch läfst er die Spreite unter einem 
behaarten Häutchen (^pelltcule) sich bilden, welches seinerseits von der 
Ventral - Ligula den Ursprung nehmen und durch das Längenwachsthum 
der Spreite von ersterer abgelöst werden soll; wahrscheinlich hat hier 
Tr^cul das verschwindende Gewebe der Blattoberseite im Auge gehabt. 



12 Eichler: 



n. Fiederförmige Blätter. 
4. Phoenix spinosa Thonn. 

(Taf. III. Fig. 36 — 47.) 

Die Fiedern, zu beiden Seiten einer kräftigen, unterseits dickeren 
Rachis eingefügt und dieselbe mit einem Endblättchen beschliefsend, sind 
hier, wie bekanntlich in der Gattung Phoenix überhaupt, derart gefaltet, 
dafs ihre Mittelrippe nach unten schaut. Bei der Entfaltung des Blattes 
löst sich am Rande ein, die Spitzen der Segmente verbindender weifs- 
licher Gewebestreifen ab und ähnliche, nur schmälere, gleichfalls sich ab- 
lösende Streifen zeigen sich auch an den Rändern der einzelnen Segmente. 
Aufserdem bemerkt man an den Kanten der Rachis, sowie in der Mitte 
ihrer Oberseite und unterwärts an der Mittelrippe der Segmente, Streifen 
weifslicher Flöckchen ; im Übrigen behalten auch diejenigen Stellen, längs 
welcher sich die zusammenhängenden Fasern abgelöst haben, eine weifs- 
liche, borkige Beschaffenheit. 

Die untersten Fiedern erscheinen reducirt und mehr weniger ver- 
dornt, die folgenden oft paarweise an derselben Seite der Rachis einander 
genähert und dann die eine nach vorn, die andere nach hinten gerichtet; 
die obern Segmente liegen gewöhnlich in der nämlichen (Transversal-) 
Ebene und haben untereinander gleiche Abstände. Die Rachis geht fast 
ohne Petiolus zur Scheide über; eine Ligula oder ähnliche Bildung ist 
nicht vorhanden, wie eine solche auch bei den weiterhin zu beschreiben- 
den Arten fehlt ^). 

Bei der Entstehung stellt das Blatt auch hier einen stumpfen con- 
caven Höcker dai', der zunächst durch Umwachsen der Axenspitze die 
Scheide anlegt (Fig. 36) und gleich darauf auch die Spreite in Gestalt 
eines flossenartigen S;aumes, der über den Scheitel hin am breitesten, 

^) Eine Ligalarbilduog ist überhaupt bei fiederblättrigen Palmen nur selten an- 
zutreffen; doch zieht sich z. B. bei Desmoncus die Scheide über der £x8ertion des Petio- 
lus Ochrea-artig empor. Cf. Drude in der Flora Brasiliensis. 



Zur Eniwickelungsgeschtckte der Palmenblätter. 13 

nach abwärts sich verliert (Fig. 37). Auf diesen frühesten Stadien gleicht 
das Blatt ganz dem der oben beschriebenen Fächerpalmen, nur dafs die 
Rachis sich höher am Rücken hinaufzieht und die Spreite somit ihre 
schräg absteigende Anfangsrichtung beibehält. 

Sofort nach Anlage der Spreite beginnt denn auch wieder ihre 
Faltung (Fig. 38). Dieselbe erfolgt basipetal, wobei ein Randstreif un- 
gefaltet bleibt — alles wie bei Pritchardia. Die Falten, in der Mitte der 
Spreite vertikal, an den Flanken schräg nach oben strebend, stellen sich 
im Allgemeinen parallel von vorn nach hinten (Fig. 41 — 43); wo die 
Rachis zwischen sie hineinragt, werden sie durch dieselbe in zwei, nach 
hinten divergirende Packete gesondert (Fig. 43, 45) In diesem untern 
Theil der Spreite bleiben die Oberkanten der Falten frei voneinander 
(Fig. 45); oberwärts verschmelzen sie zu einer continuirlichen Schicht 
(Fig. 41-44). Im Übergang der obem zur untern Parthie wird diese 
Schicht zuerst in der Mitte unterbrochen, entsprechend dem „foliolum ter- 
minale^ (Pig* ^^)9 dann auch weiter nach aufsen hin (Fig. 43), bis zu- 
letzt sämmtliche Oberkanten getrennt erscheinen (Fig. 45). 

Ehe nun noch die Falten sehr tief geworden sind, zu einer Zeit 
etwa, wo das ganze junge Blatt eine Länge von Y"^ erreicht hat, beginnt 
der die Falten trennende Desorganisationsprocefs. Er hebt an am un- 
gefolteten Randstreifen (Fig. 41, 42) und geht dann nach der Mitte 
des Blattes weiter; in der Längsrichtung verläuft er basipetal. Zuerst 
vertrocknet die Pubescenz, die sich namentlich am Randstreif und innen 
an der Rachis, doch auch auf den Aufsenkanten der Falten entwickelt 
hatte; es bleiben davon nur flockige Reste übrig, die namentlich in den 
Winkeln zwischen den Unterkanten der Falten und auf der Oberseite 
der Rachis angetroffen werden und beim entwickelten Blatte die FlOck- 
eben bilden, von welchen oben die Rede war. Das Gewebe der Falten 
selbst, und zwar wiederum an den Oberkanten, verändert sich in der von 
Pritchardia her bekannten Weise; es sind aber lediglich nur die eigent- 
lichen Ecken, welche abstarben, seltner geschieht es auch mit einem an- 
grenzenden Glied der Lamelle (Fig. 45 bei x). Im untern Theile der 
Spreite sehen wir nunmehr nach dem vorhin Gesagten die abgestorbenen 
Kanten getrennt von einander, auf dem Querschnitt als dreieckige Kappen 
den einzelnen Lamellenpaaren aufgesetzt (Fig. 45); oberwärts fliefsen 



14 Eichler : 

sie zu einer continuirlichen oder nur in der Mitte unterbrochenen Schicht 
zusammen (Fig. 44). Dies ist die Schicht, von welcher schon Mo hl 
spricht, deren Herkunft aber weder von ihm noch späterhin von Göbel 
deutlich erkannt wurde ^). Sie zeigt, correspondirend mit den einzelnen 
Lamellenpaaren welche in sie einmünden, GefäXsbQndel, die sich abwärts 
in die isolirten Faltenkanten fortsetzen (cf. Fig. 43, 45 — 47); sie sind 
jedoch schwächer als bei Pritchardia und zuweilen, namentlich im obern 
Theil der Spreite, kaum angedeutet. 

Bei der Entfaltung des Blattes werden die abgestorbenen Ober- 
kanten von den zugehörigen Lamellenpaaren abgerissen und in Gestalt 
weifslicher Fasern abgeworfen; die Schicht, in welche sie oberwärts zu- 
sammenlaufen, wird dabei ebenfalls in Fasern zerlegt, wie sie den ein- 
zelnen constituirenden Falten entsprechen. Die Lamellen werden somit 
vorderseits sämmtlich von einander frei, hinten bleiben sie paarweise in 
Verbindung und diese Paare sind wiederum die Segmente, die ihre Mittel- 
rippe somit nach unten gewendet haben. Die freigewordenen Segment- 
ränder zeigen gewöhnlich in Folge des Abreifsens von den abgestorbenen 
Kanten eine breitere oder schmälere Unterbrechung der Epidermis mit 
todtem Gewebe an der ünterbrechungsstelle (ähnlich fast wie bei Livi- 
stona^ s. Taf. II, Fig. 23), doch kommt es auch vor, dafs sie eine voll- 
ständige Epidermis besitzen, in welchem Falle die letztere an der Tren- 
nungsstelle nachträglich gebildet sein mufs. 

Bei gröfseren Blättern theilen sich oft die Segmente nachträglich 
auch längs der Mittelrippe, im einzelnen Segment gewöhnlich von der 
Basis aus nach der Spitze hin. Dies geschieht dann stets nur durch 
mechanisches Zerreilsen des Parenchyms der Unterkante neben dem Ge- 
fäfsbündel her und hat nicht, wie bei Chamaerops^ seinen Grund darin, 
dafs auch die Unterkanten abzusterben vermögen. 



^) Göbel (Vergl. £ntwickelung8geBchichte p. 223) läfst es dahiDgestellt, ob sie 
auf die oben angegebene Art, oder durch Verwachsung der Oberkanten mit dem einge- 
schlagenen Blattrande resp. einer Wucherung desselben, oder durch Verwachsung mit 
einer von der Blattbasis her sich entwickelnden Schuppe entsteht. 



Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenbldtter. 15 

5. Caryota urens L. 

(Taf. V. Fig. 61 — 66.) 

Hier zeigen die Blätter, wenigstens die gröfseren, doppelte Piede- 
rung, während kleinere oft nur einfach gefiedert sind. Die im Allgemeinen 
rhombischen Segmente haben neben einer, nach abwärts gerichteten Mittel- 
rippe noch mehrere schwächere, fächerförmig von unten ausstrahlende 
Seitenrippen ; die Ränder, unregelmäfsig gezackt und gezähnt, werden bei 
der Entfaltung von ablösbaren Fasern eingesäumt, auch finden sich solche 
da und dort an den Rippen der Rückseite. 

Anfangsstadien (Fig. 61 — 62) gleichen im Allgemeinen denen von 
Phoenix^ nur ist die Zahl der Falten geringer, auch gehen letztere bis 
fast zum Rande, so dafs nur ein ganz schmaler Saum ungefaltet bleibt. 
Pubescenz wird nicht gebildet. Die Scheide besitzt nur eine ganz kleine 
Öffnung (Fig. 62 bei x). 

Die Falten der Spreite liegen anfangs glatt nebeneinander (Fig. 63, 
64); ihr Flächen wachsthum ist jedoch so energisch, dafs sie sich bald zu 
verbiegen beginnen; „da der Raum zur planen Entfaltung mangelt (weil 
das junge Blatt in der Scheide des nächstältern eingeschlossen ist), knicken 
sich die Blattflächen mehr und mehr ein; endlich zeigt der Querschnitt 
ein vielfach gebogenes System von Faltungen, die alle auf einer der 
Rippen (der Hauptrippe) oder auf einer der Seitenrippen erster oder 
zweiter Ordnung spitzwinkelig sind" (Hofmeister, vergl. Morphol. p. 532). 
Aufsen sieht man jedoch von diesen Biegungen nichts; hier laufen die 
Falten glatt nebeneinander herunter; auch hängt ihr Gewebe noch aller- 
wärts zusammen (Fig. 65). Die nach der Rückseite gerichteten Kanten 
sind die dicksten und bilden sich unter Auftreten starker Gefäfsbündel 
zu den Mittelrippen aus; die Nebenrippen entstehen aus Vorsprüngen, 
welche im Innern der zusammengefalteten Spreite gelegen sind ; die Kanten 
an der Oberseite bleiben alle unverdickt (Fig. 66). Endlich, wenn das 
Blatt sich schon zur Entfaltung anschickt, sterben die an der Oberseite 
gelegenen Kanten ganz oder gröfstentheils ab, unter ZurOcklassung trocke- 
ner, weifslicher, mehr oder weniger zerfaserter Gewebsstreifen ; auch im 
Innern der Spreite sieht man da und dort, wie unter gleichen Erschei- 
nungen sich einzelne Faltenecken von einander trennen (Fig. 66); an der 



16 Eichleb: 

freien Rückseite jedoch findet nur ein theilweises Absterben des Gewebes 
statt, zur Zertheilung der Faltenecken kommt es hier nicht (Fig. 66). Es 
braucht nun kaum gesagt zu werden, dafs auf diese Art das Blatt zu- 
nächst in eine Anzahl primärer Segmente und diese dann wieder in secun- 
däre zertheilt werden, sowie dafs die todten Gewebestreifen nachher die 
Fasern an den Segmenträndern und auf den Rippen der Rftckenseite 
bilden; doch läfst sich bei den labyrinthischen Faltungen des jungen 
Blattes und der leichten Zerreifsbarkeit seines Gewebes der Procefe kaum 
noch weiter in die Einzelheiten verfolgen. Auch kann ich nur vermuthungs- 
weise aussprechen, da(s die Zacken und Zähne an den Segmenträndern 
von dem geknickten Verlaufe der Falten herrühren, nicht aber etwa von 
einem nachträglichen Wachsthumsvorgang , wie man vielleicht glauben 
möchte, wenn man sieht, dafs diese Zacken und Zähne bei entfalteten 
und geglätteten Segmenträndern keineswegs mehr an einander hinpassen. 

Die freigewordenen Segmentränder sind immer, wenn auch zu* 
weilen nur an der äufsersten Ecke, ohne Epidermis; die Rückenkanten 
jedoch bilden eine solche auch dann, wenn ihr äufserstes Gewebe des«- 
organisirt wurde. — 

Ähnlich wie Caryota verhält sich auch Wcdlichia^ soweit hier nach 
dem fertigen Zustand ein Urtheil gestattet ist; nur sind in dieser Gattung 
die Blätter immer blos einfach gefiedert. Martinezia und Irtartea dürften 
sich von WalHchia wesentlich nur durch die nach rückwäi-ts gefalteten, 
also ähnlich wohl wie in den folgenden Beispielen zu Stande kommenden 
Segmente unterscheiden. 

6. Cocos Romanzoff iana Cham. 

(Taf. IV. Fig. 50 — 60.) 

In der Gattung Cocos^ von der ich aufser der genannten Art auch 
noch C Weddelliana Wendl. soweit untersuchte, um mich von der üeber- 
einstimmung beider in Bezug auf die Blattentwickelung zu überzeugen, 
sind die Segmente mit ihrer Mittelrippe nach oben gewendet, ein Merk- 
mal, das sämmtlichen Palmen aus der Unterfamilie der Areceae^ mit Aus- 
nahme nur der Caryotideae^ gemeinsam ist. Ihre Ränder sind mit voll- 
ständiger Epidermis bekleidet und mit einem Streifen feiner, faseriger, 



Zur Entwtckelungsgeschichte der Palmenbldtter. 17 

weifslicher Flöckchen ; die Spitzen werden vor der Entfaltung durch einen 
nachher zerreiisenden und verschwindenden Randstreifen von gleichfalls 
faserigem, weifelichen Ansehen zusammengehalten. Die obersten Segmente 
hängen bei jüngeren und mittelgrofsen Pflanzen zu einer ungetheilten oder 
auch 2- und 3 spaltigen Endspreite zusammen, bei älteren sind sie eben- 
falls gesondert. 

Die jüngsten Stadien gleichen denen von Phoenix spinosa (Fig. 50 
u. ff.), nur sind die Falten viel zahlreicher und enger, nahezu horizontal 
gestellt und es fehlt die Pubescenz. Die lang hinauflaufende Rachis 
schiebt sich zwischen die Falten der rechten und linken Seite in Gestalt 
einer nach vorn zngeschärften , dicken Schneide hinein, derart, dafs die- 
selben im Jugendzustande völlig von einander geschieden sind (Fig. 536, 
54c, 55c bei r); erst späterhin wachsen die, bei fortschreitender Ent- 
Wickelung zugleich mehr und mehr sich aufrichtenden Falten soweit nach 
oben vor, dafs sie in einem spitzen Winkel aufeinander stossen (Fig. 60). 
Die Oberkanten kommen daher hier nicht an die freie Aufsenfläche der 
im Querschnitt eiförmigen Blattanlage zu liegen, die Aufsenfläche wird 
vielmehr nur von den nach rückwärts gerichteten Kanten eingenommen. 
Indem nun der Desorganisationsprocefs, wie dies ja auch in den vorher- 
gehend beschriebenen Beispielen allermeist der Fall war, blos an der 
Aufsenseite der gefalteten Spreite vor sich geht, so erklärt sich, dais 
hier bei Cocos die Vorderkanten der Falten unverändert bleiben und blos 
die Hinterkanten gelöst werden, mithin die freigewordenen Segmente 
ihre Mittelrippe nach oben zeigen. 

Der Desorganisationsprocefs an den Unterkanten der Spreitenfalten 
ist hier von gleicher Art, wie wir ihn bei Chamaerops kennen gelernt 
haben; das Gewebe lockert sich auf, verschleimt und verschwindet bis 
auf jene faserig flockigen Restchen, welche man nachher an den Segment- 
rändern vorfindet. Da das schon frühzeitig geschieht, wenn das Spreiten- 
gewebe noch ganz meristematisch ist und eben erst die Gef&fsbündel auf- 
treten, so bilden auch hier die Segmentränder eine neue, mit der Flächen- 
oberhaut in Continuität stehende Epidermis (cf. Fig. 55c, 57, 58, sowie 
59 a und b nebst den Erklärungen). 

Mo hl hat die Blattentwickelung bei Cocos flexuosa Mart. unter- 
sucht, jedoch den Trenn ungsprocefs der Segmente nicht näher verfolgt. 

Phyg. Abh. 1885. I. 3 



18 Eichler: 

Er sagt darüber nur Folgendes (Verm. Sehr. p. 177, 178): „Zwischen 
der verdickten Mitteh-ippe und dem Blattrande bildet sich eine flache 
Furche, auf deren Grunde man bei weiterer Entwickelung nahe anein- 
anderliegende, etwas vertiefte Querstreifen, jedoch noch mit völligem Zu- 
sammenhang des Blattgewebes sieht. Später findet man diese Querstreifen 
in schmale Spalten verwandelt, welche bei Cocos ßexuosa die ganze Dicke 
des Blattes durchdringen, so dafs sie auf der untern und obern Blatt- 
fläche gesehen werden. Die weitere Entwickelung zeigt, dafs sich der 
zwischen je zwei Spalten liegende Theil zu einem Fiederblättchen aus- 
bildet und auf einem Querschnitte oder noch besser auf einem Längs- 
schnitte erkennt man, dafs diese Fiederblättchen zusammengefaltet sind 
und dafs die Mittelrippe, in welcher die Faltung geschieht, bei Cocos in 
der oberen Blattfläche liegt, so dafs also auf der untern Blattfläche dop- 
pelt so viele Spalten als auf der obern sichtbar sind". Weitere Unter- 
suchungen Ober die Cocos-Blätter lagen bis dahin nicht vor. 



7. Chamaedorea oblongata Mart. 

(Taf. V. Fig. 67 — 72.) 

Die wenig zahlreichen Segmente sind auch hier nach oben ge- 
faltet, aber schwächer als bei Cocos ^ und haben aufser der Mittelrippe 
noch einige kräftigere, mit derselben parallele Nebenrippen. Sie zeigen 
an den Rändern einen feinen weifslichen Streifen: ein die Spitzen ver- 
bindender Randstreif ist jedoch nicht vorhanden. Ihre Anlage erfolgt 
mit Querfalten, die hier aber nicht in basipetaler Folge entstehen, son- 
dern, wie es auch Trecul für Chamaedorea Martiana angiebt, akropetal 
oder richtiger etwas „divergirend", indem sich nach den zuerst ent- 
standenen auch nach abwärts noch einige Falten bilden (Fig. 67 — 69). 
Die Stellung der sich vergröfsernden Falten zur Rachis ist im Allgemeinen 
wie bei Cocos; die Oberkanten stofsen Ober der Rachis im Winkel auf- 
einander, an der freien Aufsenfläche des jungen Blattes liegen nur die 
ünterkanten. So werden denn nachher auch wieder nur diese gespalten, 
die Oberkanten bilden die Mittelrippen. Die Spreitenlamellen bleiben 
jedoch hier nicht flach, wie bei Cocos, sondern sie biegen sich in Folge 



Zur Entwickelungsgeschtchte der Palmenhlätter. 19 

beträchtlichen FlächenwachsthumB hin und her, jedes Lamellenpaar ge- 
wöhnlich mit 3 oder 4 Knickungen, in deren VorsprOngen sich dann, wie 
bei Caryota^ die Nebenrippen entwickeln (Fig. 70, 72). Das absterbende 
Gewebe der ünterkanten (Fig. 71) verschwindet auch hier bis auf ganz 
unbedeutende Reste; die freigewordenen Segmentränder stellen jedoch 
keine complete Epidermis her, sondern zeigen, ähnlich wie Lwistona, am 
äuüsersten Ende eine Unterbrechung der Oberhaut und eine todte Stelle, 
die in Form jenes oben erwähnten weifslichen Streifens den Segmentrand 
begleitet. — Der Mangel eines die Spitzen der Segmente verbindenden 
Randstreifens rührt hier davon her, dafs die Falten der jugendlichen 
Spreite bis zum Rande selbst vordringen, und nur einen ganz feinen, 
bald verschwindenden Saum ungefalteten Gewebes Obrig lassen (s. Fig. 68). 

Über die Entstehung der Segmente äufsert sich Tr6cul für Cha- 
maedorea Martiana folgendermafsen (1. c. p. 310): „Les sillons transversaux 
.... s'enfoncent graduellement dans IHnt^rieur du bourrelet (der Spreiten- 
anlage), jusqu'ä ce que ceux qui sont partis du cöt^ interne arrivent au 
c6t6 oppos^ et y determinent une rupture, tandis que ceux qui vont de 
l'ext^rieur ä Tinterieur s'arr^tent avant d'arriver ä la face interne". Träcul 
stellt sich hiernach vor, dafs die Innenwinkel der Unterkanten sich in 
eine das Gewebe durchdringende Spalte fortsetzen; dafs die Trennung 
durch Zerstörung des Gewebes der ünterkanten hervorgebracht wird, hat 
er demnach nicht erkannt. Wenn er an anderen Stellen bemerkt, dafs 
sich die Segmente der Palmenblätter überhaupt in einer durchscheinenden, 
gelatinösen Substanz entwickelten, welche nachher vertrocknete und mit 
kleinen Flöckchen abfiele, so hat er offenbar das in Desorganisation be- 
griffene KAntengewebe im Auge, das ihm somit zwar nicht entgangen, 
aber bezüglich seiner Herkunft unklar geblieben ist. 

Mit Chamaedorea Obereinstimmend bezüglich der Form, Knospen- 
lage, Beränderung und jedenfalls auch Entstehung der Segmente verhält 
sich Calamus adspersus Bl. Nur setzt sich hier bei altern Blättern die 
Rachis weit Über die Segmente hinaus fort in Gestalt eines langen, 
peitschenartiges Stieles, der auf der Rückseite zusammt dem untern Theile 
der Rachis mit abstehenden, harten, meist 2 — 3 spitzigen Dornen besetzt 
ist — bekanntlich der Apparat, mittelst dessen die kletternden CalarmtS" 
Arten sich festhalten. Diese Dornen sind hier, wie in andern Fällen, 



20 E I c H L £ R : 

wo sie an Rachis und Petiolus auftreten, Emergenzen, welche anfangs, 
wenn das Blatt noch geschlossen ist, der Rachis dicht nach aufwärts an- 
gedrückt sind, so dafs das Blatt sich ungehindert aus der Knospe heraus- 
schieben kann. Hiergegen stellen die Dornen am Rachisende von Des- 
moncus erhärtete Blattsegmente dar, wie zwar nicht gerade entwickelungs- 
geschichtlich , wohl aber durch die ganze Configuration, durch Übergänge 
und andere Merkmale aufser Zweifel steht. 



IIL Rückblick. 

Ein Überblick Ober die im Vorstehenden beschriebenen Ent- 
wickelungs Verhältnisse ergiebt zunächst folgende, für alle Palmen — so- 
weit sie untersucht wurden — gemeinsamen Züge: 

1. Zuerst entsteht die Rachis mit der Scheide; sodann erscheint 
die Spreite in Gestalt einer flossenartigen Ausbreitung am Rande der 
Rachis. — Wo ein Petiolus vorkommt, bildet sich derselbe erst intercalar 
bei Entfaltung des Blattes; die Ligula, wo sie begegnet, hat den Cha- 
rakter einer Emergenz. 

2. Die Spreite bildet sofort nach ihrem Auftreten in Folge über- 
wiegenden Breitenwachsthums dicht aneinanderliegende Falten, welche bei 
verkürzter Rachis (Fächerblättern) als Längsfalten, bei gestreckter Rachis 
(Fiederblättern) zunächst als Querfalten erscheinen. 

3. Durch Absterben bestimmter Kanten dieser Falten wird die 
Spreite in Segmente zerlegt, die bei Entfaltung des Blattes sich von ein- 
ander trennen. 

Nach den verschiedenen Arten, resp. Gattungen der Palmen, zeigen 
sich in Hinsicht des Absterbens wieder folgende Besonderheiten. 

a. Nur die Oberkanten der Spreitenfalten sterben ab, die Seg- 
mente haben daher ihre Mittelrippe nach unten: Pritchardia, Livtsiond, 
Chamaerops z. Th., Phoenix. 



Zur Entwtckelungsgeschichte der Palmeiiblätter. 21 

b. Nur die Unter kanten sterben ab, die Segmente haben daher 
ihre Mittelrippe nach oben: Cocos^ Chamaedorea^ (hlamus. 

c. Sowohl die Ober- als die Unterkanten sterben ab, die Segmente 
haben daher gar keine Mittelrippe, resp. Mittelfalte: Chamaerops z* Th. 

d. Aufser den Oberkanten sterben auch noch seitliche Kanten 
der mehrfach gefalteten Lamellen ab, die Segmente werden dadurch fie- 
berig getheilt: Caryota. 

In Bezug auf das Verhalten der absterbenden Kanten zeigen sich 
als bemerkenswertheste Modificationen : 

a. Die absterbenden Kanten bleiben in Form zusammenhängender, 
meist mit Gef&fsbündeln versehener Fasern erhalten. Die freiwer- 
denden Segmentränder bilden (in der Regel) keine neue Epidermis. 

«. Fasern kräftig, mehrere an jedem Segmentrande, ablösbar: 
Pritchardia filifera, 

ß. Fasern kräftig, meist einzeln an jedem Segmentrande, ab- 
lösbar: Phoenix spinosa^ Caryota tirens. 

7. Fasern zart, einzeln an den Segmenträndern, gewöhnlich 
nicht ablösbar: Livistona australis, Chamaedorea ohlongata^ 
Calamus adspersus. 

b. Die absterbenden Kanten verschwinden bis auf geringe flockige 
Reste; die freiwerdenden Segmentränder bilden eine neue Epi- 
dermis: Chamaerops, Cocos. 

Unter vorstehende Abänderungen dürften sich, soviel nach den 
fertigen Zuständen geurtheilt werden kann, wohl sämmtliche Palmen- 
blätter einreihen lassen; doch soll das hier nicht weiter verfolgt werden. 
Eine Besonderheit zeigt sich bei Ceroxylon andicola in dem breiten und 
lange nach Entfaltung des Blatts die Fiederspitzen noch zusammenhalten- 
den Randstreif; derselbe fand sich zwar auch in oben beschriebenen 
Beispielen, namentlich bei Cocos ^ aber doch nirgends in solcher Aus- 
bildung und Dauerhaftigkeit, wie bei jener Palme. — 

Eine mit den Palmen übereinstimmende Bildungs weise der Blätter 
ist anderweitig im Gewächsreiche kaum wieder anzutreffen — soweit meine 
Erfahrungen reichen eigentlich nur noch bei Carlvdovica^ die allerdings 



22 E I C H L E R : 

den Palmen verwandtschaftlich sehr nahe steht. Die Blätter der meisten 
Arten gleichen hier durchaus denen der Fächerpalmen und entstehen, wie 
ich mich bei Carludovica rotundifolia überzeugt habe, auch auf dieselbe 
Weise, speciell in der bei Livistona kennen gelernten Modification. Ab- 
weichend schon verhält sich der Familiengenosse von Carludovica: Oyc- 
lanthus. Das Blatt ist hier zunächst gablig-zweinervig und, wenn es aus 
der Kospe kommt, noch ungetheilt; erst nachträglich kann es sich von 
oben herab in zwei Abschnitte spalten, bleibt indefs oft auch einfach. 
Die Theilung ist dabei ein wirkliches Durchreifsen lebendigen Gewebes; 
doch ist die Rifslinie insofern vorgezeichnet, als sie einer scharfen Falte 
entspricht, welche der im jungen Blatte zu äufserst liegende Mitteltheil 
des Blattes macht. Aus der Fig. 73, Taf. V wird die Sache verständ- 
licher sein als durch Worte; man sieht darin zugleich die eigenthOmlich 
verschlungene Knospenlage der ganzen Spreite. Die schärfsten Falten er- 
scheinen nachher als zarte Längsrippen, doch ohne prononcirte Gefäfs- 
bündel, auf der Rückseite mit etwas vorspringenden Epidermiszellen , auf 
der Oberseite mit einem Spreizgewebe, ähnlich dem, welches sich im 
Innenwinkel der Palmenblattsegmente befindet. 

Es ist weiterhin bekannt, dafs auch bei den Araceen^ speciell in 
der Gruppe der Monsteroideae (z. B. bei Monstera deliciosa Liebm. , dem 
„Philodendron pertusum^ der Gärtner) eine Theilung des Blattes in fieder- 
artige Lappen durch frühzeitiges Absterben einzelner Gewebeparthieen zu 
Stande gebracht wird ^). Doch ist dies eigentlich mehr eine Durch- 
löcherung, als eine streifenweise Zerlegung der Spreite; eine solche Durch- 
löcherung treffen wir dann bekanntlich auch noch bei Ouvirandra fene- 
stralis. Dies wären denn aber auch die letzten Beispiele, die noch einiger- 
mafsen mit der Bildungsweise der Palmenblätter in Vergleich gebracht wer- 
den könnten; denn die fiederförmige Zerschlitzung der J/i/^aceenblätter durch 
den Wind und die streifenförmige des Blattes von Welwitschia im höheren 
Alter, beruhen doch nicht auf einem organischen Entwickelungs Vorgang. 
Eher könnte die Theilung des j^Blattes" von Laminaria Cloustont und die 
Art, wie die „Blätter" bei Macrocystis gebildet werden, noch als ein solcher 



1) S. hierüber Schwarz in Monatsber. der K. Akademie d. V7. zu Wien 1872, 
Aprilheft, sowie Engler in Decandolle, Mobographiae phanerogam. vol. IL p. 20. 



Zur Entwtckelungsgeschtchte der Palmenbldtter. 23 

betrachtet werden^); allein auch hier liegt mehr eine mechanische 
Zerreifsung lebendigen Gewebes in Folge ungleichen Wachsthums vor, 
als eine Theilung des Organs längs bestimmt vorgezeichneter Linien, in 
welchen das Gewebe frühzeitig abstirbt. Jene Entsteh ungs weise, vne wir 
sie bei den Palmen kennen gelernt haben, erscheint somit, von Carlu- 
dovica abgesehen, wesentlich auf diese Familie beschränkt und es ist 
eine immerhin recht merkwürdige Thatsache, dafs dadurch so mannich- 
fache und elegante Formen, wie sie die Palmenblätter darbieten, aus einer 
ursprünglich einfachen Spreite hervorgebracht, gleichsam aus derselben 
ausgeschnitten werden können. 



») Cf. Falkenberg in Schenk, Handbuch der Bot. II p. 227, und Will, über 
Macrocystia luxurians in Botan. Ztg. 1884 n. 51. 



24 E I C H L E R : 



Erklärung der Abbildungen. 



' Tafel I. 
Fig. 1 — 14. Pritchardia fili/era Hort. 

Fig. 1. Axenspitze mit dem jüngsten Blatt, von oben. 

Fig. 2. Etwas weiter entwickelte Blattanlage, von der Seite; man sieht den An- 
fang der Spreite. 

Fig. 3. Axenspitze mit 2 Blattanlagen im Querschnitt. Vergr. von Fig. 1 — 3 = 50. 

Fig. 4 — 8. Junge Bl&tter in fortschreitenden Entwickelungsstadien; Fig. 5 von 
innen, die übrigen von der Seite betrachtet. Bei 4 sieht man den Beginn der Spreiten- 
faltung. Vergr. von Fig. 4 u. 5 = 30, Fig. 6 = 20, Fig. 7 = 10, Fig. 8 = 5. 

Fig. 9. Querschnitt durch den Spreitentheil eines Blattes, etwa vom Alter des 
in Fig. 5 dargestellten. Vergr. = 66. 

Fig. 10. Querschnitt eines Blattes vom Alter der Fig. 6, durch die Mitte der 
Spreite. Vergr. 66. 

Fig. 11. Rechte Ecke eines Querschnitts durch die Spreite eines Blattes vom 
Alter der Fig. 7; das Absterben der Oberkanten beginnt. Vergr. 50. 

Fig. 12. Linke Ecke des Spreitenquerschnitts durch ein weiter entwickeltes Blatt; 
aufser den Oberkanten sterben auch noch einzelne Glieder der Lamellen ab. Vergr. 40. 

Fig. 13. Ein ähnliches Stück, vordere Hälfte, aus einem der Entfaltung nahen 
Blatt. Von den Lamellen rechts sind rosenkranzförmige Stücke mit mehreren Gefäfsbon- 
dein abgestorben. Vergr. 20. 

Fig. 14. Endtheile zweier Spreitenlamellen, von welchen sich bei der links ge- 
legenen der abgestorbene Endtheil ganz abgelöst hat, während bei der Lamelle rechts 
noch ein abgestorbenes Glied anhaftet, im Querschnitt. Man sieht in dem Gliede rechts 
den dicken Sklerenchjmbelag des Gefäfsbündels und an den Vorderrändern beider La- 
mellen das durchrissene Parenchym. Vergr. 66. 

Fig. 15 — 19. Livistona australis Mart. 

Fig. 15. Axenspitze mit den drei jüngsten Blattanlagen (1, 2, 3) im Querschnitt. 
Vergr. 66. 

Fig. 16a. Blatt mit eben angelegter, doch schon die Faltung zeigender Spreite, 
seitlich betrachtet; Fig. 166 dasselbe in medianem, doch etwas einseitigem Längsschnitt. 
Vergr. von 16a =35, von 165 etwas mehr. 

Fig. 17 — 19. Junge Blätter in fortschreitender Ausbildung, in der Scheide voa 
19 noch das nächstjüngere Blatt, alle von der Seite betrachtet. Vergr. von 17 = 30, von 
18 = 15, von 19 = 6. 



Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenblätter. 25 



" Tafel IL 
Fig. 20 — 23. Livistona australis Mart. 

Flg. 20. Querschnitt durch zwei aufeinanderfolgende Blätter aus der Knospe, 
das jüngere Blatt (a) näher der Spitze, das filtere (b) mehr am Grunde der Spreite ge- 
troffen. Beim filtern Blatt sieht man nach rückwfirts die Rachis, nach vorn die Ligula 
1. Vergr. 25. 

Fig. 21. Linke Ecke des Querschnitts durch eine Blattspreite, bei welcher das 
Absterben der Oberkanten beginnt. Vergr. 30. 

Fig. 22. Vordertheil eines noch durch die abgestorbene Oberkante zusammenge- 
haltenen Lamellenpaars aus einer sich eben entfaltenden Spreite im Querschnitt Vergr. 66. 

Fig. 23. Querschnitt durch den Rand eines Spreitensegments, von welchem die 
abgestorbene Kante sich getrennt hat; man sieht an der Rifsstelle noch eine todte Oe- 
webeparthie. Vergr. 120. 

Fig. 24 — 35. Ckamaerops humilis L., die Fig. 25 — 29 und 31 — 35 von derVa- 
rietfit macrocarpa, 

Fig. 24. Axenspitze mit den 5 jüngsten Blattanlagen im Querschnitt. Vergr. 66. 

Fig. 25. Junges Blatt von der Seite; 1. v. die ventrale, 1. d. die dorsale Ligula, 
wie auch in den folgenden Figuren. Vergr. 25. 

Fig. 26. Wenig filteres Blatt, Scheide geöffnet, schrfig von innen betrachtet, um 
die Ventral-Ligula besser zu sehen. Vergr. 25. 

Fig. 27. Blattanlage noch jünger als die in Fig. 25, im medianen Lfingsschnitt. 
Vergr. 66. 

Fig. 28. Blatt etwas filter als in Fig. 26, von innen; die Ventral-Ligula abge- 
schnitten. Vergr. 20. 

Fig. 29a. Weiter entwickeltes Blatt von innen, 295 dasselbe im medianen Lfings- 
schnitt. Vergr. 12. 

Fig. 30. Querschnitt durch eine Knospe, in welcher die Spreiten dreier jungen 
Blfitter, nach ihrem Alter in abnehmenden Höhen, getroffen wurden, sowie die das Ganze 
einhüllende Scheide eines vierten Blattes. Man sieht die Faltung, die Pubescenz und bei 
der filtesten Spreite die beiden Ligulae, von welchen die hintere (1. d.) 2-theilig ist. 
Vergr. 20. 

Fig. 31. Junge Spreite im Querschnitt oberhalb der Ligulae, mit der Pubescenz. 

Fig. 32. Vordertheil einer Spreitenfalte im Querschnitt, mit beginnender Desor- 
ganisation der Oberkante. Vergr. 120. 

Fig. 33. Einige Lamellenpaare (im Querschnitt), bei welchen die Oberkanten 
verschwunden und die Lamellen dadurch oberwarts frei geworden sind. Vergr. 40. 

Fig. 34. Theil aus Fig. 33, mehr vergr. (100 mal), um die Beschaffenheit der 
Vorderrfinder deutlicher zu zeigen. Man sieht noch ein wenig von dem verschwinden- 
den Gewebe, eine Epidermis ist noch nicht differenzirt. 

Fig. 35. Ein ahnliches Bild wie Fig. 34, aber mit eben auftretender Epidermis. 
Vergr. 100. 

Phys, Abh. 18S5. L 4 



26 Eichler: 



. Tafel III. 

Fig. 36 — 47. Phoenix spinoBa Thonn. 

Flg. 36. Azenspitze mit den zwei jüngsten Blättern, Scheitelansicht. Vergr. 40. 

Fig. 37 — 39. Blattanlagen in fortschreitender Entwickelung, die Blätter 4, 7 und 
11 der nämlichen Knospe darstellend, von welcher in Fig. 1 der Scheitel mit den Blät- 
tern 1 und 2 sichtbar ist; Vergr. von Fig. 37 = 33, von Fig. 38 = 15, von Fig. 39 = 5. 

Fig. 40. Querschnitt von Fig. 38 bei dem Zeichen x. 

Fig. 41 — 43. Querschnitte durch ein, in seiner Entwickelung etwa die Mitte 
zwischen Fig. 38 und 39 haltendes Blatt; Fig. 41 ziemlich weit oben, 42 etwas tiefer, 43 
noch tiefer, wo die Rachis bereits getroffen wird. Beim obersten Schnitt sind die Ober- 
kanten der Spreitenfalten zu einer zusammenhängenden Schicht verwachsen, in Fig. 42 
wird dieselbe in der Mitte unterbrochen, in Fig. 43 trennt sie sich nach Mafsgabe der 
einzelnen Spreitenfalten; es ist auch dabei schon das Absterben der Oberkanten, resp. der 
von ihnen gebildeten Schicht, bemerkbar. Bei Fig. 43 sind die Falten links etwas auf- 
gelockert. Vergr. von 41 und 42 etwa 45, von 43 = 30. 

Fig. 44. Querschnitt durch eine Spreite, etwa vom Alter der Fig. 39, etwas 
oberhalb der Racfais. Die todten Oberkanten bilden eine fast ununterbrochene Schicht. 
Vergr. 25. 

Flg. 45. Querschnitt eines etwas weiter entwickelten Blattes, durch welchen auch 
die Rachis getroffen wird. Die Oberkanten sind alle frei von einander, bei x auüser der 
Oberkante noch ein angrenzendes Stuckchen einer Lamelle abgestorben. Vergr. 20. 

Flg. 46 u. 47. Lamellenpaare (Vorderenden) mit der absterbenden Oberkante, 
46 jünger, 47 etwas älter. 

Fig. 48. u. 49. Chamaerops humilis L.; gewöhnliche Form. 

Fig. 48. Oberkante und weiter abwärts Unterkante eines Lamellenpaares einer 
noch jungen Blattspreite, etwa vom Alter der Fig. 29 auf Taf. II. Die Oberkanten sind 
frei geworden, die Epidermis hat sich differenzirt, vom abgestorbenen Gewebe sind aber 
noch flockige Reste vorhanden; an den Ecken der Unterkante sieht man eine (vertrock- 
nende) Pubescenz, im Innenwinkel beginnt das Schwellgewebe, durch welches die Seg- 
mente ausgebreitet werden, sich zu differenziren. 

Fig. 49. Querschnitt einer Segmentkante aus dem entfalteten Blatt; das abge- 
storbene Gewebe ist zu einem dünnen, kappenformigen Streifen zusammengetrocknet. 
Vergr. 120. 

. Tafel IV. 
Cocos Romamoffiana Cham. 

Fig. 50. Ganz junges Blatt, von der Seite; Spreite eben erst angelegt, in Ge- 
stalt eines flossenartigen, noch ungefalteten Saumes. Vergr. 40. 

Flg. 51 — 56. Weitere Stadien, fortschreitend aus der nämlichen Knospe; Fig. 51 

im medianen Längsschnitt, Faltung der Spreite beginnend (Vergr. 25). — Fig. 52 nächst- 



Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenblätter. 27 

folgendes Blatt, SeitenaDsicht (Yergr. 20). — Fig. 53a nächstes Stadiam (Yergr. 20); 535 
Querschnitt ron 53a beim Zeichen xx, r die zwischen die Spreitenh&lften vorspringende Rachis 
(wie auch bei 54 c and 55 c). — Fig. 54 wieder um eine Stufe älteres Blatt, a in Seiten- 
ansicht (Yergr. 9), b im medianen Längsschnitt, c im Querschnitt beim Zeichen xx^ d 
Stuck einer Spreitenhälfte von der Innenfläche gesehen, links die Rachis, rechts der ein- 
gefaltete Randsaum ; 54« Längsschnitt durch d bei der Linie xx. — Fig 55 nächstfolgen- 
des Blatt, a in Seiten-, b in Vorderansicht, c in schiefem Querschnitt beim Zeichen xx 
in a (Vergr. in a und & s^ 4). — Fig. 56 wieder älteres Blatt, Seitenansicht, in Naturgr. ; 
dies ist nun schon der Entfaltung nahe. 

Fig. 57a. So eben frei gewordene Unterkanten der Segmente aus Fig. 55c, 
Yergr. 35; 576 das Paar links in stärkerer Yergrofserung ; man sieht das verschwindende 
Gewebe, die Epidermis ist schon differensirt 

Fig. 58. Querschnitt von Fig. 56 beim Zeichen xx (Vergr. 10). 

Fig. 59. Ober- und Unterkanten eines Segments von Fig. 58 (linke Seite), 
mehr vergr. 

Fig. 60. Segmentrand eines eben entfalteten Blatts im Querschnitt. 



V Tafel Y. 

Fig. 61 — 66. Caryota urens L. 

Fig. 61. Junges Blatt, Seitenansicht. Yergr. 25. 

Fig. 62. Nächstälteres Blatt, a in Seiten-, b in Vorderansicht^ bei x Mundung 
der Scheide (Yergr. 15). 

Eig. 63. Querschnitt eines Blattes, etwa vom Alter des in Fig. 61 dargestellten. 
Vergr. 50. 

Fig. 64. Querschnitt eines etwas altern Blattes, zugleich ein wenig tiefer ge- 
nommen, wo die Rachis vom Schnitte getroffen wird. Vergr. 30. 

Fig. 65. Noch weiter entwickeltes Blatt im (etwas aufgelockerten) Querschnitt 
durch die Spreite, oberhalb der Rachis. Die Spreitenfalten hängen noch überall zusam- 
men; oben sieht man die absterbenden und theilweise mit den Nachbarkanten verwachse- 
nen Ränder. 

Fig. 66. Ein ähnlicher Schnitt durch ein der Entfaltung nahes Blatt. Die Fal- 
ten sind an verschiedenen Stellen, namentlich oberwärts, unterbrochen infolge Desorgani- 
sation des Gewebes; auch an den Unterkanten ist eine solche vor sich gegangen, die 
aber nicht zur Trennung der Falten, sondern nur zur Bildung todter Fasern am Rücken 
der Segmente führt. Vergr. cc. 10. 

Fig. 67 — 72. Chamaedorea oblongata Mart. 

Fig. 67 — 69. Drei auf einanderfolgende Blätter der nämlichen Knospe, Fig. 67 
schräg von oben (Vergr. 40), Fig. 68 schief von der Seite (Vergr. 25), Fig. 69 gerade 
von vorn (Vergr. 7). 

Fig. 70. Querschnitt durch die noch gefaltete Spreite eines schon ziemlich ent- 



28 Eichler: Zur Entwickelungsgeschichte der Palmenblätter. 

wickelten Blattes, dicht oberhalb der Rachis; alle Falten hängen noch zusammen, nur bei 
X findet eine Trennung statt. Vergr. 30. 

Fig. 71. Das Stückchen bei x der Fig. 70, mehr vergr. 

Fig. 72. Schema der Blattvernation. 

Fig. 73. Cyclanthus cristatus Hort., noch zusammengefaltetes Blatt im Quer- 
schnitt, bei X die Mittellinie des Ganzen, längs welcher später das ZerreÜBen erfolgt. Die 
drei Parthieen der Spreite, rechte Flanke, linke Flanke und Mittelstuck zwischen den 
beiden Hauptnerven, sind durch verschiedene Schraffirung schematisch gegen einander ab- 
gehoben. — Nach einer (controlirten) Handzeichnung von AI. Braun. 



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An/or Ud. 



Kichirr, Palmenblätlcr. 



Ch: Schmidt UÜi 



PHILOSOPfflSCHE UND fflSTOMSCHE 



ABHANDLUNGEN 



DER 



KÖNIGLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 



AUS DEM JAHRE 
1885. 



'mit 3 TAFELN. 



BERLIN. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

1886. 



BUCHDRUCKEREI DER KÖNIGL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (G. VOGT). 



Inhalt. 



^«Schrader: Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des 

^ Sebeneh-Su. (Mit 1 Tafel) Abh. I. S. 1— 31. 

Diel 8 : Über die Berliner Fragmente der 'ASrjvalwv no>jTua des Ari- 
stoteles. (Mit 2 Tafeln) ^ II. ^ 1 — 57. 

DiELs: Seneca und Lucan ^ UI. ^ 1 — 54. 



j.JiV.3 



e 



Die Keilinschriften am Eingänge der Quellgrotte 

des Sebeneh-Su. 



Von 

H"^. SCHRADER. 



PA«7<»«.-Ai»tor, Abh. 1885. I. 



/l ■ /'/™äW/<- , «v,,/ ./ Il,^<mr/i 



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KiflilcT, i'i.liiinikia 



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Au/or (iel. 



K ich Irr, Palmrnbläder. 



C.h\S'chmült Utk 



6 SCHR ADER: 

doch s. u.) üblich geworden ist^), durch Trennungslinien von einander ge- 
schieden und halten eine ziemlich unregelmäXsige horizontale Richtung ein, 
sind im Übrigen aber durch verhältnirsmä&ig grofse Zwischenräume von ein- 
ander getrennt: zwischen einzelnen Zeilen, bezw. Zeichen der Zeilen steigt 
der freie Raum bis zu 5 Ctm. an. Die — übrigens keineswegs gleich- 
mälfiige — Höhe der verticalen Eeilelemente beträgt bis zu 6, ja 7 Centi- 
meter. Die Länge der Zeilen ist eine verschiedene, da keineswegs, wie 
man das nach III Rawl. 4 vermuthen sollte, Anfang und Ende bei den 
verschiedenen Zeilen gleichmäfsig dieselben sind; dieselbe schwankt um 
mehrere Centimeter, und wo der für die Worte der Zeile bemessene 
Raum schliefslich nicht ausreichte oder auszureichen schien, ward, wie 
bei der vierten, die Zeile nach unten umgebogen, ja es ward dieses üm- 
standes wegen unter Umständen sogar ein sonst nothwendiges Wort un- 
terdrückt (s. zu Z. 6). Im Durchschnitt beträgt die Länge der Zeilen 
etwas über 60 Ctm. Die Höhe der Relieffigur beträgt 66 Ctm.; der Ab- 
stand zwischen dem oberen Rande der ersten Inschriftzeile und der Fufs- 
sohle des Königsbildes beläuft sich auf 71 Ctm. 

Eine Vergleichung der Papierabklatsche mit der Edition im eng- 
lischen Inschriftenwerke (III R. a. a. O.) hat ergeben, dafs diese, von der 
den Zeilen gegebenen schematisch gleichen Länge etwa abgesehen, als 
eine gewissenhafte bezeichnet werden mufs ; immerhin habe ich die nachfol- 
genden Versehen zu constatiren: Z. 5 ist fälschlich als Bezeichnung des 
Gottesnamens Asur anstatt des Ideogramms ►-, welches das Original bie- 
tet, das indefs der Sache nach damit übereinkommende ►^Xp gesetzt; dazu 
steht im Original vor dem Namen, dessen ersten Theil dieses Ideogramm 
bildet, nämlich ►- ^-JJ^ jJ^ ^^^ nicht das III R. vorgefügte Perso- 
nenideogramm y. Des Ferneren fehlt Z. 6 a. E. im Original das III R. 
a. a. 0. nach Tiglath-Pileser's Cylinderinschrift (Col. VII, 45) hinter >-J[- 
beigefögte ^]^ = Nusku; die Zeile schliefst mit ►-►f- ab und för ein 



^} Ich erinnere daran, dafs sich in Inschriften desselben Königs auch die er- 
sten Yersnche einer Worttrennung darch zwischen die einzelnen Wörter eingesetzte 
Trennungslinien finden, wie auf den himjarischen Inschriften. S. die Inschriften Asur- 
näsirabars von Balawat Y. Rawl. 69. 70. Oemäfs ebend. 54 finden sich „division-marks^ 
auch auf etlichen Bericht-Tafelchen. 



Die Keilinschriften am Eingange der QiieUgrotte des Sebeneh-Su. 7 

tibT^ ist schlechterdings kein ßaum mehr. Aufserdem noch zeigt das 
Zeichen ^yyyj in dem Namen J Jg[ ►^y< ]} t:Jff] ^ ^]J Z. 4 nicht 
diese gewöhnliche, regelrechte Form, wie sie auch das Inschriften werk 
bietet, sondern die andere t^JJJj d. h. drei anstatt der regelrechten vier 
senkrechten Keile, was wenigstens hätte angedeutet werden können. An 
dem Tenor der Inschrift wu'd freilich durch alles dieses nichts verändert. 
Für die scharfsinnigen und zweifellos richtigen Ergänzungen der engli- 
schen Herausgeber am Anfange der 4. und 9. Zeile ist den mir vorlie- 
genden Abklatschen sei es Bestätigendes, sei es Berichtigendes nicht zu 
entnehmen. Am Ende der 7. Zeile ist indefs auf dem Sester'schen Ab- 
klatsche von dem vermutheten Zeichen ^JU der Anfang in der Gestalt' 
der beiden horizontalen Keile ^ (so!) noch vollkommen deutlich er- 
halten. 

Eine Transcription und Übersetzung des Textes habe ich in mei- 
nem Buche KAT^ 91 gegeben. Der Vollständigkeit wegen reproducire ich 
beide mit einigen Änderungen hierneben, indem ich fQr den Originaltext 
auf die Beigabe verweise. 

1. Ina ri^su-ti Sa Asur 
. Samas Rammän üi 

3. rahüti hili^a 

4. \ana\-ku Tukul'ti-abal'i''Sar-7'a 

5. sar mdt Assur abal AStir-rts-i-si^) 

6. Sar mdt ASSur abal Mu-tak-kil-AN^) 

7. sar mdt AsSur-ma ka-Sid iS[tu] 

8. tidm-di rabUti Sa mdt A-har-ri 

9. \a\dt tidm-di Sa mdt Na-i-ri 

10. ///. Santt ana mdt Na-i-ri alik 
d. i.: 



*) Für die Transcription ASur-rti-i-si 8. Fr. Delitzsch bei Lotz, Inschrr. 
Tiglath-Pileser's I S. 173. 

^) AN =s ^Hh ^^^ natürlich hier lediglich Deuteideogramm für den, Raumes- 
mangels wegen, weggelassenen Oottesnamen Nusku, s. o. im Texte. 



8 Schrader: 

1. Unter dem Beistande Asurs, 

2. des Samas, des Rammän, der grolsen 

3. Götter, meiner Herren, 

4. bin ich^), Tiglath-Pileser, 

5. König von Assyrien, Sohn des Asurrfsisi, 

6. Königs von Assyrien, Sohnes des Mutakkil-[Nusku], 

7. Königs von Assyrien, herrschend 

8. vom grofsen Meere des Landes Acharri 

9. bis zum Meere des Landes NaYri, 

10. zum dritten Mal^) nach dem Lande Natri gezogen. 



^) Für diese Construction 8. Lotz a. a. O. 190. 

3) Für diese Übersetzung (Lotz a. a. O. gegenüber EAT> 91) vgl. III Rawl. 5 
Nr. 6, 40 und den kl. Obelisk passim; auch Behistan 51. 55. 



Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 9 



IL 

Wesentlich anders als bei der Tiglath-Pileser- Inschrift liegt die 
Sache bei den übrigen durch die Abklatsche repräsentirten Partien der 
Felseninschrift, resp. Felseninschriften. Die Abklatsche sind zunächst, mit 
einer Ausnahme, in einem ziemlich lückenhaften und, was den erhaltenen Text 
anbetri£ft, mangelhaften Zustande, der wiederum auf den verwitterten Zu- 
stand des Origmals schliefsen läfst. J. Taylor nun und Henry Rawlin- 
son (1863 Athenaeum Nr. 1842 p. 229 col. b) betrachteten die betr. Ab- 
klatsche als solche, die zu einer und derselben, „zweiten* Inschrift ge- 
hörten, welche der Letztgenannte gemäfs einer bereits ebend. 1862 Nr. 1834 
noch vor dem Eintreffen der weiteren Abklatsche Taylor's ausgesproche- 
nen und später a. a. 0. 1863 Nr. 1842 p. 2296 wiederholten Vermuthung, 
und gemäXs der nach Eintreffen der betr. Abklatsche Taylor 's zweifellos auf 
die Autorität seines Bruders Henry hin gemachten Aussage George 
Rawlinson's (the five great monarchies of the ancient eastern world 
n. ed. vol. 2 p. 86 ann.), näher fttr eine solche Königs Asur-n&sir- 
abal (885 — 860) erklärte. Von einer Veröffentlichung derselben aber 
glaubte er ihres beschädigten Zustandes wegen absehen zu sollen, und 
was das auf Grund einer Stelle in der Hauptinschrift AsumäsirabaPs (s. 
dieselbe unt.) vermuthete oder erwartete Vorhandensein einer dritten 
Inschrift, derjenigen des Tuklat-Adar, des Vorgängers des Asumäsirabal, 
anbetrifft, so glaubte er sich dahin aussprechen zu sollen, dafs dieselbe 
in Folge des Einsturzes eines Theiles der Höhle oder Grotte ver- 
nichtet sei^). 

Es ist begreiflich, dals auch ich mit dieser Voraussetzung an die 
Prüfung der Abklatsche herantrat. Indefs schon beim Entrollen der Pa- 

^) S. 6. Rawlinson a. a. O. II, 1871 p. 86: „In tbe cave above mentioned 
Mr. Taylor found two of the three memorials mentioned by Aesbor-izir-abal. These 
were bis own and Tiglath-Pileser 's. The theard bas probably been destroyed by tbe 
falling in of a part of the cave.^ — Im Jahre 1863, vor dem Eintreffen der Taylor'- 
sehen Abklatsche, hatte H. Rawlinson noch die Hoffnung, dafs das von Fox Tal bot 
vermuthete „third tablet^ — «will be still found in some of the dark recessed 
of the cave** (Athen, l c. 229 6). 

Philos.'kistor, Äbh. 1885. L 2 



10 Schrader: 

pierabdrücke in Gegenwart des Herrn Dr. Puchstein vom Königl. Mu- 
seum wollte es mir scheinen, als ob die nicht zu der Tiglath-Pileser- 
Inschrift gehörigen Inschriftreste keineswegs sämmtlich gleichartig 
wären. Ich mufste indefs alles Weitere einer näheren Untersuchung 
vorbehalten, die ich inzwischen vorgenommen habe. 

Vorab sondern sich unter den Inschriftresten als eine besondere 
Gruppe die von mir mit A, B, C bezeichneten Bruchstücke aus. Sie 
gehören zu einer und derselben Inschrift und diese Inschrift war eine sol- 
che Königs Salmanassar II (860 — 825). 

Zunächst die Zusammengehörigkeit dieser Bruchstücke ergiebt 
sich 1) aus dem gleichen Schrifttypus. Die Zeichen sind sämmtlich 
scharf eingeritzt, haben dieselbe mäfsige Gröfse (3^ — 4^ Cm.). Dasselbe 
erhellt 2) aus dem Umstände, dafs die Zeilen dieser Bruchstücke durch 
Zwischenlinien gegeneinander abgegrenzt sind, was zunächst bezüglich 
der Tiglath Pileser-Inschrift (s. vorhin) , aber auch bezüglich des Fragments 
D, sowie der Bruchstücke E (s. u.) nicht gilt. 

Sie sind aber nicht minder Bruchstücke einer Inschrift Salma- 
nassar's. Auch dieses giebt zunächst schon der Schrifttypus an die 
Hand: es ist unverkennbar der der Inschriften dieses Königs, wie er 
uns insbesondere von dem sog. Kleinen Obelisk her hinlänglich bekannt 
ist, welcher dazu ebenfalls Zeilentrennung durch Linien aufweist. 

Der Inhalt der Bruchstücke, soweit er sicher bestimmbar ist, be- 
stätigt das Ausgeführte durchaus. Schon das Bruchstück A, welches augen- 
scheinlich zum Eingange der Inschrift gehört — Z. 1 — 4* sind die Reste 
der üblichen Erwähnung der Götter in den Eingängen der Königsinschrif- 
ten — , ist entscheidend: dasselbe bietet Z. 4**flF. Namen und Genealogie 

des Königs: (AN) [Sul^-yna-nu-lasärtdu^)] [Sar] kisSati sar mdt 

ASSur [äbal'Asur-lndstr-abal [ä\bal Tuklat-Adar sar .... 

Es stimmt damit die Erwähnung des mdt Urartu 7j. 12, wiederholt bei 
Salmanassar s. Monol. 1, 24; II, 48; Obel. 44 u. ö.; weiter die des mdt 
Tnziti' und mdt Suhmi* Z. 10. 12, welche Länder sonst nur noch bei 
Salmanassar (Monol. II, 42 flg. 45 flg.) genannt werden; endlich das ti^ 

1) S. für diese Transcription des Namens meine Bemm. in Zeitschr. für Keil- 
schriftforschung II (1885) S. 197 ff. 



Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 11 

dm tu Sa mdt Nairi Z. 7, das so, aufser bei Tiglath-Pileser I (s^ die Fel- 
seninschrift Z. 10), so viel ich sehe, nur noch bei Salmanassar vorkommt — 
s. darüber: „Die Namen der Meere bei den Assyrern" (Abhandlungen der 
Akad. d, Wiss. a. d. Jahre 1877 (Berlin 1878), phil.-histor. Classe, S. 191). 

Schon durch die Erwähnung zunächst des Landes NaYri (Z. 5) 
wird inhaltlich auch das dem Schrifttypus nach derselben Inschrift zuzu- 
weisende Bruchstück B mit dem Bruchstücke A zusammenklammert; die 
weitere Nennung des Landes Eirzan (Z. 1. 2), oft bei Salmanassar, be- 
stätigt das Ergebnifs. 

Das dritte ebenfalls kraft des Schrifttypus sicher zu den vorher- 
gehenden zu stellende Bruchstück C, lautend; 



d. i.*: 



1. 

2. 

3. 

1. 
2. 
3. 



{'tik ma-da-tav . . . 

a^) am-hur 

a-lik. Ina rts i'ni ndr 



rückte ich ; den Tribut .... 

. . empfing ich 

. zog ich. An dem Quellorte des Flusses . . 



bietet zwar sachlich nichts Entscheidendes; stimmt aber inhaltlich seiner- 
seits zu der Annahme der Zugehörigkeit zu einer Inschrift des genannten 
Königs. Es leitete wahrscheinlich in seinem: ina rts ini ndr [. ..] zu dem 
Schlufsberichte über die Aufsetzung der Inschrift und Anbringung des 
Standbildes des Königs in der Felsengrotte (s. u.) über. 

Über die Zusammengehörigkeit dieser Bruchstücke (A, B, C) und 
ihre Zugehörigkeit zu einer Inschrift Salmanassar's II kann nach dem Aus- 
geführten kein Zweifel sein. Es erübrigt, das Hauptbruchstück in Tran- 
scription, soweit solche mit Sicherheit zu geben ist, herzusetzen. Das 
Fragment lautet: 



^) Das T| des Textes ist vielleicht zu einem ^^Tr = fnadu, mattu zu. ergänzen. 
Ich muTs jedoch hierzu bemerken, dafs es nicht darchaas unmöglich ist, dafs mit den 
Anfangsworten der im Texte abgedruckten Zeilen auch wirklich die betr. Zeilen der Fel- 
seninschrift begannen, also dafs das beginnende H vor am - hur zu der Sylbe am in be- 
kannter Weise hinzuzunehmen wäre. 



12 Schrader: 

1 [Ä\sur hil ili 

2 [t]/u Rammän ilu 

3 ra-^ -mu 

4 sum-ja Sul-ma-nu-aSdridu 

5 Sar ktsSati Sar mdt ASSur [ahcd ASur] - ndsir' ahal 

6 \o]bal Tuklat'Adar sar ka'[Sid iStu] ' 

7. tidmti sa mdt Na - [i] -ri a - [dt tidmti] 

y 

8. sa sulum (ilu) Sam-st ft' . . . . 

9. a-na si-Tj/ir-ti' .... iksu-vd . . . 

10. ina ni -ri- hi Sa mdt Tn - zi -ti ... 

11. mdt Su'uh-mi mdt Ra(J) . . .mxi(T) . . . 

12. mut U-ra- ar 'tu 

13. a-na si-kir-ti'-sa 

14 [ina ^ katd"] Su iksu-ud 

d. i. : 

1 Asur, der Herr der Götter, 

2 [G]ott Rammän, Gott 

3. ....... liebend 

4 meinen Namen. Salmanassar, 

5 König der Völkerschaar, König von Assyrien, [Sohn 

Asur] - näsir - abal's, 

6 Sohnes des Tuklat-Adar, des Königs , herr- 

[schend vom] 

7. Meere des Landes Na[r]ri bis z[um Meere] 

8. des Unterganges der Sonne 

9. insgesammt nahm er ein .... 

10. Im Grenzgebiete des Landes I'nziti' . . . 

11. das Land Suhmi', das Land 

12. das Land Urartu 

13. in seiner Gesammtheit 

14 [mit] seinen [Händen] nahm er ein. 



Die KeiKnschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 13 



m. 

Wir kommen zu dem Bi-uchstücke D, aus 8 Zeilen bestehend (von 
der sich daranschliefsenden 9. sind noch die oberen Köpfe etlicher Keil- 
zeichen sichtbar). Die Natur des Abklatsches läfst auf eine starke Ver- 
wüstung der Inschrift an der betr. Stelle schliefsen; die Zeichen haben 
aufserordentlich gelitten. Was ich noch mit einiger Sicherheit erkennen 
kann, sind lediglich einzelne Wörter und Phrasen, wie (zVw) Asur Hu ra- 
bü bi'l ili {ilu) SamaS Z. 1; ili rabüti; rdmüt R. D«i = aram. Dm 
Z. 2; sarrü-ti'ja; sa dliküt ina[pan bilu]ti[jä] Z. 3; der Name Sul- 
mänu'[asdridu] = Salmanassar Z. 5; ... nt^t(?), rubü, sangü ASur 
Z. 6; kdsid istu tidm-dl}] ... Z. 8, wie endlich der Name des Königs 
der Inschrift: \Ahir'\-ndä^r']- abal^ mit dem Titel sar ki$satiQ)Sar mdt Assur; 
in welchem näheren Zusammenhange alles dieses aber steht, erhellt nicht; 
nur im Allgemeinen kann darQber kein Zweifel sein, dafs wir es auch 
hier mit dem Eingang der Inschrift (Göttererwähnung!) zu thun haben. 
Die Höhe der senkrechten Keilzeichen 3^ resp. 4 — 4-|^ Ctm. würde zu der 
der Zeichen der Salmanassar -Fragmente stimmen; die fehlende Zeilen- 
trennung durch Linien aber schliefst die Zugehörigkeit zu diesen Bruch- 
stücken schon paläographisch kategorisch aus; die Inschrift mufs von 
einem andern Könige aufgesetzt sein. Auf die .Spur führt die Art der 
Erwähnung des Vorfahren Salmaoassar Z. 5 vgl. Stand. Inschr. Asur-- 
näsir-abaPs (885 — 860) Z. 9; Monolithinschr. desselben I, 102; III, 132. 
Auch der Ehrentitel fcJJJ ►^-^ ist uns aus Asur n äs ir ab al's Inschriften 
bekannt (vgl. Stand. Inschr. 1). Zu einer Inschrift dieses Königs gehörte 
das Fragment:^) Z. 7 weist noch die Rudimente des Königsnamens auf. 



1) Auch noch andere Theile dieser Inschrift sind durch Abklatsche irgendwie 
reprasentirt; dieselben sind aber in einem solchen Zustande, dafs an eine Herausgabe gar 
nicht zu denken ist. Auf einem derselben, den ich mit F bezeichnen will, erkenne ich 

noch Z. 1 ein . . . E^ ^] J {^^ ^^JJ ^Y\<] • • • ; Z. 2 ein >^J] {<( ^< 
J ^ . . .; Z. 3 ein |][ [Ö] ^^^^' auf allen übrigen, ihrer 6 an der Zahl, sind kaum 
hier und da einzelne Zeichen, bei einzelnen auch solche nicht mehr zu erkennen. 



14 Schrader: 



IV. 

Von den besprochenen Fragmenten sondert sich wiederum das 
letzte noch zu betrachtende gröfsere, 1 3 zeilige Bruchstück (? — s. u.) E 
der Felseninschriften wie äufserlich so auch inhaltlich auf das Bestimm- 
teste ab. 

Zunächst schon ist der Schrifttypus ein von dem der im Vorher- 
gehenden besprochenen Bruchstücke augenscheinlich diflferirender. Die Zei- 
chen zeigen gegenüber denen der vorigen Inschriftstücke einen wenig ele- 
ganten und zierlichen Charakter, erscheinen ihnen gegenüber fast unbeholfen. 
Dazu ist auch die Gröfse derselben eine andere. Ist die Höhe der ver- 
ticalen Zeichen der Bruchstücke A, B, C, auch D etwa 3^ bis 4^ Ctm., so 
ist hier die Durchschnittshöhe 4 bis 5^ Ctm.; die Zeichen stehen so ihrem 
äufseren Typus nach etwa in der Mitte zwischen den Zeichen der Inschrift 
Tiglath-Pileser's I (s. oben S. 6) und den der sub II bezw. III bespro- 
chenen Fragmente. Es kommt hinzu, dafs die einzelnen Zeilen nicht, wie 
die der Salmanassar -Inschrift durch einzelne Trennungslinien von einander 
geschieden sind, sondern wie bei der Tiglath-Pileser- Inschrift und freilich 
auch der aber hier ganz aufser Betracht fallenden Asurnäsirabal-Inschrift 
nur durch Zwischenräume gegen einander abgegrenzt auf einander folgen. 
Wir haben es somit, dies lehrt schon die bisherige Betrachtung, bei dem 
in Rede stehenden Inschriftreste mit einer von den Inschriften Tiglath- 
Pileser's ebensowohl wie Salmanassar's und Asurnäsirabal's verschiedenen, 
vierten Inschrift zu thun. 

Das bestätigt nun ein Blick auf den Inhalt des Schriftstücks. Wenn 
negativ an die namhaft gemachten Inschriften nichts Specifisches erinnert, 
so giebt sich anderseits die Inschrift insbesondere im Beginne als eine 
völlige Parallele wie zu der Inschrift Tiglath-Pileser's I, so zu der Sal- 
manassar's und bis zu einem gewissen Grade auch Asurnäsirabars , kann 
also selber sowenig wie zu der ersteren, so zu einer der letzteren gehört 
haben. 

Zeile 2 der Inschrift — Ober Z. 1 s. u. — mit ihrem ^^ ^J- ^^ 
^^ und Z. 3 mit ihrem ^^ I ^^ V ►►^ entsprechen augenscheinlich 
Z. 5 der Salmanassar -Inschrift Fragm. A, so jedoch, dafs hier zunächst 



Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 15 

nicht sicher zu sagen ist, ob, wie dort, der Titel auf den Sohn des im 
Verfolg genannten Vaters (und wohl auch Grofs vaters) , d. h. eben auf 
den Verfasser der Inschrift selber, oder aber ob derselbe sich auf den 
Vater (oder auch Grofs vater) desselben sich bezieht; doch s. hierüber wei- 
ter unten. Augenscheinlich beginnt sodann in Vs. 5 mit dem ►- ►■TTkT 

^^ ^y ^ ina ri-su-ti' sa der eigentliche Bericht des Königs, vgl. die 
völlige Parallele in der Inschrift Tiglath-Pileser's Z. 1. Ebenso läuft Z. 6 
das ►>-y y«< ►f^ ^lij I ^^* tik'li-Su unserer Inschrift parallel dem 
►►y y«< ^y- y«< ►-JJ y<« y^f m roMti htlUa bei Xigl.-Pileser; wie hier 

gingen in unserer Inschrift die bezüglichen Gottesnamen voraus. Mit Z. 7 
ittala-ku-ma Sadt dannüti des Fragments entfernt sich aber dieses inhalt- 
lich von der Tiglath-Pileser -Inschrift: es folgt, wie sich schon aus eben dem 
Verbum ittala-ku-ma Z. 10/11; dem ikdu la padü Z. 10; dem ittalaku- 
ma Z. 11; dem ktma birki(J) ebenda; dem näru Ys. 12, endhch dem u-kab- 
hi'Sa Z. 13 „er unterjochte*^ R. OM mit Sicherheit schliefsen läfst, der Be- 
richt über die Thaten des Königs, d. h. ein Bericht, den anderseits für 
Salmanassar bereits A (vgl. B, C) bot. Die Titulatur in E Z. 1 — 3 end- 
lich läuft parallel der Titulatur und Genealogie in A (Salmanassar) Z. 4 
— 6, sowie der Titulatur in D (Asurnäsirabal) Z. 7. Von einer Ineinan- 
derfögung dieses Berichts mit einem der beiden anderen (A und D) zu 
einem Ganzen kann somit schlechterdings keine Rede sein: sie müssen 
nothwendig verschiedenen Inschriften angehören und von verschiedenen 
Königen herrühren. 

So tritt nun an uns die Frage heran: welcher König war dieses? — 
Der Inhalt der Inschrift selber giebt, nach dem bisher Erörterten, für die 
Beantwortung der Frage zunächst keinen Anhalt. Sehen wir auf die Gröfse 
der Zeichen, so hält diese bei der fraglichen Inschrift, wie oben bemerkt, 
genau die Mitte zwischen deijenigen der Inschrift des älteren Tiglath- 
Pileser (I) und deijenigen AsurnäsirabaFs bezw. Salmanassar's. Man ist von 
vornherein geneigt, an einen in die Zeit zwischen jenen und diese fallen- 
den Herrscher zu denken. Durch die bisher noch nicht betrachtete Z. 1 
des Fragments wird das nach unserm Dafürhalten nun auch positiv an 
die Hand gegeben. Der betreffende assyrische König war Tuklat-Adar, 
der Vater des Asurnäsirabal und Grofsvater des Salmanassar II (891 — 



16 Schrader: 

885 V. Chr.)^). Z. 1 der Inschrift bietet noch, sehen wir anders recht, 
die Rudimente des Namens, freilich eben nur die Rudimente. Der Name 
war, so meinen wir, eingegraben in der Schreibung: 

OD ]^ -HF- ^^J HI 

d. i. Tuklat- AN. NIN. IB = Tuklat- AN. BAR = Tuklat- Adar (ABK. 
152 Nr. 51), eine Schreibung, welche sich zu der sonst bei diesem 
Könige gewöhnlichen J^ ►f- oder J ]^ J^ verhält wie die Schreibung 

T fc^w (^^) -TIA ^"^T ^^^^ ähnlich zu der Schreibung J {^ tjjy, 
der Schreibung J ►►! »-JJ *^TT Kttt^ T^^^ ^TT ^^T ^^ ^^^ andern 
y ^^^ d^ y<<^ *^TT ^- ^- ^-^ ^- ^- ^^ ^^* ^^® ^'^ Pmnkinschriften, wie 
die in Rede stehende Inschrift, geeigneter erschienene gegenüber den ver- 
kürzten Schreibungen in Berichten Späterer (Asurnäsirabal's, der Epony- 
nenlisten u. s. w.) über die betr. Persönlichkeiten. 

Es hängt mit der Wahl je der längeren oder aber der kürzeren 
dieser Schreibungen namentlich auch noch das Beifügen oder Weglassen 
des Determinativzeichens bei den Gottesnamen zusammen, wie schon aus 
einem Blicke auf den oben angezogenen Namen SanheriVs erhellt. Auch 
in dem Namen J »-J '^Ej fcJQf ^^ ^R-T ►TITT ^ ^' ^* ^^^^"öfftfl^-*'-^wr 
(I R. 15. VII) steht vor dem Gottesnamen in der gewählten längeren 
Schreibweise das Gottesdeterminativ >^. Übrigens lesen wir in dem Na- 
men des älteren Tuklat-Adar auch bei der Schreibung J J^ ^^< ^^ HF" 
dieses Determinativs (I Rawl. 35, 19). Die Wahl der betreffenden volleren 
Schreibung des Namens überhaupt kann deshalb hier, wo es sich um eine 
eigene Inschrift des Königs handelt, ebensowenig überraschen, wie die Bei- 
fügung des Gottesideogramms vor dem Gottesnamen in demselben. 

Ich bemerke noch zu der Erhaltung des Namens in der Felsenin- 
schrift, bezw. auf dem Sester'schen Abklatsche, dafs von demselben die 
beiden ersten Zeichen ]^ ►►jp in grofeen kräftigen Zügen in den Felsen 

eingegraben gewesen sind, ein Umstand, dem es zuzuschreiben ist, dafe 
das erste Zeichen trotz auch seiner theilweisen Beschädigung noch sicher 
wiedererkennbar ist; nur der obere Querkeil, dessen Kopf dazu z. Th. 

^) Die EpoDymenlisten setzen bekanntlich die Trennungsstriche vor die Jahre 
889 und 883. Vgl. hierzu KGF. S. 330; KAT» 470. 



Die Keilinschriften am Eingange der Qaellgrotte des Sebeneh-Su. 17 

noch ober den Anfang des Papier- Abklatsches würde herausgeragt haben, 
ist nicht mehr vorhanden, und der linke senkrechte Keil, sowie die beiden 
mittleren Querkeile haben gelitten, sind indefs in ihren Spuren noch zu 
constatiren. Die Form dieses Zeichens war vermuthlich die gleiche, 
wie die, welche in demselben Namen in dem Fragment A (Salmanassar) 
Z. 6 steht. Das Gotteszeichen ►-J^ ist sogar gänzlich intakt geblieben. 
Die verwickeitere dritte Zeichengruppe -^Ej tJJ ' ^^^ deren Eingra- 
bung ohnehin der Steinmetz augenscheinlich mit dem Raum ins Gedränge 
kam — die einzelnen Zeichenelemente sind deshalb entschieden kleiner 
ausgefallen — , hat sehr arg gelitten und ist, da die feineren Endstriche 
der Zeichen fast durchweg verschwunden sind, nur an der Hand der tie- 
fer eingegrabenen Kopfenden der Keile und auch so nur sehr unvollkom- 
men zu reconstruiren, bezw. lediglich zu erschliefsen^). 

Ob sich an diesen Namen selber in der zweiten Zeile sofort die 
Titel ^^ ^J- ^^ t:J^ • . . . geschlossen haben, ist mit Sicherheit nicht 

auszumachen. Allerdings vermag ich dermalen in dem dem Titel vor- 
aufgehenden Räume der Zeile auf dem Abklatsche Buchstabenreste 
nicht mehr zu erkennen. Dies ist aber nichts Entscheidendes; es können 
auch nach sonstiger Übung namentlich auf die Verehrung der Götter be- 
zügliche Titel jenen Titelwoilien voraufgegangen sein, vgl. Stand. 1 und 
sonst. Dasselbe gilt von dem ^^ ^^ ►^-T^ der folgenden Zeile, das die- 
sen Titel abschlielsen könnte, aber auch auf einen andern König, den 



^) Ich habe mich bei diesem trostlosen Zustande der beregten dritten Zei- 
chengruppe gefragt, ob sich das ff][ ^^^ nicht vielleicht in anderer Weise fassen und 
ergänzen liefse. Hält man an der Ergänzung selber fest, so wäre es ja am Ende ideell 
denkbar, die im Text gesicherten beiden ersten Zeichen zu einem [^^J ]0f ^n" * " ' " 
s= [ina] tukulti mit nachfolgendem Gottesnamen zu ergänzen, also dafs der Sinn wäre: 
„Im Dienste [Adar's (oder eines andern Gottes)] that ich dies oder das^. Aber abgesehen 
davon, dafs bei so feierlichen Anfängen anstatt ina tukulti lieber ina risüti gesagt wird, 
das ohnehin y. 5 folgt, fehlt 1) das phonetische Gomplement ^-^j^y das in diesen Fällen 
sonst zu stehen pflegt; und müfste 2) die Nennung eines andern Gottes als des Asur 
überraschen, vgl. die Eingänge der Inschriften Tiglath-Pileser's I, Asurnä^irabars, Salma- 
nassar's (die Jagdinschrift I R. 28 Z. 1 kann natürlich nicht dagegen angeführt werden) ; der 
Gottesname ^ ^ V aber steckt in der verderbten Zeichengnippe unter keinen Umstän- 
den. Man wird somit von dieser Combination absehen müssen. 

Philos.-histor. Äbh. 1885. I. 3 



18 Schrader: 

Vater des Betreffenden sich beziehen kann: wir kennen eben die ur- 
sprüngliche Länge dieser Zeilen der Inschrift nicht (anders von Z. 7 an!), 
welche, so weit sie im Übrigen erhalten ist, also lautet: 

1. ? Tuklat'(tlu) [Adar'i] 

2. ? sarru rabu Sarru Jan[-nw^] 

3. ? sar kisSati sar mät ASSur ... 

4. ... [kul]'lat(?) nisi ra6[aft'?] 

5. Ina ri-m-ti sa (i\lu\) 

7. tttala-ku-ma Sadt-i* dannuti iStu 

8. si'tt(tlu) oamSi a-di ^'-[n6] 

9. (ilu) Sa7n'St u - tarn - mi'- ha 

10. ik - du la pa- du- [u] . • 

11. tttala " ku' ma kima birkxQ) 

12. näräti 

13. u - kab - bi - sa 
d. i.: 

1. ? Tuklat-[Adar?], 

2. ? der grofse König, der mächtige König, 

3. ? König der Völkerschaar, König von Assyrien . . . 

4. ... der Gesammtheit der grofsen Nationen. 

5. Unter dem Beistande des (Gottes) , 

6. der Götter seiner Verehrung, 

7. zog er dahin; mächtige Gebirge vom 

8. Aufgang der Sonne bis zum Unter[gange] 

9. der Sonne brachte er unter seine Botmäfsigkeit. 

10. Gewaltig, unüberwindlich . . . 

11. zog er dahin und gleich dem [Blitze(?)] 

12. Flüsse 

13. überwand er (wörtl. trat er nieder R. OM). 

Als Resultat unserer Untersuchung hat sich herausgestellt: 1) die 
Inschrift, zu welcher das Bruchstück (?) E gehört und deren Anfang es ir- 
gendwie bildete, ist diejenige eines ebensowohl von Tiglath-Pileser I, als 
von Asurnäsirabal, als endlich von Salmanassar II verschiedenen assyri- 



Die Keüinschriften am Eingänge der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 19 

sehen Herrsehers; 2) dieselbe ist aus paläographisehen Gründen einem 
Könige zuzuschreiben, dessen Regierung in die Zeit zwischen Tiglath-Pi- 
leser I und Asurnäsirabal ffiJlt; 3) es mufs als möglich und kann als 
wahrscheinlich bezeichnet werden, dafs Z. 1 den Namen des Königs der 
Inschrift in der Schreibung KU. AN. NIN. IB enthielt, dieser König so- 
mit Tuklat-Adar, der Vater Asumäsirabars, war. Dafs an diesen Herr- 
scher im Übrigen jedenfalls in erster Linie zu denken, dürfte die Be- 
trachtung in Abschnitt V an die Hand geben. 

Noch eine Schlufsbemerkung. Wir haben im Vorhergehenden die 
behandelte Inschrift wiederholentlich als ^Bruchstücke bezeichnet, nicht 
jedoch dieses, ohne ein Fragezeichen beizufügen. Es will uns nämlich 
scheinen, als ob wir es im Grunde gar nicht mit einem Fragment, denn 
vielmehr mit der ganzen betreffenden, nur an einigen Stellen beschädig- 
ten Inschrift des betr. Königs zu thun haben. Wie die Inschrift mit dem 
Namen des Königs Z. 1 und seinen Titeln etc. Z. 2 — 4 regelrecht be- 
ginnt, mit dem „Ina rimti^ Z. 5 durchaus correkt neu anhebt, so schliefst 
dieselbe Z. 13 mit dem ukabbisa in sich vollständig ab (wie denn auch 
auf dem Original in dieser Zeile sicher kein Zeichen mehr folgte). Der 
enge, leicht herzustellende Zusammenschlufs der Zeilen 7 — 9 (s. Text) 
giebt zugleich ziemlich sicher an die Hand, wie viel oder wie wenig am 
Schlufs je der Zeilen zu ergänzen ist. Die Inschrift würde so als eine 
ihrem wesentlichen Tenor nach ganz erhaltene in Parallele zu der In- 
schrift Tiglath - Pileser's I treten. 



3^ 



20 Schrader: 



V. 

In der Annaleninschrift Asurnäsirabal's col. I, 104 flg. (I Rawl. 19) 
lesen wir: io4. Ina ki-hit Asur Sa-mas u Rammdn üi tik-li-ja narkahdt 
ummändtt-a ad-ki. Ina rts i'-ni ndr Su-up-na-at a-sar sa-lam i05. $a 
TukuUti-abal'i -sar-ra u Tukul-ti-Adar Sar mdtAsSur abi-a t-za-zu-u-ni 
sa-lam Sarru-H-a ab^ni it-tt-su-nu u^si-zi-iz — , d. i. „Auf Geheifs 
des Asur, Samas und Rammän, der Götter meiner Verehrung, musterte ich 
die Wagen meiner Heere. An dem Quellursprunge ^ ) des Flusses Supnat, 
an der Stelle des Bildes (Sing.!), welches Tiglath-Pileser und Tiglath-Adar, 
die Könige von Assyrien, meine Väter, aufgerichtet hatten, fertigte ich mein 
königliches Bild, liefs es neben ihnen aufrichten". Von den hiernach zu 
erwartenden drei Königsbildern ist nun zwar auf den Sester'schen Ab- 
klatschen nur eines mit zum Abdruck gekommen, dasjenige Tiglath-Pile- 
ser's I, und Rawlinson und Taylor sprechen Oberhaupt nur von einem 
Bilde, während allerdings Sester ausdrücklich von zweien solchen, die 
vorhanden seien, berichtet (s. o.). Jedenfalls fehlen hiernach zwei der 
mit dem Salmanassar's (s. u.) zu vermuthenden vier Reliefs. Eins der 
beiden vorhandenen könnte jedenfalls dasjenige sei es des Tuklat-Adar's, 
sei es des Asurnäsirabal's sein 2). Wie dieses Fehlen zunächst des dritten 



^) ina riS ini = y^:^ ^Kn ist als „am Quellhaupte*^ s= „am Quellorte*^ zu 
fassen, und nicht mit „an den Quellen^ zu übersetzen; i-ni ist Genetivas sing., wie 

sich aus dem ►^ ►JJpp \^— von C, 3 (vgl. oben S. 10) ergiebt. 

^) Nahe liegt es zu vermuthen, dafs das zweite „Mannes^- Bild, von welchem 
Sester spricht (s. o.), das Stelenbild war, welches zu der Inschrift Tuklat-[Adar]'8 
gehörte. Da diese Inschrift (s. o.) im Allgemeinen, fast wie die des T. P. I, noch in einem 
ganz erträglichen Zustande auf uns gekommen ist; da die Angabe Sester*s über die ver- 
schiedene Richtung der Profile der beiden Reliefs darauf schliefsen läfst, dafs dieselben 
an den einander entgegengesetzten Seiten des Einganges der Grotte ausgemeifselt sind; 
da es schliefslich eine nahe liegende Annahme ist, dafs der zweite Eonig sein Bild- 
nifs dem früheren symmetrisch gegenüber an dieser zweiten Eingangsseite werde ange- 
bracht haben, so gewinnt jene Yermuthung selbst eine gewisse Wahrscheinlichkeit. 



Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 21 

Bildes neben den vorhandenen beiden Inschriften zu erklären, ist mit Sicher- 
heit nicht zu sagen« Nicht ausgeschlossen ist, dafs dieses sowie auch das 
vierte (s. u.) früher oder spater eben als Bildwerk einer völligen Zerstörung 
aus irgendwelchen, nicht fem liegenden GrQnden unterzogen wurde, während 
man sich bezüglich der Inschriften mit einer oberflächlichen Devastation be- 
gnügte. Indessen ist ja Zerstörung der Bilder auch auf natürlichem Wege 
durch Einsturz, Wasser oder sonstige örtliche Beschaffenheit keineswegs aus- 
geschlossen. Zu Letzterem würde gut stimmen, dafs neben der so gut wie 
völlig unversehrt gebliebenen Inschrift auch das hierneben reproducirte 
Eönigsbild Tiglath-Pileser's, welches beiläufig das älteste uns erhaltene 
assyrische Eönigsbild ist, seinerseits fast intakt uns überkommen ist. Wie 
immer es sich aber hiermit verhalten mag, es würde dieses Fehlen der Bild- 
nisse an der Thatsache des Nebeneinander der Inschriften der zwei von 
Asurnäsirabal namhaft gemachten assyrischen Herrscher (Tiglath-Pileser's 
sowie Tuklat-Adar's) und seiner eigenen nichts ändern. — 

Dafs ferner der Sebeneh-Su, der linke Quellfluss des Tigris, auch 
wirklich der von Asurnäsirabal unter dem Namen Supnat in Aussicht ge- 
nommene Flufs war, dürfte füglich keinem ernstlichen Zweifel unterliegen. Es 
ist ja richtig, dafs der Flufs wie als Sebeneh^), bzw. Tsebeneh (so H. Raw- 
linson, bezw. J. Taylor), so auch alsZibeneh benannt wird, welche letz- 
tere Aussprache auf J. Brant zurückgeht. Dafe die Wiedergabe des betreffen- 
den Zischlautes in europäischer Schrift und durch Europäer das eine Mal 
durch s, das andere Mal durch z kein ernstliches Hindernifs für die Iden- 
tificirung der beiden Namen mit dem einen urkundlich überlieferten Namen 
Supnat bietet, bedarf keiner Auseinandersetzung, soll doch auch das eng- 
lische z in diesem Falle jedenfalls irgendwie ein weiches s ausdrücken^). 
Dafs nun aber weiter der in Rede stehende, auf den Monumenten er- 
wähnte Flufs und insbesondere der dort in Aussicht genommene Quell- 
ort auch zu der Localität, welche durch den jetzigen Sebeneh-Su und 

1) H. Ritter schreibt X, 98 a. o. Sebbeneh mit doppeltem b. Auf v. Moltke's 
Karte ist der Name nicht eingetragen. 

'} Wie es sich mit der sonst noch verzeichneten Aussprache Dibeneh verhält 
(vergl. V. Ontschmid N. B. S. 27), vermag ich nicht zu sagen« 



22 Schrader: 

insbesondere durch die Grotte, in welcher die Inschriften gefunden wur- 
den, an die Hand gegeben wird, stimmt, ergiebt sich aus einer Ver- 
gleich ung des Berichtes Asumäsirabal's betr. den Feldzug, bei dessen 
Anlass er sein Bild am betreflfenden Orte aufstellen liefs, mit der ört- 
lichkeit, wo thatsächlich jene Inschriften entdeckt wurden. Auf eine 
Nachricht hin, welche dem Könige nach Niniveh zuging, dafs nämlich 
Nachkommen assyrischer Colonisten, welche einst Salmanassar I in der 
Stadt Chalzilucha angesiedelt gehabt hatte, sich empört und zur Ein- 
nahme der Hauptstadt Damdamusa ausgezogen wären (col. I, 101 ff.), 
rückt der König zur Niederwerfung des Aufstandes aus, errichtet zu- 
nächst (s. o. den Wortlaut dieser Stelle) sein Standbild in der Quell- 
grotte des Supnat und zieht nunmehr nach Empfangnahme des Tributs 
eines Gebietes Izala nach dem Lande Kasijari d. i. vermuthlich Nord- oder 
Nordwestsophene (KGF. 152 vgl. 184. 186), um hier d. h. im Lande 
Kasijari die Empörer zu bekämpfen. Er erobert die Stadt des empöre- 
rischen Präfekten Chulai, zerstört dieselbe und läfst den ersteren schin- 
den und seine abgezogene Haut an der Mauer der Königst^dt anheften 
(eigentl. die Mauer mit derselben „ bedecken **). Gemäfs einer andern 
Stelle derselben Inschrift (III, 105 ff.) läfst der König nach Eroberung 
des, wie es scheint, inzwischen abgefallenen und von einem gewissen 
Ilani occupirten gleichen Damdamusa von hier aus die Gefangenen sowie 
die Häupter (der Erschlagenen) nach Ami'd-Diarbekr bringen: jene Stadt 
ist also irgendwie als in der Nähe von Ami'd-Diärbekr belegen zu den- 
ken. Dieselbe war ja ohnehin froher bereits eine assyrische „Königsstadt" 
(s. o.), war also im Bereich der assyrischen Herrschaft auch ihrerseits 
belegen. Die Stadt ist unter Berücksichtigung beider Stellen als zwi- 
schen Ami' d - Diärbekr und Nord- oder Nordwestsophene, also jedenfalls 
irgendwie den Tigris stromaufwärts, nördlich von Diärbekr, liegend zu 
denken. Zog nun der Assyrerkönig, der, wie ausdrücklich bemerkt wird, 
die Nachricht von der Empörung der assyrischen Colonisten Sophene's 
in Niniveh empfing, mit seinem Heere auf dem nächsten direkten Wege 
gegen das nordwestlich von Diärbekr belegene Gebiet d. h. aber über 
Sört, Mejjäfärikin, Didsche, Häni gen West- oder Nordwestsophene, so führte 
der Weg direkt über. den Supnat und an der Quellgrotte, wo die Inschrif- 



Die Keilinschriften am Eingänge der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 23 

ten eingegraben sind^), vorbei, wie ja denn gelegentlich dieser selben — 
Obrigens auch von v. Moltke zurückgelegten — Route Sester ganz zufällig 
an der Höhle vorbeikam: er hatte keine Ahnung davon, dafs dort 
Inschriften sich fänden, wie er uns ja versichert, dafs „Niemand 



^) Hr. Kiepert bat aaf der seiner Abhandlung über Tigranocerta beigegebenen 
Karte (Monatsber. der Akad. der Wissenscb. 1873 S. 210) als örtlicbkeit des assyri- 
schen Monuments die Gegend an einem der beiden östlichen Quellarme des Sebeneh-Su 
und zwar dem sudlichsten derselben gesetzt und in seine unmittelbare Nähe das Anzita 
des Ptolemäus = Tnziti' der Inschriften verlegt. Es wird das im V^esentlichen auch das 
Richtige sein (für I'nziti'-AnziU s. KGF. 131. 134. 144ff.). Der nördliche bei Sivan- 
Maaden Torbeifliefsende Quellflufs, bezw. ZufluTs kann unter keinen Umständen gemeint 
sein; dieser fuhrt niemals und nirgends den Namen Sebeneh, heilst vielmehr stets ein- 
fach der „ Flufs von Sivan - Maaden^ ; der Name Sebeneh, Zibeneh haftet jetzt ausschliefs- 
lich am (sudlichen) Hauptarme, wo noch jetzt ein Ort diesen Namen fuhrt, und wenn 
J. Brant (Journ. of Roy. Geogr. Soc. X, 1841 p. 363) berichtet: „I was informed the 
eonroe of this river was in a ränge of moontains, on the other side of which the Murad- 
Chai runs, the ränge being parallel to the course of the river, *^ so pafst diese Aussage 
der Bewohner ebensowohl auf die östlichen wie auf die westlichen Quellarme des Flus- 
ses, abgesehen davon, dafs dieselben über die fraglichen Quellarme und deren Lauf, 
überhaupt über die betr. Localitäten gar nicht genau unterrichtet gewesen zu sein brau- 
chen. Entscheidend ist nach dieser Richtung die Aussage Sester' s. Er beschreibt die 
Grotte als liegend 4 Stunden von Häni und gleichweit von dem östlicheren Ilidsche. 
Nun giebt J. Brant als die Dauer seines Ritts von Ilidsche nach Hani auf 5 Stunden 
an, indem er gleichzeitig die wirkliche Entfernung auf 18 — 20 (engl.) Meilen schätzt 
(p. 361). Combiniren wir beide Angaben (auch Sester wird nach Lage der Dinge 
4 Stunden Ritt gemeint haben), so gelangen wir für die Örtlichkeit des Monuments 
zu einem Funkte, der in der Spitze eines gleichgfchenkligen Dreiecks liegt, dessen Basis 
die 5 stündige Entfernungslinie Häni-Ilidsche bildet d. h. aber in der Hauptsache dorthin, 
wo Kiepert auf seiner neuesten Karte (les provinces asiatiques etc.) an dem südlichsten 
der östlichen Quellflüsse des Zibeneh die Orter Malik und Dschehid eingetragen hat. 
Da von Ilidsche über Dschehid die Strafse nach Palu-Erzerum führt, Sester aber ans- 
drücklich berichtet, dafs die Inschriften in der Felsgrotte „auf der Strafse nach^ Erze- 
rum^ eingegraben seien, so werden wir die Grotte selber eben hier, wenn auch vielleicht 
noch etwas südlicher, nach Malik zu, d. h. mehr stromaufwärts zu suchen haben. Die 
Assyrer, wenn sie auf der nördlicheren Route über Ilidsche vom jetzigen Palu ans 
nach Armenien ziehen wollten oder aber wenn sie von Ilidsche über Häni aus den Sebe- 
neh im mittleren Laufe überschreitend nach Westsophene oder aber Diärbekr ihren Marsch 
richteten, mufsten in unmittelbarster Nähe der Felsgrotte vorüber. Es begreift sich, wie 
vier Assyrerkönige am Eingange dieser Grotte ihre Bildnisse ausmeifseln und ihre In- 
schriften eingraben liefsen. 



24 Schrader: 

vor ihm dieselben abgeklatscht hätte" (J. Taylor seinerseits gelangte 
von Egil, also vom Westen aus, hierher). Da nun weiter schon Salma- 
nassar I. (um 1300 V. Chr.) gerade in das nördliche Sophene eine Colonie 
führte (Asurn. I, 102 flg.); da schon Tiglath-Pileser L (um 1100) hier an 
der Quelle des Sebeneh-Su sein Bildnifs aufstellte, nicht minder dieses (die 
Richtigkeit unserer These einmal vorweg angenommen) Tuklat-Adar, sowie 
Asurnäsirabal und Salmanassar II im 9. Jahrhimdert, thaten, so wird 
jene Route d. h. der Weg von Niniveh den Tigris aufwärts nach Sört- 
Hazu und von da nordwestlich weiter, sei es Ober Nerdsckki-Ilidsche, sei 
es über Mejjäfärikln-Häni an den Sebeneh-Supnat seit Alters eine Heer- 
strafse der Assyrer nach dem Nordwesten gewesen sein. Die nördliche, 
über Nerdschki-Ilidsche gehende Route führt dazu fast geradeswegs an die 
linke östliche, zugleich die Süd-Quelle des Supnat und die Felsengrotte. 

Hiernach werden wir kaum anders sagen können, als dafs 1) der von 
Asurnäsirabal namhaft gemachte Supnat der jetzt als Sebeneh-Su bezeich- 
nete erste gröfsere linke Neben- bezw. Quellflufs des Tigris ist; sodann 2) dafs 
die von ihm als rts i'ni när Sz^pna^ bezeichnete Localität, wo die Bild- 
nisse Tiglath-Pileser's (I), Tuklat - Adar's und sein eigenes nebenein- 
ander aufgerichtet worden seien, eben die Grotte ist, aus welcher der 
Sebeneh herausströmt und an deren Eingange die drei Inschriften des 
Tiglath-Pileser I, des Asurnäsirabal und, ist anders unsere Entzifferung 
von Zeile 1 der Inschrift E eine richtige, auch diejenige des Königs Tuk- 
lat-Adar neben einander eingegraben, dazu des Erstgenannten (und 
noch eines anderen Königs s. o.) Bildnils ausgemeifselt ist, und der in- 
zwischen längst zu den Vätern versammelte Fox Tal bot hätte, als er 
nach Veröffentlichung der ersten Notiz Henry Rawlinson's, betr. die 
Entdeckung von Bildnifs und Inschriften in der Quellgrotte (des Sebe- 
neh- Su) seitens J. Taylor's auf die bezügliche Stelle in der Annalen- 
inschrift Asurnäsirabal's aufmerksam machte, mit diesem seinem Hinweise 
noch in weit höherem Grade das Richtige getroffen, als er selber es sei- 
ner Zeit geahnt. 

Aber die S est er 'sehen Abklatsche gereichen möglicherweise wie 
der angezogenen Aussage des Königs Asurnäsirabal, so nicht minder 
der ausdrücklichen Angabe noch eines andern Assyrerkönigs zur Bestft- 



Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 25 

tigung. Auch auf die vierte und jüngste der in der Quellgrotte des 
Sebeneh-Su angebrachten EOnigsinschriften scheint in den assyrischen In- 
schriften hingewiesen zu sein. Auf dem sog. kleinen Obelisk aus schwar- 
zem Basalt erzählt Salmanassar II gelegentlich des Berichts Ober sein 
7. Regieningsjahr (Face D. Z. 67—72; vgl. Stierinschrift Lay. 46, 9—12), 
daCs er wider den König Chabini von Til-Abni am oberen Tigris (KGF. 
195 Anm.) ausgezogen sei und diese Veste sammt den dazu gehörigen Ort- 
schaften eingenommen habe. Alsdann fährt der Bericht fort 69 ff.: a-di rti 
ndr i'-ni ia när Diglat a-Sar mu-su-u sa m% sak-nu a-lik] tuklat 
A5ur ina Ivb u-lil-lu ni-ki a-na ild-ni-ja as-hat, nab-kal hu-du-ut as- 
kuny sa^lam iarru-ti-ja sur-ha-a i'-bu-uSy ta-na-ti Asur bili-a al-ka- 
[kat] kur-di-ja man-ma sa ina mdtdti i'-tC-bu-sa ina kir-hi-Sa as-^tur 
ina lib-bi u-it-ziz] d. i.: „Zu dem Quellorte des Tigris, zu der Stelle 
des Ausgangs (R. kucm = tcs*»), welchen das Wasser gemacht hatte, zog 
ich; den Dienst des Asur verherrlichte ich dort, Opfer brachte ich den 
Göttern dar, in laute Freude brach ich aus, mein königliches Bild rich- 
tete ich prachtig her, den Ruhm Asur's, meines Herrn, meinen Siegeslauf,, 
wie nur irgendwer in den Ländern (solchen) zurückgelegt, schrieb ich dar- 
auf, richtete es alldort auf^. Eine parallele Angabe findet sich in dem Be- 
richt Ober den Eriegszug des 15. Regierungsjahres Obel. 92 ff.; Lay 47, 28ff. 
Der letztere, genauere, lautet: — a-na mdt Na-i-ri al-lik; ina r%s ndr 
i'-ni Sa ndr Diglat s^a-lam sarru-ti-ja ina mdt ka-a-pi (= hebr. tß, 
aram. «t''?) sa sadi-i ina si-it na-ga-bi-Sa (R. aps) oh-ni; ta-na-ti kiS- 
iu-ti'ja al'ka-kat kur-di-ja ina hi-rib-Su al-fur. Man hat, sei es 
die erste, sei es die zweite Stelle wohl auf jenes Standbild mit Inschrift 
bezogen, welches sich bei Egil, mehr südwestlich, am heutigen Arghana- 
Su, befindet und von J. Taylor signalisirt ist (s. noch neuerdings »Re- 
cords of the Past^ I, 32 ann. 3). Mit gutem Fug hat sich aber bereits 
H. Rawlinson (Athenaeum 1863 Nr. 1842 p. 229a) dagegen erklärt. 
Hinwiederum pafst jede der beiden Stellen, vor Allem die erstere, auf 
die Quellgrotte am Sebeneh-Su, wo, wie wir durch die Sester'schen Ab- 
klatsche nunmehr wissen, Salmanassar in der That seine Inschrift anbrin- 
gen und wohl wiederum auch sein Bildnifs aushauen liefs, wenn dasselbe 
auch jetzt, wie es scheint, nicht mehr vorhanden ist. Dafs er bezw. 

Philos.'Mstor. Äbh. 1885. L 4 



26 Schrader: 



sein in Niniveh arbeitender und die Ereignisse nach langen Jahren in 
einer sehr summarischen Weise zusammenfassender Tafelschreiber den 
Quell- und Nebenflufs des Tigris anstatt mit seinem Specialnamen mit 
dem des Hauptflusses selbst belegte, wird schwerlich als ein stringenter 
Gegengrund geltend gemacht werden können. 



Die Keilinschriften am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 27 



1. InscMft Tiglath - Pileser's I. 



1 - -M ^^-tlW -V) 
6 «v-T?T^:^a-f 




7 « V - ET -tH m t[<m] 

8 ^T <r6^ ET- ii^T W T]f 4^ -TT< 



9 M^ ^T <Tt^ W -^T tE 




10 TTT I T V -^T :^ -TT<T ^] 



^) Auf dem Papierabdrucke ist sicher lediglich ein ^T za lesen. 

^) Siel — Fehler des Steinmetzen anstatt t^Jj! . 

') Siel Der Gottesname selbst fehlt. 

^) Was erhalten ist, ist lediglich ein <, das aber auch in der folgenden lOten 
Zeile in dem Zeichen J dem senkrechten Keile nebengesetzt erscheint «s: y<. Für die 
Redensart käüd iStu — adi vgl. die Nachweise in EAT' Oloss. II s. "itoa. 



28 



ScHR adgr: 



2. Inschrift Tiiklat-Adar(?)'s. 



E. 



1 
2 



5 
6 



ßJHf 









« ^T- « m W 



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10 -T<ri^ t5;<T -ET ^ C;<[T<] . . . 



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• r <" 5*T -,•'-■ "■'T 



^^ 






=[TTT?] » 

y«< . . 



»JRPF 



^) Das Erhaltene könnte auch ein i^ sein. 



Dte Keilinsckri/ten am Eingange der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 29 



3. Fragment der Inschrift Asur-näsir-abal's. 



D. 



1 MV Hf^-nH^T«<M]V+0 

2 iü WIF !«< ET- T«< »^ ^ O 

3 [<]< -<T< t^T^ W ^]^J^ [<t- -ID -<T<" ^^^^ 



biiKL-. itl 



4 VHP^TtT-<T<^I<!<T^^TO 

6 Km V« -TTT- ^jn -V cir;:3 

7 [T -V] ^ te] T? « <& « V -V 

8 . . • l-iril « <^ « V -V ET -^M ^jn ::<TTT ^T <Tm 

9 <IET HF • • • 



1) ^ /a rf/tJtiar ma [pan bi'lü]ti[ja]. — 



30 Schbadeb: 



4. Fragmente der Inschrift Salmanassar's IL 



a. 



1 


• • 


. . . [-yw -n -T iT«< 












2 


• • 
• • 

• • 
• 


.... H^ 4^*TT *^ • • 


......... 


• • • • 


3 


B:TT AM ^ • 




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Die Ketlinschriften am Eingänge der Quellgrotte des Sebeneh-Su. 31 



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K Prvusslsrhf Ahad. dWssensc^. F9id.-hisf.Mh. 1885, TaJ". I. 



ScHRAQER: Keilinschriften am Sebeneh-Su. 



ly. 



tJber die Berliner Fragmente der "A^yivamv Ttdhreia 

des Aristoteles. 



Von 



H" DIELS. 



Pkilos.'histor. Abk. 1885. IL 



Gelesen in der Sitzung der philos.-histor. Classe am 21. Mai 1885. 



D, 



er aus Faijüin stammende Berliner Papyrus 163 enthält wich- 
tige Urkunden altattischer Geschichte, deren erste Entzifferung wir dem 
scharfen Blicke von F. Blafs verdanken. Leider hatte er seiner Abhandlung 
kein Facsimile beigeben können, so dafs der geistvolle Herstellungsversuch 
von Bergk im Einzelnen oft in die Irre gehen miifste, wenn auch das 
Hauptresultat seiner Untersuchung, dafs wir hier Bruchstücke aus Aristo- 
teles' ^A&y\vaiüüv TtoT^reia vor uns haben, unumstöfslich ist^. In der Zwi- 
schenzeit ist freilich der Versuch einer Reproduction gemacht worden, aber 
mit nicht genügender Sorgfalt, so dafs diese Arbeit eher Verwirrung als 
Nutzen stiften kann^. Als ich mich hiervon dem Originale gegenüber 
überzeugt hatte, schien es mir nützlich, selbst die schwierige Aufgabe einer 
Faksimilier ung in die Hand zu nehmen, nachdem sich eine mechanische 
Reproduction der abgeblafsten Schrift gegenüber aussichtslos erwiesen und 
auch der Versuch, durch einen nicht ungeübten Zeichner die Schrift fixie- 
ren zu lassen, mifsglückt war. Es haben sich mir bei der eingehenden 
Untersuchung dieser Fragmente auch einige nicht unwichtige neue Lesungen 



» Blafs Hermes XV 366. XVI 42. XVIII 478 (s. d. Anhang dieser Abb.), 
Bergk Rhein. Mus. XXXVI 87. 

^ H. Landwehr de papyro Berolinensi Nr. 163, Berlin 1883 (s. Anhang). Einen 
Theil der Versehen, die in den zwei autographierten Tafeln gemacht sind, hat der Verf. 
selbst berichtigt in einem Aufsatze des Philologus Suppl. V 195. Eine Polemik gegen 
diesen Aufsatz, der sehr dazu herausfordert, lag aufserhalb des Zweckes dieser Abhand- 
lung, die sich auf die kurze Erläuterung der neuen Lesung beschränken wird. 



4 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

ergeben, aber mein Ziel war von Anfang an nicht auf Entdeckungen ge- 
richtet, sondern lediglich darauf, das Sichere vom Unsicheren zu scheiden 
und so jedem Leser die Controle selbst in die Hand zu geben. Nur das 
bei günstigstem Lichte sicher Erkannte und wiederholt Nachgeprüfte ist 
in voller Schrift ausgeführt, alle unsicheren Buchstaben sind punktiert 
worden. Alle Lesungen also, die auf diesen unsicheren Buchstaben be- 
ruhen, dürfen nicht als authentisches Material benutzt werden. Es sind 
Combinationen oder Conjecturen, die eine lediglich subjective Gültigkeit 
beanspruchen ^ . 

Über das Alter der Papyrusschrift, namentlich der Buchschrift, wie 
sie hier vorliegt, ist man bis jetzt noch nicht im Stande andere als arbi- 
träre Urtheile zu fällen. Wenn daher Ch. Graux unseren Papyrus spä- 
testens auf das zweite nachchristliche Jahrhundert geschätzt hat, weil die 
Schrift in der Mitte stehe zwischen dem groisen Hypereidespapyrus und 
der Ilias Bankesiana, so ist dies eine Rechnung mit zwei Unbekannten, 
die keinen objectiven Werth besitzt. Blafs hat sich daher auch nicht 
abhalten lassen tiefer hinabzugehen, weil das Buchformat der Blätter und 
das Alter der anderen Faijümer Funde auf spätere Zeit hinweise. Aber 
diese dort in so grofser Anzahl zu Tage getretenen Papyri sind offenbar 
verschiedenen Fundstätten' entnommen und einige dieser Urkunden führen, 
wie wir jetzt wissen, bis in die erste Kaiserzeit hinauf. Auch an und 
für sich ist es ja denkbar, dafs unsere schon äufserlich viel weniger gut 
erhaltenen Fragmente aus älterer Zeit sich im Besitze der Leute befanden, 
mit deren Privaturkunden sie sich zusammen gefunden haben. 

Anders stände es freilich, wenn die von Blafs bemerkte Abkür- 
zung und die stellenweise Bezeichnung von Spiritus und Accenten sich 
wirklich auf unseren Fragmenten vorfände. Namentlich bei einem Pro- 

^ Ganz weggelassen sind die Schriftspuren, die eine Ergänzung zu irgend einem 
Buchstabenbilde nicht gestatteten, selbstverständlich auch alle figuren- oder schriftartigen 
Färbungen der Pflanzenfaser. Gerade diese erschweren die sichere Entzifferung ungemein. 
Doch hat zur Unterscheidung der wirklichen Schrift von den zufälligen Färbungen und 
Rissen des Papyrus ein von Hrn. Haubenreifs er, Restaurator des Kgl. Kupferstich- 
Cabinets, angegebenes Firnifsverfahren wesentlich beigetragen. Bei besser erhaltenen Pa- 
pyri und Ostraka ist dieses Verfahren, namentlich unmittelbar nach dem Auftragen des 
Firnisses, von aufserordentlichem Erfolg; auch in unserem so schlecht erhaltenen Exem- 
plare sind hierdurch einige vorher ganz unsichtbare Buchstaben deutlich hervorgetreten. 



der ^X^Tivamv TroXirBia des Ainstoteles. 5 

saiker ^äre dies ein Anzeichen möglichst späten Ursprungs. Aber von 
allen diesen Zeichen habe ich keines bestätigt gefunden. Die Abkürzung 
TtJ = rwv IIa 10 ist nicht vorhanden, sondern es steht ausgeschrieben 
da T(*)N^. Auch der angebliche Spiritus über oAoJC lÄ 12 ist nur Schein, 
der durch den zackigen Rand der Blattklebung hervorgebracht wird. Mit 
der antiken Form des Spiritus Asper, wie ihn z. B. der Alkmanpapyrus 
und die zweite Hand der Dias Bankesiana und des Hypereides (pro Euxe- 
nippo) zeigen, hat jenes angebliche Zeichen über oAcac so wenig zu thun 
als das vor eAeced^i Ib 7 wirklich erscheinende Häkchen. Auch hier räth 
nichts einen Spiritus Asper anzunehmen. Vielmehr scheint das Zeichen 
einen Ausfall von Worten anzudeuten. Auch die diakritischen Punkte 
über dem i in VeNT^c la 12 geben keine Altersmarke, da sie in- 
schriftlich wie handschriftlich vom ersten Jahrhundert n. Chr. an nicht 
selten sind. 

Das Hauptargument, das für spätere Entstehung ins Treffen ge- 
führt wird, ist die Buchform, in welcher nach Blafs' Ansicht diese Blätter 
ursprünglich zusammengeheftet waren. Die in neuerer Zeit begonnene 
Untersuchung über Ursprung und Gebrauch der modernen Bucheinrichtung 
scheint mir jedoch gerade in dem Fundamente nicht vorsichtig genug 
geführt zu sein, so dafs ein Schlufs daraus auf das Alter unserer Blätter 
übereilt wäre. Überdies erscheint mir diese Annahme selbst, unsere 
Fragmente seien in Buchform zusammengefaltet gewesen, aulserordentlich 
problematisch. 

Blafs hat nemlich die Reihenfolge der vier Fragmente so ange- 
ordnet, dafe der Text auf der einen Seite der Blätter (Aufsenseite) links 
bei Columne la anfängt (Seisachtheia des Solon), dann auf die andere 
Seite (Innenseite, linke Columne) 16 übergeht (Archontat des Damasias, 
Streit der Paralier u. s. w.). Auf derselben Innenseite rechts folgt II a 
(Reform des Kleisthenes), endlich auf der Auisenseite rechts schliefst das 
Blatt mit Columne 116 (Ostrakismos, Flottengesetz des Themistokles). 
Nimmt man nun noch mit Blafs an, dafs in der Mitte zwischen Ib und 



^ Der erste Strich des N ist absolut sicher. Der horizontale Strich über dem 
U) ist das Ende eines br&unlichen linienartigen Streifens im Papier, der von unten auf- 
steigend sich schrfig über die Buchstaben 0YC6KTU) erstreckt. 



6 D I E L s : über die Berliner Fragmente 

IIa ein oder mehrere Blätter ausgefallen sind, welche die Tyrannis der 
Peisistratiden umfafst haben müssen, so erhält man eine so einleuchtende 
Folge historischer Thatsachen, dafs man sich nur schwer entschliefst an 
einen Irrthum zu glauben. Die äufseren Indicien, von denen Blafs bei 
seiner Anordnung ausging, sind einmal der Hauptbruch des Papyrus A B, 
der thatsächlich nach innen zu (Columne Iä) klappt, zweitens der freie 
Rand IIa rechts und 116 links und endlich das Übergreifen des Textes 
von IIa auf den rechten Rand von \b. In der That, das stimmte alles 
so hübsch zusammen, dafs auch ich längere Zeit von der Richtigkeit die- 
ser Anordnung überzeugt war. Bedenklich stimmten mich zuerst die Über- 
reste von Schrift, die ich am äufsersten linken Rande von la bemerkte. 
Sie sind sehr verwischt und undeutlich und waren daher früher nicht be- 
rücksichtigt worden. Ist die Anordnung von Blafs richtig, so müssen 
naturgemäfs diese Zeilenausgänge ebenso mit den Zeilenanfängen von 116 
correspondieren, wie die Anfönge des rechten Randes von 16 mit IIa in 
Verbindung gebracht worden waren. Legt man nun aber die zwei Bruch- 
stücke der angeblichen Innenseite 16 und IIa so an einander, dafs nach 
der Reconstruction von Blafs z. B. rSiv 16 (rechts von AB^ an IIa 6 
anschliefst, ebenso in der folgenden Zeile roXg {avroig) an Iv (IIa 7) u. s.w., 
so ist es mir wenigstens unmöglich gewesen, die Zeilenausgänge des linken 
Randes von la in ähnlicher Weise mit den gegenüberstehenden Anfängen von 
n 6 zu combinieren. Selbst wenn man der allerdings starken üngleichmäfsig- 
keit der Linien und der schlimmen Mifshandlung des Papyrus den weitesten 
Spielraum steckt, wird es schwerlich gelingen, die Zeilenausgänge des linken 
Randes la zur Reconstruction von 116 zu benutzen^. So war ich etwas muth- 
los und zweifelhaft geworden. Als dann der Firnifs eine Reihe vorher un- 
sichtbarer Buchstaben an den scheinbar geradlinig abschliefsenden Aufeenrän- 
dern zeigte, als sich dadurch auch die bisherigen Anschlüsse der Columnen 
16 und IIa als unmöglich herausstellten, als sich endlich sogar Buch- 
stabenspuren, freilich unsichere, zeigten, die über den Bruch A B von der 
einen Seite über die andere hinwegzuführen schienen, konnte der Ver- 
dacht nicht länger unterdrückt werden, dafs die Anordnung eine andere ge- 
wesen sein müsse als die bisher mit guten Gründen vertheidigte. 

^ Ich will nicht verschweigen, dafs ich eine Zeit lang la linker Rand (zwischen 
Z. 13 und 14) iM\iTct7Xa und Ih (neben Z. 10) <pctT^[ict- zu erkennen glaubte, was sich mit 



der ^A^rivaiwv TroAircia des Aristoteles. 7 

Die Schrift der Fragmente, die offenbar von einer Hand herrührt, 
zeigt eine gewisse Zierlichkeit und ein Bestreben nach Eleganz, aber sie 
entbehrt durchaus der Gleich mäfsigkeit und Festigkeit. Grofse unge- 
schlachte Buchstabengruppen wie z. B. in den Zeilenanfängen la 6. 8. 16 
wechseln mit kleinen, enggedrängten z. B. 16 10 g. E., 18 Anf. Dieselben 
Buchstaben wie r o werden bald grofs bald winzig klein gebildet; die ho- 
rizontale Linie wird nicht inne gehalten, es geht bergauf bergab. Ähnlich 
ungleichmäfsig ist die Vertheilung der Buchstaben auf die Zeilen. Freilich 
Normalexemplare mit gleichmäfsig 15 — 16 Silben (oder so und soviel Buch- 
staben) in der Zeile haben sich bisher noch nicht gefunden, und die man 
daf&r ausgeben möchte, erweisen sich bei genauerer Untersuchung als 
recht ungleichmäfsig geschrieben^. Aber unser Exemplar ist doch beson- 
ders unordentlich geschrieben, wenn die Ergänzungen richtig sind, die ja 
in Col. I a anderweitig gegeben sind. Man ist daher nicht im Stande aus 
äufseren Gründen zu entscheiden, ob Z. la 20 nach Kari(r%t ^jliov noch 
eine Zwischenbemerkung wie kou irdXiv oder xal hi^w^t vor dem weiteren 
Citat ei yä^ fi^ekov gestanden hat oder nicht, wenn mir auch das letztere 
viel wahrscheinlicher ist. Vergleicht man nun mit der Zeilengröfse von 
Col. la die Rückseite Ib^ so zeigen ja schon allein die nach ra tt^ot (Z. 12) 
und vor Kai Trivf\(rtv (Z. 15) nothwendigen Ergänzungen, dafs hier gröfsere 
Zeilen auf der Seite gestanden haben müssen. 

Alles zusammengenommen macht die ungleichmäfsige Ausführung 
der Schrift den Eindruck von Dilettantismus oder Schülerarbeit. Wir sind 
damit in eine Sphäre gewiesen, bei der man von der rationellen Anlage 
der buchhändlerisch hergestellten Waare abstrahiren mufs. Wir haben, 
glaube ich, ein Analogon vor uns zu der EOÄd^ou Te%vyi mit ihren kindlich 
gezeichneten Figuren und noch kindlicheren astronomischen Irrthümern 
oder zu dem von H. Weil herausgegebenen Didot'schen Papyrus. Auch 

dem Inhalte der gegenüberBtebenden Columne berubrte. Aber diese Wörter in einen Connex 
mit dem erhaltenen Reete sa bringen war mir anmöglich nnd die Lesungen selbst sind zu 
unsicher, als dafs hierauf irgend gebaut werden könnte. 

^ Ich meine 2. B. Vol. Herc. C. I vol. VI, das man als Normalexemplar mit Rei- 
hen von Hezameterlange betrachtet hat. Aber die Reiben variiren von 12 — 17 Silben 
(28—38 Buchstaben). Ähnlich steht es mit dem kurzlich publicierten Wiener Thukydides- 
fragment (Wessely Wiener Stud. VII 116), das auch nicht so gleichmäfsig geschrieben ist 
wie der Herausgeber angenommen hat. 



— _ 

8 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

diese sind opistograph, auch diese sind meines Erachtens Schulabschriften, 
deren UnregelmäXsigkeiten und Absonderlichkeiten (das Euripidesstfick ist 
auf der Rückseite wiederholt) in den Zufälligkeiten ihrer Entstehung begrün- 
det sind. So möchte ich auch in unseren Fragmenten zwei lose Blätter se- 
hen, die ein arsinoitischer Schulknabe successive mit Abschriften bedeckt hat. 
und zwar denke ich mir die Entstehung so, dafs der Schüler zuerst ein mäfsig 
grofses Blatt, etwa in der Gröfse des Didot'schen Papyrus, bei la (Vorder- 
seite) mit einigen nebeneinanderstehenden Columnen anfüllte und dann 
auf dessen Rückseite 16 überging, ferner ein zweites Blatt mit den IIa 
(Vorderseite) und II ft (Rückseite) bedeckten Columnen beschrieb. Diese 
Vertheilung widerspricht nun freilich der Beobachtung von Blafs, dafs 
16 und IIa sich schon durch die Glätte des Papyrus und die dadurch 
bedingte bessere Erhaltung der Schrift als eigentliche Schriftfläche aus- 
wiesen und von der Aufsenseite 116 und la deutlich abhöben. Dadurch 
wäre die Möglichkeit, \a zur Vorderseite, 16 zur Rückseite zu machen 
ausgeschlossen. Aber ich habe diese Beobachtung nicht bestätigt gefunden. 
Die Glätte des Papyrus sowie die Lesbarkeit der Schrift ist strichweise auf 
derselben Fläche sehr verschieden. Im Ganzen zeigt der Papyrus auf bei- 
den Seiten dasselbe Aussehen und denselben Zustand der Erhaltung. Am 
besten ist 16 erhalten, dann la links von dem durch e[(r]|cü(r6v Z. 2, (rt;jLi|Lta|^- 
rv^otviv Z. 5 U.S. f. durchgehenden Bruche; Ha u. 116, die nach meiner Anord- 
nung zusammengehören, sind ziemlich gleich schlecht lesbar. Es ist offen- 
bar, dafs die Fragmente schon früh zusammengefaltet und in diesem Zu- 
stande ungleichmäfsig den zerstörenden Einwirkungen der Atmosphäre und 
Feuchtigkeit ausgesetzt waren. Denn dafs diese Blätter später buchartig 
zusammengeschlagen wurden, zeigt der Bruch AB^, Aber dies war selbst 

^ Neben dem Haaptbruch A B zeigen sich noch andere schwächere Sparen der 
Faltung (wie der eben erwähnte Bruch), die aber später entstanden zu sein scheinen. 
Denn während rechts und links von AB sich eine deutliche und ziemlich gleichmäfsige 
Vernichtung der Schrift zeigt, weisen die Partien nächst diesen schwächeren Biegungen 
keinen ähnlichen Grad der Zerstörung auf. Am meisten haben die Ränder von IIa und 
II b (ursprünglich wohl auch Bruchstellen) gelitten , indem die Papyrus-Oberfläche gänzlich 
zerstört und dadurch die Schrift völlig vernichtet ist. Dadurch ist der Anschein erweckt 
worden, als ob gar keine Schrift vorhanden und breiter Rand gewesen sei, was mir nach 
den oben mitgetheilten Gründen unmöglich erscheint. Man wird in der verticalen Aufsen- 
linie der erhaltenen Zeilen IIa 13 — 18 eine Ausbuchtung wahrnehmen, die auf der Rück- 



der *A&r\vaiü)v 'iroTurela des Aristoteles. 9 

bei rollenartig angelegten Werken üblich, wie der Isokrates- Papyrus von 
Marseille zeigt (Schöne, M^langes Graux S. 483). Daraus also kann auf 
das ursprüngliche Format in keiner Weise zurOckgeschlossen werden. 

Wie man nun auch über die ursprüngliche Entstehung und Anord- 
nung dieser Fragmente urteilen mag, für die Ausnutzung des historischen 
Gewinnes wird es durchaus gerathen sein, sich nur an die einzelnen Frag- 
mente zu halten. Constatiert ist es also auch in keiner Weise, dafs alle 
Fragmente aus einer Schrift stammen. Die Coincidenz des einen Frag- 
mentes mit Aristoteles' Politeia verbürgt durchaus noch nicht ohne wei- 
teres, dafs nun alle anderen denselben Ursprung haben müfsten, aber der 
Inhalt spricht fi'eilich durchaus für diese nächstliegende Vermuthung; 
was Bergk wenigstens für seine Meinung, es lägen Excerpte aus ver- 
schiedenen Schriftstellern vor, geltend gemacht hat, hat sich als irr- 
thümlich herausgestellt. Aus inneren Gründen werden wir an dem 
aristotelischen Ursprung aller Fragmente festhalten dürfen und ebenso 
werden es innere Gründe sein müssen, die unser Urtheil Ober die Anord- 
nung und chronologische Einordnung der erhaltenen Daten bestimmen. 



Seite IIb genau entsprechend wiederkehrt. Wenn jemand zweifeln sollte, dafs die Zersto- 
rang auf den Seitenrändern so gänzlich alle Schriftspuren beseitigt haben könne, so ver- 
weise ich ihn auf den unteren Rand von IIa und 116, der ehemals ebenfalls mit Schrift 
bedeckt war, von der jetzt jede Spur vertilgt ist. 



Philos,'hi8tor, Ahh, 1885. IL 



10 D I E L s : über die Berliner Fragmente 



Ib. 



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------ ^<*[t*] «^[0^" a^ovrag s - - 

- - - TrJflßAiv i&liajv lxaT[e]^ü;. Siä ravTy\v y\^ov 

- - - - TTO . . eiai/. jLtera 5c ravra &a rcSv - - 

- - - AaiJLa(Tiag ai^e&£ig ä^wv, trYi Ä;o Ka[Ta- 

ro Äe MST*] avTolv Sia] to (TTafria^etv a^ovrag # eXeT^at - - 
. . . rirrao\ag fJLSv sinraroiSuiv r^eTg Äe ätto/koüv 5iio [Ä^g 
Koi ^fJLijovoycüv, jcai ovtoi rcv iitra AafJLa(Tiav vj^[^uv 

10 . . . • ivijavrov, uj Kat SfjXov ori ixeyiJ'Ty\v 8vvafxiv [si%e]v 
avTy\ Twv'] oLoyßv. (paivovrai yao out O'ra^ia^GVTeg - - 
TTsol Tavr]Yig rij^ ap%>f?. oXwg ^e 8itriXovv rä w^oo'lS'ev l^t- 
^ovreg,'] ot [xh äoyj]\f koi 7roo<pa(nv iyjivrzg ri^i/ - - 
twv] %i^tZv uTTOKOTTYiv. o'vveßsßyifcei yäo avroig yevE[o'Bai raTrsi- 

15 volgj^ Hoi TrivYio'iv, ot Äe ttj TroXtreia ^a'%BQcuvovreg [^ii to vew- 
(TtJ] ßeydXviv ysyovivat fJLeraßoXriv, evtot f/.ev(,roiy &a t[^]v Tra- 
Xai TTQJog d}^i/\Xovg (ptXovetKtav. Y\(rav 5e ai o^racetg [avToov 
roetg, vj fxejv rwv TraoaXtwv, tSv Tr^osa'Ty\icet Msya}c[Xvig 
^AXKjJLaiüijvog. ot Se e^oKOVv [xaKttTta ^iWKeiv - - 

20 ----- - Mey^a)iXea , . o'avT .... nal - - 

- - - YiyavaJKTovv [w^] aTTO kukSv ^6[iT7roTU}v - - 
------ u)v lKT>)[(raTo] fJiei^u) rtvu [pvva- 

fjLtv - - - -] netG'li](rr[^]arog. [v\]v Se dvYj^ ore - - 



Die zeitliche Einordnung der hier geschilderten Verfassungskämpfe 
hat aufserordentliche Schwierigkeiten bereitet. Auszugehen ist von dem 
Archon Damasias. Die attische Archontenliste kennt zwei Eponymen 



der 'k^Yivaiuiv iroXiTeia des Aj^istoteles. 11 

dieses Namens. Der erste wird Ol. 35, 2 (639/8)^ gesetzt, der zweite 
wahrscheinlich 01.48, 3 (586/5), sicher zwischen 590/80 2. Wenn man also 
bei unserer lückenhaften Überlieferung die paar vereinzelten Daten nicht 
von vornherein in den Wind schlagen will, so kann die Frage nur so 
lauten: Ist der Damasias unseres Fragments der Archon 639 oder 586, 
d. h. fällt der geschilderte Verfassungskampf vor oder nach Solon? 

Wer an der Buchform festhält, der mufs von vornherein, wenn er 
nicht zu gekünstelten Hypothesen greifen will, unbedingt auf Damasias 11 
kommen. Wer dagegen in der Anordnung der Fragmente durch das For- 
mat nicht gebunden ist, der kann an den Damasias vor und nach Solon 
in gleicher Weise denken. Er wird zur Entscheidung sich nur auf die 



^ Dionys. Ant. III 36 Tra^äXaßßavst 71)1/ ao<//iv 6 MccfHiog Iviavrui Stvrl^uj rrlg r^ioe- 
xooT^c uai ir€fAimi9 oXvfJLTnaSog, y}v Ivlxa ^tpcu^og AaxtScufMutog Htt^* ov y^ovov *ASiji/ijj'i ri^v 
ivtavartov cip^v 8t%ä HctyLaTutg» 

' Mann. P. 38 itp* ov iv At}upotg rre<pcwlTr,9 aydv ndktv srcdij enj HHHA[^l]tlj 
cc^yotrrog 'AS^Vijti ^aixaTiov rov SvjtI^ov (so Dopp Quaest. de M. P. p. 59), d. i. Ol. 48, 
3 (586/5). Laert. Diog. 22 (Qa>.vig) n^rog a'o<pog livofxaT^fi a^ovrog 'ASijVtjo'i AatActa-tov, 
xa&' ov Ol eirrn ixXrjB'via'aug ig (pYjTt Ar}ßiiT^tog o ^aXvj^svg tu rrf twi/ a^ovTMu auay^a<p^. 
Die Epoche des Thaies scheint bestimmt durch die berühmte Sonnenfinsternis, 28. Mai 
585, die also genau in die zweite Hälfte von Ol. 48, 3 fällt. Ungenau Plinius Ol. 48, 4. 
Hatte Apollodor 01.48, 3 zu Grunde gelegt, so fiel die nach der cucfAi) berechnete Ge- 
burt in Ol. 38, 3 (626/5, genauer 625), was mit dem aus Apollodor berechneten An- 
sätze des Porphjrios stimmt (Abulfaradsch p. 33 Poe, Sharastäni II 145 Harbr. S. Nauck 
Porphyrii opusc. tria Praef. S. IX: dicit autem Porphyrius floruisse Thaletam post Nebu- 
chadnesarem centum et viginti tribus annis), der auf das 123. Jahr der Nabonassar'schen 
Aera bezogen wird (Beginn 26. Jan. 625), wobei die gewohnliche Verwechselung der Ge- 
burt und Bluthe zu statuieren ist. Dies als Berichtigung meiner früheren ungenaueren 
Rechnung Rhein. Mus. 31, 15, zu der ich durch Unger Philo!. 41, 623 veranlafst bin, 
dessen Ansätzen gegenüber ich meine Grnndansicht durchaus aufrecht erhalten mufs. Nor 
in der Erklärung des falschen Ansatzes der Geburt des Thaies auf Ol. 35, 1 resp. OL 
35, 2 kann ich jetzt eine einfachere Lösung geben : der Damasias der Ol. 48, 3. 4 ist mit 
dem Homonymen der Ol. 35, 2 verwechselt worden. War wie bei Demetrius nach Laertius 
a. O. der Name Damasias schlechtweg überliefert, so mufste der in seiner Archontenliste 
nachsuchende Chronograph fast notbgedrungen in den Irrthum verfallen, den ersten an- 
zusetzen. Dadurch ist es gekommen, dafs sich in unseren contaminierenden Quellen 
Ol. 35 (die bestimmte Olympiade war wohl nicht genannt) statt des von Apollodor ge- 
meinten Ansatzes eindrängte (Laertius, Eusebius, Suidas). Die in unseren Quellen heil- 
los zerrütteten Ansetzungen des Kirrhäischen Kriegs und der Einsetzung der Pythienfeier 
halte ich für eine ungeeignete Basis zur Bestimmung des zweiten Damasias. 

2» 



12 D I E L s : Uher die Berliner Fragmente 

Indicien berufen dürfen, die sich aus dem Zusammenhange des Fragmentes 
selbst mit Nothwendigkeit ergeben. 

Innerhalb der Columne I b ist eine gröfsere LOcke oder ein Absatz 
nicht wahrzunehmen. Wir sind daher berechtigt, ja genöthigt, die Be- 
stimmung des Damasias aus dem Folgenden zu entnehmen. Da erscheinen 
zuerst die Streitigkeiten der drei Klassen, der Eupatriden, Apoiken und 
Demiurgen, um die Archontenwahl. Mit einem Compromifs wird dieser 
Zwist vorläufig abgethan, Z. 6 — 12. Dann Fortdauer der Unzufriedenheit, 
hervorgerufen durch den grofsen Umschwung der politischen Verhältnisse 
&a ro (yEU)(TT\T) fjLsydXyjv yeyovevai fxeTaßoXiliv Z. 15, 16, Verschiebung der Ver- 
mögensverhältnisse bei den Wohlhabenden in Folge der x^eSv äTroKowri. 
avveßeßi^Kei ya^ avToig ysy^T^ai raireivolg'i] koi Trivyjfriv Z. 13. 14. Diese po- 
litische und sociale Umgestaltung kann sich schwerlich auf Verhältnisse des 
7. Jahrhunderts beziehen. Denn lagen auch bereits alle diese Probleme in 
der Luft und mufete speciell die Schuldenerleichterung als erstes Heil- 
mittel der zerrütteten Verhältnisse erscheinen, zur Ausführung ist dies 
alles doch erst durch die Reform des Solon gekommen. Durch dessen 
X^Bwv aTTOKOTrii allein konnte thatsächlich eine Beeinträchtigimg und Ver- 
armung der besitzenden Klasse herbeigeführt worden sein, und eine that- 
sächlich erfolgte, nicht eine projectierte Schuldentilgung setzen doch die 
Worte oi§%yiv fcal ir^oipaxrw iyjavrtg r^w rSv %Deu)v iiroKCTTYiv voraus. 

Ein zweites Argument liegt darin, dafs die Betheiligung der drei 
Stande der Eupatriden, Apoiken und Demiurgen an dem passiven Wahl- 
recht zum Archontate, wie es in dem Jahre des Damasias nach unserem 
Fragment geschehen, die Solonische Reform bereits vorauszusetzen scheint» 
Solon war es, soviel wir wissen, der die Macht des eupatridischen Ringes 
gebrochen, der durch die Zulassung der reichsten Mitglieder der andern 
Stände das Archontat des oligarchischen Charakters entkleidet hatte. Gä- 
ben wir der Zeit des Archon Damasias I (639) bereits die Theilnahme aller 
Stände am Archontat, so wäre die timokratische Reform des Solon ein 
Act unbegreiflicher Reaction, insofern die von dem Demos im engeren 
Sinne, den beiden niederen Ständen, bereits vor 40 Jahren eroberten Pri- 
vilegien nun wieder eng beschnitten worden wären, weil ja der Census 
den bei weitem gröfsten Theil der beiden niederen Klassen wieder aus- 
geschlossen hätte. Ist dagegen Damasias der nachsolonische Archont, so 



der 'K&y\vaiwv TroXircia des Aristoteles. 13 

ergibt sich eine stetige und rationelle Entwickelung. Die unerträgliche 
Oligarchie der Eupatriden wurde durch Solon endgültig beseitigt. Auch 
die beiden andern Klassen erhielten Zutritt, aber nur die, welche bereits 
durch ihren Reichthum eine neue Aristokratie zu bilden begonnen hatten. 
Nachdem durch Solon die Gleichberechtigung proclamiert war, mufste so- 
fort die Machtfrage auftreten, wer nun von den drei Ständen die meisten 
Candidaten für das Archontat liefern solle. Zunächst waren die Eupatriden 
im Vortheil, da sie natürlich zur ersten Steuerklasse das überwiegende 
Contingent stellten. Aber die beiden andern Stände treten jetzt ebenfalls 
auf den Plan und ihre Vertreter in der Zahl der Pentakosiomedimnen 
suchen, gestützt auf die hinter ihnen stehende Masse, die Regierung zu 
erhalten. Die alte Ständeeintheilung mufste jetzt in dieser Conflictszeit 
sich mit besonderer Schärfe markieren, da jetzt alle drei Parteien, vor 
dem Gesetze gleichgestellt, um die Wette nach politischem Einflüsse stre- 
ben konnten. 

Als erstes Anomalon tritt uns da die völlig unzweifelhafte That- 
sache entgegen, dafs das Archontat des Damasias ein zweijähriges war. 
Das bedeutet offenbar Usurpation und Tyrannis, mögen wir uns die Stel- 
lung der acht übrigen Archonten zum ersten denken, wie wir wollen. 
Diese Verfassungswidrigkeit zu begreifen, müssen wir einen Blick vorwärts 
und rückwärts thun. Solon war, wie Plutarch (Solon c. 14) erzählt, von 
allen Seiten aufgefordert worden, sein Reformwerk durch die Tyrannis zu 
krönen, d.h. sein einjähriges Archontat dauernd zu gestalten i. Plutarch 
hat die Verse an Phokos erhalten, in welchen er klar ausspricht, dafs es 
ihm ein leichtes gewesen wäre, die Tyrannis zu erlangen, wenn er den 
Ruhm seines Werkes hätte beflecken wollen (Fr. 32 B.). Einen ähnlichen 
Gedanken spricht er im Fragment 33 aus, das demselben Gedicht an Pho- 
kos entnommen zu sein scheint: 

Hol rvDavviV(rag ^A&yivwv fxovvov rifiioav fjLiav 
do'Kog vtrreoov ^8a^&at KaTriTeTOiip^ai yevog. 

^ Etwa wie Pittakos, dessen Aisymnetie Aristoteles eine al^tni rv^uwlg nennt, 
Pol. r 14. 1285 a 31 ff. Die depossedierten Aristokraten, wie Alkaios, sprechen natürlich 
schlechthin von Tyrannis (Arist. a. O.). 



14 Die LS: Über die Berliner Fragmente 

Gewöhnlich bezieht man dies auf Erfahrungen, welche die Tyrannis des 
Peisistratos an die Hand gegeben hatte. Aber wenn hier eine bestimmte 
Persönlichkeit geschil4ert werden soll, so kann mimöglich Peisistratos ge- 
meint sein. Solon hatte sich auffallend mild über ihn ausgesprochen, ja 
er hatte geäufsert, wie Plutarch offenbar nach seinen Gedichten berichtet, 
wenn man von der Herrschsucht des Mannes absähe, gäbe es keinen tüch- 
tigeren und trefflicheren Bürger als ihn^. Es ist also zu erwägen, ob 
die Schilderung des habgierigen, ephemeren Tyrannen nicht auf Damasias 
zielen soll, der den kurzen Rausch seiner Usurpation mit Verbannmig und 
wohl auch Vermögensverlust gebüfst hatte. Die Gedichte Solons selbst 
zeigen uns, wie es ja in der Natur der Sache lag, dafs diese grofse Re- 
form, die in so viele politische und sociale Verhältnisse scharf einge- 
schnitten hatte, nicht in der Weise glatt durchgeführt werden konnte, wie 
sich das die Rhetorik des vierten Jahrhmiderts vorzustellen pflegt. Die 
Uneinigkeit dauert fort, zu den alten Conflicten kommen neue, vor allem 
aber bildet das Archontat, das noch immer die wirkliche Regierung 
darstellt, den Zankapfel und den Machtmesser der Parteien. So konnte 
die Bedeutung dieser Behörde und speciell die Stellung des ersten Archon, 
die nicht mit der Bedeutungslosigkeit desselben in der Demokratie ver- 
glichen werden kann, wohl zu Staatsstreichen verlocken. Die Tyrannis, 
die Solon nur mit Mühe von sich abwandte, indem er nicht sich, sondern 
seinen Verwandten Dropides für das folgende Amtsjahr wählen liefs, hat 
Damasias acht Jahre später sich wirklich angemafst, indem er zwei Jahre 
hinter einander (Ol. 48, 3. 4) regierte. Somit reiht sich dieser freilich wenig 
erfolgreiche Versuch des Damasias sehr wohl in die Kette gewaltsamer Usur- 
pationen ein, wie sie in dem Kylonischen Aufstande und der Peisistra- 
tidenherrschaft in ihren besonders hervorragenden Momenten überliefert 
worden ist. Von diesem Standpunkte aus betrachtet erscheint das Solo- 
nische Archontat nicht wie ein Abschlufs, sondern nur wie ein kurzer 
Stillstand in dem gewaltig hin- und herwogenden Parteikampfe. 



^ Plut. Solon C. 29 o Se 2o>.a;i/ to^O to y,^o<: i(pw^ccTtu avrov xai Tvjv IrrtßovXr,!^ 
nowTog eynaTil^ev , ov fAtju ifMTYicrev aXX' inei^uTO ir^aiivuv neu voi/B'STilif xai n^cg avrov e}.eys 
Hoi 'JT^og sTs^ovg u>g, ««' rtg i^iXoi to (piXoirgwTov ccvtov rijff "y^XV^ ^"^ '"*!*' ini^vfxtav laa-cctTO 
TYJg TvoccuviSog, oO« sttw a?>}s.og evcpvlrTsoog ir^og a^srv\v oiht ßtkriiüv 7ro?.ir»j5^. 



der ''A^rivaim iroKirua des Aristoteles. 15 

Gern möchte man auch diese Parteischiebungen genauer verfolgen 
können und namentlich wichtig wäre es zu wissen, wer den Damasias auf 
den Schild erhoben hat. Der Papyrus bricht unglücklicher Weise gerade 

an der entscheidenden Stelle ab. Z. 4 fitra & ravra &a rwv 

Aa/MTiag ai^e^ilg a^oov. Ja nicht einmal twv ist sicher überliefert. 

Blafs las toin und diese Lesung läfst sich den verwitterten Zügen ebenso 
gut entnehmen als tun, das man später gelesen hat. Auch sprachlich 
würde der Dual bei Aristoteles unanstOfsig sein, namentlich wenn &jo7v 
dazu gesetzt würde ^. Man hätte unter diesen beiden b^vyi mit Bergk 
die Geomoren und Demiurgen, also das niedere Volk im Gegensatz 
zum eupatridischen Adel zu verstehen. Diese Ergänzung empfiehlt sich 
auch dadurch von vorn herein vor dem von anderer Seite vorge- 
schlagenen &A rm evTraT^iSuiv, weil die Tyrannis sich insgemein auf die 
Menge stützt, wie Aristoteles öfter ausföhrt^ und in der Natur dieser 
Parteikämpfe der Demokratie gegen die Oligarchie begründet ist. Auch 
widerspricht nicht die Stellung, die Solon selbst einnahm. Die Nach- 
richt Plutarchs, dafs ihm die Tyrannis von beiden Seiten angeboten wor- 
den sei, ist ein Mifsverständnis^. Dafs sein Reformwerk nur unter Zu- 
stimmung beider gegenüberstehender Parteien gelingen konnte, ist ebenso 
selbstverständlich, als dafs die Anregung dazu von den Plebejern ausgehen 
mufste. Daher bezeichnet auch Plutarch an einer späteren Stelle diese 
deutlich als seine Wähler^, Speciell bei einer Tyrannis konnte nur die 
Plebs interessiert sein, die in einem solchen Haupte der herrschsüchtigen 
Adelspartei ein wirksames Gegengewicht entgegenzustellen vermeinte. Ver- 



1 Vgl. z.B. Pol. E 1, 13016 33. 

^ Pol. JQ 5, 1305a 21 naurtg Bs tovto tB^tuv viro toxj hv\yLO\t iriTTtvS'ii/Ttg , if dt 
«•ITTI9 r^v ij dinr^Stia 1} tt^o^ ToCg Tr}.ovTtovg oiov 'AB'rjvtjTt t« fleiTirr^aTO? aranaTctg n^og 
T0O9 ntBtctxovg. Vgl. E 10, 13106 14. 

^ Plat. C. 14 Xf^ffrai hi xctt <pwvvi rig airov 7rs^t<pi§otJiivfi Tr^oTtfou ilrpovrog de ro 
$T0¥ noXtixov ov 7reu7 xctt roK HTyjfxoTMolg n^rKsiv Hat rolg dxrrißori rwv ßeu a^ict hui, d^$T^, 
Ttofy Bt iMToui Hai a^iS'/uw ro iTOu i^ttv ir^oa-hoHwvTwv, oB'iv ett' l>.7n$09 ßtyctXyjg tHwn^wv «ys- 
voßivwv ol rrgo'to'Tafxtvoi TT^TiHitvTO toj XoXüJvt rv^ccvutScc Tr^o^tvovtfTig Hat avanBi^ovTig 
evTo'^fjLOTtoou ayl^aT^cti rvjg TroXtucg tynsarvi ytvofxsuov, 

^ C. 15 ovhe fxaXaHwg ovS^ VTrttHwv rotg Bvvaßtvotg oiSt Troog ^Sovfju rfutf cXojuie 1/(101/ 
iS'tTo Toig vofMvg, 



16 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

muthlich hat man so auch eine Stelle seiner Jamben zu verstehen, die 
bisher nicht immer richtig gedeutet worden ist (Fr. 36, 16): 

evSeiav eig sKaTTov d^fioTag Sikviv 
lyja\^a. ksvt^ov &* ä?^og dg lyw Xaßwv 
KaKOfp^a&Yig re Hat (})tKoKrYißwv uvy\^ 

Statt ^fJLov verlangt man ^vfxov oder gar gekünstelt XiifjL* ov, während gar 
nicht von der Selbstbeherrschung, sondern der Zügelung des weiter trei- 
benden Volkes die Rede ist. Ein eigennütziger Mann hätte dem Drängen 
des Volkes zum Ergreifen der Tyrannis keinen Widerstand entgegengesetzt- 
So nur allein ist auch das nevT^ov zu verstehen. Oder glaubt man, dais 
er den Stachelstock gegen sich selbst zur Anwendung bringen sollte? 
Spielt also Solon mit diesen Jamben auf denselben Vorgang an, den er 
in den oben (S. 13) angeführten Trochäen Fragm. 32. 33 im Sinne hat, 
so wäre damit angedeutet, dafs auch Damasias, wie das Solon angesonnen 
wurde, durch die beiden unteren Stände seine illegitime Herrschaft zu 
stützen suchte. Ich halte daher die Ergänzung Äa rotv ^o7v s^voTv (ßta rwv 
Ä;o k^vZv) dem Sinne nach für richtig, wenn auch die Lücke durch diese 
Worte noch nicht genügend ausgefüllt wird. 

Eine solche Ergänzung wird auch durch das nahe gelegt, was in den 
fast völlig verblichenen Schriftzügen Z. 2 ff. zu entziffern war. Das Wort 
vor hiOL ravTYiv Z. 3 ergibt soviel sichere Elemente, dafe schwerlich etwas 
anderes als eK^T[€p](j gelesen werden kann. Da in der vorhergehenden 
Zeile a^ovTag sicher erhalten ist, so handelt es sich auch hier um die 
Archontenwahl und vermuthlich um eben diese Machtconflicte der drei 
Stände, von denen zwei besonders erwähnt werden. Ist nun das vor- 
hergehende Wort, wie die leider nur sehr schwachen Spuren andeuten, 
i^iav, so wäre also von der eigenen Vertretung die Rede, die in Folge die- 
ser Streitigkeiten (oder der Solonischen Verfassung?) nunmehr die beiden 
niederen Stände zugebilligt erhielten. Und zwar deutet auf einen gewissen 
gleichmäfsigen Modus der Vertheilung der neun Stellen das vor ä^ovrag 
Z. 2 schwach erkennbare Kar d^iav hin. Blafs hatte nur ^. a gelesen und 
da er im Folgenden nur a^%Qvra, nicht öi^%ovrag gesehen hatte, so war er auf 
Eryxias gekommen, den letzten der zehnjährigen Archonten, eine Vermu- 



der ''A&y\vaiu)v irokmia des Aristoteles. 17 

thung, die bei einer genaueren Prüfung der erhaltenen Spuren sich als 
absolut unmöglich herausgestellt hat. Sie hat leider ihrem Urheber das 
richtige Verständnis auch der ganzen folgenden Stelle verschlossen. In 
KOT ä^iav, das ich vor a^ovrac erkannt zu haben glaube, sehe ich einen 
acht aristotelischen Terminus, der gern von der gleichen Vertheilung der 
ä^cu gebraucht wird. Aristoteles setzt an mehreren Stellen seiner Politik den 
Unterschied zwischen numerischer (quantitativer) und proportionaler (qua- 
litativer) t(roryig auseinander. Demokratisches Princip ist in dieser Termi- 
nologie ro to'ov eyjBtv Kar'' d^i^fxov aXKa fjLi\ Kar' d^iav (Z 2. 13176 3). Die 
Quelle der tTrarug ist das Bestreben, das irov herzustellen: oAwc ya§ ro 
iTov ^Yirovvng o'rao'iflc^oücriv. ctt* Äe Attov ro itgv, ro fjiev yd^ a^i^fjuv^ ro ^ 
Kar d^iav i(rriv Äeyw & d^i^ßS fjLSv ro TrA^'^e* f\ fX€yi&ei ravro Kai ürov, 
Kar ä^iav Äe ro rS Xoyw (E 1. 13016 28). Es ist wohl verständlich, dafs 
Aristoteles auch in seiner iroTareia 'xSvivaiwv diesen wichtigen Unterschied 
aristokratischer und demokratischer Verfassung ausdrücklich hervorgehoben 
hat. Selbst das Compromifs, das nach den Unruhen des Damasias ver- 
einbart worden ist, entspricht noch durchaus nicht der demokratischen 
i(r6ry\g, da die Eupatriden vier Stimmen, die Apoiken drei und die De- 
miurgen zwei Stimmen erhalten. Ein deutlicher Nachklang dieser aristo- 
telischen Terminologie hat sich auch in der oben angeführten peripateti- 
schen Erörterung Plutarchs über die Parteiverhältnisse zu Solons Zeit 
erhalten ^ . 

Leider gelingt es mir nicht, den Zusammenhang der vier ersten 
Zeilen herzustellen, zumal mir die Deutung der Zeichen Z. 4 rTO..€id^N 
nicht geglückt ist 2. Die Herstellung des folgenden Satzes Z. 6 ff. war 
bisher daran gescheitert, dafs man am Schlüsse statt ere vielmehr €TA 
gelesen hatte. So war hd%^yi ie avrcXg oder hd^avro ^ do'rol oder etatrav 



^ Siehe oben S. 5^: rtav fAiv d^l^ Hat d^e-r^ t<Zv &s P^t^ xcu d^t&ßm to itov 
B^etv fr^orBoHMurwu, Uoter dem Peripatetiker verstehe ich nicht Hermippos, dem ja Plu- 
tarch einen grofsen Theil seiner Vita verdankt (denn dies ist ein blofser Sammler), son- 
dern seine älteren peripatetischen Quellen, unter denen Phanias genannt wird. S. S. 20, 6. 

' Die Lesungen aTrotHutv, iiroivicrav, TroXtrilttv sind absolut ausgeschlossen. Der 
Buchstabe nach O scheint eher ein K als ein I zu sein. Statt des 6 ist K C X nicht un- 
denkbar, doch mufste man dann den oberen Bogen des Buchstabens als nicht zugehörig 
betrachten. 

Philo8.'hi8tor. Ahh 1885. IL 3 



18 D I E L s : Über die Berliner' Fragmente 

^ da-roi (sollte heifsen ot do'roW) versucht worden, Lesungen, die selbst 
grammatisch anstöfsig sind. Das &yto Z. 7 ist sicher bis auf das y, das 
aber auf keinen Fall ein c sein kann. Die Herstellung avroig, welches eine 
gewöhnlichere Construction von yiyv6(r&ai ^ herzustellen ermöglichte, schien 
mir anfangs wie Blafs am meisten den Spuren zu entsprechen. Doch 
ergab sich mir bei genauerer Untersuchung, dafs der nach o sichtbare 
Ansatz des folgenden Buchstabens eher auf n A \ z t n als auf i pafst. 
So möchte ich die freilich sehr unsichere Lesung vorschlagen iyivsTo Se 
jjLsr' avrov &a ro (ttcktiöl^uv a^%GVTag u. s. w. Die Macht der neun Archon- 
ten, die während der gewaltsamen Herrschaft des Damasias gewifs un* 
gleichmäfsig vertheilt und zudem wegen der Präponderanz des ä^wv 
schattenhaft geworden war 2, wird nun gleichmäfsiger auf alle drei Stände 
vertheilt. Die Art, wie dies geschieht, ist die Folge des a-raind^tiv ; der 
Antheil, den bei der Theilung jeder der drei Stände davon trägt, ver- 
räth die Stärke der Parteien: a^%evrag iXea'^al ... rirra^ag fxev evirar^iSwv, 
T^ew Se dirotKüDv, &vo Se [nai?] Syjfxiov^ywv. Ist die Vermuthung erlaubt, dafs die 
schwächste Partei bei der Austreibung des Damasias unterlegen ist, so 
wäre damit bewiesen, dafs Damasias durch die plebejischen Demiurgen 
seine Macht erlangt hätte, da diese die geringste Anzahl Archonten durch* 
setzen, und dafs er durch die Eupatriden gestürzt worden wäre, wie oben 
angenommen wurde. Aber es lassen sich ja auch andere Gründe der 
vereinbarten Vertheilung denken, namentlich das Nachwirken der histori- 
schen Machtstellung der drei Parteien 3. Der angeführte Satz des Frag- 
mentes eyeveTo — Si/jixtov^ywv scheint nicht vollständig überliefert zu sein. 
Das früher erwähnte Zeichen vor eAeced^i mufs auf einen Ausfall hin- 
deuten. Über diesem Worte nämlich bis in den freien Raum hinein 

^ Ich führe ein Paar Xenophontische Beispiele an: Anab. I 9, 13 ly ty) KJ^ou a^%i 
iytvtTo Hctt ^EXXi^i/« Ha) ßa^ßd^w ßviStu nStxoCurt nBiiSe "Tro^erjeT^at, Cyrop.VIII 1, 15 tw KJow 
iytutTO 0X17019 Sta>.8yofAivuj fxyjSiv tmv olxtlüov an^jUfXfjrwc i%tiv, VI 3, 11 }<xcß87u fxot yti/otro avTov. 
Absolut Y 2, 12 9Vf)(jovTai irccert Stotg, ytvierSai nors iTTtSst^acrSat, Oecon. 17, 3 a ^tog 
BtSaoTHst o\1tu) ylyviTai ofjLovos7u. AuB Aristoteles kann ich die Construction nicht belegen. 

^ Man hat keinen Grund anzunehmen, Damasias habe ohne arxjvti^oimg ge- 
herrscht, aber natürlich waren sie der Mehrzahl nach gewifs Delegierte seiner Partei. 

^ Es wäre ja auch möglich, dafs die Demiurgen trotz ihres durch die Verfassung 
verbrieften Rechtes vor Damasias gar keinen Gandidaten durchsetzen konnten. Dann be- 
deutete allerdings die Bewilligung von zwei Vertretern einen politischen Erfolg. 



der 'A^Tivaioüv irohirtla des Amtoteles. 19 

scheinen mehrere Worte nachgetragen zu sein, von denen noch sehr 
schwache Spuren erkennbar sind. Der erste Buchstabe scheint ein e zu 
sein (svvea oder Ik ravrwv?), aber es ist nichts irgend sicheres mehr zu 
ermitteln. Die Zusatzbemerkung koi ovroi tov fxera Aa/xacr/ai/ ri^^av hiavTov 
ist in dieser Form ziemlich nichtssagend ^ . Vielleicht ist in der vor mavrov 
erscheinenden Lücke irgend eine adverbielle Bestimmmig zu vi§^a¥ ausge- 
fallen. Mit dem folgenden Satze w koI SfiXov ort \ueyiT7y\y ^vafxiv [sT%e]v 
[avTvi Twv] a^%£v, in welchem das deutlich erhaltene (S seltsam verlesen 
worden ist, kann sich der Verfasser nicht blos auf den letzten Satz be- 
ziehen wollen. Vielmehr will er zusammenfassend die Bedeutung dieser 
Parteikämpfe dahin erläutern, dals das Archontat damals noch das sum- 
mum Imperium bedeutete und somit ganz natürlich den Zankapfel der 
Parteien darstellte. Diese Auffassung mufste ja der späteren Demokratie 
ganz fem liegen und daher hält es auch Thukydides nicht für überflüs- 
sig, bei Gelegenheit des Kylonischen Aufstandes zu bemerken: rore rä 
TToXKa rwv iroT^irtKwv ot hvsa ao^ovreg e7roaa'<rov. Früher las man ori f^eyiTTviv 
^vvafjLiv [eT/jEv o] a^%wv; an dem Singular hat Blafs mit Recht Anstofs ge- 
nommen. Ich ergänze daher, zugleich dem gröfseren Spatium Rechnung 
tragend, ori iJL€yi(rryiv ^vafuv ztyßv avryi twv a^yßv^. Als Commentar zu der 
ganzen Stelle kann die Ausführung der Politik gelten E 4. 1304 a 33 kcu 
okwg ^i[ 8ti rovro ixii Xav^dv$lv, wq ot ^vdfxewg ounoi yzvofJLevci, Kai iSiSrcu Koi 
aQ%al Koi <pvXal Kai oXwg fxioog koi ottoiovovv TrAtf^o^, (rra^iv Kivov(nv. vi yao 
0« rovToig (p&ovovvrBg TifxwiJLevoig ao%ov(ri i^g (TTaa'ewg y\ ovroi &a tvjv vire^oy^Viu 

OV ^bKoVCTI fJLBVBiV iTTl TWV lTU)V, 

Mit oXwg ie ^eriXovv Z. 12 geht Aristoteles zu den folgenden Ver- 
fassungskämpfen über. Sie sind ganz ähnlicher Natur wie die bisherigen, 
aber andere Personen, andere Parteibildungen treten in den Vordergrund. 
Der Gegensatz zwischen Arm und Reich bleibt, aber die ständische Glie- 
derung wird durch eine geographische abgelöst. Die Paralier, Diakrier, 
Pedieer treten gegen einander auf und ringen um die Herrschaft. Plu- 



^ Die Annahme, dieses Compromifs habe nur ein Jahr gedauert, widerlegt der 
Zasammenhang. 

^ Mit der Form des Satzes vgl, Pol. Z 8. 1321 ä 40 lutr« 81 Tcalrnv ir^opivri (Au, 
avctyKaiorarri hi p^tbov nai %a>*f7rwT«T»j ruiv a^yßv imu ij Trt^i rag Tr^d^stg tüÜv xccraBi" 



HUT^'lVTUiV, 



20 D I E li s : Über die Berliner Fragmente 

tarch erzählt uns von diesen Parteinahmen in der Biographie Solons an 
zwei Stellen^. Einmal unmittelbar vor der solonischen Verfassung, das 
andere Mal^ unmittelbar vor der Erhebung des Peisistratos. Man wird 
wohl die erste Erwähnung als Dittographie betrachten dürfen, die Plu- 
tarch bei unvorsichtiger Benutzung seiner Quellen in Folge der traurigen 
chronologischen Verwirrung der solonischen Lebensverhältnisse leicht unter- 
laufen konnte. Im Grunde gehen wohl beide Berichte mit der ähnlichen 
Charakteristik der Diakrier auf eine von der ^A«S>)va/cüv irohntia abhängige 
Urquelle zurück. Der Hauptgrund, diese Parteiorganisation der vorsolo- 
nischen Zeit abzusprechen, liegt darin, dafs Herodot I 59 erst dem Peisi- 
stratos die Bildung der dritten Partei zuschreibt: aaratp^oviiiCTag t^v rv^av- 
vtöa ^7€i^e r^lry\v crTcicnv. Da nun die Ähnlichkeit der zweiten Plutarch- 
stelle mit dem Aristotelesfragment (Z. 17 ff.) evident ist, so hat man auch 
hier mit Recht an die Gährung vor der Tyrannis des Peisistratos ge- 
dacht. Dann ist alles im besten Zusammenhange. 

Im Einzelnen ist sofort klar, dafs Z. 12 hinter rrpoc nicht ein 
blofses Substanti^Tim ausgefallen sein kann. Die Ergänzungen &i€r€Xovv 
ra TT^o 2cAwi/c5 oder ra 7r^ocr&Bv errj oder ra ir^og G'rcto'iv sind ungriechisch. 
Die von Blafs vorgeschlagene Lesung ÄcWAchv ra 7r^o(T&ev iroiövvreg ist we- 
nigstens sprachlich möglich. Aber das Verbum ist zu farblos. Der Sinn 
ist klar: sie setzten ihre alten Zwistigkeiten auch noch nach der Soloni- 
schen Reform fort. Die Ergänzung ist nicht sicher zu treffen, etwa oAw^ 
Äe AereAcuv ra tt^octS'sv hi^ovreg (^iBoi^ovreg)^. 

Die verschiedenen Gründe zum neuen Hader setzt Aristoteles im 
Folgenden auseinander. Der kleine Adel beklagt sich Ober den socialen 
und politischen Umschwung, den die Reform des Solon verschuldet hatte. 



^ C. 13 Ol S' 'A&ijr/aToi Trjg KxjXwustov TrsvavfJitvyiQ ra^w^vj^ . . . t^v nccTuxtav avS^tg 
rruo'tv VTTS^ T^g TToXiTstas iTTartcc^ou ... yjv ya^ to ßsv T'jSv Stitxotoou ysvo^ Sr,fAOHüetTtHU}TCtT0v, 
o\iyag%iXMTCtTov Se to twi/ irsStfwVf r^iroi &' oi näoaT^i pirov Tivct xai fXEfxtypiuov alaovusvot 
iroXtTttag t^o ttov, 

^ C. 29 Ol S' li/ aTTst TrrtXii/ iarcccrict^ov aTroSfjßoiJUTog roCl Xo}Mvog, Hat TT^oexTifixst 
rmv fxtu vgStswv Avxov^og, tuju Se 7rccoot>.u}V M«y««X^9 o ^ XhtyicuujvoQ , JltiGrtTT^etrog 8s tuJv 
Btcoe^loüu, iv oig yju o S^tiko? of/^Xog xat ud^arra Tolg ttXovtioi? cc^3'dfX8vog, 

3 Eine Zeit lang glaubte ich ganz schwach ein o nach TTpoC zu erkennen, was 
Äuf Bergk's t« tt^ Xo^iwuog fuhren würde, aber es ist kein Verlafs darauf. 



der 'A^ijvaiwv irohTsia des Aristoteles. 21 

Das Archontat wie die übrigen hohen Ämter hatte ihnen vor Solon offen 
gestanden, ohne dafs umfangreicher Grundbesitz die Bedingung zur Be- 
werbung bildete. Der heruntergekommene Edelmann konnte immer noch 
eine politische Rolle spielen. Das hörte mit der Timokratie auf. Ein 
zweiter Grund war, dafs der Schuldenerlafs Solons gerade diese juscro* ico^ 
ySrai geschädigt hatte. Solon selbst, der zu dieser EJasse gehörte, hatte 
Handel treiben müssen und so war wohl überhaupt in diesen Kreisen die 
Capitalwirthschaft vorherrschend, die bei der Entwerthung der Ausstände 
durch die Solonischen tabulae novae schwerer getroffen werden mufste 
als der altgefestigte Grundbesitz. Wenigstens ist dies die Auffassung un- 
seres Fragmentes, in dem jene Partei ihre Verarmung auf die Seisachthie 
zurückführt, (TwtßtßyiKU ya^ avroTg ye^eT^ai . . . koi irivviTiv. Der Verfasser 
dieser Stelle hat sich also schwerlich unter der Seisachthie etwas anderes 
vorgestellt als die meisten alten Autoren, nämlich eine vollständige Auf- 
hebung der Schulden, wofür ja auch die buchstäbliche Auslegung der 
Solonischen Verse (La 7 ff.) besonders sprechen mufste^. 

Aber es ist nicht überliefert ysyer^ai . . . TrevfjTiv , sondern vor 
'Trivvicriv ist Koi, das bereits Blafs richtig erkannt hatte, über jeden Zweifel 
erhaben. Ich möchte daher vermuthen, da uTro^oig nach yevio'S'ai bedenk- 
lich ist^, dafs auch die Schädigung an politischem Einflufs ausgedrückt 
war, welche dieser kleine Adel erlitten hatte: ytvicrd'ai TaireivoTg Kai 

Die zweite Klasse der Unzufriedenen, die Aristoteles hier unter- 
scheidet, besteht wohl hauptsächlich aus dem hohen Adel mit grofsem 
Grundbesitz, den eigentlich regierenden Geschlechtern. Es sind dieselben, 
welche bereits Solon in seinen Gedichten als seine Gegner bezeichnet. Sie 
werden hier allgemein charakterisiert oi &e rif TroXiTsla ^Tyß^awovTsg &a 
TO (veGUTTi ?) iJLeyaKy\v ysyovivai fxeraßoXviv, 



^ Von besonderem Gewichte zur Ermittelung der Aristotelischen Meinung scheint 
auch mir das Excerpt* des sogenannten Herakleides zu sein, dessen Abhängigkeit von der 
UoXtrstcc oft genug constatiert ist. Nur Bergk war es gestattet, dieses Zeugnis mit ge- 
wohnter Kühnheit ins Oegentheil zu verkehren, Rhein. Mus. 36, 101^. 

^ Man wird einen Hiat in eine populär gehaltene Schrift des Aristoteles nicht 
ohne Noth einfuhren, wenn sich dieser freilich auch entschuldigen liefse. 



22 D I E L s : Über die Berliner Fragmenie 

Als dritte Abtheilung erscheinen Einzelne, welche durch ehrgei- 
zige Sonderbestrebungen Einflufs zu erlangen suchen: svtoi fxevroi &ta tv\v 
TToAai TT^og ä/^viXovg (piKoveiKiav. Ich möchte darunter am ehesten die Alk- 
mäoniden verstehen, die bereits im siebenten Jahrhundert, besonders zur 
Zeit der Kylonischen Wirren, eine Sonderstellung einnehmen und zwischen 
den Adligen alten Schlags und der immer dreister werdenden Volkspartei 
eine Politik auf eigene Hand treiben. Es scheint, dafs die an der Küste 
Angesiedelten, die auf Capitalbetrieb angewiesen nun durch die Solonische 
Seisachthie sich beeinträchtigt glaubten, mit diesen ehrgeizigen Führern 
des Alkmäoniden- Geschlechtes gemeinsame Sache gemacht haben. Die 
o-racri? twv ira^aXiuiv hat als Führer den Megakles, Alkmäons Sohn (Z. 18). 
Diese Zwischenstellung der Paralier wird auch bei Plutarch hervorgehoben 
mit den Worten (s. S. 20 ^) r^iroi ^ ot irajoAoi fxeQrov nva nai fxefJLtyixevov ai^ 
Qovßevai 7ro?^Teiag t^gttov efJLTro&m ricrav Kai &eKU}?<vov rovg sreoovg Koari{a'aL Die 
andere oben (S. 20 ^) erwähnte Plutarchstelle entspricht den aristotelischen 
Fragmenten noch genauer, so dafs die Herstellung vitrav Äe ai a-rdo'eig [avrm 
r^eig, vi fjLe]v tSv ira^aXitJüv u. s. w. als wahrscheinlich gelten kann. Das 
Folgende dagegen scheint sich einer einleuchtenden Ergänzung zu wider- 
setzen, zumal der Name des Megakles, der in der Mitte von Z. 20 auf- 
zutauchen scheint, keineswegs deutlich erhalten ist. Auch ist es zweifel- 
haft, ob es ^twKeiv riiv ia-orvira oder etwa rovg TFs&iaKovg heifsen soll. Z. 2 1 ff. 
scheint sich auf den oy/.og rZv ^laK^iwv zu beziehen. Die Ergänzungen 
riyavaJKrovv [wg"] äiro TcaKuSv ^[cnrorZv /jisl^otri KaKoig Trs^nretrovrtglli schienen mir 
den Spuren der fast völlig verschwundenen Schrift wenigstens nicht zu 
widersprechen. Die socialen Reformen, die politische Umgestaltung, die 
handelspolitischen Neuerungen (Münzreform) hatten das Elend des dritten 
Standes nicht plötzlich ändern können. Die Leibeigenschaft war von 
ihnen genommen, aber Verdienst war damit nicht über Nacht gekommen. 
Die Erbitterung gegen die TrAoJcrtoi, die fort und fort alles an sich ris- 
sen, mufste fortdauern. Das Gnadengeschenk der Seisachtheia hatte 
nur die Begehrlichkeit der Armen gesteigert^, ohne ihnen dauernde Hülfe 



* Platarch c. 16 sXvrryiTg . . . rovg TrwyjTctg oti yijg ai/abaTjÄOv oCk cff'o<//0*ii/ iXnt" 



TttT-iV CCüTOtg, 



der ^k&v\vcuwv iroXirtia des Aristoteles. 23 

bringen zu können. So wählten sie sich einen Anwalt, der von neuem 
gegen den mit dem Reichthum verbündeten Adel kämpfen sollte, Peisi- 
Btratos, dessen Namen jetzt Z. 23 am unteren Rande des Papyrus ziem- 
lich deutlich erkennbar aufgetaucht ist. Das folgende viv &s dvili^» og I . . . 
(wenn so richtig gelesen ist) bildete wohl eine kurze Charakteristik dieser 
PersOnhchkeit, wie sie bei Plutarch steht (C. 29) ßoni^rinKog riv reiig wevyia-i 
Hai w^og rag eyß'^ag hneiniig Kot yir^iog , . . wg ^Xaßvjg koI KOtTfitog dvri^. Das 
letzte Wort, das glücklicherweise deutlich erhalten ist, %^ia, zeigt, dafs die 
Beseitigung des materiellen Elends auch jetzt noch die Hauptforderung 
des dritten Standes bildete, dafs Peisistratos, der 'Helfer der Armen', hier 
seinen Hebel einsetzte. 



24 D I E L s : über die Berliner Fragmente 



IIa. 

- - -- - - - «- ^k^y^valoig - - - 

----- K(VT\&Trv[fTe Äe Kai ^yLooy^^ovg 

\ri[v avriiv 6%01/Ta?] hirtixiMiav rois Troo[rBoov 
[vavK^d^oig, xai yä^"] ro[v]g ^fJLovg dv\ri\ tZv [vauKfla- 
ö [i^iwv i7rotyi(rBv. 7r^o](jyiyo^$vT6 ^ rm \iiv\ixu}\f - 

rovg fjiv diro t](juv tottwv, rovg &' dwo r[wv • . 

UTravTeg OttJj^^ov h [roig Äi(- - 

fJLoig TU yevyi kuI rag tp^ar^lag koi t . . . . 

------ iKöurrovg jcara ra 7C€l\70ix 

10------ 1} BTTWVVßOVg BK TWV - - - 



s •* / 



------ ao%i/\yBTU)v (n\fjLcuveiv 

- - - - IjcaTJov Äe yevofJLSvwv ^{[jixwv 

-------0«. iyiveTo >} TroAi^ 

------- TToAw l'COl' OjLtO 

15------- aro |(X^ %^a(T3'ai Kai 

------- jcoii^i^i^ 1} Ka[<] jLCo - 



£T0 TTSVTjfxOVTa - 



------- KeXtv • V KVOiav - - - 

------- Acw IÄexov[to - - - - 

20------- r6]v ooKOv IttcI 7roA[i 

------- KOO'Tug 6<p\o^']av Ta[ff - 

------- (^üjAiJ? lKa(rT[*j]? - - _ 

----- ar . oAAoj ra Ae . . %iKa - - - 

----- Twj/ ra - ät . . aTTOKa - - - - 

25------- T - ü----- 

Der Anfang dieser Columne ist durch das von Bergk zuerst heran- 
gezogene Aristotelesfragment sicher gestellt werden^. Das Folgende da- 

^ *A^v|valu}u TToXiTsla Fragm. 16 p. 419, Rose Arist. Psend. (Fragm. 359 Ar. 
Acad. V p. 15386 34) HaTsarvjcrs Hat Srifxa^ovg rrju avTYju sy^ovrag tTnfJLeXstav rols ir^TS^ov 
vavHQaootg, hm ycc^ rovg 8Y;fji.ovg ccuTt twu pccvh^ccowu Ittod^tc, 



der 'A&v\vatwv ttoXitbIu des Aristoteles. 25 

gegen läfst sich nicht zuverlässig ergänzen. Blafs vermuthet tt^oo^ivo- 
owTS Äe Tciüy ^fJLwv Tovg fjL€v diro twv tottwv, rovg ^* uiro ruiv oiKiO'dvrwv, Aber 
der Möglichkeiten sind hier allzuviele. Auch das Z. 7 Erhaltene ist mehr- 
facher Deutung fähig- Verrauthlich will Aristoteles den grundlegenden 
unterschied klar machen zwischen der Demenverfassung des Eleisthenes 
und der früheren Solonischen und vorsolonischen Geschlechterorganisation. 
Kleisthenes hatte alle Athener in seine Demen aufgenommen und ihnen 
dadurch ohne weiteres die Politie verliehen. Die froheren Geschlechts- 
und Stammverbände verloren zwar ihre politische Bedeutung, sie bestan- 
den aber in untergeordnetem Verhältnisse fort und behielten die sacral- 
und privatrechtlichen Privilegien der Anchistie. Vielleicht war dieser Ge- 
danke in dem Aristotelischen Bericht beispielsweise so ausgedrückt: [IttsiÄii 
yä^^] airavTsg VTry\gxov h [ro7g &fjßotg, vTrsTa^s (oder e<pYi^fJL00'6) ra vsVjn Kai 
rag (poaroiag koi r[u)v &vTiu)v fxtreyßiv tiao'iv^ eKaTTOvg Kara tu 7ra[T0ia]^, 

In den folgenden Zeilen hat man wohl mit Recht einen Hinweis 
auf die Benennung der zehn neuen Phylen erblickt, ayißamiv ist dann 
auf die Bestimmung des delphischen Orakels zu beziehen, das Kleisthe- 
nes der Alkmäonide bei dieser Reform wohlweislich vorgeschoben hatte ^. 
Eine sichere Ergänzung erscheint mir unmöglich. Ich vermuthe etwa rwv 
Äe ^v?^u>v YjyefJiovag'] fj^ hrwvvfxovg sk rZv [evSo^wv eXofxevog vj^oowv jcai] doy^riye» 
rwv oyifjLaivBiv [€<pvi tqv nv^lov']. Für das Folgende hat die neue Lesung 
Bergk's Conjunctur [eKar^ov ie ytvoyiivwv ^[y,wi\ bestätigt. Man dürfte 

^ Dies yd^ bezöge sich dann auf ein vorhergehendes rovg i* dno rwv nuKui^v 
yivdäp (Z. 6. 7), wie ähnlich bereits Landwehr ergänzt. 

' Das Letztere streitet nicht mit Arist Pol. Z 4. 1319& 19 sn ^i na) rd toiccutcc 

traro ßo\j'Ko[xtvog ai^^rat rifi/ 8r,iA0H3ccTiav hui nt^t Yi^J^1f^vY^v oi rov S^fxov xa^tTTavrtg» <pv}uu 
T< yda tTt^at votrjTsat nXtiovg hui (p^ctr^tat xai ra rwv thituv Ugwu avuaHTfOv sig o^uya Hiti 
xotvd. Siehe R. Scholl Satara Sauppiana S. 172. 

^ Pollux VIII 110 iH ^oXXtiüi/ ououdTUJv kXofxivov ToC liv^tov. Paus. X 10, 1 in 
hl TUM r,^ü)U)v xa?.ov/LU 1/(01/ '£^s^3ffU9 . . . oCrot fxiv nett (pvXcctg *A^y,vvitiv ovoß(tra xara ixav- 
TiVfJLa iSorav ro Ih AB?i(pwv, Etjm. M. 369, 10 arrofovurwv ya^ avTuJv ovoßn rcag <pvXa7g 
S'trScct dno Twv ivSo^OTUTüJv toCto TTOtvJTai ... Ol bs Stna a(p wv cu <pv}.M TT^oervjyo^^ti- 
vav otou 'E^f^^ew . . . tuvtcc Ss ra Scxa ovounra ano ^ o HvSiog ttXcrOj K}*£iT3'fuovg ovrai 
itaraf^ctfxii'ov ro rräu n},v}3'og elg Btna (pv^xcg. 

^ Das H (nicht N) ist sicher. Eine andere Deutung dieses Restes als ^ ist nach. 
S. 21 ^ nicht gerathen. 

Philo8.'hi8tor. Abh. 1885, IL 4 



26 D I E L s : t/Ä^ rfte Berliner Fragmente 

vielleicht jetzt aufhören an der Hundertdemenverfessung des Kleisthenes 
zu rütteln^. Das Weitere zu ergänzen ist mir nicht gelungen. Vermuth- 
lich war von der Einrichtung der Bule die Rede, von dem Ausschufs 
der präsidierenden Phyle (Z. 17 Trgvrtfxövra) , von den Gerechtsamen des 
Raths (Z. 18 Kv^iav), vom Buleuteneid (Z. 20 rov o^kov), von der finan- 
ziellen Aufsicht des Raths (Z. 22 rag 'frevrvi]Ko(rrag^ ^^L^fJ^O) von Wahlen 
(Z. 23 ^ujAijc e«aorT[»)c]?). Es wäre ganz passend, wenn Aristoteles den 
demokratischen Verwaltungs- Schematismus gleich bei Gelegenheit der Klei- 
sthenischen Neuordnung ausführlicher erörtert hätte. Soviel wissen wir 
wenigstens aus den Fragmenten, dafs in der 'A&yivaiu)v iroXirBta die einzel- 
nen Magistrate mit grofser Ausführlichkeit behandelt worden waren. 



^ Die Herodotstelle V 69 isHu rt Sri <pvXci^f)(jov9 ivri rsToi^wv inoifiTBu, Bina 8b 
Hat rov9 Sfffxovg HarivB/MBif h tuq (pvy^g ist noch nicht in Ordnung. Der Gewaltstreich 
Ton M advig u. A. Bixec Sl zu tilgen, richtet sich durch den Zusammenhang. Aber za 
fpvXttg kann Sitcn nicht gezogen werden^ es ist Tielmehr (xctra) Sina oder ein Squivalen- 
ter Ausdruck herzustellen. 

^ Böckh Staatshaush. d. Athener I, 425 (P 382). Wir wissen nur von einer 
nBVTTfixoTTYi^ aber es können wohl mehr gewesen sein. Ähnlich pluralisch Aristoph. Wesp. 
658 Hcti rag vo>Xig vcaroTrag, Z. 24 ist schwerlich Xvi^ta^txd zu ergänzen. Denn ab- 
gesehen von dem verzeihlichen Fehler € statt H, der auch Ja 11 wiederzukehren scheint, 
ist der Raum zwischen 6 und XI (?) kaum ausreichend. Auch erwartet man nicht die 
Function des Demarchen hier erörtert zu finden. 



der 'A^i/\vcuu)v voXtrela des Aristoteles. 



27 



116. 



10 



15 



20 



25 



. . . vaj 'l7r7raQ%og sv^i -.-.--.. 

• . . iiog kir* a^'XjOvrog *E^[)jx6Tti(5ou . - - - - 

. . . %ovr . . . xara<^w[o]a -------- 

, . . irZv Aafxwv ---------- 

. . • Tov iv rotg ttootsoov %[Dovotg . - - . - 
. w](^r^aK^a'^yl MsyaKXrig &------- 

. . . ^ev, "EttJ ju«v ovv *E^»jie[6TTiÄov rovg twv rvoav- 

vu)v] <piKov9 ifT7^aKi^o\y -------- 

. . . fxtra Sk ravra twv a[vri7ro?ur€voiJLivwv - - - 
orav] rtg Si\ (r%5} (Msi^üo [S^]v[yafuv - - - - kcu 

TTfwJro^ (icrr^aKiT3y\ twv [tpioutwi^ ^Aato'Tei^g, 
eSra] S(iv^t•7^1^og, Hoi yao -------- 

avTa fJL . . ^fjLo .a ---..--- 

Ta jueVjoAAa ra ev Ma^wveta ------- 

. . . K]6KTrifJLiv[oi]g eKaT[ov -------- 

. . . ovTwv To\y]g ctuvttp -------- 

TO ä^yyv^iov jLt[i^] ^lavejTjuxoi ------- 

• • • "^ %f^ xaTao"K[eüa^6iv ------- 

. fJLtJToXkevoljjLJivoig eK\aTov ------- 

. . . AOV EKCtTTW Ta[AaVTOV ------- 

. . . r[o] dvaXwixa rJJ? v-------- 

. . • K . a^ ju^ KoiMcratr^ai Ta ------ 

. . . ^vu^ayiivwv Xaß -------- 

. . . e7ron/\a'av TQiv\^eig kK[aTov ------ 

----- xcSi; ------- 



Der Zusammenhang dieser Seite ist im Ganzen jetzt besser erkenn- 
bar geworden. Aristoteles spricht vom Ostrakismos des Eleisthenes. Er 
unterscheidet zwei Phasen der Entwickelung dieser Institution. Zunächst 
herrschte die Angst vor der Restauration der Peisistratidenherrschaft. Da- 



4» 



28 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

her traf Verwandte und Freunde des Hippias und Hipparch der Auswei- 
sungsbefehl. Dann aber wurde der Ostrakismos zu einer regelmäfsigen 
Einrichtung, welche alle die traf, die durch hervorragende Macht dem 
demokratischen Gleichgewicht geföhrlich zu werden drohten. Bereits Blafs 
hatte Z. 2 Hipparch erkannt und zweifelnd an den Sohn des Charmos 
gedacht, den auch Androtion als den ersten nennt, den das Scherben- 
gericht getroffen^. Dies scheint mir ganz zweifellos: ein näherer Zu- 
satz zu den Namen ist in diesen Fragmenten gewöhnlich unterblieben; 
einer Verwechselung mit dem Tyrannen mufste der Zusammenhang vor- 
beugen. Wenn etwa im Vorhergehenden gesagt war [rot;? (plKoxjg koi trvy- 
yevetg twv Heuidr^aTt^wv i^eßaXcv ru) ocrT^a^KKrfxu!, [wg iTTißovkBvovTag rjf ttoXi- 
reia, so konnte ohne Furcht des Mifsverständnisses fortgefahren werden 
TTOwTog^ yao ' l7r7rao%og svoi[(TKBrai <pvyaSsv&s\g ^i eksivo ro] ^iog Itt* ao%ovrog 
^E^lYiKscrri&ov. Der Ausdruck Si' skhvo ro &eog entspräche dann den Worten 
&ia Tviv ÜTTo-v^/av ruov ire^l lUio'ifTT^arov des Androtion. Et;^«Vx£Tai, nämlich bei 
den Atthidenschreibern. Den Archonten Exekestides glaube ich mit eini- 
ger Wahrscheinlichkeit ergänzen zu können, nicht sowohl nach den Spu- 
ren dieser Zeile, die allerdings am schicklichsten €5 gedeutet werden, als 
vielmehr nach den Z. 8 erscheinenden Namensresten esHK, die freilich 
auch nicht ganz sicher sind. Aber sicher ist, dafs auch dieser Name 
einen Archonten bedeutet und höchst wahrscheinlich, dafs es derselbe 
ist wie der oben genannte 2. Denn juev cvv zeigt, dafs der Schriftsteller 
nach einer Abschweifung die mit Hipparch begonnene Liste der Tyran- 

^ Harpocr. u. d. W. '^Ittttcc^oc. Us^) tovtov [nämlich den Sohn des Charmos] 
AvS^OTtüDV tu T^ ß (pfiTiv oTt a'vyyBvvfg uiv y}u üfiTior^« tou toi; tvqccuvov hm n^wTog I^cutt^«- 
xtJ'S'vj 70V ns^t TOI/ oarT^aMO'ßou i/omou tot« tt^mtou rsB'urrog Sin ryjv vtroyl/tav tuJv ne^t neiTi- 
VT^UTOv QTi SvitxceyüjyoQ uu xai orT^arviyog irv^aui/yiTsv, Plut. Nie, C. 11 ttowtoc S' iTTTrn^'^og 
6 XoXaoyevg Tvyytvr,g rtg uuv roC TV^avuov. 

^ Der Name 'E^ijäcttÄ»;«? ist in Athen gewohnlich. Aufser bei Solons Vater 
erscheint er öfter in den Inschriften. Man wird dieses Archontat, welches den Anfang 
des Ostrakismos bedeutet, möglichst nahe an die Reform des Kleisthenes heranrücken 
müssen, vielleicht 507. Denn 496 erscheint Hipparch selber auf der Archontenliste, de- 
ren Namen von da an bis 488 bekannt sind. Anders DunckerG, 596. Aber vgl. Lexic. 
Cantabr. p. 675, 12 Porson. ed. Meier p. XlXf. ^tXoy^o^og iKrlSerat toV oTT^axta-iJLov tir 
T^ y y^a(pu:u ovru) . , . fjiovog Se ^'^Trs^ßoXog Sici [1. Soxs«] i^OTT^ctJcta-^yjvcci Si« fxo%S'y)^tcti^ 
T^OTFtav, oü fii' VTroyl/tatf Tv^^avvtSog, iäbtcc bt toCtou JtaTiXvS'vj ro iSog (t^^dfjksuou voijloS'btv}^ 
cpaujog KXitvSfsvovg, qtb rovg TvocivvQvg xarth^vav^ oirwg TvvBnßcüO^Ti nett T0O9 (pikoMg wirwv. 



der *k^vaiuiv 7ro>uTsla des Aristoteles. 29 

nenfreunde (Z. 9 <^iXow w(rr^dKt^ov) abschliefsen will, um zur zweiten Ab- 
theilung überzugehen. Es scheinen nämlich aufser Hipparch auch noch 
andere Anhänger der alten Regierung verbannt worden zu sein. Darauf 
beziehe ich das Z. 4 ff. Erhaltene, das sich freilich einer irgend sicheren 
Herstellung entzieht, zumal die wenigen Buchstaben nur mit der gröfsten 
Mühe erkennbar sind. Es scheint, dafs man ein Einverständnis mit dem 
verbannten Hippias entdeckt hatte, etwa [kcu a}Jioi is rovr B7ra(r]%ov T[oTe?] 
Kara<l>w[j^]a[^ivr6g y nämlich imßovXBvovng ^ was aus dem Zusammenhange 
zu entnehmen war^. 

Z. 5 erscheint ^ixm. Bereits Bergk hatte den Namen dieses mu- 
sikalischen Politikers unter der Liste der Ostrakisierten vermifst^. Frei- 
lich suchte er ihn an einer anderen Stelle, und da er die chronologischen 
Schwierigkeiten nicht verkannte, die es macht, den Zeitgenossen des Pe- 
rikles hier unter die ersten Opfer des Ostrakismos einzureihen, so liefs 
er seine Vermuthung wieder fallen. Jetzt, wo der Papyrus Z. 5 völlig 
deutlich jenen Namen erkennen läfst^, gelingt es leicht diese chronologi- 
sche Schwierigkeit zu beseitigen. Die folgende Epanalepse Itti fxh oZv so- 
wie das in Z. 6 erscheinende iv roig ir^ort^ov x^ovoig gestattet die Vermu- 
thung, dafs er den Dämon als ein bekanntes Beispiel des athenischen 
Tyrannenhasses aus späterer Zeit den ersten Ostrakismen an die Seite 
stellen wollte. Lautete etwa das Ganze so koi &ia 7ro?J<m] iruiv ^dfxvov 
[(piXoTVoavvog ttvai ^ckSüv Karo] rov iv rotg TFOoreoov %[^ovoig toottov . . . cü]o"Toa- 
Kia'^y\? Man hätte dann allerdings auf die bei Plutarch Oberlieferte (piXo- 
rv^avvia des Dämon einen besondern Nachdruck zu legen. In Verbindung 
mit ihm erscheint auch ein Megakles, doch wohl ebenfalls als Verbannter 
und <piXo7v^avvog. Wir haben unter ihm vermuthlich den Sohn des Klei- 
sthenes, den Grofsvater des Alkibiades mütterlicherseits zu verstehen, der 



^ Vgl. Pol. £ 5. 1303 a 34 ol sTroixoi intßoM'Ki^ovTBg (puD^a&tvrtg I^ettvtoi/. Thuc. 

^ Flut. Per. 4 ^fjuau , , , dg fxtyaT^on^ctytÄUjv xat (ptXoT\j ^avuog i^wrr^cauT^ri xcti 
na^vf/js To7<? xüoiMHcTg Butr^ißiiu, Arist. 1. Nie. 6. 

3 A . JLltüN hatte ich bereits früher als sicher festgestellt. Ich vermifste aber 
zwischen A und JU zwei Buchstaben. Der Firnifs hat ein ganz deutliches, ungewöhnlich 
grofses öi nach A zum Vorschein gebracht, ein weiterer Beweis für die Ungleichheit der 
Schrift, die jedes sichere Ergänzen der Lücken unmöglich macht. 



30 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

nach Lys. 14, 39 zweimal ostrakisiert (richtiger einmal vertrieben und ein- 
mal durch Ostrakismos verbannt) worden war. Die Herstellung des Über- 
lieferten ist aussichtslos, da wir nicht blos die Worte, sondern auch die 
Geschichte zu erfinden hätten ^ . 

Mit Itt« ixkv ouj' *E^»)K[ea"Ti&i; rovg rwv rv^<ivvu3v\ (plXovg wcrrjaici^ov geht 
der Autor auf die Anfönge der Institution zurück, um daran die spatere 
Form des Ostrakismos zu knöpfen, bei welcher^die Scherben den politischen 
Zweikampf der Parteiführer entschieden. Ich lese Z. 10 yura & rcSJra rwv 
d[vri7roXiTevofxivu)v (?), orav] rig Sil o^j? |^c*'<^w [Ä']u[va|Lt«v ^ ^ X)ie Supplemente der 
folgenden Zeile sind wieder unsicher. Man sollte erwarten, dafs Kleisthe- 
nes an die Spitze dieses zweiten Verzeichnisses gestellt wäre, der ja selbst 
vom Ostrakismos betroflFen worden sein soll. Wenn nur die Autorität für 
diese pikante Geschichte besser wäre; aber Aelians Name genügt hierfür 
nicht und seine Fassung ist entschieden fehlerhaft^. Mit mehr Berech- 
tigung hat man vor Xanthippos den Namen des Aristeides ergänzt, da es 
wegen der folgenden Erwähnung des Flottengesetzes sehr wahrscheinlich 
ist, dafs hier der Hauptgegner der Themistokleischen Politik genannt war. 
Fast sicher wird diese Restitution durch die unsere ganze Stelle kurz ex- 
cerpierende Notiz des sogenannten Herakleides (Muller F. H. G. II 209, 7) 
KXetO'^EWig rov ttboi oTToaKiO'fJLov voßov Bia'v\yf\0'aro , og hi^y\ &ia Tovg rv^awim- 
rag (= Z. IflF.) nal a?0<oi re wa'r^aKiT^via'av (Z. 4 — 8) aal SavS'nr'Trog kcu 
'A^KTTsi^g (Z. 12 f.). Steht Aristeides an der Spitze dieser zweiten Reihe, 
so wird klar, warum Aristoteles die <piKoTv^avvoi von den politischen Ri- 
valen unterscheidet. An ein staatsgefahrliches Complot konnte bei Ari- 
steides Niemand glauben, wenn auch Plutarch dem Themistokles und dem 



^ Es hilft daher auch nichts an MiyaxXrig Bt rairov sira^sv zu. denken. 

^ Statt 8r, T%r), das nicht besonders gefällig erscheint, las man früher Soxotv}, 
Aber Ah ist absolut sicher, ebenso das H am Schlüsse mit der Schleife des vorhergeben- 
den Buchstabens, der nur \ X K XI gewesen sein kann. Der halbkreisförmige Haken nach 
Ah gestattet wohl keine andere Interpretation als C. In ähnlichem Zusammenhange druckt 
sich Aristoteles Pol. E 2. 1302a 15 so ans: Srav n? vi rff SxjudfjLsi ßel^wu, 

^ Ael. XIII 24 K}atT&si/v\g 8s i *A^fiva7og to Bs7v i^oa^^cuu^Bor^cn ir^rog l9*iy^- 
o-afMuog ccvTog stv%b Trjg KarctSixrjg Tr^dorog, Dies n^wTog ist nachweislich falsch. Vermuth- 
lich entspringt die ganze Geschichte (abgesehen von der rhetorischen Eflfecthascherei) dem 
MifsTerständnis, durch welches auch die erste Vertreibung des Megakles (s. oben Z. 1) als 
Ostrakismos gefafst wurde. 



der 'A-Stivo/cüv irokirtia des Aristoteles. 31 

Demos diese Auffassung unterschiebt (Arist. 7). Es ist also ein neues 
Motiv, das von nun an den Ostrakismos beherrscht, die (rrcurig auf einen 
Zweikampf der beiden feindlichen v^orrarai zu reducieren. Die Verban- 
nung des Aristeides fällt wahrscheinlich Ol. 74, 2 (Januar 482, Archon 
Nikodemos), das war 10 Jahre nachdem Themistokles Archon gewesen 
und von da an langsam seine Vorbereitungen zur Hebung der Seemacht 
getroffen hatte. Er begann mit dem Bau des Peiraieus und führte 'in kleinen 
Schritten Athen ans Meer*. Die Vergröfserung der Flotte konnte nur all- 
mählich erfolgt sein. Das Jahr des Ostrakismos des Aristeides aber scheint 
die Entscheidung zu bedeuten. Man hat daher wohl mit Recht in diese Zeit 
die Vermehrung der Seemacht um 100 Trieren gesetzt, welche, durch den 
reicheren Ertrag der Bergwerkseinkünfte ermöglicht, durch die Gegenpartei 
nicht mehr gehindert, jetzt mit aller Energie durchgesetzt worden ist^. 

Mit Aristeides zugleich erscheint hier bei Aristoteles Xanthippos. 
Die Lesung von Blafs s^Neirmoc o d^pi^poNOC hat sich als unmöglich 
herausgestellt. Kd^i nach dem Namen ist sicher, rd^p wahrscheinlich. Ari- 
stoteles hatte also nur ganz kurz die bekannten Namen gegeben, um daran 
die Motive dieser Ostrakismen zu knüpfen, welche, wie das Weitere klar 
zeigt, sich auf das Themistokleische Flottengesetz beziehen^. Von einer 
Restitution dieses so ungemein interessanten Abschnittes kann leider nicht 
die Rede sein, wenn auch derartige Versuche von Bergk u. A. unter- 
nommen worden sind. Von allen Berichten Ober den Antrag des Themi- 
stokles stimmt thatsächlich der des Poly&n^ am meisten mit dem Reste 



^ Herodot's Bericht YII 144 scheint mir keine andere Dentnng zuzulassen, als 
dafs die Flotte kurz vor 480, jedenfalls nicht vor 490 erbaut wurde. Die Details seines 
Berichtes sind unklar und ungenau. 

' Ist diese Auffassung richtig, so ist nach der Reihenfolge des Fragmentes wahr- 
scheinlich, dafs seine Verbannung in das Jahr nach Aristeides fällt Natürlich wurden beide 
vor der Schlacht bei Salamis restituiert (Plut Arist. 8) und zwar mufs Xanthippos noch 
vor Aristeides zurückgekehrt sein, wenn die von Aristoteles erzählte Anekdote wahr ist 
(Ar. Fs. fr. 354 [360. 361 Acad.]. Plnt. Them. 10. Ael. V. H. 12, 35). 

' Polyaen Str. I 30, 6 8ff/i*f0*roj<X^9 ip rw n^oQ AlytvrjTa^ woXißw /utXXo lo-oui/ 'Ad«}- 
vcuuiu Tfjv ix rdov aoyv^älwu tr^ovoBov, htarou roKavra, SiUvtfAso'&atg HwXvvag Bvata-iv bhotov av^ 
i^Ti rote irXouTiwrarol? ixaxrw $ovi/ai raXairroi^. xav juei/ af^ayi ro w^a%Sfia^fxtuou, tt) voXu 
To avaXMiMt Xoyw&yjvai, iav Ss fxvj a^rri, T0C9 y^aßovrag oTroSovvat, rctvTa fxtv iSo^ev, 01 Ss 
ixatou auBoMg ixaaros fjuau r^ni^vj Morim^av a^ovS^ y^Tafxwot Hct^.evg xm Tei%9\jg, 



32 D I E L s : über die Berliner Fragmente 

überein. Namentlich die Zahl 100 für die verwandten Talente und er- 
bauten Trieren ist deutlich erhalten Z. 16. 25. Aber Polyän gibt nur den 
Sinn in freier Weise wieder. Der Wortlaut läXst sich für unser Fragment 
daraus in keiner Weise wiedergewinnen. 

Im Anfang war wohl der Ostrakismos der beiden begründet (xoi 
va^) mit Hinweis auf die Streitfrage um die Verwendung der Bergwerks- 
gelder. Das Volk hatte diese Gelder ^ immer unter sich viritim vertheilt. 
Nun war damals für die Bergwerksbesitzer bez. Pächter (rotg ra jtxfjTaAAa 

roL iv Ma^wvsia ^Kai ev Kav^uw xjsxntjLcfi^oi^) eine ergiebige Ernte 

gewesen, so dafs dem Staate 100 Talente eingingen. Da trat Themi- 
stokles auf, der vorschlug, das Geld nicht zu vertheilen (ro a^Jyupoi/ |u[^] 
&[a]v€[r]|ütai). Man müsse vielmehr mit dem aus den Bergwerken gewon- 
nenen Silber Schiflfe bauen (%jii Kara^Kwa^Ew r^ivi^eig Toig — [xiTcüO^soofii' 
yoig)^. Und zwar solle man hundert angesehenen Bürgern ein Talent zum 
Ankauf des Holzes bewilligen k}c\aro}f rotg TrXovTiwrdroig im ro ^ujXov sKcia'ruf 
rd[XavTov So\Jva^, ^vXov ergänze ich, da man ja längst gesehen hat, dafs 
die Summe zur vollständigen Herstellung der Schiflfe nicht reicht^. Die 
Takelage übernahm ja später stets der Staat, vielleicht kam er hier auch 
für den Arbeitslohn auf, so dafs mit dem Talent nur das Holz bezahlt 
war. Das Folgende hat Bergk nach Polyän so herzustellen versucht [xaJ 
iav iqio'Vi r^ vavg], t[o] avoKwyia ry\g [vewc ri} itoKti Aoyitr^ijva«], e[av] Äb juti}, 
KoyAO'ao'^at \ro &av€i(r^ivy Traoa &s rwv] ^avutrayiiywv ysxilßuv ky^vovg. Diese 
Wiederherstellung scheitert vor allem an Z. 23, deren erster Buchstabe 



^ Tccdra pnu i ir,iMQ^ aber auch für rccvTa imv Bvifxoa-ta ist Möglichkeit. Sicher 
ist jedenfalls, daÜB nach rccCra ein XI steht. Blafs war durch ein nicht ursprüngliches 
Zeichen, welches wie N aussieht, getäuscht worden. Der Firnifs hat die wahre Lesung 
hervortreten lassen. Somit ist hier der Archon Nikodemos, der auf diesem N beruhte, 
beseitigt. 

^ Vgl. Ar. Meteor. A 8. 3846 32 ra fjitra^^voßaua otov */j^vtoq xcu a^v^og, T 6. 
378 a 27 o^a /usroX^^vcrai .. . olou a-iBvi^og */^a?<H09 f^^wog, Pol. A 11. 1258& 32 iroXXa yd^ 
bi8y} iH yvjg ixsTa^^evofjiivojv tTTtv. Ist fxtTaXKivoiJiivotg richtig gelesen und bezogen, so deu- 
tet das Prfisens auf eine dauernde Verwendung der Erträgnisse hin, welche in dem Pse- 
phisma des Themistokles io Aussicht genommen war. 

^ Bei der Ablosungstaxe von 5000 Drachmen, die im 4. Jahrh. ein Trierarch zu 
zahlen hatte, wenn er sein Schiff nicht intact ablieferte, ist der Werth der zurückgeliefer- 
ten alten Triere in Abrechnung gebracht. Vgl. Eoehler Mitth. d. arch. Inst. IV 81 f. 



der *A3i)vaiwv TrcAiraa des Aristoteles. 33 

sicher k ist^. Was hier gestanden hat, weifs ich ebensowenig zu sagen, 
als was Z. 24 mit ^vtitraiiiv\ui])f Aa/3[6iv?] anzufangen ist. Klar ist frei- 
lich, dafs damit der Inhalt des Psephisma abgeschlossen und nun im 
Folgenden das Resultat angegeben war, ähnlich wie bei Polyän. Etwa 
\roSjTa i/iv sio^ev, ot Se] iTrolv\(rav r^n^^stg kK[aTov]. 

Man wird hier erstaunt bemerken, dafs die Details einer Geschichte 
weitläuftig erzählt sind, die mit dem Verfassungswerk wenig oder gar keine 
Verbindung zu haben scheint. Je kürzer in diesen Fragmenten die wich- 
tigsten Verfassungsänderungen mit ein Paar Zeilen skizziert sind, um so 
mehr befremdet diese plötzliche Ausführlichkeit der Darstellung. Wer hier 
die Laune eines Excerptors wittern wollte, hätte einigen Grund. Aber viel- 
leicht erklärt sich die Ungleichmäfsigkeit der Behandlung auch aus einem 
anderen Grunde, der in der Tendenz des Schriftstellers beruht. 

In einer bekannten Stelle des zweiten Buches seiner Politik pro- 
testiert Aristoteles gegen die damals landläufige Ansicht^, dafs Solon der 
Begründer der attischen Demokratie sei. Er ftlhrt zuerst B 12. 12736 35^ 
die Anschauung an, Solon habe sich durch Aufhebung der Adelsoligar- 
chie und Einführung einer gemischten Verfassung als begabten Gesetz- 
geber bewiesen. 'Aber, fahrt er fort, gerade die Freigebung der Recht- 
sprechung an das Volk, welche den Fortschritt der Solonischen Verfassung 
bedeutet, bildet für einige einen Angriffspunkt. Sie sehen gerade hierin 
den verderblichen Weg, der zur jetzigen Demokratie geführt hat. Denn 
die Beschränkung des Areopags durch Ephialtes, die Besoldung der Dika- 
sterien durch Perikles und die schrittweise erfolgten weiteren demokrati- 
schen Änderungen seien nur Consequenzen der Solonischen Politik'. Ge- 
gen diese oligarchische Auffassung vertheidigt Aristoteles den athenischen 



^ Der dritte und vierte Bachstabe, die ich als ^C za erkennen glaube, können 
freilich aach A6 gewesen sein, aber iav Bl oder ti Sl ist ausgeschlossen. Zudem wäre 
Koylvaa-^cu 'das Geliehene zurückerhalten, auf die Stadt bezogen, seltsam. Statt ro dvä^ 
Xwjbuc Tyjg v[suj9] würde ich eher an Tpjg if[avirviylag] denken. 

> Vgl. z. B. Isoer. Areop. 16. Antid. 232. 313. 

^ Die Stelle ist von Göttling und Bockh für unecht erklärt worden, denen 
sich Bernays Ges. Abb. 1 172 anschliefst. Aber wenn man von dem interpolierten Schlüsse 
p. 1274a 19 — 21 absieht, ist nichts Durchschlagendes vorgebracht worden. Die Gedan» 
ken sind jedenfalls echt aristotelisch. 

Phüos.'histor. Äbh. 1885. IL 5 



34 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

Staatsmann in merkwürdiger Weise. Im Grunde seines makedonischen 
Herzens ist er von der Schädlichkeit der athenischen Demokratie über- 
zeugt, aber Solon, urtheilt er, ist daran ganz unschuldig. Seine Verfassung 
hat dem Demos nur das Noth wendigste gegeben. Im Übrigen ist seine 
Verfassung eine aristokratische im besten Sinne des Wortes. Das Übel 
der Demokratie kommt vielmehr nur vom Zufall her: (paiverai ov naroi r^v 
2oAwwo5 ysvsT^ai rovro wooai^eo'iVy ä?J^a jwaAAov aTro o'vfJLTrrwfJLaTog. Dieses (rujLt- 
TTTwixa trat nach seiner Meinung ein in den Perserkriegen, als die See- 
herrschaft durchgesetzt und durch den glücklichen Erfolg der Übermuth 
erweckt war. Da begann die Herrschaft der schlechten Demagogen und 
mit dieser der Ruin der Verfassung. Nach dieser Auffassung ist natür- 
lich das Flottengesetz des Themistokles, das die Athener auf's Meer stiefs, 
des ganzen Übels Kern^. Unter solcher Beleuchtung gewinnt freilich das 
Flottengesetz eine symptomatische Bedeutsamkeit für die Verfassungsge- 
schichte, welche die Ausführlichkeit der Behandlung zu erklären geeignet 
scheint. 



^ Ebenso Pol. £ 4. 13035 20 o vavTtxos o%>.o9 yBvcfxivog atriog Tvjg irs^t XaXafMva 
viHVjg xai Sta ravT^jg Trjg Y,ysiJ,ovtag , 8iu tvjv xutc* S'aXctTTccv 8\jvccfÄiv tvji/ hYii^ox^ccTtau lo-^v^o- 



der 'A^yjvaiwv iroXireia des Aristoteles. 35 



la. 

oAAo 9<..w...ao' - - - - - - 

- - SovX€v[ov'^rag i[(r]u)(riv, a[?<Xo]v[g] Se I[k tJj^ ^ivv\g 

oiKO^^s Ka[ryiyaytv ] aAAoii[^ Äf - - - 

. . . A£]76* Äe ovru) Trej 1 av[rov &' /]aV[)3wv • »j 

6 ^jev^ajo'a fx av [(r']viJL[fjL]a^rv^oiyi(v) ravr \av h AtKVjg 

^i(r\Ta [r]>f fJLiXa[i]va, rrig iyui 7ror[$ h^]ovg ai/sjTXoi/ 

(r]a [i/Ci/] iXsuSi^a. ttoAAow ^* 'A^iiVa^ ;raTfl[i(^ «[«J^ [-^eo- 
10 KUTOv^ avYiyayov ir[o]a&evTag d?^ov 6K\ßloiU)g, a^- 
Kov 8iJKaiü}g, rovg S* dvayKainig vtto %p[yi]Tix[ov Xeyovrag, 
yXwa''\(rav ovKsr^ amKifv tivrag, wg a[v TroAAa- 
yjg TTAajvüDixivovg, To[tf]^ ^ sv^ol^ airov ÄovAw)[v d- 
BiKea] e/^ovTog, yi&yi ^so'Trorwv rooixeviJLev[ovg I- 
16 X€vSi]^ovg sSyiKa. ra[v]r[a] /xiv kj [a]t>i, ofJLov ßiav \T]e 
KOI iiJKviv avva^fjLo\(r]ag eoB^a kcu SiriX^ov [wg u- 
7r6(r%o]jLt>)[i/. 3]co"/ixov [&*] ojxoiwg tw Kattw [re K&ya^w 
t\>^Bi\av Big CKa<rTe[v] d^fxia'ag Äic[>)]v e[yf]a['v//a. jcev- 
r^ov] £' a?sXog lig lyw Xaßwv KaK[o(l)^a^g rs 

20 KM (pij^iOKTYifJLOOV a[v^]^ OVH UV KaTi[(r%t ^- 

jLtov. Bi] yä^ Yi&€Xov k ro[ig li/]ai/T[jo*]a"iv [yiv^avBv 
TOTc,] avTW AeiN . IC^> ^[j]aa'[ai, &« ttoX- 



Durch die jetzt erkennbarer gewordenen Zeilen 1 — 4, deren Lesung 
im Einzelnen freilich von Sicherheit weit entfernt ist, scheint soviel fest- 
zustehen, dafs wir darin nicht Reste des Solonischen lambos zu erken- 
nen haben, welcher Z. 4 — 5 beginnt, sondern eine Darlegung des Ari- 
stoteles selbst, worin er die Hauptverdienste der Solonischen Sebachthie 



86 D I E L s : Über die Berliner Fragmente 

kurz zusammenfafste ^ . Eine ähnliche Paraphrase der Solonischen Verse 
gibt Plutarch Sol. 13 i? %§£« XafxßcivovrB<: Itti ro7g (rwfxaariv aywyifxoi roig Äqc- 
vBi^ovo'iv ricrav ol fxsv avTGv iovT^BVovrsg oi S" eirl ^ivriv Trnr^aa'KOfXBvoi. Ähnlich 
c. 15, wo die Solonischen Verse eingemischt werden, asfjLvvverat yä^ XoXwv iv 
rovroig, ort Tyjg re TroovTroKeifJiivvig yijc ^ooovg uveiXb TroTiKayjfj tttwfiyorag, tooc^ev 
Äe ÄßuXsi;ot;o"a vvv iXev^ioa. koi rZv äyooyißoov iroGg d^yvoiov ysyovorwv iroXirm 
rovg fJLev dvriyayev aTTo ^evy\g ^yXwcrtrav ovKtr ämKr\v UvTag^ . . . e^evS'eoovg (pyjT'i 
'TFBiroivjKevcu. 

Am Anfange der Solonischen Verse ist Z. 5 cmi^n zu erkennen, 
wie der Papyrus ganz unzweifelhaft gibt. Das Parallelexcerpt des Ari- 
steides, der gleichfalls dies Fragment erhalten hat, beginnt erst mit dem 
Worte a-vfXfjLa^rv^oivi. Trotzdem scheint nichts anderes übrig zu bleiben, 
als den Rest eines vorhergehenden Verses darin zu erblicken, etwa >i ^^e- 
\f/a\crd fx av^^ was Blafs vorgeschlagen hat. Dann würde Aristeides bei 
seinem Excerpte das Entbehrliche weggelassen haben, um mit einem vollen 
Verse zu beginnen. 

In den Versen selbst stimmt der Papyrus, so weit er erhalten ist, 
mit Aristeides im Ganzen uberein. Einzelne kleine Versehen wie (ru/xjuaj- 
rv^oiy\v liegen vor, andere Kleinigkeiten hat er besser wie Aristeides, na- 
mentlich, wie begreiflich, in den Endungen. Merkwürdig ist die Über- 
einstimmung in dem wunderlichen Dialectgemisch, indem zwischen Attisch 
und Ionisch ohne erkennbares Princip abgewechselt wird. Obgleich Ari- 
steides uns die Ergänzung der Zeilen ermöglicht, so ist doch die Abthei- 
lung der Zeilen schwierig. Der früheren Annahme, dafs die links erhal- 
tenen Buchstaben den wirklichen Zeilenanfang bedeuten, kann ich nicht 
beitreten. Denn abgesehen von Z. 7, wo die Silbenabtheilung zeigt, dafs 
r noch vor h gestanden hat, zeigen sich einzelne Buchstabenreste Z. 7. 8. 9 



* Statt des SovXBvouTug sTwcrev erwartet man eher iiravTtv^ wie Pol. B 12. 12736 
25 'Xo'kitiva S* £1/101 fXBu oiovrai ysvBT&ctt voßoSsTvjv o'TTOvBalov, o'hya^ictif rt ydo naTccXCa-at 
Xiftp aH^arou oxjo'cev Hat 8ov}^evovTa tov Bvjfjtov Trava-at, Aber das U) von stmo^u ist fast 
sicher, 6^T jedenfalls unmöglich. 

^ Ahnlich i/^ tov Atouvj'ov tov in^^i'^avTcl yi,t bei Aristoph. Nub. 519, ferner von 
Aischylos Ayiixi^Tvig i^ ^^iyl^cco'cc nji/ Bfjiviv (poiva Ran. 886. Das doppelte av macht keine 
Schwierigkeit, auch das etwas auffällige Hyperbaton ist bei Solon erträglich. 



der ^k^y\voum Trokmla des Aristoteles. 37 

auf dem abgescheuerten Rande, die sich vollkommen in den gegebenen 
Zusammenhang einfügen. Ich habe danach das Übrige ergänzt. Freilich 
stofsen dann die Buchstaben mit dem Ende der jenseits AB befindlichen 
Columne nahe zusammen, namentlich weiter unten. Es ist daher mög- 
lich, dafs in den späteren Zeilen weiter nach rechts angefangen war. 
Denn auch hierin zeigen die uns erhaltenen Papyrustexte oft eine grofse 
Unregelmälsigkeit. 

Auffallend ist unter den Varianten des Solonischen lambos Z. 11 

XP€ Die Überlieferung des Aristeides gibt rovg S' dvayKaiv\g vno | %^er- 

fjLov ?^yovragi y?iZa'a'av ovKir drrtKi\v tivrag, wV av 7roXAa%jj TrXavwfxivovg, Es 
ist, wie der Zusammenhang lehrt und Plutarch bestätigt ^ , von den Athe- 
nern die Rede, die um der Leibeshaft zu entgehen auswanderten und im 
Elende sich kümmerlich von Stadt zu Stadt durchschlugen, x^a-fxov ?Jyovrag 
kann man zunächst nur auf Wahrsagerei beziehen, mit der sie ihr Leben 
gefristet hätten. Aber man erwartet doch nach dem Vorhergehenden we- 
nigstens die Erwähnung der Flucht. Ferner ist der Singular x^yfcrfJLov unter 
allen umständen falsch 2 . Die Vorschläge x^a-fMovg Xsyovrag oder schöner 
'Xj^O'ßwieovTag y die wenigstens diesem Mangel abhelfen wollen, sind da- 
her wohl berechtigt. Ich hatte mir vor Bekanntwerden des Papyrus die 
Meinung gebildet, die Stelle sei schwerer verderbt, und hatte, gestützt 
auf die Paraphrase des Plutarch^, %§ieg oder %^ea ipvyovrag oder hnrovrag 
vermuthet^. Ich war daher überrascht, in den Publicationen des Pa- 
pyrus xp€... angegeben zu finden. Aber meine Hoffnung, weitere Spu- 
ren einer besseren Lesung zu finden, hat sich nicht verwirklicht. Denn 
soweit die trügerischen Buchstabenreste nach xpe eine Deutung zulassen, 
hat auch im Papyrus xpccxioN mit einer auch in ägyptischen Urkunden 



^ Sol. C. 13 froXAoi Se nai . . . vji/ayHci^ouTO . . . rvju 9ro>ai/ (pBvygtv Sid ti^v %aXe- 
«roTijTa T(u» Bcc»9tcr7(av, Siehe S. 36, 6. 

' Die gewöhnliche metaphorische Erklärung „unverständlich sprechend wie in 
Orakeln^ leidet an denselben Fehlem wie die obige und an schlimmeren. Denn während 
dann das ßa^ßa^l^uv zweimal ausgedrückt ist, fehlt die causa efficiens, die das dvayxalrig 
vno and die Gegenüberstellung dieser Klasse mit rou? 8s erwarten läfst. 

^ Od. S 353 %ffOff Hoi Sta-ßov d?.v^ag, Hesiod 647 W. u. T. /JoJa»)«! S« %gict 
^^0(pijyi7u HCf) ärtgiria \iyMv. Arist N. 443 rd y^iu 8ta(ptv^ovfAat, 



38 D I E L s : über die Berliner Fragmente 

nicht ganz seltenen Vertauschung der beiden E- laute gestanden ^, Sind 
also die Bedenken gegen die überlieferte Lesart berechtigt , so wird man 
an eine antike Corruptel denken müssen, wie sie mir auch in Z. 23 deutlich 
vorzuliegen scheint. Der Vers lautet bei Aristeides: avTig bl roirw ari^oigQ^ 
^^airai iia^ offenbar verderbt. Blafs hatte Hilfe in unserem Fragment zu 
finden vermeint, dessen Lesung er so wiedergab ö^TTicAeN. lo.. N, indem 
er zufügte, statt o sei auch öi möglich. Er ergänzte danach avng S" ivf\a 
avvBrä^oig i^atrai, Sia ttoTJ^wv ktX. Aber (TweTci^oig ist nicht blos des Dia- 
lectes, sondern vor allem der Endung wegen unmöglich. Denn der Ge- 
brauch der älteren Lyrik kennt in dem Dativ Pluralis der beiden ersten 
Declinationen nur die langen Formen auf ^t(i'). Ausnahmen sind gestat- 
tet nur: 1) wenn ein Vocal folgt, also das Iota elidiert wird; 2) am 
Ende des Verses und in der Mitte des Pentameters; 3) bei den Formen 
des Artikels und des Relativum; 4) bei Combination mehrerer Dative. 
Eine Form (rwerd^oig ^^aa-ai ist also bei Solon unmöglich. 

Die Spuren des Aristoteles deuten auch auf Anderes hin. Ich er- 
kenne ^TTicAeiN . ic«|>. Steht aber, wie ich glaube, AeiN da, so ist auch 
die Corruptel constatiert. Ich vermuthe daher für Solon in Anlehnung 
an die Verderbnüs des Papyrus avrig &" eixoig (ptkovri awi^ao'M ßia, iroX- 
Xüov av dv^^wv yj^ ey/i^^^ irohig. Auch hier scheint tyßl^w^y\^ also wohl 
auch &a ttoAAgüv av] dv^^wv im Papyrus überliefert zu sein. Aber dies ist 
anstöfsig, nicht blos wegen der am Ende des Verses stehenden Präposi- 
tion, sondern auch wegen des Zusammenhanges. Die zu erwartende Viel- 
herrschaft konnte Solon unmöglich als schlimmes Schreckbild vor Augen 
führen, zumal er ja gerade die Folgen der Tyrannis ausmalen will. Den 
Nerv des Gedankens trifft allein das, was man längst hergestellt hat, ttoA- 
Km a\f dv^^wv v\^' ix^i^^^ ttoAi^, wie Herodot VI 83 ähnlich sagt: "k^og 
dv&^wv e%Y\^(ji&v\ ovru) xrA. Hätte Solon gewaltsam, mit der Volkspartei allein 
die Reform durchgeführt, so war Verbannung der Adligen die nothwen- 
dige Folge. 

^ Diese Vertausch ung der beiden £ -laute dürfte ein Anzeichen dafür sein, dafs 
die Handschrift nicht nach dem 3. Jahrh. n. Chr. geschrieben ist, nach welcher Zeit der 
E-laut des ri wenigstens in Attika yoUig aufgegeben worden ist Doch bedarf es für 
Ägypten hierüber noch einer Special -Untersuchung. 



der ^k^vivaiwv Tte^Tua des Aristoteles. 39 



Anh ang. 



99 

40 D I £ L s : über die Berliner Fragmente 



I. Lesungen von Blafs (Hermes XV 368 flf.), 

\a. 



AoT Xer - - 

AeA^.NHC[XON^N - - 
S^NTOT NH - - 

5 C^JLL^N . TJLLJU^PTTPOI H NTÖ^NÖ^ - - 

■ • • ■ • ■ 

JLLHTHpjLie AmJLLONWNoX - - 

Hjue \^ . N^THce^(ü^oT . . . oTC - - 

■ • • • • • 

X H nenH r . . ^cnpoc € N AeAoT - - 

■ • ••■•■ 

€ A €T ee Pö.no A\oTcAö^eH Nö^cn^T - - 

10 ^NHrÄrONnp^e€NTö.Cö.\..N€KÖ. . 

KM cüCTOTcA^Nö^rKM Hcrnoxpec - - 

• ■ • • • 

C^NOTKeT^T..K.NVeNT^CU)C^ - - 

NwoieNoTCToTcAeNe^AÄTTorAorA 
exoNT^cHeHAecnoTUNTPOJuerxi - 

15 POTCeeHK^T^T..JLieNKP^THOJUOT - 

• • • • • 

KHNCTNö^pxio.^cepes^KMAiHAeoN - 

JU JLION AoXlO l(JCT(üKö^K(J - - - 

■ 

ö^NeiCeK^CTO . ^p . OCÄCA I KH N€ - - 
Aä\ . O C U)C € r tüA^BO) . KÄKO<|> - - 

20 AoKTHJU(JN^NHpOTK^NK^T€ - - 

■ • • 

r^pHoe \ . f^^n^ . AeNöiNT I o I ci N - - 

«■ ■■ ■••••>• 

ö^TT icAeN . I O . . N - - - 

■ • ■ * 

Ö.N ApCüNH . . X€ - - 



la 21 'Von dem TT sind die senkrechten Striche zweifelhaft genug und ich möchte da- 
her lieber dafür ein T lesen.' 
22 'Das € nach A ist mehr als zweifelhaft, die Senkrechte nach N vieldeutig; der 
kleine, nach rechts offne Halbkreis, den ich vorläufig als O gedeutet habe, kann 
auch zu einem ö^ gehört haben.* 



der 'A,Sy\valwv iroXtula des Aristoteles. 41 



Ergänzungen von Blafs (XV 369 f.). 

la. 



5 (Ta [i et» \(ryjfJLfJLa^Tv^oivi[[v]'\ rava (ravr av iv Ä&ciy yjoovov Aristides) 

W'Hj^ lLt6[v«rnj] &tifjLGvu)v *OA[tijLt7r/wv (a^ia^ra Aristides) 

fj (yJi Aristides) jLt£Aa[i]va, rifff syw iror[e o^]ovg [avtTXov TroAXa- 
yj!i{i) ire7rvjiy\or]ag' ir^o(T&sv & ^oti[A£voucra, i/Ci^ 
eXeuS'i^CL iroTJiOvg S* 'X&vivag iraT[^i8f ig Ssoktitov 
10 avviyayov Tr^aSivrag, aA[Ao]i' eK^Ucog, ot^ov ^i- 

Kolwg, roifg it dvayKalif\g viro *%^vi(r[fjLov (x^scr . . . pap.) Xeyovrag, 7A0S0'- 
O'av ovKsr* *At[ti]k[^]v tivrag^ oSg a[v 7roAAa%ii(«) ttXo- 
vu)fiivovg, rovg S* iv^aS* avrov iovX[iyiv äeiKia 

15 povg eSfjKa' Tav[ra\ ijlsv K^anj, ojjlov [ßiviv re Kai Si- 

Kyjv avvaof/^\a'']ag, e^B^a koi ^Xl&ov oSg VTreayfi- 

ix\v\v, &ea'']ßov 5* ofxolwg tw(i) KaKw^t) [re Ka7aS'citi(i), cuS^e?- 

ttK fiiV 6Jcao'To[v] d^[fJL]o(Tag &k>|v, e[vfa\^a. Ksvr^ov 

^ aA[Ao]^ w^ I70Ü Aa)8eJ[y]j KaKO(f}[i^aSvig rt kou tpi- 
20 Ao9cr»j|LiGüv dvifo, oöie av iear5[a'xsv Sl^yLov tt 

yao ^Ä«A[o]v, v^ - ivavrioio'iv \i/\v&xv€v rort 

(VjTig ^ w — w — w — [&aa'ai, Aa ttoAAwv ay 



la 4. 5 'Etwa 1} 3^«\f/ao-a jli* «i/.* 

21, 22 'Etwa ara[ff] 8' ivaurloto'iy [ifvBautv roTB']^ cturtg S' «»'W« \jrv\v[tTtt^otg igäo'M? 



Philoi.'hUtor. Abh. 1885. IL 



42 DiELS: über die Berliner Fragmente 



16 (Hermes XV 372 f.). 

5 . ö. . ^PXONT^A . . . 

AlN....HJaÄTOCAlÄT^TTHN5T\ 

noiK I^NJU.T^AeTö^TT^AlöiTOI N 

• • • 

Amiäciäcm peeeicö^pxwNeTH Aro 

6 "€WC€SH\ö^CeHBI^THCÖ.PXHC€T^ 

Ö^TTO TOCT^CIÄZ€INö^p[X]ONTÄCnEAecee^l 

^cjueNern^TpiAtoNTP. icA^noiKtüNAro 

• • • ' • « • 

OTp.(i)NKMOTTOlTONJUl€T^AMl^Cl^NHp 

ÄTTONOCKMAHXoNOTIJUenCTHNATNÄJUIN 

10 ^pXWN + Ö^INONTMrö^pö^eiCTÖiCIÄZONTeC 

■ • ' a a • * 

KÄiTH . ö^pxHCoAtjcAeAi eTeAoTNT^npoc 

• • • • 

OIJUeN^pXHNKMnpo<|)^CINeXONTeCTHN 

• • • 

...xpeojN^noKonHNCTNeBeBHKeire^pöiTToicre 

KÄineNHCiNoiAeTHnoAirei ö^ArcxepM nont€c 

15 jaer^AHNT. .oN€NMjaeT^Bo\HN6NioijaeNAiö. 

...npoC^WHAOTC+l \oN€l KlÄNHCö^NAeMCTÄCeiC 

■ 

,€NT(jNnÄp^AicüN(JNn. o .cTH.eixieröi 

• • • ■ • 

NOCOTT...€AoKOTNXI^\lCTö^AlCüKeiN 



Ib 3 'Zwischen Ol und K ziemlich viel Raum/ [TOIN 'ich habe znerst TON, dann 
TCüN, erst zuletzt TOIN gelesen/ XVIII 478.]' 
5 'Von dem letzten T steht die Senkrechte sehr nahe an öi. Ich las erst P/ 
11 'Hinter TH scheint eher N als C gestanden zu haben. Für Al€ las ich erst Al\ 

was aber unhaltbar ist/ 
19 'Es folgen noch Reste von 5 Zeilen, aber so zerstört, dafs ich aufser dem Worte 
TTovYj^og am Schlüsse von Z. 22 nichts vollständiger lesen kann/ ['Die Z. 23 (un- 
ter novYs^Q) schlofs mit Xl€N[OC^]xp€Ä/ XVI 45], 



der 'K&yivaiu}v TröAireia des Aristoteles. 43 



16. 

'E^u]^[/]a[v] i^yjovTa 5' 

TTojXiv fjiaTog &a TavTriv ^i;A- 

A] niv aj-rroiKiav. fjLtra Se rovra &a ro7v 

%•&>) Ä'] aOropff &ia] ro <rraTid^tiv a^\^ovrag kT^r^ai 

&6 &i/\fXi]ov^[y]m Kcu ovtoi tov ßsrä Aaßaorlav yjo^ 
^av evi\avTov, o^f^g nal ÄJjAoi; ori fJLsyiö^TViv &vvaixiv 

10 t^xfv o] a^%u)v. (fxuvovrcu ya^ de\ crafnd^ovrBg, 

ravryjg sveKo] rJJ^ a^%iJ5. oXwg ÄJ AsreAcuv to. ttoocT' 
S'Ev iroiovvreg^i oi fxev do%y\v koi '7rD0(l)a(nv tyfivrzg ry^v 
Twv] yj^tm aTTOKOTTYiv. (TvvißißYiHtt yä^ avroTg (airo^oig) ye- 
vetr^ai] Koi vevijcnv. ol Äc T)f(i) 7roAiT€ia(i) ^(rxf^aivovrsg 

15 8ta ro] iX€ydXy\v y\j£y]ovevai fjLeraßoXriv. evtot *Äe &a 
ryiv] TT^og oTsXilfKovg </>iAov[[6]]ixia»'. >i(rav Ä^ at (TTatTsig 
Tje?^, jUMt jujw Tüiv üaflaAtcöv, ciüi' *7rfloe»aT>i[K]ci Mcva- 
kAJJ? ^AAKjuew]i/o?. oi»t[oi ^] i&)Kovv ßctAiCTa SiooKeiv 



Ib 9 'Mit dem anscheinend überlieferten OC Z. 9 weifs ich nichts anzufangen; oig liegt 
am nächsten.* 
11 ['Ich ergänze jetzt so: tu n^o<s \ [crrao'iv] o\ \jiv* XVI 44.] 

17 'Für TTfOBtarri^Htt mag ir^oto'r^Hii dagestanden haben.' 

18 'Zu StüSxtw war etwa ia-oTYjTa jm) hoivotyitu Object, vgl. Plut. Sol. 13.' 

23 ['Es war wohl von dem Anhange des Peisistratos die Rede, nachdem Z. 19 ff. 
vielleicht von den Pedieern gesprochen war.' XVI 45.] 



44 



D I E L s : Über die Berliner Fragmente 



16 
rechter Rand. 



TUN 

n o I c 

TP 



JU 



IIa (Hermes XV 379). 

- - - &eHNMOIC 

. xo . . . €A€K . Ahjuoi 

- €noa€Nn^NT.c.[N^ 

• • ■ • ■ • • 

TO.cAHJLiOTCö^Nö...CüN 

« a • ■ 

H . operceAertüN 

NÄTOTTWNTOTCAö^no 
ö^n^NT€CTnHpXON€N 
HKMTÄC + pö.Tpiö.CKM 
eK^CTOTCKö^Tö^T^nöi 
NenWNTJLLOTCeKTÖ 

ö^pxHreTCüNc . . . . Nei N 

NA6r€NOJLi€NUNA& 

- - np^cc€N€nHno\ 

• l ■ a ■ a 

CoXoJNOCNOliOC 

• • • • • 

- ^TOJLlHXp^^CeMK^I 

a « a 

Ö.ZO JJi 

a a a a 

öi I CneNTHKONTÄ. 



10 



15 



15 Hermes XVI 43 hat Blafs die Zeilenanfänge von Z. 5 — 13 zum Theil abwei- 
chend mitgetheilt. Siehe S. 45 a 
IIa 1 ff. Theilweise anders las Blafs Hermes XVI 43, wie sich aus der Ergänzung 
(siehe S. 45) ergibt. 
13 'Ob Bini iroX[Xa (mit Bezug auf Orakel etwa) oder trri 9roX[Xa stand, kann ich 
nicht ausmachen.' 

18—25 ist so gut wie nichts zu lesen aufser Z. 20 - NOpKON , Z. 22 

- A\hC€Nö^THC. 



der 'A^if\valu)v iroXirsia des Aristoteles. 45 



IIa (Hermes XVI 43). 



------- xaTe[a"T>jör]e, k[cu] Ai|üt[aj- 

{%ovg ri\v avri\v ey^ovrag] l?r[i]|ueX£[i]av t[o7]? 7roo[T]c- 
[001/ vatiK^a^oi^* KOI ya^] ro[y'\g &lifJLovg ai/[n rJcSv 

rotg \Pi\yLOig, iukte tu yii\^ kou rag tpaar^iag kcu 

^a\roia^%ovg kcu ytva^%ovgY\ eKacrovg Kara ra ita- 

10 Tfi[a. Tc?v Äß (pvXwv i7roty\a'€]v eTrwvvfjLovg Ix roSv 

iv[i<pavBa'TaTU)v y\^u}U)v Kai] düyjfiysrwv, (r[f\fMai]vnv 

X[syu)v rovrovg rov ^tov. rwv Äs ytvofjisvwv ra- 

juFiuiv? - - AcTfAlccrcv erv\ iroX- 
~ • • • 

[x<i 



46 D I E L s : über die Berliner Fragmente 

116 (Hermes XV 376). 



HK . . . . n^PXOC €TP - 
• • • • '• 

Aec ^pxoNTocA 

XONT...KÄTÄCo\(ü - 
5 TtüNNOJLHüNTtüN 

TON[Ol]A€nPOT€POlN - 

• • • • ■ • 

CTp^KiceHJuer^KAHcA 

e€N€niJLl€NOTN[ÄN - 
<|»l \oTC(üCTp^K IZO - - 
10 JUeT^AeTÄTTÄTUNÄ - 
Tl CAOKOI HJUeiZtüN - - 

■ • • « • 

TOCtüCTf^KICeHTUN - 

z^NG innoccÄpi<|) - . 

• • • 

TAT TÄ N . . oA H JUO - - 
15 T^AAöiT^.NJU^PCL) - . 
K€KTH .... CTÖ^eKK 
ONTUN . . . nOÄ I T(ü - - 

• • « • « 

rrpioN - - - 
otixphA 

20 täA Xerci . ^n^c - - 

■■•*• •• ■• 

AoNGK^CTtüT^ - - 
T . ^NÄÄtüJLl^THC - - 
e.A€JLlHKOJLllC^CeM[N . 

■ • ■ 

A& . €1 CMX€N(jJN\&B - 

€ . O I HCö^. Tp I H pei CA - 

■ « • ■ • • 



25 



IIb 2 'Statt p am Ende las ich vorher 6.' 

4 'XONTlA.? Das anscheinende TiA allerdings eng und klein geschrieben. — Hin- 
ter K alles sehr anklar.' 

10 'Von dem letzten & nur der Anfang der Schleife sichtbar.' 

14 'N ist nicht sicher, weil andere Zeichen dazwischen und darunter sichtbar sind. Ich 
denke, es ist hier etwas von der ursprünglich gegenüberliegenden Seite abgedruckt.' 

16 ['Jetzt scheint mir am Ende der Z. IkutIqv nämlich rakaura die richtige Lesung.* 
XVI 46.] 

17 'Ob K\ oder N ist nicht zu entscheiden. Der zweite Buchstabe vor TT scheint 11/ 
20 ['Z. 20 begann wohl mit K, auf welches etwa o\6 folgten; doch kann der vierte 

Buchstabe auch C, der dritte & gewesen sein. XVI 46.] 

22 ['Schlufs der Zeile wohl d^N, der von Z. 23 N (nämlich Tm\v \ havtiTctytivwv)^ der 
von Z. 24 etwa h\ui: XVI 46.] 



der ^k^vivaiwv iroXiTua des Aristoteles^ 47 

116 (Hermes XV 377). 

2 \Ti\jra^'xfig 



^ci'. m juiv oSv [Zeitbestimmung, roti^ twj^ rv^dwwv 

(piXovg wa'r^dKi^o[v - -, 
10 fMsru Ab ravra, rwv a[AAwv ttoKitwv ei 

rig ioKoi¥\ fxti^wv [ttvai rm vofxwv. kcu ttodü- 

Tog (tiTToaKiT^Ti rm \roiovrwv dv&oSv 

Sdvd'iirirog o 'A^upl^ovog. juera Se 

Tavra 'S[iK]o&)^fxo[g 6 ra ä^yv^Bta pti- 
15 roAAa ra [i]v yia^u)[veia ry\g 'ArriKvig 

KtKTyilfjievog ------ 

ovTüov \ßi\ 7ro}drw[v TrXeiovoüv oi tT\)%vov ofl- 

yvDiov [ßXayißavov 6k jJLsrdXXwv, uirev 

071 ym ^\yiiJLoa'iav tivai ro Xonrov rriv jüte- 
20 raAAetiO'iv dwao'lavj roSv &6 KeKry\iJiivu)v ixiraK- 

Xov £KoWTw(i) ra ' ^ ' 



IIb 21 ['unzweifelhaft ist Z. 21 Bergk's l^raVru; ri\>MVTov: XVI 46.] 

22 ['T^? p[twg Dicht unmöglich, doch ebenso gut möglich t>J'« 'rrod^tus* XVI 46.] 

23 ['Anfang ist §[$] Bl ^i) za schreiben.' XVI 46.] 



48 D I E L s : über die Berliner Fragmente 



IL Ergänzungen von Bergk (Rhein. Mus. XXXVI 87 ff.). 

16. 

.... ao%ovra ^[i' 
'ETTifJisvtöov Yiv TTojAiv [nid(r\ixaTog &a ravTfiv ^vv- 
rv%iav Ka^a^av l]7ro/[>jo"]av |Li[€]Ta Ab raura &a to7v 
8uo7v l<Si/o?i/] AafjLaTiaQ aioed'Blg ao%u}v enfj &jo 
6 7r^o(rräg rrig TroX\eu)g i^Xd&y\ ßia rJiiff doy/ig, «[fja- 
(rav 5'] ä[o"]toP &ä] to TTao'ia^eiv aq%ovr<ig e?J(r^cu 
Ti(7(ra^']ag füv eviraToi^uiv, r^lejig &^ aTFoUwv, &jo 

8 ^ ^iJLi\ov^ySv' Koi ovtoi tov (xtra, ^afJLOO'iav ^^- 

9 ^av IvijavTov. pLOcke einer oder mehrerer Zei- 
len] .... Äjfx]oc. KOL ^Xov oTi (JisyiTTViv SvvafJLiv 

10 ttyjsv o] ħ%wy. (paivovrai yoc^ äel (rrao'ia^ovreg 

ravTrig bveko] tJJ? «fX?^* oXwg Äe StersXovv ra ttoo 2[o- 
Acüvoff] 0« fjiev ä^%i\v Kai wooifxKnv ey^ovreg tyiv 
Tüüv] xjewv diroKOTTriv (TvvBßeßi^KBi yao airo7g ye- 
yevJjcrjS'ai iriw^civ' ot Se rij iroXirtla &u(r%eoaivovT€g 

15 ^«a To] /xfiyaA>)v 7[6y]ovEvai jJLeraßoKYiv. evioi fxev(Toi) Sui 
riiv] TT^og d?^yiXovg (fyiXovsiKiav. — 

18 — ovrot ^' e^oKovv yiAki^ra SiwKHv 

\rovg fxtrd KvXwvog"]. 



IIa. 

Kar]£V[T>|T]e Ss K[at] ÄjjLtao- 
%ovg T^v avTviv By^ovrag'\ eirifjUKeiav rloT]g TrQ[0' 
re^ov vavKoaooig koI roujc ^fJLovg dvr\l r](2v 
vauK^a^im sTroiyia'e. 7r^o(r]vi[y']o^svcre Äe twv 
[^ioyvol(jüv Tafxtag ävn Hw]Aa«o£Tciüv, Tovg ^* diro- 
[ßiKTag 7r^oo"e3>)jcg. Siaa Ä'] airavr^g i>7j>jö%ov 
to: Ä£ ye»']>| xa) rag (poaTOiag Koi 
SKao'rovg Kard rd ira- 



der ^k^vcuwv woXirsla des Aristoteles. 49 

10 Tflia. Twv Äe ^uXoüJv sTTwvvfJLOvg Ih rSv ^ 

yao Tovro tov llvS'tov. Ijcarojv Äe yevoiJLsvwv Ä)j- 
[jLtoüv xai ra Uoa Kario'rvia'e] 
Hcu roiigj XoXwvog vofJLo[ijg 

IIb. 

a^%ovrog & [oSg ra A^a]- 

xov[to5] Ka\\] ra 2oAcü[voc ^latp^u^avra kou ßsl^u) 

6 rwv vofJLU))^ ru)v [Traroioov ovra cirroaKi- 

^ov [nämlich Kleisthenes]. 
S ... im fisv ovv dD[^y\g roZ KXeiG'^evovg roiig 
(piKovg ui<TrQaKi^o\y rovg Hujuroari^wv 

10 fxera Se ravra rZv a[Kkwv irvXtrSv e^üü^i^ov, et 
rig &HoÄj fJiei^üov \wg Kai KKeitT^evrig av- 
rog U)0'r^aKtT&vi, [v\] ruiv [vTre^ov ^A^i(rrei^g nai 
Sdv&L7r7rog o 'AQtip[govog koi aXKoi, fJLsra Se 
ravra N[iK]oÄj|Lio^ a^ovrog roTg ra juf- 

15 roAAa ra ev Maou)[veia kcu ra iv Aavoeiu) 
KSKrv\[fxevoi]g ra sig K[atvd e^ya diro^ 
Sovrwv [ruiv] TU)Xrirw[v koi /xcXAovtcüv ro da- 
yv^iov \ßiave7fJLai, (dejJLia'roTiTSig Tra^iwv ehrev, 
ort yM ^[lavo/xi^v hdtravrag iroiyitraT^ai 
\yaZg IttI rov voXtßov koi ^ovvai eKarov fxcj-^ 

20 toAXeüo'i \roTg'] Tr}s.o[vcriwraroig eig vewg KaraTKevatr- 
fxov] kytatTru) ra[Kavrov, Koi kav doe^rYi i^ vavg, 
t[o] dvaXwfJLa ry\g [vewg r^ itoXbi Xoyi(r3y\vai 
^lav"] Se fXYi, Ko/x/uao'S'ai [ro Savei(r^ev. 'jraod Äe rujv 
&a[v]Bia'afJLevwv Xa[ße7v syyvovg* ot Ss eKarov 

25 l[7r]o/>j(ra[v] r^ivioeig [koAA« nal ra%ei &ia(pe^ovfrag. 

^ 'Z. 17 [c]iV 7rtvTr,HovTa war wohl von der neuen Organisation der Naukrarien, 
sowie im Folgenden von der Umgestaltung der ßov?Jj die Rede; Z. 22 ist vielleicht [tt^v- 
T]avtla9 ivaTv^g zu lesen.* 

' 'Diese Zeile ist offenbar durch Nachlässigkeit des Schreibers ausgefallen. — 
Nimmt man keine Lücke an, so mufste man ergänzen on yj^ S[fO(i/o/üii)i/ iäv ncti veevg iromv, 
f<(«]raX>wiü0'i [to7?] n'ko\\JTioig Sovrag ßlg oroJXov eHctrru) 7(x\XavT0u, 

Philos.'histor. Ahh. 1885. II. 7 



50 I) I E L s : Über die Berliner Fragmente 



IIL Lesungen von Landwehr^. 



la. 

Ao A*^ 
AeA 

5 CMIÖ^N YXIJUÄPTYOIHNTÄ^TO 
JUHTHpjUe Am HO NUN ON 

HJueÄÄ Nö^T ctrunoT oyc^ 
XHnenHT x^cnpoceeNAeAoY 
eAeYeep^noWoYcA^eHNÄcn^ 

10 ^NHr^roNT M NT^C^A N€KA 

KMWCTOYC ÄN^TKö^lHC YHO XpeC 
C^NOYK Tö^T K NieNTÄCWC^h 
NtJJUeNOYCTOYC ACNe^L T O Y Ao Y A 

exoNTÄCHe AecnoTWNTpojLieYJLL 

15 poYCeOHKÄT^Y UCN Kp Tl OJUOY 

KHNCYN^pUO &C S^KMAihAgoN 

JU JUONA DJUOIUCTOJK^KCl) 

ÄN€IC€KöiCTO ^p OCÄCAlKHNe 

Aö.A occücercü A^Bw 

20 AoKTHJUCüNöi HpOYK^NKÄ 

röipHeeA nä nö^n 

öiYT NHc 

ö^N A pWNH 



^ De papyro Berolinensi Nr. 163, Berlin 1883. Die Fehlerverbesserang in des- 
selben Forschungen zur älteren atiischen Geschichte (Philologus Suppl. V 195) ist hier be- 
rücksichtigt. 



der 'A3>jvaiwv TroXire/a des Aristoteles. 51 



Ergänzungen von Landwehr. 



la. 



fj lxsXa[i]va, T[i)]^ lyw 7roT[e ojjot»^ a[verAov TroAAa]- 

10 avYiyayov 7r[p]a^[e]vra?, aA[Ao]v lxi[wca;?, oAAoi/ &]- 
Kolwg, rovg 8^ ävayKaiY\g vtto %^t(r[ßov ?JyovTag, yKStf]' 
(7av ovyjT^ *Xr[Ti\K[i\]v tivrag, dg av [voXXay^ TrAa]- 
vwfjisvovg, rovg &* IvS-d^ [av]Tov &ovK[iv\v asiKEa] 
£%ovTag, yiS\yi] ^stwotZv roofjievfjLlivcvg, iXsv^iy 

15 povg £&y\Ka' Tav[ra] fji£v K^[a]rv\ oijlov [ßiav rc koi it]- 
jc»)v a'vvaoßo[(r]ag [ßps]^a xai &tv\K^ov [wc t57re(r%o]- 
|Lt[ijv. ^eo'^fxov &* oßoiwg tw KaKui [ts KayaS'w ctJ-S'et']- 
av eig iaatTroly^ ao[fJL\o(rag 8iicy\v s^yoayf/a. Kevroov'] 
^' aX[A]o5 (ig lyw Xaßu)[v KaKO(f)oa^vig re xai (pi]- 

20 XoKTi^fxwv a[v]>jf, ovK av yMlrir^B &vßov. afxa & 0*jO"iv ti\ 
ya^ )^^eA[o]v a [roTg e]vav[TloiTLv viv^vtv roTf] 
avT[ig ^' s]vY\a [iTv\v[eraooig &oS(rai, &a TroAAcidy av] 



52 D I £ L s : Über die Berliner Fragmente 



Ib. 



XONTÄ 

noi Ki^NJuexc AeTÄYT^Aiö^TtüN 

Ami^ciö^cmp eeiC^pXCJNGTHAYO 

5 etücesHÄ^ceH iäthcapxhc€tä 

Ä To To Tö^ciö^zeiN oNTöiC^eAeceM 
ö^c ueNeYn^TpiAtüNTp A^noiKWN Ayo 

OVp (JNKMOYTOITON Ue Ä AöiJLl öi C I ^ N H p 

^ytonockmAhAonoti encTH nAyn^jliin 

10 ^pXtüN+MNONTMr^p^ ÄCIÄZONT€C 

TH ÄpXHCo\(JcAeAl€T€\oY NT^npoC 

OlJU€N^pXHNKMnpo<|)^CINeXONT€CTHN 

xpetüN^noKonHNCYNeBeBHKeir^p^YToi re 
MneNHCiNoiAeTHnoAixei^AYCxepMNoNTec 
15 aer^AHNr oncnm uex^BoAH n e n i o i ue nAi ^ 
poc^AXHAoYMiAoNei k iän icänAem CTö^ceic 

^NTUNn^p^AlCüNUNTpo CTH €1 KG liiere 
NOCOY"»"OI eAoKOYNJU^AlCT^AltJKeiN 



22 TTONHpoC 

23 JU€NOCÄXpe^ 



12 ['Vor Ol fand ich eine Schlinge auf der Linie, welche der Rest eines H (?) 
sein kann.' Philol. Suppl. V 116 2 6]. 



der 'k^y\valu>v iroXirtia des Aristoteles. 53 



16. 



Mcra Ab TaZra &a rwi/ 
[«VTraT^i^ciJy] Aafxao'iag at^lej^ilg a^%u)v srri ^o 
5 [iF^otTTag rvig Tro>i]eu)g I^Ackt-S^i [ß]^? '^^^ ^§%^^' ^'^ 
[^avro ^*] a[a']ro[i Sia] ro[(r\Taa'id^eiv [a^%\ovrag lAicT'&ai 

\Se ^fJn']ov^\yjwv ' Koi ovroi rov fjLs[r]ä AaiJLa(rtav »}g- 
\£av ivi\avrov. — koi ÄfljAov ori [fx^eyicrviv &uvaiMv 

10 [ßh(J^^ ^ a^wv ipcuvovTai ya^ d[u (TTJaT'td^ovrBg 

[ravTrig evexa] tJj[5] d^y/ig' oXtag &e &iBriXovv rä ir^otT^ 
\^tv\ Ol jxev [ajjx^iv koi vooipaa'iv e%ovreg ry\v 
[tgSv] yj^tZv UTTOKOTryiv (rvfJLßeßyiKei yao avroT[g'] ys- 
[ve(r^'\cu TrivyfO'iV' ot Se rif iroyarela ^fr%toaivovrig 

15 [&a To] jLtcyaAijv y\ty]ovivai fJLeraßoXviv • ej/«oi iiev(TOi) Aa 
[t^v ?r]^o? ttAAijAotiff ^iAoi'efH/av. yjcrav Se at (rrdtTtig 
[r^ug fjLia jütjcv rSv Tra^aA/cüv, ciüi/ [7r]^o(6)i[o"'n)]K6i Meya- 
[xA»J^ *AAx|Lt6w]vo^ • ovroi &* e^oKovv fxdXio'ra Siwxeiv 
[rovg neiTKrTodrov]. 



11 ['tu ir^og[Stu hri' Philologus Suppl. V 116»«. 155'«]. 



56 D I £ L s: über die Berliner Fragmente 



Hb. 

i^pxoc 
Aec ÄpxoNTocAc 

XONT KÄT^CoXü) 

6 TCONN (i)NTU)N 

TON npoTepoiN 

CTp^KICeHXi€rö^K\HCA 

eeN€nixi€NoYN^ 

<|»IAOYCCl)CTP^KIZO 
10 JUeT^AeT^YT^Ttül 

TicA Hjueizu) 

TOCtüCT öiKICeHTtüN 

ZöiNeinnoc ö^p«'*» 

TÄYTÄN oAhJLIO 
15 TäAAä JLX^pU) 

KeKTH 
ONTtüN 
YpiON 
OTIXphA 
20 A YCI 

AoNeK^CTtüTÄ 
T NöiAtüJLl^THCi 
lAejUHKOXIIC&C6M 

A& eicMieNUN \& 

25 € HCÄ TPIH peiC 



der '\^^voumv irohirüa des Aristoteles, hl 



IIb. 



[o ^tiva — — w]- 

•S"ei/. eirl lAv ovv *A[ — — ao%ovroQ fxovov rovg] 
(ptXovg wa"TöaKi^o[v Tovg twv HeiO'ia'r^aniulv,'^ 

10 fJLsrä Äe Tavra rwu a[AAwv ttoXitwv 6^u)ot^ov, cf] 
TW Ä'[oxor)>j (xei^u)[y sTvai Tyig TroXirtiag' kou tt^g?]- 
Tog (i(TT\q\aKl(T^y\ rm [toiovtwv 'A^io'Tei^g koi] 
Sdv&i7nrog [o] ^Xottphwvog. irs^t rov oTr^aKKTfJLOv] 
ravTa. N[«>co]Ä>))[x[ot; a^y^ovrog, IttciÄ^ ToTg tu jLte]- 

15 ToAAa [t0( Iv] Ma0Gü[v6/a xai iv Aavosiw doyv^€ia\ 
MKTriljJievoig ra Ik twv [isTaT^wv iroKKa JJi/, l-^cA]- 
ovTwv [Äp rZv TToXiTwv, (ig Kai TTOOTSDov, rovTo ro äo]' 
\y]voiov [ßiaveTfxai, GeixiO'roKXyig ira^im uttbv,'] 
ort yM ^[iavojLti^i/ kav Kai kKarov TroXiVai^] 

20 \70tg 9r]A[o]ua"t[oüTaTot? ^oZvai eig T^ivioovg ctto]- 
Aov sKatTTW ToL[Xavrov. kuv fxev äoiayi i? vavg,"] 
t[o a]vaXu)fJia rvig v[eu)g Tjf ttoAsi Aoy«(r3'J5yai.] 
[e]/ Äe /Lt)f, KoixlfTaar^ai [to &aveia'&iv' iraoa As toüv] 
Äa[w]£io"a|ütevtt;i/ Aa[/5eiv lyyuoi;^ ^T^oAsw. 01 ^] 

25 [l7ro/]»)(ra[i'] T^i*(je«5 . 



Phüos.'histor. Äbh. 1885. IL S 



K. Piriisa. .ikad. d. Wissenaek. 



PhH-hüt. Abk. 188.5. Tnr.m 



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Philrhist. Abh. 1885. Ta£M. 



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DiELs.Fraamente des Aristoteles. 



\ ^ 



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Seneca und Lucan. 



Von 



H" DIELS. 



Philoi.-hittor. Äbh. 1885. IIL 



Gelesen in den Oesammtsitzungen am 5. und 19. November 1885. 



Di 



ie alte Scholiastentradition , dafs die sieben ersten Verse der 
Pharsalia von Seneca verfafst seien, entbehrt jeglichen Grundes. Nichts ist 
sicherer, als dafs jene Verse von Lucan selbst herrühren und gleich von 
Anfang an an die Spitze des ProOmiums gestellt worden sind^. Aber es 
spricht sich doch in diesem Gerede das richtige Gefühl aus, dafe sich 
kaum zwei Schriftsteller des Alterthums geistig so nahe stehen als die 
beiden Glieder der Annäischen Familie. Schon durch ihre Abstammung 
gehören sie jener Provinzialstadt an, deren Dichter das urbane Ohr eigen- 
thümlich zu berühren pflegten. Die Rhetorik, die ihren oft geistvollen und 
originellen Stil völlig vergiftet, ist ihnen nicht nur durch die Schule und 
die Mode der Zeit, sondern auch durch die Familie eingeimpft worden. 
Die stoische Erziehung drückte dann auch auf die Gesinnung den gleichen 
Stempel. Die Ungnade des Kaisers führte die Leidensgenossen noch näher 



^ Man hat geglaubt, den Kern der Fabel dadurch retten zu können, dafs man 
diese 7 Verse als zweite Recension des Proömiums V. 8 ff. betrachtete. Aber mit Quü 
/uror, eines y quae tanta licentia ferri anzuheben ist ebenso undenkbar als mit Mtisa 
mihi causas memara und riV r' a^ (r<pMe ^t(uv die Musterepen beginnen zu lassen. Denn 
die beiden Theile des Lucan'schen Proömiums V. 1 — 7 und 8 ff. sind genau nach jenen 
Mustern gearbeitet. Die Genesis des Scholiastenmythus ergrunden zu wollen, ist wohl 
vergebliche Mühe. H. Genthe de Ännaei Liicani vita et scriptis, Berol. 1859 S. 77 denkt 
an ein Mifsverständnifs der Frontostelle IV 1, in der das Lucanische Proömium V. 1 — 7 
stilistisch mit Seneca's Art verglichen wird. Jedenfalls hat das verwandtschaftliche Ver- 
hältnifs, das lange im Gedächtnisse fortlebte, Einflufs gehabt. Gitirt doch noch Hierony- 
mus adv. lovin. I 26 p. 185 eine Stelle Seneca's: inquit Lucani poetae patruus. 



4 D I £ L s : 

zusammen: sie warfen sich der politischen Opposition in die Arme, in 
deren Schicksal sie beide verstrickt wurden. 

Es wäre wunderbar, wenn bei diesen engen Beziehungen sich nicht 
auch ein reger litterarischer Verkehr zwischen Oheim und Neflfe entwickelt, 
wenn nicht der fördernde Rath des erfahrenen und berühmten Schrift- 
stellers die poetischen Versuche seines jugendlichen Verwandten begleitet 
hätte. Gerade damals, als das grofse Epos des Lucan im Entstehen be- 
griffen war, fQhlte sich auch der entlassene Staatsmann wieder in seiner 
gezwungenen Ruhe zu einer hastig und eifrig betriebenen Schriftstellerei 
getrieben. Auch dichterisch thätig mufs Seneca um diese Zeit gewesen 
sein, als Lucan sein Epos begann. Denn unter den Belagen, mit denen 
man damals das Ohr des Forsten einzunehmen suchte, brachte man bös- 
williger Weise auch die vor, Seneca habe gerade, nachdem sein Zögling 
an den Musen Gefallen gefunden, sich besonders ei&ig um den Lorbeer 
des Redners und Dichters beworben^. Diese Insinuation, ungereimt wie 
sie ist, dürfen wir auf sich beruhen lassen. Die Thatsache aber, dafs sich 
das Interesse des Dichterphilosophen an seinem Lebensabende wieder mehr 
der Poesie zuwandte, könnte man wohl auf die Anregung des neu aufge- 
henden Dichtergestirns zurückführen, das gerade auf eine Natur wie Se- 
neca einen gewaltigen Einflufs ausüben mufste. Aber wir haben davon 
keine Kunde. Wohl aber liegt der Einflufs, den Lucan durch seinen 
Oheim erfahren hat, in dem zehnten Buche der Pharsalia offenkundig 
vor Augen. 

Der Dichter hat zwischen die Schilderung der grausigen Ermor- 
dung des Pompeius und des mifsglöckten Mordversuches des Pothinus auf 
Cäsar eine heitere Episode nicht ohne Absicht und nicht ohne Geschick 
eingeschoben. An Cäsar's Empfang in Alexandrien schliefst sich ein Ban- 
quet, das durch Eleopatra's Anwesenheit besondern Glanz erhält. Hier 
hat der Dichter ein dankbares Thema. Hier kann er ganz in der Weise 
seines Oheims die Entrüstung des Stoikers über den unerhörten Luxus 
mit dem innern Behagen vereinigen, das er als Rhetor bei seinen Declama- 



^ Tac. A. 14, 52 obiciebant etiam (i. J. 62) eloquenticte laudem uni sibi adsciscere 
et carmina crebrius facHtare, poatquam Neroni amor eorum inniaset (d. h. nach 59 ; 8. Tac. 
14, 16). ' 



Seneca und Ltccan. 5 

tionen empfindet^. Ein alexandrinisches Symposion ohne Deipnosophistik 
würde etwas Wesentliches vermissen lassen. So sorgt auch Lucan für 
einen reichlichen Nachtisch. Aber kein Stipendiat des Museums tritt auf, 
wie man erwarten sollte, sondern Achoreus, ein Priester von Memphis, 
dessen Vortrag sich ernst und wQrdig abheben soll von dem leichtferti- 
gen Luxus der Umgebung. Schon im achten Buche erscheint er in dem 
Staatsrathe des Ptolemäus. Es handelt sich da tun die Frage, ob Pom- 
pejus freundlich aufgenommen oder als Feind behandelt werden solle. 
Der hochbetagte, milde Greis ergreift zuerst das Wort und räth zum Gu- 
ten. Ihm tritt der Bösewicht Pothinus entgegen, der den Plan des Ver- 
brechens entwirft. Wenn nun die Mitglieder dieses Staatsrathes mit der 
Bezeichnung omnia monstra Pellaeae domus eingeführt werden^, wobei der 
Dichter wohl an das Horazische fatale monstrum denkt, so ist schwer ab- 
zusehen, wie eine solche Einführung mit der Charakteristik des Achoreus 
verträglich ist, der doch ausdrücklich jenen Ungeheuern zugerechnet wird. 
Irre ich nicht, so ist dieser sehr starke Ausdruck ursprünglich nur auf 
Pothinus und seine Genossen gemünzt gewesenf, und die Person des Acho- 
reus ist erst später, als die Episode des zehnten Buches feststand, in leicht 
erkennbarer Absicht in den Zusammenhang eingefügt worden. Wir hät- 
ten dann eine der in den letzten Büchern zahlreichen Stellen vor uns, 
deren Unebenheiten auszugleichen dem Dichter nicht mehr vergönnt war. 

Dieser Achoreus also tritt auch bei Cäsar's Anwesenheit hervor 
und verspricht ihm kraft seines Priesteramtes, das lang verhüllte Ge- 
heimnifs des Nils zu entdecken: 

X 194 Fas mihi magnarum, Caesar, secreta parentum 
Prodere ad hoc aeui populis ignota profanis. 

^ OftDZ fihnlich, aber sehr ungeschickt eingefügt sind die Dedamationen gegen 
den Luxus IV 373 ff. und V 527 ff. 

3 VIII 474 Consilii uix Umpus erat: tarnen omnia monstra 

Pellaeae coiere domue, quos inter Achoreus 

lam placidus senio fracHsque modestior annis 

(Hunc genuit custos Nili crescenHs in arua 

Memphis uana sacris; illo cultore deorum 

Lustra suae Phoebes non unus uexerat Apis) 

Consilii uox prima fuit, meritumque fidemque 

Sacraque de/uncti iactauit pignora patris. 



6 D I £ L s : 

Sit ptetas aliis mtracula tanta stiere^ 

Ast ego caelicoKs gratum reor ire per omnes 

Hoc opus et sacras populis notescere leges^. 

Ob die Person des Achoreus eine reine Fiction des Dichters ist 2, wissen 
wir nicht. Jedenfalls ist es die Situation, in der er hier eingeführt wird. 
So seltsam diese Erfindung uns anmuthet, so kann man in der Wahl eines 
Priesters von Memphis zur Erörterung des Zetema nur einen glücklichen 
Griff erkennen. Denn von den ältesten Logographen an wird dem Zeug- 
nisse der Priester, namentlich derer von Memphis, eine beachtenswerthe 
Autorität in dieser Frage zuerkannt^. Freilich hat Lucan die Weisheit, 
die sein Ägypter salbungsvoll vorträgt, weder aus ägyptischer noch aus 
griechischer Quelle geschöpft, sondern kurzer Hand aus seines Oheims 
'Physikalischen Fragen mehr oder weniger wörtlich herüber genommen*. 

^ S. die Texte des Seneca und Lucan im Anhange. 

^ Da der Name ungriechisch ist, so ist zu erwägen, ob er ägyptisch sein kann. 

mm 

In Parthey 's Verzeichnifs {Agypt. Personennamen. Berl. 1864) stöfst zuerst Anchoreus 
(*Ay%p^BV9) auf aus Syncellus (12. K. v. A.). 'Dieser Name, *Ay%iugiV9 geschrieben, liefse 
sich etymologisiren an<x.-h6r 'Leben des Horos', ein im Ägyptischen häufiger Eigenname.' 
Damit ist vielleicht zu verbinden 0i%o^8vg bei Diodor I 50, 3 , der als Grunder der Stadt 
Memphis genannt wird. 'Diese Form ist sprachlich ein Unding, und darum liegt vielleicht 
dieselbe ungenaue Transcription des N. Achoreus vor, die Lucan benutzt hat/ Ob dem 
Dichter eine wirklich historische Person vorschwebte oder nur wegen der Beziehung zu 
Memphis jener alte König den Namen herleihen mnfste, mag dahingestellt bleiben. 'Der 
Konigsname der XXIX. manethonischen Dynastie Af/ju^ig, Ahw^iq (JlccHw^ii) , knotig ^ äg. 
Hagru (vielleicht libysch) mufs aus dem Spiele bleiben.* Ich verdanke die sprachliche Be- 
lehrung der Freundlichkeit des Herrn Georg Steindorf f. 

3 Hekataios Fr. 278 Muller. [Diodor I 37. Herodot 11 21 vergl. mit 191]. Endo- 
xos [Aet. IV 1, 7 vergl. Diod. I 40 tcüi/ iv Mtfjupst rtvig (ptXo(ro(puv, Schol. Homer. S 477]. 
Auch Seneca hatte in seiner Übersicht über die Nilfrage Quaest. Nat. IV 2 die Ägypter 
berücksichtigt; das Kapitel ist verstümmelt (s. u.), aber die Ansicht derselben ist durch 
das Excerpt des lob. Lydos de mensibus IV S. 93, 3 Bekk. erhalten, der den Seneca 
übersetzt hat. S. Rose, Ar. Pseud. S. 240. 

^ Diese Bemühungen der beiden Schriftsteller sind an einzelnen besonders schla- 
genden Stellen schon den älteren Erklärern aufgefallen. Auch A. Bauer in seinem Auf- 
satze Antike Ansichten über das jährliche Steigen des Nil (in den A. Schäfer gewidmeten 
Historischen Untersuchungen S. 91) hat diese Beziehungen gestreift. Er kommt zu dem 
zweifelhaften Resultate: „Lucan bietet etwas mehr an Zeugnissen als Seneca, von dem er 
aber gleichwohl nicht ganz unabhängig ist.^ 



Seneca und Lucan. 7 

Seneca hatte die Frage der Nilschwelle mit demselben Eifer er- 
griffen, den alle Vorgänger dem interessanten Probleme gewidmet hatten. 
Die Zahl der Monographien über diesen Gegenstand mufs im Alterthum 
eine ungewöhnlich grofse gewesen sein^. So ist es begreiflich, dafs Se* 
neca ihm ein ganzes Buch seiner Quaestiones naturales eingeräumt hat, 
dessen eingehende und warme Darstellung gelegentlich die Anerkennung 
Goethe^s gefunden hat^. 

Seneca beginnt IV 2, 1 mit der einfachen Thatsache der Nilschwelle 
im Hochsommer: Niltis ante ortus caniculae atigetur mediis aestSms vitra 
aequinoctium. Dem Dichter giebt dies Paradoxon zu einer weitschweifigen 
und unklaren Paraphrase Anlafs V. 199 — 218, die nach dem Geschmack 
der Zeit astronomische Erudition und astrologische Superstition in selt- 
samer Mischung vereinigt. Auf welchem Wege sich Lucan dergleichen 
auch sonst bei ihm vorkommende theils triviale theils abstruse Weisheit 
angeeignet hat (Einiges weist auf die Stoa d. h. Poseidonios hin), soll hier 
nicht untersucht werden^. Wichtiger ist es, den folgenden Abschnitt ins 
Auge zu fassen. Hier wendet sich der Dichter der geschichtlichen Seite 
des Problems zu und führt uns mit doxographischer Genauigkeit eine 
lange Reihe von Ansichten der Alten vor, die er alle mehr oder weniger 
verwerflich findet: 

219 Vana fides ueterum NilOj quod crescat in arua^ 
Aethiopum prodesse niues. non arctos in Ulis 
Montibtis aut boreas. testis tibi sole perusti 
Ipse color populi calidique uaporibus austri. 
Adde quod omne caput fluuiiy quodcunque soluta 
Praedpitat glacies ingresso uere tumescit 
Prima tobe niuis. 



^ Ich nenne Aristoteles (Theophrast), Eadoros, Ariston (Strabo XVn 790), Ari- 
steides (Aegyptios II 442 £f. Dind.), Theon den Mathematiker und Theodosios (Suidas), 
Cicero und Oordianus (Capitolinns V. Gordiani 3, 2). 

^ Mater, z, Gesch. d, Farbenlehre^ I. Nachtr.: ^Er lafst keine Gelegenheit vor- 
beigehen, prächtige und, wenn man den rhetorischen Stil einmal zageben will, wirklich 
köstliche Beschreibungen zu machen, wovon die Art, wie er den Nil und was diesen 
Flufs betrifft behandelt ..., ein Zeugnifs ablegen mag.*^ 

3 Ganz ähnlich sind die Stellen I 650 ff. ¥111167 ff. IX 531 ff. 



8 D I £ L s : 

Die Ansicht, welche das Steigen des Nils mit dem Schmelzen des Schnees 
in Äthiopien in Verbindung setzt, stammt von Anaxagoras, wie die ein- 
stimmige Überlieferung bezeugt^. So giebt denn auch Seneca diesen Na- 
men an: IV 2, 17 Anaxagoras ait ex Aethiopiae vugis solutas niues ad iW- 
lum usque decurrere. in eadem opinione omnis uetustas fuit hoc Aeschy^ 
las Sophocles Eurtpides tradunt Es ist bemerkenswerth, dafs dieser Phi- 
losoph bei Lucan wie bei Seneca den Reigen eröffnet. Die weite Ver- 
breitung der Ansicht (pmnis uetustas) mag dazu Veranlassung gegeben 
haben, obgleich ja doch Anaxagoras keineswegs der älteste ist. Wenn 
also Seneca mit einer auffallenden Ungenauigkeit zu Beginn dieses Ab- 
schnitts sagt ab antiquissimis inctptam (§ 17), so verräth er, daüs er an 
der von ihm befolgten Reihenfolge keinen Antheil hat. Hätte er nämlich 
den Gesichtspunkt der antiquissimi betonen wollen, so mufste er den Tha- 
ies an die Spitze stellen, wie dies auch die meisten Berichterstatter ge- 
than haben (Doxographi S. 228. Aristeides II 437). Da nun auch andere 
Parallelexcerpte mit demselben Anaxagoras beginnen (Schol. zu ApoUon. 
S. 495, 17 Eeil. Mela 1, 53), so sieht man, dafs Seneca hier einer älte- 
ren Quelle folgt, als welche sich mit Wahrscheinlichkeit Poseidonios er- 
mitteln lä&t. Denn abgesehen davon, dafs die Quaestiones zum groüsen 

^ S. Doxogr. S. 228. Herodot II 22 polemisirt bereits gegen ihn, freilich ohne 
ihn zu nennen. Diese Polemik beginnt recht spitz: ^ Bl t^Ityj toSv oBwv (Nilerkiärungen) 
iroXXoi/ imiuuoTdrvi icvTa fuiyarra s^/fvorai. Daraas ersieht man, dafs dies die damals 
verbreitetste Ansicht war. Die beiden anderen, des Thaies und Hekataios, die er berührt, 
scheinen ihm eigentlich gar nicht erwähnen s wer th. Das athenische Publicum, an das He- 
rodot beim Schreiben in erster Linie denkt, hatte allerdings die des Anaxagoras für die 
imuHerrarfi gehalten. Denn Sophokles und Euripides haben sie sich angeeignet, ja auch 
Aischylos rertritt sie zweimal, in einem unbestimmbaren Fr. 293 N. (Memnon?) yivo9 ij^v 
ttlvttv EHixaSujv iirirraiMai A&iottiSoq 7^9» NtiXo? euö* Inra^^o^ ycuau KifTavSa irvtvixccTUiV 
ivrofjLß^i^, EU y yjXtog nvgwnog tH^Mfxyi/^ccg ^&oi/i ryjHti irsroalau y^iovct, trava S* vS^aki^g 
AtyvTtTog dyvov vafxarog ir'kvi^oxjyavri <p^tvßiov Atjjbtijr^oc ai/reXXfi ard^vv. Sodann in den Hi- 
ketiden V. 539 K. (565 W.) Invilrat &' gtxtHuovfuuov ßiXäi ßovnoXov trTt^iwrog A7ov TrdixßoTov 
akrogi XstfAuSva t/^touoßocHov , oi/r' iiri^yßTou TvtpS) ylvog vSoog ro NfcXou vio'oig aB'txrov. 
Da Anaxagoras' Buch nach 468/7 veröffentlicht ist (Plin. N. H. II 149. Marm. Par. 57. 
Ol. 78, 1), so wäre damit ein werthvoUes Zeugnifs für die spate Abfassung der Hiketi- 
den gewonnen, welche zuletzt an Bücheier einen Fürsprecher gewonnen hat (Rh. Mus. 
40, 629). Freilich die Gegengründe, welche u. A. Weil (Gissae 1866 S. VIII ff.) und 
W. Gilbert (Rh. Mus. 28, 481) für möglichst frühe Ansetzung geltend machen, sind noch 
nicht widerlegt. S. Löschke Dorpater Progr. z. 12. Dez. 1885 S. 7*. 



Seneca und Lucan, 9 

Theile mit dem Material jenes gelehrten Stoikers gearbeitet sind^, läfst 
fiich gerade für diesen Abschnitt noch ein besonderes Beweismoment bei- 
bringen. Poseidonios hatte die richtige Ansicht vom jährlichen Steigen 
des Nils, die durch Eratosthenes in wissenschaftlichen Kreisen feststand 
(Berger, Fragmente des Eratosthenes S. 304), zunächst auf Eallisthenes 
zurückgefQhrt, der sie von Aristoteles kannte. Dieser wiederum habe sie 
von dem alten Physiker Thrasyalkes aus Thasos und dieser endlich von 
Thaies erhalten^. Wenn nun auch bei lohannes Lydos^, d. h. bei Seneca 
und nur bei diesem, Thrasyalkes und Eallisthenes verknüpft werden, so 
hat man hier ein Beispiel, wie zuweilen die ursprüngliche Anordnung trotz 
mehrfachen Excerpirens sich unversehrt erhalten hat. 

Es ist anzunehmen, dafs Seneca aus Poseidonios nicht blofs die 
histoi*ischen Notizen, sondern auch die kritischen Bedenken entlehnt hat, 
welche gegen die Ansichten der Physiker geltend gemacht werden. Ge- 
gen Anaxagoras sind es im Wesentlichen die bereits von Herodot 11 22 
beigebrachten Instanzen^. Die Übereinstimmung des Lucan und Seneca 
auch in der Polemik ist eine vollkommene: 



^ S. Doxogr. 19, 225ff. Rasch, de Posidanio Lucreti auctore. Oreifsw. Dibs. 1882. 
Ich habe a. O. vermuthet, dafs Seoeca nicht die Meteorologie des Poseidonios selbst, son- 
dern eine Bearbeitung durch dessen Schaler Asclepiodot zur Hand genommen habe. Aach 
für das Nilbach ist diese Vermittelang das Nächstliegende. Dagegen kann nicht die IV 2, 16 
erzählte Geschichte, die 43/2 spielt, aber erst nach 30 n. Chr. entstanden sein kann, gel- 
tend gemacht werden. Asclepiodot, der im Index Stoicoram (heraasgeg. von Gomparetti, 
col. 73, 3) bereits als Schüler des Panaitios erscheint, kann allerdings hier nicht die Quelle 
sein. Aber das ist auch nicht nöthig, da diese Notiz ihrem ganzen Charakter nach zu 
dem von Seneca selbst zugesetzten Anekdotenwerk gehört. 

2 Strabo XVII 790 (vergl. I 29). Ich lese statt Traf «XXoi; mit C. Müller 
naga BahoC. 

' De mens. IV S. 98, 10 Bekk. dXka hui B^aTvaXHf\g o QaTtog toOs iTYirlovg <pfiaw 
l^wSfTy Tov NtcXoi/. rrjc ya^ A&tomaQ 0\{/'i}Xoic va^d rd naSr* ^fuig o^äo-i Btt^taa-piivfig , viro- 
Bty^oiMvfig T9 Tag vtipiXag n^og rtZv ItvitIwu ti&ovfuvag ixBtSouat tov HuXou, dg Hat Ka^XioN&f- 
vyjg 6 HtgtiraTviTtHog iy tu! TäTa^Tw ßißxlui Tt2v 'EX^riuiHuiv (pYja-tu, eavTov a-VTTgcerttja-aa&at 'AAi- 
^avS^tu TW MaHsSovi Hat yevofMtvov int T^g A&toTTiag eCgtlv tov NeiXoi/ i^ airet^wv oyißafiiu mot* 

Ixtfl^f}!/ y$VOfAtVU)U HUTatpi^lJLtVOV, 

^ Diese hat weder Aristoteles de Nilo (Aristot Pseudepigr. ed. Rose S. 634) 
noch Diodor I 38, wohl aber Aristeides II 442 berücksichtigt. 

Philos.-histor. Äbh. 1885. III. 2 



10 



D I K L s : 



Herodot II 22, 2 



rsg ... 

iroZrov fxh koi fxiyiO'Tov 
ßaorvDiov oi avsfjLOi ira^- 
e%ovrai irveovreg airo tSv 



%w§ 



60t)V rOVTUOV 



^eofJLci 



Seneca IV 2, 18 
primo Aethiopiam /er- 
itentisstmam esse indicai 
hominum color adustas 

auster quoque, qui ex 
tllo tractu uenitj icentus 
calidissmus est 



Lucan 

221 testis tibi sole per^ 
vsti ipse color populi. 

222 calidique uaporibus 
aibstri. 



Auch die Beihenfolge der beiden Argumente ist dieselbe, vr&hrend das 
Original eine umgekehrte zeigt. Seneca hat aber auch noch eine Anzahl 
anderer Bedenken gegen die Ansicht des Anaxagoras, deren erheblichstes 
von der Analogie der andern Schneegebirge hergenommen ist, die zwar 
auch Flüsse mit ihren Schneemassen speisen, aber nur im Frühjahre. 
Auch hierin folgt ihm Lucan: 



Lucan 
Adde quod omne caput fluuUy 

quodcumque soluta 
Praecipitat glaciesy ingresso 

uere tumescit 
Prima tabe niuis. 



Seneca IV 2, 19 
atqui horum montium flumina uere 223 
et prima aestate intumescunt, 
deinde hibemts mvnora sunt . . . nee 
Rherms nee Rhodanus nee Ister . . . 
aestate prouenvunt . . . tune enim ma- 
xime integrae adhuc niues ex moUis- 
simoqv/e tabes est. 

Während die früher angeführten Übereinstimmungen die Benutzung der 
gemeinsamen Quelle, des Poseidonios oder seines Bearbeiters, nicht aus- 
schlössen, ist diese Annahme hier unmöglich. Der Dichter zeigt sich 
nämlich, was im Verlauf dieser Untersuchung noch deutlicher hervortre- 
ten wird, auch in der Wortauswahl deutlich durch seine lateinische Vor- 
lage bestimmt, ingresso uere tamesdt und prima tabe niuis sind unleug- 
bare Reminiscenzen. 

Die zeitliche Begrenzung der Nilschwelle, die Lucan mit den Wor- 
ten ausdrückt 

225 Nilus neque suscitat undas 

Ante canis radios nee ripis alligat amnem 



Seneca und Lucan. 11 

Ante parem nocti libra sub iudice Phoebum. 

Inde etiam leges aliarum nescit aquaram, 
ist einer froheren Stelle des Seneca entlehnt IV 1, Iff., wo er die Ver- 
gleichung des Nils mit der Donau zurückweist und dann fortfährt IV 2, 1 
at NÜU8 ante ortus canictUae augetar mediis aestäms tUtra aequinoctium. 
Die weitere Ausführung bei Lucan V. 229 nee turnet hibemus u. s. w. ist 
lediglich poetisch -astronomische Erweiterung des 225 — 228 Gesagten, von 
der das oben (S. 7 3) Bemerkte gilt. 

Auf festen Boden kommen wir wieder mit den V. 239 ff., welche 
ich gleich mit Seneca zusammenstelle: 



Seneca IV 2, 22 
Si Thaleti credisy etesuie descendenti 
Nilo resistunt. 



Lucan 
239 Zephyros quoque uana uetustas 
His adscripsit aquis, quorum 

stata tempora flatus 
Continuique dies et in aera longa 
potestas. 

Wenn Lucan Bedenken getragen hat das unmetrische etesiae ge- 
waltsam, wie einst Lukrez^ dem Verse anzupassen und statt dessen eine 
etwas weitschweifige Umschreibung zephyros quorum stata tempora gewählt 
hat, so wird man ihm das nicht allzusehr verargen. Nur befremdet die 
Erwähnung der Westwinde. Man wird dies nicht mit der bekannten Will- 
kür der lateinischen Dichter in der Bezeichnung der Winde entschuldigen 
wollen^. Lucan meint wirklich den Westwind, wie das folgende zeigt 

242 Vel quod ab occiduo pellunt tot^ nvbUa caelo 
Trans Noton et fluuio cogunt incumbere nimbos. 

Da er sich hier um Regenwind handelt, so kann diese Paraphrase um so 
eher gebilligt werden, als die Etesien keineswegs blofs Nordwinde sind 

^ S. Palmerius in Oudendorp's Lacan S. 932. Vgl. Strabo's Polemik gegen 
Eratostheneo I p. 28 ff. 

^ Ich habe diese minder gut bezeugte Lesart statt depellunt nubila aufgenommen, 
weil nicht abzusehen ist, wie sich aus dieser unanstoDsigen Wendung jene auffallige Va- 
riante hätte entwickeln können. Aber das tot entspricht ganz dem declamatorischen Stil 
des Lucan nnd besagt nicht mehr als multa. Vgl. VII 54. 500. 504. V 178. VI 204. IV 676. 

2» 



12 D I E L s : 

(s. Ideler z. Aristotel. Meteorol. I 582) und auch von andern Schriftstel- 
lern als Nordwestwinde gefasst worden sind^. Um dergleichen Abände- 
rungen auf eigene Hand auszuführen, dürfte wohl die allgemeine geogra- 
phische Bildung des Verfassers ausgereicht haben. 

Die Etesien spielen bei mehreren Erklärungen eine Rolle. Die 
Ansicht des Thaies wird genauer bestimmt in V. 

244 Vel quod aquas totiens rumpentis litora Nili 
Adsiduo feriunt coguntque resistere flatu. 
nie mora cursus aduerstque obice pontt 
Aestuat in campos. 

Dies entspricht Seneca IV 2, 22 Si Thaleti credis etesiae descendentt Nüo 
resistunt et cursum eius acta contra ostia mari sustinent ita reuerberatus in 
se recurrit nee cresdt, sed exitu prohibitus resistit et quacumque mox po- 
twit inconcessus erumpit. Die letzten Worte sind wahrscheinlich unrichtig 
überliefert und so kann vielleicht die Parallelstelle Lucans auch kritisch 
nützlich werden^. Schwieriger ist es zu bestimmen, auf wen sich der 
erste Theil der Alternative bezieht: 

242 Vel qtwd ab occiduo pellunt tot nvbüa caelo 

Trans Noton et fluuio cogunt mcumbere 7iimbos. 

Man könnte an die Ansicht der Ägypter denken, welche Seneca nach 



^ Ich erwähne z. 6. den Lucan's Zeit und Sekte nahe stehenden Verf. von De 
mando c. 4 (Aristot. 395a 2} tig o\ iTyjrtat MyofjLsvot fju^tu t^^ovrig twi/ tb äiro Tvjg a^o\j 
tpe^oyivttiv xcii ^8<pv^0iju, Auch Herodot II 21 behauptet, die syrischen Küstenflusse ström- 
ten den Etesien entgegen aus. Aristeides II 439, 13 Dind. sagt ausdrucklich aXXa fAfjv oCS* 
Ol lr)jo*im xitra vTOfJLa nairrairacriv iHipVTÖoart rot} 'SetXov, aXX' stg ttju oyßyjv ttju swau, ol 






^) Für inconcessus giebt es schwerlich ganz entsprechende Beispiele. Anderer 
Art ist das von Bentley zu Hör. Od. III 6, 27 Gesammelte. Am ehesten läfst sich das 
Yergilische fatis numquam concessa moueri Camarina (A. III 700} vergleichen. Vor allem 
aber ist der Begriff, der in inconcesstis liegen müfste, schon zur Genüge durch exitu pro- 
hibitus ausgedrückt Daher läge es nach Anleitung der Lucanstelle aestuat in campos nahe, 
in concessa zu vermuthen, was dem Sprachgebrauche Seneca's gut entspräche. Aber auch 
mox steht nicht an seiner richtigen Stelle, so dafs vielleicht ein tieferer Schaden vorliegt. 



Seneca und Lucan. 13 



dem Excerpte des lohannes Lydos behandelt hatte S. 98, 3 ot Aiyvirnoi 
^aiTi rovg lT»}er/ov9 iratrag 1^ virtOTSDov rag vstpiXag im rov votov e^w^stv yca- 
xci&ev ßa^uag Karatpt^ofJLEvvig ß^oy^g dvaßXv^etv tov NsTAov. Aber auch die 
oben angeführte Ansicht der Thrasyalkes deckt sich damit. Auch Pom- 
ponius Mela I 53 verbindet beide Ansichten ähnlich: siite quod per ea tem-- 
pora flantes etesiae aut actas a septentrione in mertdiem nubes super prin- 
dpia eius (nämlich Nili) mhre praecipitant aut uenienti obuiae aduerso 
spiritu cursum descendentis inpediunt und Plinius N. H. V 55 causas huius 
incremerUi uarias prodidere^ sed maxume probabilis etesiarum eo tempore ex 
aduerso flantium repercussum ultra in ora acto mari aut imbris Aethiopiae 
aestiuos iisdem etesiis nvbila illo ferentibus e reliquo orbe^. Ebenso hat 
der Scholiast des ApoUonios S. 496, 1 mit der Ansicht des Thaies zugleich 
jene anonyme verknüpft oder vielmehr verwirrt. 

Eine merkwürdige Ansicht bringt Lucan V. 247 ff. vor: 

sunt qui spiramina terris 
Esse putent magnosqv£ cauae compagis hiatus. 
Commeat hac penitus tacitis discursibus unda ... 

253 tunc omnia flumina Nilus 

Uno fönte uomens non uno gurgite perfert. 

Seneca bezeugt uns, dafs diese Idee von dem Apolloniaten Diogenes her- 
rührt. Seine Darstellung läfst trotz der Weitschweifigkeit die Vorstellung 
des Philosophen nicht ganz klar hervortreten. IV 2, 28 Diogenes Apollo- 
niates ait: „Sol humorem ad se rapit: hunc adsiccata tellus ex mari ducity 
cumQ) ceteris aquis. fieri autem non potesty ut una sicca sit tellus alia 
abandet sunt enim perforata omnia et inuicem peruia et sicca ab humidis 
sumunt aliquando. nisi aliquid teiTa acdperet, exaruisset. ergo sol undique 



^ Der Aasdruck ultra in ora ado mari begegnet sich mit Seneca a. O. acto con- 
tra Ostia mari^ so dafs Plinius vielleicht hieraus excerpirt hat. Unvorsichtig wäre es übri- 
gens bei einer Übereinstimmung der Anordnung, wie sie hier vorliegt, sofort an eine ge- 
meinsame Quelle des Schol. z. Apoll., Mela und Lucan denken zu wollen. Denn die 
Combination der beiden Ansichten ergiebt sich durch die Sache selbst. Namentlich die 
Benutzung des Landsmannes Mela neben Seneca, die ja für Lucan nahe genug lag, ist 
abzuweisen. Denn Mela nennt nicht blofs die Etesien, sondern sagt ausdrücklich acteu a 
septentrione in meridiem nubes^ womit Lucan's ab occiduo caelo unvereinbar ist. 



14 D I E L s : 

irahitj sed ex hisy quae premity maxtme: haec meridiana sunt, terra cum 
exaruü plus kumoris ad se adducit. ut in lucemis oleum iüo flait, übt 
exurttury sie aqua illo incumbity quo uis caloris et terrae aestuantis ar» 
cessit. unde ergo trahitf ex Ulis scüicet partibus semper hibemis, quae 
aquis exundant.^ Aus dieser umständlichen Schilderung das Wesentliche 
zu erfassen, war für den Dichter nicht leicht. Bei Seite gelassen hat 
er die Thätigkeit der Sonne, die Ägypten aussauge und dadurch das 
ganze Nafs der Erde dorthin ziehe, wie der Docht das Ol. Gerade hier- 
auf legen die anderen Berichterstatter den Hauptnachdruck^. Lucan da- 
gegen greift die phantastische Vorstellung von der Durchlöcherung der 
Erde und der innern Communication der Ströme heraus. Dabei ist es 
merkwürdig, dafs er wieder einen Ausdruck des Seneca wörtlich herüber- 
genommen hat: 

Lucan Seneca 

249 Commeat hac pemtus tadtis Interrogare Diogenem licet: quare, 

discursibus unda cum pertusa sint cuncta^ et inuicem 

commeent^ non omnibus locis aestOr 
te maiora sunt fluminaf 

Weniger leicht als die bisherigen Ansichten läfst sich die folgende 
auf ihren bestimmten Urheber zurückführen. 

255 Rumx>r ab oceano, qui terras alligat omneSy 
Exundante procul utolentum erumpere Nilum 
Aequoreosqtie sales longo mitescere iractu. 

^ Aristoteles de Nilo 634, 27 Schol. Apoll. 496, 6 Aristeides II 476. Vgl. Schol. 
des Lucan z. d. St. Enniua de Nilo ait, quod per ctestatem sol ab in/erioribua ciquam eupra 
reuocet et hinc eo tempore JNilus mcrescat. Die Ansicht des Oenopides (Seneca II 4, 26) 
und Timaeus bei Plinius Y 55 ist ähnlich. Von Diogenes ist übrigens auch der Mythos 
im Platonischen Phaidon p. 111 Cff. abh&ngig. 

^ Diese Herstellung geht aus von P quasi conpertis ai (asunt), die beste Hds. 
£ giebt quasi compertus animus (qt cÖ42T^ aim^), also las der Archetypus quasicöpertusas^ 
worin pertusa sich als richtig erweist beim Vergleich mit § 28 sunt enim perforata omnia 
et inuicem peruia (s. S. 13 u.)? Tgl. Seneca im Ludus 14, 4 alea ludere pertuso fritillo, Lu- 
crez III 936 pertusum uas. Mit der Form des Nebensatzes ist das Folgende zu vergleichen 
quare ulla pars terrae sine humore, cum omnis ad se ex aliis terris trahat. Haase las quare 
si complexus amnibus est et cuncta inuicem commeant^ in Gedanke und Ausdruck verfehlt. 



Seneca und Lucan. 15 

Bei Seneca entspricht am meisten § 22 Euthymenes Massiltensis testimo- 
nium dicit: „Nauigauiy inquity Aüanticum marey unde Nüus fluity mator 
quamdiu etesiae tempus obseruanL tunc enim eicitur mare instanttbics uen* 
ti$. cum resederinty pelagu>s conquiescit minorque descendenti inde uis Nüo 
est ceterum dulcis mari sapor est et similes Niloticis heluae.^ Bei ober- 
flächlicher Betrachtung könnte man an eine Benutzung dieser Stelle glau- 
ben^. Aber der dritte Vers 

Aequoreosque sales longo mitescere tractu 

läfst sich nicht mit der Auffassung des Euthymenes vereinigen, wie sie 
uns abgesehen von Seneca durch viele Autoren bezeugt ist 2. Der Mas- 
saliotische Kaufmann hatte danach nicht behauptet, dafs der Nil, der im 
Südwesten von Afrika aus dem Ocean gespeist werde, erst durch den 
langen Lauf seines ursprünglichen Salzgehaltes beraubt werde, sondern 
er fabulirte, der Ocean (»1 e^w ^dXarTo) habe überhaupt süfses Wasser. 
Soll man also annehmen, dafs Lucan die bei Seneca völlig deutlich refe- 
rirte Fabel des Euthymenes auf eigene Hand rationalisirt habe? Ich glaube 
nicht. Es ist viel wahrscheinlicher, dafs die entsprechende Stelle des Se- 
neca uns verloren ist und sich auf einen andern Gewährsmann bezogen 
hat. Denn aufser Euthymenes vertraten auch Hekataios (Fr. 278) und 
die ägyptischen Priester bei Diodor I 37, 7 die Ableitung des Nils aus 
dem Ocean. Hat doch sogar noch der kenntnifsreiche Geograph Dikaiar- 
chos an dieser abenteuerlichen Ansicht festgehalten, wie loh. Lydos uns 
aus Seneca's verlorenem Abschnitte berichtet S. 98, 17: AiKaia^%oq iv ITe- 

^ Siehe A. Bauer a. O., der seltsamer Weise die völlig selbständige Ansicht 
y. 258 ff. damit confandirt hat. Auch die Oleichsetzung von Seneca IV 2, 24 quia dul- 
cissimum quodque et leuisaimum sol trahit mit Lucan V. 260 undae plus quam quod digerat 
aer tollitur beruht auf Mifsverstlindnirs, wie es in jener Abhandlung leider nicht vereinzelt 
vorkommt. So ist auch S. 75 der gezierte Satz des Aristeides II 475 a>X ovre Mcta-a-a^ 
XtüijTett rctuTtt XfyovTiv ou9^ 6 MaTTaXtujrrif oßotoog y^^vq sIttsIv Hat irtTTog, «eXXa rig analog 
jMaAXoi/ aat voiy^rucig übel mifsdeutet worden. Da auch Reiske ihn falsch verstanden hat, 
so stehe hier eine Übersetzung: Weder wissen die Massalioten etwas davon (um die Ansicht 
ihres Mitbürgers bestätigen zu können), noch ist der Massaliote (Euthymenes) ein ebenso 
zuverlässiger Schriftsteller als er ergötzlich ist, sondern er gehört noch zur alten Fabulisten- 
zunft (wie Herodot und die Logographen). 

^ Aristoteles de Nilo S. 636, 86, Anonymus de Nilo (Athenaeus ed. Mein. 
S. 131, 17), Aetius IV 1, 2 (Doxogr. 385, 1), Aristides II 481 Dind. 



16 D I E L s : 

oio&i) 7??^ Jk T?i^ 'ArAavTiKifff 3aAarT>j? roi' NeiXoif dva%eia'&ai ßov?<£rou (Fr. 
Histor. II 52). Eine dritte Möglichkeit bleibt noch zu erwägen, da£3 Lu- 
can die Grundansicht des Euthymenes adoptirt, aber mit einer anderen 
verquickt habe, welche auf die Priester von Memphis zurQckgeführt wird. 
Sie suchten zwar nicht die Quelle des Nils im Ocean, aber die merkwür- 
dige Süfsigkeit des Nilwassers leiteten sie, wie Lucan, aus dem langen 
Laufe des Flusses durch die heifse Zone ab. Diodor I 40, 4 ^la ya^ liig 
}iaraK€KavfJLevy\g avrov oeovra Ka&e\l/$^^ai koI 8ia rdvro yXvKvrarov uvat irav- 
ru)v rm Trora/txcüv, art (pv(rei rov mjow^ovg Trav ro vyoov aTroyXvKaivovrog. Dals 
diese Ansicht auch sonst getheilt wurde, scheint Aristoteles zu bezeugen 
Fr. 258 (V 12256 12) wtws^ ya^ äipyisj/yifjjvov ro rov Nc/Xou v&wo sttIv. 

Unbestimmbar bleibt zunächst die letzte Hypothese, welche uns 
Lucan in seinem historischen Überblicke giebt: 

258 Nee non oceano pasci Phoehumque polumque 

Oredimus. hunc calidi tetigit cum brachia cancrt 
Sol rapit atque undae plris quam quod digerat aer 
Tollitur. hoc noctes referunt Niloque refundunt. 

Werden wir uns zuerst klar, was das heifsen soll: 'Die Sonne und der 
Himmel nähren sich vom Ocean. Steht die Sonne im Zeichen des Kreb- 
ses, so zieht sie tags über jenes Wasser an sich und es steigt mehr Was- 
ser auf, als die Atmosphäre verarbeiten kann. Diesen Überschufs schla- 
gen die Nächte nieder und geben ihn dem Nil zurück'. Diese sinnreiche 
Erklärung ist uns sonst völlig unbekannt, aber es ist nicht schwer, den 
Urheber derselben zu errathen. Die Ansicht, dafs die Sonne sich von 
der Ausdünstung des Oceans nähre, ist hauptsächlich von den Stoikern 
vertreten worden (s. Zeller, Phil. d. Gr. III 1^, 189*), und der Vertreter 
der späteren stoischen Meteorologie, Poseidonios, hatte sie adoptirt^. Auch 
darin stimmte Poseidonios mit jener Hypothese überein, dafs das Steigen 
des Nils aus atmosphärischen Niederschlägen auf dem Äquatorialgebirge 
zu erklären sei (Strabo II 98. XVII 790). Man darf daher diese letzte 

^ Macrob. Sat. I 23, 2 lovis appellatione solem intellegi Comificius scribit, cui unda 
ocectni uelut dapes ministrat. ideo enim sicut et Posidonius et ClearUhes adfirmant, solis mea- 
tue a plaga quae usta dicitur non recedit^ qvia 8ub ipsa currit oceanus. 



Seneca und Luca7u 17 

Hypothese mit einiger Wahrscheinlichkeit dem Poseidonios zuschreiben. 
Ob sie aber Lucan durch Seneca wie das Übrige kennen gelernt oder 
durch andere Vermittelung in seinem stoischen Katechismus gefunden hatte, 
mufs unentschieden bleiben. Jedenfalls wird man das credimus des Dich- 
ters ganz wörtlich als das Lehrbekenntnils des stoischen Dichters auf- 
fassen dürfen. Denn sein ägyptischer Priester bringt zum Schlüsse eine 
ganz andere EikhQllung. 

Dem Verkünder uralter Weisheit würde eine so rationalistische Er- 
klärung des geheimnifsvoUen Vorganges schlecht anstehen. Er hatte bei 
Beginn seiner Rede versprochen 

195 secreta parentum 

Prodere ad hoc aeui populis ignota profanis. 

Somit mufste er etwas Besonderes, Höheres, Mystisches verkünden: 

262 Ast egOj si tantam ms est mihi soluere litemj 

Quasdam^ Caesar, aquas post mundi sera peracti 
Saecula concussis terrarum erumpere uenis 
Nan id agente deo, quasdam conpage sub ipsa 
Cum toto coepisse reor^ quas ille creator 
Atque opifex verum certo sub iure cohercet. 

Der Nil, verkündete er, nimmt eine bevorzugte Stelle in dem Weltall ein. 
Er gehört zu den Urflüssen, die zugleich mit der Welt von dem Schöpfer 
der Dinge geschaffen worden sind und seitdem nach ganz besonderen Ge- 
setzen gelenkt werden. 

Es ist wohl sicher, dafs die eigentliche ägyptische Priester -Weis- 
heit, die nicht verwechselt werden darf mit dem, was griechische Leicht- 
gläubigkeit auf diese Quelle zurückführt, den Nil nicht zum Gegenstande 
tiefsinniger Speculation gemacht, sondern einfach als Göttergeschenk hin- 
genommen oder auch selbst als Gott verehrt, seinen Ursprung aber als ein 
den Menschen unbekanntes Räthsel unerörtert gelassen hat. Somit ist die 
Enthüllung oder vielmehr Verhüllung des Achoreus ganz dem Wesen des 
ägyptischen Priesters entsprechend. Auch könnte man jene Ansicht, dafs 
der Nil vom Anfange der Welt stammt und seine besonderen Gesetze hat, 

Philos.'histor. Ahh. 1885. IIL 3 



20 D I E L s : 

danken trug, der aber nicht zur Ausführung kam. Aber aus dem loh. 
Lydos^ geht hervor, dafs Seneca allerdings eine solche Expedition er- 
wähnt und den Eallisthenes als Theilnehmer bezeichnet hatte. Da nun 
Strabon an derselben Stelle, wo er diesen Bericht des Eallisthenes kurz 
erwähnt (XVII 790 aus Poseidonios), auch der Expedition des Sesostris und 
Kambyses nach Oberägypten gedenkt 2, so liegt die Vermuthung aufser- 
ordentlich nahe, dafs Lucan diese historischen Notizen aus Seneca's Ex- 
cerpt des Poseidonischen Berichts entnommen hat, dafs also Seneca für das 
Mifsverständnifs der Alexander -Expedition verantwortlich zu machen ist. 
Denn seinem griechischen Gewährsmann läfst sich dergleichen kaum zu- 
trauen. Die ausführliche Schilderung, die Seneca an einer andern Stelle, 
de ira c. 20, vom Kambyses -Zug gegeben hat, stimmt vortreflFlich zu Lu- 
can's kurzem Berichte. 

Dem Anfange der geographischen Schilderung des Flusses bei Lu- 
can 287 — 303 entspricht nichts in den 'Physikalischen Fragen*. Entwe- 
der hat der Dichter nach Schulreminiscenzen die nicht sehr genaue Schil- 
derung entworfen oder er hat, was auf dasselbe hinausläuft, ein gewöhn- 
liches Compendium zu Rathe gezogen. Die Schilderung von Meroe 

303 Meroe fecunda cohnis 

Laeta comis ebeni, quae quamvis arbore multa 
Frondeaty aestatem nulla sibi mitigat umbra 



^ De mens. IV S. 98, 3 wc nai Ka^Xio-dei/i}? üf^iTrartjrixcff iv rw rtr<v^ruj ßtßxlw 
Twu 'EXXtji/i«wi/ (pfjTtv kavrov aVTT^nrsvcrttcrSat *A?iS^avB^w tw MayeSovt Hat ytvofAivov Itti t^9 
Aiötomae tC^stv rov NeiXoi/ i^ anu^füv ofjiß^Mv hot* iHtlvov ytuofuuwy xaratps^fAMvov, An dem 
Irrthnm des Lydos -Seneca (s. Rose, Aristot. Pseud. 242) mag wohl Schuld sein, dafs 
in der griechischen Quelle die Bezeichnung Ka>Jja'^ii/r}g a-va-T^aTsva'dfjLBuog ^AXe^avS^w mit 
seinem Berichte über die Autopsie der Gewährsmänner confundirt wurde. Die Autopsie 
bezeugt nämlich Aristot. de Nilo S. 639 Rose in sensum enitn uenit quemadmodum per se 
videnUs facti a uisia d. h. ceCroirTat ytvr)^iuT6s tjo-^oi/to, wie Strabo XVII 789 (s. oben) 
von derselben Sache berichtet. 

^ 0< irdyMi ßao'ikiig ou naw itp^ovri^av riav rotox/ranv, hcuttb^ oIhuqi <ro(plccs ytyo'^ 
vorss Hat avTot nett ot tt^tig, pLtij^ wu riv wurotg o nMi^v fitog, buoTC Hat »J^avfjLa^eiv a^tou xat 
Stä TOVTO Hat SioTi "XivtfjcrT^tg Tr,v AiSiontav l^r^X^cy anacrav l^f/j^t rrig HtuvafXüjfxetpo^ov , Hat 
VTrofJLvyjfjLora rrjg oT^aTsiag avTov Hat vCv irt SsiHuvrat o-r^Xai Hat imy^tpat. KafAßva-r^g tu 
njp AiyvTTToi' HaTavyjiv n^oviT^t Hat fxty^i Tvjg Me^OYjg lAtra rtZv Alyvirrttav htX, 



Seneca und Lucan. 21 

entspricht im Allgemeinen Diodor I 33, 1. 3 (= Strabo XVII 321f.)^ Das 
arbore multa scheint dem Expeditionsberichte der von Nero ausgesandten 
Centurionen (Plin. XII 19 s. S. 30^) zu widersprechen, welcher lautet raram 
arborem Meroen usque ad Syenen . . . nvllamqvs nisi palmarum generts 
esse docutt Lucan scheint sich daher auf ältere Nachrichten zu stützen, 
wie denn auch die allgemeine Beschreibung des Nilufers 

290 Cursus in occasus flexu torquetur et ortus 

Nunc Arabum populis^ Libycis nunc aeqmts harenis 

sich mit dem erwähnten Abschnitt des Diodor berührt I 32, 5 Kaintag wav- 
roiag iroioviJLSvog' itorl fiev yä^ e?Jrrerai ir^og riiv cw, irore Äe Tr^og io'Tri^av, eo'ri &* 
ore TT^og riiv (jLtayifJiß^lav. Aber aus dergleichen Allgemeinheiten lassen sich 
keine weiteren Schlüsse ziehen. Die Serer, welche dem Ursprünge des 
Nils am nächsten wohnen sollen, 

292 Teque (Nile) vtdent primij quaerunt tarnen hi quoqv£ Seres 

sehen ganz wie eine groteske Übertreibung des Dichters aus, der den 
fabulirten Zusammenhang des Flusses und Äthiopenlandes mit Indien ins 
Hyperbolische steigerte. In einem nur halbwegs wissenschaftlichen Buche 
hat er dies gewifs nicht gefunden^. 

Von Philai an, wo Seneca's Beschreibung beginnt, ist die Über- 
einstimmung wieder eine vollständige. 

307 Inde plagas Phoebi damnum non passus aquarum 
Praeueheris sterilesque diu metiris harenas, 
Nunc omnes unum uires coüectus in amneniy 
Nunc uagus et spargens facüem tibi cedere ripam. 
Rursus miUt^idas revocat piger alueus undas, 
Qua dirimunt Arabum populis Aegyptia rura 
Regni claustra Philae. 

^ Auch die sonstigen Kenntnisse ägyptischer Verhältnisse Lucan's (VllI 823 ff. 
X 181 ff.) berühren sich zam Theil mit Strabo und Diodor, ohne eine Entscheidung 
sa geben. 

' Ich stimme hierin ganz mit Palmerias (bei Oadendorp S. 930) überein. 
Die Grande, warum in Heliodor's Roman X 25 die Serer ebenfalls in der Nachbarschaft 
der Äthiopen erscheinen, hat gat entwickelt £. Rohde, Gr. Roman 442^. 



22 D I E L s : 

Seneca IV 2, 3 magnas soKtudines peruagattLS et in paludes diffusus et « 
tngeniibtis sparsxis circa Philas primum ex uago et erranti colligitur. Es 
unterliegt wohl keinem Zweifel, dafs wie das uagus dem ex uago der 
Quelle entspricht, wie das gezierte spargens facüem tibi cedere ripctm das 
in paludes diffusa umschreibt, so das bei Seneca verstfimmelte ingentibus 
sparsus seine Entsprechung in mult^as undas finden mufs. Ich ver- 
muthe daher, dafs insulisque ingentibus oder besser arenis ingentibus zu 
ergänzen ist, s. Diodor I 33, 4. Seneca fährt fort: ab hac Nilus ma^nus 
magis quam uioleniv^s egressus Aethiopiam harenas, per quus ad commer- 
da Indici maris iter est, praelabitur. Wenn schon das praelahitur Lucan's 
praeueheris^ das magnus magis quam uiolentus das piger alueus hervor- 
gerufen zu haben scheint, so ist in dem Folgenden der Anschlufs so 
eng, dafs man hierdurch dem verderbten Texte des Dichters zu Hülfe 
kommen kann. 

313 Regni claustra Philae. mox te deserta secantem 
Qua dirimunt nostrum ruhro commercia pontum. 

So giebt die Vulgata den zweiten Vers sinnlos. Vergleicht man die Vor- 
lage per qvxis ad ccmmerda Indici maris iter est, so sieht man sofort, 
qua entspricht dem per quas^ ist also echt. Dagegen ist dirimunt un- 
verständlich und durch ein leicht begreifliches Versehen aus Qua diri-^ 
munt V. 312 eingedrungen. Nach dieser Ausscheidung des Emblems bleibt 
nach überwiegender handschriftUcher Überlieferung übrig: 

314 Qua vro- nostrum rubro commercia ponto. 

Die früheren Vermuthungen sind alle unbrauchbar^. Ich vermuthe: 

Qua iungunt nostrum rubro commercia ponto. 

Schon bei Seneca wird der ruhige Lauf des Flusses durch die Wüste un- 
terhalb von Philae in einen Gegensatz zu den Katarakten gesetzt IV 2, 4 

^ S. Trampe, De Lucani arte metrica. Berlin 1884. S. 19. Die dem Verf. von 
mir mitgetheilte Erg&nzung tradit sollte nur den Sinn bezeichnen. Denn die Ellipse von 
mare bei nostrum halte ich für unzulässig. Derselbe Sinn hätte sich z. B. durch Q^a 
mare dat nostrum ruhro commercia ponto ausdrucken lassen, vgl. VIII 29 3 abruptumst no^ 
stro mare discolor unda. Aber die oben mitgetheilte Vermuthung verdient wohl den Vor- 
zug, vgl. VIII 854 aut Arabum portus mercis mutator eoae. 



Seneca und Lucan. 23 

magnus magts quam utolentus , . . harenas . . . praeldbttur. excipiunt autem 
cataractae nohilis spectaculo locus. Ebenso ^ b ad id lutosus et turhidus 
fiuü: at vM scopulos cautium verberauit spumat Die Rhetorik Lucan's 
weifs diesen Gegensatz effectvoll zu benutzen. 

313 ... mox te deserta secantem . . . 

315 Mollis lapsus agit quis te tarn lene fluentem 

Moturum totas uiolenti gurgitis iras^ 

Nile, putetf sed cum lapsus abrupta utarum 

Excepere tuos et praecipites cataractae 

Ac rmsquma uetitis ullas obsistere cavies 
320 Indignaris aquts, spuma tunc asira lacessis. 

Bemerkenswerth ist, abgesehen von dem genauen Anschluiüs an Seneca's 
Ordnung, die Wiederholung des prosaischen excipere V. 318. Freier hat 
er die anschauliche Schilderung des brausenden Katarakts wiedergegeben, 
doch finden sich alle wesentlichen Momente wieder. 

Von besonderem Interesse ist die Gegenüberstellung von V. 323 £f. 
mit der Vorlage. 

323 Hinc, Abaton quam nostra uocat ueneranda uetustas, 
Terra potens primos sentit perculsa tumultus 
Et scopulty placuit ßuuii quos dicere uenas, 
Quod manifesta noui primum dant stgna tumoris. 

Man darf ohne Weiteres behaupten, dafs diese Verse ohne Hilfe der Quelle 
unverständlich bleiben würden: IV 2, 7 exiguo ah hac spatio petra dmi- 
ditur: Abaton Graeci uocant nee illam ulli nisi antistites calcant. illa 
primum saxa auctum fluminis sentiunt. post spatium deinde magnum duo 
emicant scopuli: Nili uenas uocant incolae, ex quibus magna uis fundi-* 
twTj non tamen quanta operire possit Aegyptum . . . Man sieht daraus, 
dafs für Seneca der heilige Fels Abatos defswegen besonders merkwürdig 
ist, weil sich hier zuerst das Steigen des Flusses ankündigt. Wer sollte 
dies aus den Worten des Lucan 

324 primos sentit perculsa tumultus 

herauslesen? Die völlige Übereinstimmung der beiden Autoren an dieser 
Stelle ist nicht ohne Frucht in kritischer Hinsicht. Abaton quam nostra 



24 D I E L s : 

uocat ueneranda uehtstas ist anstöfsig, weil ja nicht die Ägypter, sondern 
die Griechen jene Benennung ''Aßarog gegeben haben. Darum haben schon 
Hdss., danach auch neuere Kritiker statt uocat die Lesart colit befürwor- 
tet. Seneca zeigt in seinem Ausdruck Abaton Graeci uocant^ dafs die 
handschriftliche Oberlieferung bei Lucan richtig ist. Nicht einmal jene 
Vergefslichkeit des Dichters wird man anzunehmen haben, mit der er 
seinen Ägypter unbefangen vom mare nostrum reden läfst (V. 314), son- 
dern er meint offenbar den Begriff der HeUigkeit, der im griechischen 
Worte liegt, nicht das Wort "Aßarog selbst. Ebenso heifst es IX 822: 

Ecce procul saeuus sterilis se robore trund 

Torsit et inmisit (iaculum uocat Afrtcä) serpens^. 

Auch die Stelle des Seneca ist nicht unverdächtigt geblieben. Man 
stiefs an dem Wechsel petra — illa saxa an. Gertz machte den plau- 
siblen Vorschlag, das Sätzchen illa — sentiunt nach tncolae zu setzen. 
Keine Frage, dafs illa saxa nach dv^ scopuli formell besser pafst, auch 
der Sinn leidet nicht. Aber die Parallelstelle Lucan's erweist die TrOg- 
lichkeit dieser Vermuthung. Denn Seneca's illa primum saxa auctum ßu- 
minis sentiunt entspricht dem Verse 

324 primos sentit perculsa tumultusy 

der sich ebenso an die Erwähnung des Abatosfelsens anschliefst wie bei 
Seneca. Auch zeigt die Wiederholung des eigenthümlich gebrauchten sen-- 
tire^, wie eng hier der Anschlufs des Dichters an sein Original ist. 

Dagegen mufs wohl in dem Anfange des Verses 324 eine Verderb- 
nifs anerkannt werden. Was terra potens hier bedeuten soll, ist nicht 
abzusehen. Vielmehr empfiehlt sich die Verbesserung des Salmasius Plin. 
Exerc. 312, der, auf unsere Senecastelle exiguo ab hac spatio petra dinidi- 
tur gestützt, vermuthet hat terra patens d. h. quae hinc (s. V. 323) patet. 



^ Ähnlich sind wohl aach die Wendungen bei Ennias Est loctis, Hesperiam quam 
mortales perhibebant und bei Lucrez in hoc caelo qui dicitur aer u. A. dgl. aufzufassen, die 
natürlich das Yerständnifs der griechischen Sprache voraussetzen. Aber eine Absicht, sie 
dadurch „als die allgemein geläufige Weltsprache^ zu bezeichnen, wie man neuerdings genr- 
theilt hat (L. Müller, Q. Ennifis, Petersburg 1884. S. 35*), ist schwerlich anzuerkennen. 

^ Vgl. VII 779 animi sensere tumultus. 



Seneca tind Lucan. 25 

Die folgenden Verse Lucan's sind ein besonders schönes Beispiel 
der Concordanz: 

325 Et scopulty placmt fluun quos dicere uenas^ 

Quod manifesta noui prtmiim dant signa tumoris. 

Genau so, nur ausfuhrlicher, hatte Seneca sich ausgedrückt IV 2, 7 post 
spatium deinde magnum duo emicant scopuli (Nili uenas uocant inco- 
lae), ex quibus magna uis funditur^ noii tarnen qiianta operire possit Aegyp- 
tum. in haec ora stipem sacerdotes et aurea dona praefecti^ cum sollemne 
zienit sacrum^ iaciunt. hinc iam manifestus novarum uirium Nilus . . . 

Der Ausdruck Nili uenae mufs Seneca selbst nicht gewöhnlich er- 
schienen sein, da er die Metapher III 15, 1 ausführlich erläutert^. Da- 
her die etwas umständliche Bezeichnung, die der Dichter treulich nach- 
ahmt. Im Original war wohl einfach nur von <pyJßeg üslXov die Rede, 
ohne dafs bei diesem den Griechen geläufigen Ausdrucke an einen beson* 
deren Namen gedacht zu sein scheint. Denn davon ist sonst nichts be- 
kannt, während die Felsen selbst offenbar identisch sind mit den bei He- 
rodot n 28 in der Nähe von Syene erscheinenden, welche hier Krophi 
und Mophi heifsen. Man glaubte, dafs dort der Flufs aus den Felsen 
entspränge^, wie auch die zwei Centurionen, die Nero zur Entdeckung 
der Nilquellen ausgesandt hatte, zwei Felsen gefunden hatten, ex quibus 
irigens uis fluminis excidebat (Seneca VI 8, 3). Auch Aristeides 11 460 
giebt davon eine angeblich auf Autopsie beruhende Schilderung, die aber 
in der That nur eine Wiederholung von Herodot's Bericht zu sein scheint. 
Auch Seneca spielt offenbar auf Herodot an^ aber so dafs man sieht, er 
bringt nur die Polemik seines Originals in ein kurzes und fast undeut- 
liches Excerpt. Die Worte IV 2, 7 ex quibus magna uis funditur, non 
tarnen quanta operire possit Aegyptum werden erst recht verständ- 
lich, wenn man sich der Vorstellung des Saitischen Priesters erinnert, die 



^ In terra quoque sunt alia itinera per quae aqua, alii per quae Spiritus currit 
€uieoque ad similitudinem illa humanorum corporum natura formauit, ut maiores quoque no- 
stri aquarum adpellauerint uenas. Doch gebraucht er III 2, III 5 (Haupt), III 7, 3, III 
19, 4 den Ausdruck ohne Weiteres. 

3 Siehe Nilstele a. O. [S. 18^] S. 132 So wenn der Nil aus seinen beiden Quellen 
(Kerti) hervorkommt, dann mache man viel die Opfer der Oötter. 

Philos.'hisior. Abh. 1885. IIL 4 



26 D I £ L 8 : 

Herodot 11 28 nicht ohne Bedenken wiedergiebt, daijs dort die wahre Quelle 
des Flusses zu suchen sei, die ihr Wasser von diesen Felsen aus wie von 
einer Wasserscheide nach Norden und Süden sende. Hiergegen war offen- 
bar bei Poseidonios (wie bei Aristeides 11 460, 18) ein entschiedenes Wort 
gesagt und die Unmöglichkeit nachgewiesen worden, dafs alles Wasser der 
Nilüberschwemmung aus dieser einen Quelle kommen könne. An einer 
andern Stelle, wo Seneca im eigenen Namen spricht, läfst er die Sache 
unentschieden ^ . Denn hier handelt es sich um den Bericht jener von Nero 
abgesandten Officiere, dem zu widersprechen nicht räthlich war. 
Noch unklarer als Seneca drückt sich Lucan aus: 

325 placuit ßuun quos dicere uenas, 

Quod manifesta noui prtmum dant signa tumorts. 

Oflfenbar soll der nouv^s tumor den nouae utres bei Seneca entsprechen, 
es soll dei: Zuwachs an Wasserfülle bezeichnet sein, der hier bei den 
beiden Felsen zuerst deutlich sichtbar hervortritt. An die jährliche Nil- 
schwelle kann man unmöglich denken wollen. Denn abgesehen von der 
authentischen Interpretation, die wir seiner Quelle verdanken, würde der 
Dichter sich selbst widersprechen. Schon der Abatosfelsen soll das Stei- 
gen des Flusses zuerst verkünden. Wie könnten also die Ntlt uenae das 
Merkmal ebenfalls zuerst angeben sollen? Ist diese Auffassung unmög- 
lich, so kann auch et scopuli nicht, wie die Bemer Commentare wollen, 
auf sentiuvt tumultus arro koivov bezogen werden. Vielmehr ist et scopuli 
in freierer Weise an das hinc V. 323 angeknüpft, die uns ebenfalls auf 
die Oonjectur des Salmasius terra patens führt, bei welcher sich die Er- 
gänzung hinc patent zu et scopuli von selbst ergiebt. 

Seneca beendet diese Beschreibung des Felsenthales mit den Wor- 
ten IV 2, 8 hinc iam manifestus nouarum uirium Nilus alto et profunda 
alueo fertur, ne in latitudinem excedat obiectu montium pressus. 
Dies hat der Dichter lebendig aufgefafst: 

327 Hinc montes natura uagis circumdedit undisy 
Qui Libyae te, Nile^ negant: quos inter in alta 
It conualle tacens iam moribus unda receptis. 

^ VI 8, 5 «tue Caput Uta aiue accessio est Nili. 



Seneca und Lucan. 27 

Es ist kaum nöthig darauf hinzuweisen^ wie Seneca's einzelne Sätz- 
chen sich in umgekehrter Reihenfolge wiederfinden: obiectu montium pres- 
sits in dem ersten Verse, ne in kUitudmem excedat in dem Qui Libyae te, 
Nile, negant^ endlich das alto ac profundo ctltieo in dem qtws tnter in alta 
it conualle wiederkehrt. Der in den Hdss. Lucan's wunderlich variirte 
Schlufs des Verses fQgt, wenn die aufgenommene Lesart die echte ist, 
ein poetisch empfundenes Bild hinzu. S. S. 42. 

Bei Memphis erst erweitert sich das Bett: Seneca IV 2, 8 circa 
Memphin demum liber et per campestria uagus in plura scinditur flumina. 
Ebenso Lucan: 

330 Prima tibi campos permittit apertaque Memphis 
Rura modumque uetat Crescendi ponere ripas. 

Damit schliefst die Beschreibung des Nillaufes und zugleich ziemlich un- 
erwartet und effectlos die Rede des Achoreus. 

Oberblickt man das ganze Abhängigkeits-Verhältnifs des Lucan zu 
seinem Vorbilde, so drängt sich die Überzeugung auf, dafs er bei der 
Ausarbeitung dieser Episode seinen Oheim nicht blofs um Rath gefragt 
oder etwa bei gelegentlichen Recitationen aus den Quaestiones den Stoff 
im Allgemeinen kennen gelernt habe, sondern dafs das fertige Buch ihm 
vorlag, das er mit Mufse studirt und oft sklavisch nachgeahmt hat. Be- 
sonders wichtig ist es, dafs er auch bereits das dritte Buch gekannt, 
also wohl das ganze Werk, nicht blofs die einzelnen, mit besonderen 
Proömien an Lucilius gesandten Bücher zur Hand gehabt hat^. 

Mit der Chronologie der beiden Schriften stimmt das Quellen- 
ergebnifs vollkommen überein. Wir wissen ^^ dafs die uns erhaltenen 

^ Siehe F. Schaltess, de Senecae QuaesL nat et epist. Bonn 1872, S. 25. In 
den übrigen Büchern der Pharsalia klingt V 336 ff. an Seneca III 4 miramur quod an, 
YI 343 ff. an VI 25, 2. Die Verse über Ägypten YIII 446 Terra suis contenta bonia non in- 
diga mercis aut lovis: in solo tanta est fiducia Nilo erinnern an Seneca IV 2, 2. Über 
die Ähblichkeit von VI 817 mit Epigr. 400 (I 263 R.) s. O. Rofsbach Disqu. de Senecae 
scriptis. Vratisl. 1882, S. 22. In den drei ersten Büchern, die den Quaest. natur. zeitlich 
wohl vorausgehen, habe ich keine Reminiscenz bemerkt. Deatlich ist zwar I, 74 ff. die Be- 
nutzung der Consol. ad Marciam 26, 6, aber gerade das beweisende omnia mixtU sidera ei- 
deribus concurrent ist wider Lucan's Technik und vielleicht interpolirt. Trampe S. 69. 

> Schultess a. 0. S. 18ff. 



28 . D I E L s : 

Bücher der Quaestiones naturales in den Jahren 62 und 63 rasch hin- 
geschrieben sind, nachdem die kaiserliche Ungnade dem Minister volle 
Mufse gewährt hatte. Am Ende des Jahres 62, in welchem er entlassen 
wurde, hatte er bereits unser viertes Buch vollendet, im sechsten er- 
wähnt er bereits das Erdbeben, durch welches Pompeji nonis februariis 
Regulo et Verginio consulibus zerstört wurde und das siebente Buch mufs 
er noch vor dem Ende dieses selben Jahres 63 beendet haben ^. 



^ Martens, de Senecae vita, Altona 1871. S. 45 f. Ob dem siebenten Buche 
diese Stelle nach dem sechsten zukommt, ist wie die ganze Ordnung der Bucher noch 
eine offene Frage. Die Ordnung, die F. Schultess a. O. S. 16 aufstellt, Prologus, II, 
III, IVa (de Nilo)^ IV 6 (de grandine), V, VI, VII, I, hat Manches für sich. Aber diese 
Ordnung ist weder systematisch, noch erklärt sie genügend die Verstümmelung und die 
verschiedene Anordnung in den beiden Hdss. -Klassen. Fordert man einen systemati- 
schen Aufbau des (nicht abgeschlossenen) Werkes, so ist ein Aufsteigen von den terre- 
Stria (aqua, terra) zu den meteora (aer, aether) und caeleetia das Natürliche. Den ersten 
Theil scheint Buch III nach dessen Proömium einzuleiten bestimmt, wie Buch I nach sei- 
nem Proömium die Vermittelung zwischen Erde und Himmel einleitet. Damit scheint keine 
Anordnung der bisher bekannten Hdss. verträglich, wohl aber eine seltsame Zählung, die 
im Parisinus 8624 erhalten ist. Ich gebe die Über- und Unterschriften nach freundlicher 
Mittheilung des Hrn. O. Rofsbach: Titel des Buches fehlt. Dann Anfang: 

(IV ft) Grandinem etc. 

Unterschrift: Lttcii Annei Senecg Über tercius eaplicit de nttbibus. 
(V) Incipit IIII^' de uentis, Ventus est etc. 

Unterschrift: Lttcii annei Senec§ naturalium qttaestionum. ad lucilium iuniorem 
de uentis Über IIIl^* explicit 
(VI) Incipit V^' de terrgmotu, Pompeios etc. 

Unterschrift: Explicit septimus. 
(VII) Incipit octauus. Nemo etc. 
Explicit liber Sextus. 
(I) Incipit Septimus. Quantum etc. (Prolog und I. Buch). 

Explicit liber F//«'. 
(II) Incipit liber VIIL Omnis etc. 

Explicit liber VIII*'. 
QU) Incipit IX, Non preterit etc. 

(IVa) Incipit libeB X; Delectat etc. Der Codex bricht bereits uemis IV 2 19 (247, 1 
Haase) ab. 

Die Reihenfolge dieser Hdss. IV ft, V — VII, I — IVa ist zwar die von PL und Vincentius 
Bellovacensis , die Haase und L arisch als richtig zu erweisen suchten, während sie 
F. Schultess mit guten Gründen zurückgewiesen hat. Nebenher aber geht in den Über- 
nnd Unterschriften in dieser Hds. eine andere ältere Zählung, nach der das sechste 



Seneca und Lucan. 29 

Ja es ist wahrscheinlich, dafs das ganze Werk bereits im Jahre 63 
abgeschlossen wurde. Diese Schnelligkeit hat nichts Überraschendes, wenn 
man die geringe Selbständigkeit dieser Compilation erwägt. Auch hatte der 
Verfasser für einzelne Abtheilungen bereits Vorarbeiten. So berührt sich 
sein Buch de situ et sacris Aegyptiorum in dem einen erhaltenen Fragmente 
(Servius Aen. VI 154 = Lucan. Commenta Bern. X 323 (S. 328, 16 üs.) sehr 
nahe mit den Quaest. Natur. IV 2, 7. Ferner hatte er in seiner Jugend 
eine einschlagende Schrift de terrae motu verfafst. Er selbst spricht es 
aus in der Praefatio zu seinem dritten Buche, dafs er am Abende seines 
Lebens sich eines allzugrofsen Werkes unterfangen habe; defshalb müsse 
wie auf einer Reise die Verspätung durch gröfsere Eile eingebracht wer- 
den^. Es hat also gar kein Bedenken, die Quaestiones innerhalb dieser 
zwei Jahre 62 und 63 vollendet zu denken. 

Lucan^s zehntes Buch fällt, wie wir aus Allem schliefsen dürfen, 
in die Zeit unmittelbar vor seiner Verhaftung. Setzt man den Abschlufs 



Buch (das in der Hds. wirklich das dritte ist oder, da das erste als drittes bezeichnet 
wird, als quintum bezeichnet sein sollte) als septimus und das folgende siebente als octa- 
uus erscheint. Die Zählung des ersten Buches (= lY^ unserer Zählung) als tercius 
scheint ebenfalls dieser alten Zählung anzugehören, da das folgende explicit de nubUms 
nur auf der Tradition des Archetypus, nicht aber auf Conjectur beruhen kann, weil der 
erste Abschnitt des Buches IV 6 über die Wolken in allen Hdss. ausgefallen ist. Aus 
der Subscription des Archetypus stammt auch in E f. 52' das verkehrt gestellte et nubt' 
htM in dem Titel Buch IV^ de grandine et nubibus. (Dem Kapitel über den Hagel pflegte 
von Aristoteles an ein Kapitel über die Wolken in der griechischen Meteorologie voran- 
zugehen, vgl. AStios III 4 TTff^i vt<f>Mu vtreoi/ yjivtav f^dkn^Sav,) Ist also IVd das dritte 
Buch in der alten Anordnung gewesen, so wird man auf die Vermuthung gefuhrt, dafs, 
da ein Ausfall ganzer Bücher nicht wahrscheinlich ist, jene ältere Ordnung mit Buch III 
de aquis, deren Proömium dazu trefflich stimmen würde (s. Schultess S. 11) begon- 
nen (vg). III 13), und mit Buch VII de cometia als liber VIII geschlossen habe. Dann 
würden Buch II und I vielleicht vor V (das sein Proömium verloren hat) gestanden ha- 
ben. Auch gegen diese Ordnung läfst sich Manches anführen. Aber ich will diese Frage 
hier nicht erörtern, zumal ich nicht im Besitze des ganzen hierfür nothwendigen Hand- 
schriftenmaterials bin. 

^ III Praef. 4 faciamue quod in itinere fieri solet: qui tarditts exierunt uelocitate 
pensant moram. Wie rasch der Verf. arbeitete, ergiebt sich auch daraus^ dafs er die sei- 
ner Zeit allgemein (bei Yitruv, Plinius, Ammian, Cassius Dio) verbreitete Ansicht des 
Juba vom Ursprung des Nils am Atlas mit keinem Worte erwähnt. Poseidonios wufste 
freilich davon noch nichts. 



30 D I E L s : 

und die Publication der drei ersten BQcher mit ihrer Schmeichelei für 
Nero in die Jahre 61 — 63^, so bleibt für die späteren Bücher, die eine 
deutUche Entfremdung, ja sogar Feindseligkeit gegen den Kaiser aus- 
sprechen, nur die kurze Frist von ein bis zwei Jahren, die zwischen sei- 
nem Anschlüsse an die Pisonische Verschwörung und seiner Verurthei- 
lung liegen. Lucan mufs fieberhaft gearbeitet haben. Der unfertige Zu- 
stand der späteren Bücher liegt ja auch klar zu Tage. Der eitle Jüng- 
ling wollte, mochte es nun gehen, wie es wollte, wenigstens seine dich- 
terische Unsterblichkeit retten, die ihm der kaiserliche Rivale vorzuent- 
halten suchte^. So begreift es sich leicht, wie der Dichter nach dem 
nächstliegenden Material für seine Episode griff, wie er das kürzlich 
veröffentlichte Buch seines Oheims als gute Beute betrachtete und in 
seiner Hast oft ungenau, unklar und allzu sklavisch nachbildete. Für 
den Unterschied der beiden sonst so ähnlichen Naturen scheint mir dabei 
ein kleiner Zug bezeichnend zu sein. Nero hatte in seinem Ehrgeize das 
von den gröfsten Eroberern ungelöst gebliebene Problem der Nilquellen 
lösen wollen. Er sandte zunächst zwei Centurionen nach Ägypten, die 
natürlich nicht ans Ziel kamen, sondern, wie oben gezeigt, ihrem Auf- 
traggeber nur eine alte Fabel als eigene Forschung zu berichten wufs- 
ten^. Seneca durchschaut den Betrug, läfst aber mit einem diplomatischen 

^ Genthe, de Lucani vita et scriptia. Berlin 1859, S. 61. 73. 

' IX 982 Inuidia sacrae, Caesar, ne längere famae. 

Nam si quid Latus fas est promittere Musis, 

Quantum Smymaei durabunt tuttis honores, 

Venturi me teque legent: Pharsalia nostra 

Viuet et a nuUo tenebris damnabitur aeuo. 
In metrischer Beziehung hat er streng an der scrupulösen Technik der ersten Bucher fest- 
gehalten. Doch findet sich IX 256 einmal ergo pari am Anfang des Hexameters, was sonst 
vermieden ist. Anderes bei Trampe S. 54. 

^ Seneca VI 8 3 Nescis autem inter opiniones, quibus enarratur Nili oexttua inun' 
daUOy et hanc esse, a terra illum erumpere et augeri nan supemis aquis, sed ex intimo red-' 
ditisf Ego quidem centuriones duos, quos Nero Caesar, ut aliarum uirtutum ita ueritatis in 
primis amantissimus, ad inuestigandum caput Nili miserat, audiui narrantes longum illos iter 
peregisse, cum a rege Aethiapiae instructi auxilio commendatique proximis regionibus [so £] 
penetrassent ad ulteriora, »^^) quidem, aiebant, peruenimus ad immensas paludes, quarum 
exitum nee incolae nouerant nee sperare quisquam potest: ita implicatae aquis herbae sunt 
et aquae neque pediti eluctabiles nee nauigio, quod nisi paruum [per unum £] et unius cor 



Seneca und Lucan. 31 

siue — siue die Sache unentschieden, und damit Nero ja keinen Anlafs 
zur Mifsdeutung seiner Skepsis habe, geht er hier an dem Namen des 
Kaisers mit einer besonders höflichen Verbeugung vorüber: Nero Caesar 
ut altarum uirtutum ita ueritatis in primis amantissimus. Das stimmt mit 
der reservirten Haltung des Seneca durchaus überein, der trotz seiner 
tiefen Verstimmung keinen Augenblick die Maske der Loyalität ablegte. 
Ja aus einer Stelle seiner Quaestiones scheint hervorzugehen, dafs er 
noch immer hofite, wieder wie ehedem in den Staatsrath des Fürsten 
berufen zu werden. Er versteht es, seine Ansicht von der Nothwendig- 
keit des Consiliums im Gegensatze zum Absolutismus sehr geschickt in 
dem Capitel über die Blitze anzubringen 11 43, 2 discant hi quicunque 
magnam inter homines adepH potenttam sunt, sine consilio ne fulmen qui- 
dem mitti: aduocent, considerent multorum sententiaSy nociturum^ temperent, 
hoc sUn proponantj vhi aliquid percuti debet, ne loui quidem suum satis 
esse consilium^. 

Ganz anders sein ungestümer Neffe. Wäre das Zerwürfnifs mit 
Nero nicht dazwischen gekommen, so wäre die Digression über den Nil 
gewifs nicht ohne Huldigung für den vorübergegangen, dem es gelungen 
sei, das alte Welträthsel zu lösen (X 40). Welchen Ton der Schmeichelei 
der rhetorische Dichter dabei anschlagen konnte^ lehrt die gewifs nicht 
ironisch gemeinte Anrede an Nero im Proömium des ersten Buches. 
Statt dessen werden zwar Alexander, Sesostris und Eambyses erwähnt 
(X 272 ff.), dagegen schweigt er von Nero's jüngst unternommener Ex- 



pax limosa et obsita palus non /erat Ibi, inquit, uidimus duas petraSy ex quibus ingens uis 
fluminis excidebat.^ Sed siue captU illa siue ctccessio est Nili, siue tunc nascitur siue in ter- 
rae ex prior e recepta cursu redxt: nonne tu credis illam, quicquid est, ex magno terrarum 
lacu adscenderef Flinius N. H. VI 181 Haec sunt prodita usque Meroen, ex quibus hoc 
tempore nullum prope (pppidum) utroque latere exstat certe solitudines nuper renuntiauere 
principi Neroni missi ab eo milites praetoriani cum tribuno ad explorandum, inter reliqua 
bella et Äeihiopicum cogitanti. Siehe XII 19 (oben S. 21,3), woraas hervorgeht, dafs auch 
Yerwaltungs- und Finanzinteressen bei der Expedition ins Spiel kamen. 

^ Sentenüas nodturi, uim conjicirt Gertz ohne Noth. 

' Erwähnung verdient auch, dafs er einmal einen Hexameter aus Nero's Ge- 
dichten citirt I 5, 6 «t ait Nero Caesar diserHssime . . . 

colla Cytheriacae splendent agitata columbae. 



32 D I K L s : 

pedition, die doch Jedem damals bekannt sein mufste^ und die nament- 
lich das Interesse seines Oheims erregt hatte, welcher die Officiere selbst 
gehört haben will. Dies Schweigen, das ja damals auch gefährlich wer- 
den konnte, scheint mir für den feurigen Oppositionsmann ebenso charak- 
teristisch als die Devotion der Quaestiones für den vorsichtigen Oheim. 



^ Aus der Thatsache, dafs Seneca erst im sechsten Buche den Bericht der zwei 
Centurionen ganz beiläufig erwähnt, der in dem eigentlichen Nilbuche nicht gestanden zu 
haben scheint, darf man vielleicht schliefsen, dafs die Rückkehr der Expedition zwischen 
die Abfassung des vierten und sechsten Buches fällt. 



Seneca und Lucan. 33 



ANHANG. 



LUCAN PHARSALIA X 194—331 

UND 

SENECA NATURALES QUAESTIONES IV 1. 2. 



Phih>t.-h%ttor. Abh. 1885. III. 



34 D I E L s : 



B = Bernensis 45, s. X. 

C = Bernensis 370, s. X. Scholienlemmata aus Commenta 

Bemensia ed. H. Usener, Lipsiae 1869. 

E = Erlangensis 856 (Irmischer), s. XV. 

Gr = Gemblacensis (Bruxellensis 5330), s. X. 

M = Montepessulanus (Buherianus) H. 113, s. IX. 

P = Parisinus lat. 8039, s. X (theil weise unlesbar). 

Q = Parisinus lat. 7900^1, s. X. 

T = Montepessulanus H. 362, s. X. 

U = Vossianus Leidensis lat. fol. 63 (£), s. X. 

V = Vossianus Leidensis lat. q. 51 (Ä)y s. X. 
X = Berolinensis fol. 35, s. XIII. 

Y = Berolinensis oct. 1, s. XIII. 



B^ bedeutet B von erster Hand, B' von zv^eiter Hand u. 8. f. Wo B^ allein 
steht) ist die richtige Lesart von spaterer Hand corrigirt oder übergeschrieben. Dasselbe 
gilt von den fibrigen Siglen. Von P Q ist in der Regel nar die Lesung erster Hand, 
von C nur das Auffälligere, wobei (C) die nach Verbesserung unwesentlicher Schreib- 
fehler gewonnenen Lesarten der Lemmata bezeichnet, mitgetheilt. Die [ ] eingeklammer- 
ten Buchstaben sind auf Rasur von späterer, durch den Exponenten bezeichneter Hand 
geschrieben. | bedeutet ausradirten Buchstaben. Die Varianten ae, § oder e sind in der 
Regel nicht berücksichtigt. 

Für die Collationen bin ich folgenden Gelehrten zu Dank verpflichtet: Hrn. 
Hermann Hagen, Bern (B), Hrn. Hermann Genthe, Hamburg (£MT), Hrn. Her- 
mann Usener, Bonn (G), Hrn. Anton Elter, Bonn (P Q), Hrn. Carl Burger jun., 
Leiden (UV). X Y habe ich selbst verglichen. 



Seneca und Lucan. 35 



LÜCAN PHARSALIA X 194—331. 

„Fas mihi magnorum, Caesar, secreta parentum 
195 Prodere ad hoc aeui populis ignota profanis. 
Sit pietas aliis miracula tanta silere, 
Ast ego caelicolis gratum reor ire per omnis 
Hoc opus et sacras populis notescere leges. 
Sideribus, quae sola fugain moderantur olympi 
300 Occorruntque polo, diuersa potentia prima 

Mundi lege data est. sol tempora diuidit aeui, 
Mutat nocte diem, radiisque potentibus astra 
Ire uetat cursusque uagos statione moratar. 
Luna suis uicibus Tethyn terrenaque miscet. 
205 Frigida Saturno glacies et zona niualis 

Cessit. habet uentos incertaque fulmina Mauors. 
Sub loue temperies et nunquam turbidus aer. 
At fecunda Venus cunctarum semina rerum 
Possidet. inmensae Cyllenius arbiter undaest. 



195 Prodere MPTU Y («. I 632, ¥176, VI 428, X 181. 285) : Edere BEGQ 
y X adhuc P 196 sylere U 197 ego] ero Q : ergo T caelicolis CEM 

T U V> : caelicolas B G P Q V^ X Y reor| B omnis G M» : omnes B C E M« P Q T 
U VXY 198 p populis U 199 syderibus BU 8oIa| M : cnmqae Priscian, 

1193 H. xnoderatur U^ : meditantar G {324, 9) : mederantar G (324, 12) olimpi B G 
QTUVY 200 poUo T^ 201 aeui B G GMP QT* ü V^X Y» : anni EV^Y^ 

202 M|atat| P : Muta G 203 in (geUlgt) statione B : stacione Y 204 thetin U Y : 

tethiuBGPTYX terrarumque B^ 205 Fragida B^ glaties T [z]ona T> 

206 f [ul]mina M mauos Q 207 numquam B M P U X Y tnrbidis M ^ 208 Ad 

B^M^ foecanda EP Y uenis M^ Vor rerum ein sofort getilgtes 1 P 209 im- 

mensae EV Y cillenius GPQU' Y : cellenius U^ unda est M^ : undae est B^G 
M»PUVX:unde est B^GQTY 

5» 



36 D I E L s : 

210 HuDC ubi pars caeli tenuit, qua mixta leonis 
Sidera sunt cancro, rapidos qua sirius ignes 
Exerit, et uarii mutator circulus anni 
Aegoceron cancrumque tenet, cui subdita Nili 
Ora latent, quae cum dominus percussit aquarum 

215 Igne superiecto, tunc Nilus fönte soluto 
Exit, ut oceanus lunaribus incrementis 
lussus adest, auctusque suos non ante coartat, 
Quam nox aestiuas a sole receperit horas. 

Vana fides ueterum Nilo, quod crescat in araa, 

220 Aethiopum prodesse niues. non arctos in Ulis 
Montibus ant boreas. testis tibi sole perusti 
Ipse color populi calidique uaporibus austri. 
Adde quod omne Caput fluuii, quodcumque soluta 
Praecipitat glacies, ingresso uere tumescit 

225 Prima tabe niuis: Nilus neque suscitat undas 
Ante canis radios nee ripis alligat amnem 
Ante parem nocti libra sub iudice Phoebum. 
Inde etiam leges aliarum nescit aquarum, 
Nee turnet hibernus, cum longe sole remoto 

230 Officiis caret unda suis: dare iussus iniquo 



210 Nunc B^ coeli E qui B^ qu[a mixta] U' miz|ta X : mista 
Weher 211. Sydera V rapidos B E M» P Q T U X Y> («. Oudendorp zu VI 337) : 

rapido M^ : rabidos 6 V Y^ syrius Y ignis M^ 212 Exserit E T ua- 

rium M^ mutator CEQU^YXY («. IX 496 nee sidera tota ostendit Libycae finitor 

circulus orae, vgl. Trampe a. 0.42^): mutatur B* M P T U« : mutat[or] G« 213 Aego- 

geron B^ : Egloceron E canchrumque P : vielleicht cancrumue teneo P : tenent C 

214 latent| M dominis, aber von erster Hand verbessert X 215 superrecto M^ : 

aubperiecto Y tum X 216 ut] et QV^, als Variante X occeanus Y 217 auc- 

tosque M^ coarctat Weber 218 aestiuat B^ recepit B^ 219. 220 lücken- 

haft E 219 quo P Q 220 Aethjopum B : aetiopum Q aifjtos M^ : artos C : 

arctbos Y 221 sibi T^UY perustis B^ 223 capud M^Q qnodcunque 

E 6 Q T Y 8oluta4 X 224 glaties T tumescit, i aus a verbessert O 225 labe 

EM^U^ 226 rupis M^ adligat ET 227 noctis M^ Q, ah Variante Q> 

228 eciam X 229 tumat B^ : tu[met] T^ hibernus CE6MQUYY: hiber- 

[nus] T^ : hiberno B : hibernos P : hibernus X 230 Offitiis P : Oficiis M Y ma- 

net Y* suus B^ 



Seneca und Lucan. 37 

Temperiem caelo mediis aestatibus exit 
Sub torrente plaga. neu terras dissipet ignis, 
Nilus adest mundo contraque incensa leonis 
Ora turnet cancroque suam torrente Syenen 

235 Imploratus adest, nee campos liberat undis, 

Donec in autumnum declinet Phoebus et umbras 

Extendat Meroe. quis causas reddere possit? 

Sic iussit Natura parens discurrere Nilum, 

Sic opus est mundo. zeph3rros quoque uana uetustas 

240 His adscripsit aquis, quorum stata tempora flatus 
Gontinuique dies et in aera longa potestas: 
Vel quod ab occiduo pellunt tot nubila caelo 
Trans noton et fluuio cogunt incumbere nimbos, 
Vel quod aquas totiens rumpentis litora Nili 

245 Adsiduo feriunt coguntque resistere flatu. 
nie mora cursus aduersique obice ponti 
Aestuat in campos. sunt qui spiramina terris 



231 Temperies M^ [mediis ^statibas] O' aestantibus B 232 neu B(C) 

EGPQTUVX^Y: ne[c] M> : ne X^ dissipat B : dissecet 6^ : duaipet Y ignes 
B^ T 233 incaena B^ 234 OrataiD[etJ U^ : Oratu M^ taiet B^ torren- 

tes M^ sieoen OPX^T : sienem VU : siene Q : ueoem M^ : saenen M' 235 in- 

ploratas XT adit M undas U^ 236 aa[tam]nan)||| M^ : auctumpnam £ de- 

clinat T phoebas declinet EG'QY phobas M^ 237 Extendit, aber verbes- 

sert E meroes Q U und als Carrectur V ^ possit BOM^PQTUYXT: posset 
E M^ 238 Sic [iussit] U' : Ni quis sit V^ parans» sofort verbessert X^ : potens 

E X* Y discurrere B E G P Q T U V X («. F. 249) : decurrere M : decurre (sol) Y Ny- 
Inm U 239 zephiros QUVX 240 adscripsit BEMPTV Priscian IV 13 

(/ 125, 2 H.) : ascripsit G Y einige Hdss, Prisdan's a. O, : asscripsit U : abscripsit Q : ad- 
scribit X aquis fehlt U^ 241 continuitque B M^ P^ in aera M^ Q V X : 

in aere BEGPTUY: inarent M^ 242 quod aquas totiens («. V. 244) ab hocci- 

dno M^ hocciduo auch U pellunt tot EQY X und als Variante G^ : depellunt B G 
M P T U Y «. totiens V. 244, vgl. S. 11^ 243 nothon B» G P U V Y incurrere 

G* Q nymbos P U 244 aquis Y totiens BCGPQTUVX: tociens Y : toties 

E M rumpentis C E G M» T : rumpentes BM^PQUVXY litora B E G M T V : 
littora P Q U Y 245 Adsiduo E M : Atsiduo T : Assiduo B' G P U V X Y : Assidio 

B^ : Assidue nach einer Hds. Weber Assiduoque ferens cogunt C restere Y^ flatu 
E Q und aU Variante M» U V» X» Y» : fluctus B M» P T ü V^ aU Variante G» : fluctu 
CGM*X, als CorrecturN^y als Variante Q : fluctu| Y 246 cursus, u corrigirt ü 



38 D I £ L s : 

Esse putent, magnosque cauae compagis hiatus. 
Commeat hac penitus tacitis dlscursibus unda 

250 Frigore ab arctoo medium reuocata sub axem, 
Cum Phoebus pressit Meroen tellusque perusta 
lUuc duxit aquas, trahitur Gangesque Padusque 
Per tacitum mundi: tunc omnia fiumina Nilus 
Uno fönte uomens non uno gurgite perfert. 

255 Rumor, ab oceano, qui terras alligat omnes, 
Exundante procul uiolentum erumpere Nilum 
Aequoreosque sales longo mitescere tractu. 
Nee non oceano pasci Phoebumque polumque 
Credimus. hunc, calidi tetigit cum brachia cancri, 

260 Sol rapit, atque undae plus quam quod digerat aer 
ToUitur: hoc noctes referunt Niloque refundunt. 
Ast ego, si tantam ius est mihi soluere litem, 
Quasdam, Caesar, aquas post mundi sera peracti 
Saecula concussis terrarum erumpere uenis 

265 Non id agente deo, quasdam compage sub ipsa 
Cum toto coepisse reor, quas ille creator 
Atque opifex rerum certo sub iure cohercet. 



248 patant X Y und a in ae corrigirt P^ magnosque, o aus a Q^ con* 
pagis B 249 Commeat O M P X Y : comeat B^ E T Y : commoaeat Q X^ hac B 

V X : ac Bi 6^ Ml T ü : |ac P Y : fehlt Q X> tacitis penitos G» tacitus M^ 

250 Frygore B aijlctoo M : arcthoo V aze B^ 251 Com Y meroem B : 

mero|eD U : moeroen X tella8[que peru8]ta X 252 dacxit Y padusque, d cor- 

rigirt ^^ : palusque B^ 254 unafoote B^ mouens B gurgute X profert Y 

255 occeano BUY adligat E T omnis C 256 Exendante T^ 257 Eequo* 

reosque B^ : Aequoreasque U^P : Aequoreusque Q 258 poflumqne T : polosque M 

ü XI 260 adque C M^ digerit C X^ : digerat auch Servius ad Aen. 1 607 (/ 179, 

22 Thilo) 261 reserunt X : deferunt B^ perfundunt M^ U 262 tantum B^ 

M* : tanta Q : tantos X» ius B (C) G* M pi T ü X, als Variante Q : fas E Q V, aU 

Variante G* P* X» 263 peracta B 264 saecula G M V : secula E P Q T U 

X Y concussi P* : percussit B* ueris M^ 265 non id agente BG^PÜ^VY: 

non adigente G^ : non adagente Q : non ite agante M^ : non it agente M^ : non ita agente 
ah Variante U* dao T conpage M X 266 com Y cepisse Q T U Y ce- 

pissent con C reos B^ 267 Adque M^ cohercet EMPTU : co|ercet G : 

choercet B : coercet Q V X Y 



Seneca und Lucan. 39 

Quae tibi noscendi Nilam, üomane, capido est, 
Et Phariis Persisque fuit Macetumque tyrannis, 

270 Nullaque non aetas uoluit conferre futuris 
Notitiam, sed uincit adhuc natura latendi. 
Summus Alexander regum, quem Memphis adorat 
Inuidit Nilo, misitque per ultima terrae 
Aethiopum lectos. illos rubiciinda perusti 

275 Zona poli tenuit: Nilum uidere calentem. 

Venit ad occasus mundique extrema Sesostris 

Et Pharios currus regum ceruicibus egit: 

Ante tamen uestros amnes Rhodanumque Padumque 

Quam Nilum de fönte bibit. uesanus in ortus 

280 Gambyses longi populos peruenit ad aeui, 
Defectusque epulis et pastus caede suorum 
Ignoto te, Nile, redit. non fabula mendax 
Ausa loqui de fönte tuo est: ubicumque uideris, 
Quaereris, et nuUi contingit gloria genti, 

285 Vt Nilo sit laeta suo. tua flumina prodam, 
Qua deus undarum celator, Nile, tuarum 
Te mihi nosse dedit. medio consurgis ab axe 



268 noBcente B^ cupi||do est X est B £ MPQTU V Y : nach Nilum 

gestellt G 269 £t] H^c 6 macedamqae £ P^ V Y : macerumque M* tiran- 

nis OQ 271 Noticiam TUXY uncit B^ 272 Sammus regam Alezander 

regum 

M^ : Summus /////////// alexander M^ : Regum summus Alexander Y quem B£PTU 
y 3 X, undeutlich Y, aU Variante Q (<. S. 19^) : quos O Q VS o {auch s?) radirt M> mem- 
phys T U : mempbi radorat T 274 illo C ribicunda B 275 ca[l]entem U^ 

aus carentem? 276 occasus terrae mundique sesostris U occasus BG^MPTU 

X' : occasum C £ O^ Q V X^ ezterema M^ seostres O^ : sesosteris C : serostris X' : 
serestris (re undeutlich) Y ^11 cursus M reg|nm U 278 rodanumque PUY 

279 nylum U : nillum Y 280 Cambises BCPQTUYXY populos longi O^ 

281 Partus Y 282 [nile] T» : nilo B^ redit] fuit O^ 283 ubicunque £G 

QTY uideres M^ 284 conting[it] |genti U^ : contingat X^ 285 leta Q 

U Y : loeta BP : nota als Variante U' X^ tua] tanta X^ fulmina B prodam 

und die nächsten Versausgänge verwischt Y 286 Qua B £ P T U, als Variante Y^ : 

qua 

quae M^ : qu^ U V^ : que Q : qua, a aus % verbessert und em übergesehrieben G^ nyle U 
287 michi U consurgit M^ : cü surgis Y 



40 D I £ L s : 

Ausus in ardentem ripas attoUere cancrum, 
In borean is rectus aquis mediumque booten: 

290 Cursus in occasus flexu torquetur et ortus 

Nunc Arabum populis, Libycis nunc aequus harenis. 
Teque uident primi, quaerunt tarnen hi quoque Seres^ 
Aethiopumque feris alieno gurgite campos. 
Et te terrarum nescit cui debeat orbis. 

295 Arcanum natura caput non prodidit ulli 
[Nee licuit populis paruum te, Nile, uidere] 
Amouitque sinus et gentes maluit ortus 
Mirari quam nosse tuos. consurgere in ipsis 
lus tibi solstitiis, aliena crescere bruma 

300 Atque hiemes adferre tuas, solique uagari 

Concessum per utrosque polos. hie quaeritur ortus, 
lUic finis aquae. late tibi gurgite rupto 
Ambitur nigris Meroe fecunda colonis 
Laeta comis hebeni, quae quamuis arbore multa 

305 Frondeat, aestatem nulla sibi mitigat umbra: 
Linea tarn rectum mundi ferit illa leonem. 



288 adtollere B 289 [is] M» T> : es B* : fehlt C boeten T 289. 

290 am Ende unleserlich Y in] ad C occasas BEGPTUVXY: occasum C 

M Q flexu E G Q T V X : flexus B (C) P ü Y : flexu| M* torquer Q : torqu[etur] 
T« [et] G : in C {327 y 17) ortum Q : in ortum die Variante G> 291 libicis (C) 

Q U Y : lybicis B G P T V [«quus] G» : accus (C) arenis C E ü V Y 292 hy 

B U : bic B» P T : hec M2 293 Aethyopumque U teris G^ Y : feres M* : geris (C) 

294 Et hie ü* : Hie et ü^ nee seit U 295 Archanum G P U V X Y 296 fehU 

G P Q TX^ : nachgetragen G* P* X^ : fehlte von zweiter Hand nachgetragen^ dann wieder ge- 
tilgt B 297 Ammouitque M^Q : Admouitque G^ : Ammonnitque T situs ah Va- 
riante U^ 298 quem X^ : qua undeutlich Y consnrge P^ 299 solsticiis U 
300 Adque M* adferre BMP: afferre G^ T U V Y : perferre E G^ Q X. Beides «n- 
verständlich. Vielleicht praeferre im Sinne von anticipare wie Ldv. 39, 5, 12 praetulit trinm- 
phi diem, vgl, V.229 tua M^ 301 concessum est BPTX', est als Variante Ober 
concessum geschrieben X^ [p] ^' ' P^i^ /^^^ ^ utroque C querit Q hortus E 
302 adquae M^ lat[e] M> : lato G rumpto U : multo (C) 303 meroe (C) E 
G^M : meroes BG^PQTUV meroe| nigris X foecunda EV 304 Iaeta|j||| P 
comes M^ : c[omi]s X^ hebeni UV Y quamuis || G 305 ^state nullas G* : 
faaestatem nulla Q : estatem nullas M^ ibi M^ uindicat G Q^ umbras G^ : 
nuda X^ 306 fuerit M^ 



Seneca und Lucan. 41 

Inde piagas Pboebi damnum non passus aquarum 
Praeueheris sterilesque diu metiris harenas, 
Nunc omnes unum uires collectus in amnem, 

310 Nunc uagus et spargens facilem tibi cedere ripam. 
Kursus multifidas reuocat piger alueus undas, 
Qua dirimunt Arabum populis Aegyptia rura 
Regni claustra Philae. mox te deserta secantem, 
Qua f dirimunt nostrum rubro commercia ponto, 

315 MoUis lapsus agit. quis te tarn lene fluentem, 
Moturum totas uiolenti gurgitis iras, 
Nile, putet? sed cum lapsus abrupta uiarum 
Excepere tuos et praecipites cataractae 
Ac nusquam uetitis uUas obsistere cautes 

320 Indignaris aquis, spuma tunc astra lacessis: 

Cuncta tremunt undis ac multo murmure montis 

Spumeus inuitis canescit fluctibus amnis. 

Hinc, Abaton quam nostra uocat ueneranda uetostas, 



307 fehlt, aber nachgetr. Q^ In C In[de pljagas T* pagas U* damp- 

num P U : dapnum Y 308 proueheris aus pr^ueheris corrigirt O^ sterilisqae 

X^ meteris X^ arenas EY : larenas Y 309 Huoc M^T^ uires unnm B 

P T a[m]nem U^ 310 Hunc T^ [et sparjgens G> falicem C cedere 

P V : djedere G 311 renoaat G^ 312 u. 313 fehlen W^ am Rande naehgetra- 

■ dl 

gen M' 312 Qaa| X rimant Q : dirimunt | (p scheint radirt) V populis ara- 

bum Y populos EG^M^QUX^ aegiptia P Q Y rura corrigirt {aus dura?) 

X* 313 phyle QV [secantem] U^ : secante Y* 314 Qqua P dirimunt 

s. S. 22 rubri U V* commertia B P Q : conmercia C Y ponto B B G P Q T V» 
X« Y : pontum MX^ : ponti UV> : mundo C 315 MoUes X* tom] viel- 

leicht iam G* moturus B 316 totas B G MP Q TU VXY («. /2Ö7 totam dum 

colligit iram, vgl VIII 336 totos tractus) : tantas E yras ü 317 Nyle ü ab- 

rubta M T : abruta P 318 Excerpere T catarect^ V 319 A[c nusquam 

uet]iti8 T^ nunquam G' Q uetilis M^ : uestitis C uUa C [cautes] U' : 

gautes C : captes Y 320 Indignatus G^ aquis T^ : aqua U' tu castra T 

321 Cunta P tremunt B E pi Q T X^ als Vanante G« M» : fremunt G* M^ P» ü V Y : 
premant als Variante G' X* [murm]ure U' : marmore E montes B^ 322 in- 

uitis BG^MPQTUXY: inuictis E G» : inui[cti8] V* (' 2) canescit E G* M Q ü* XS 
als Variante V« : albescit BFTYY, als Variante G« Q X» : l tabescit i albescit U» flu- 
tibus Y 323 Hin[c] B' auaton C : habaton P : abatbon Y uocat] colit G^ 

Philos.-histor. Ahh. 1885. III. 6 



42 D I £ L s : 

Terra potens primos sentit percussa tumultas 
325 Et scopuli, placuit fluuii quos dicere uenas, 

Quod manifesta noui primum dant signa tumoris. 
Hinc montes natura uagis circumdedit undis, 
Qui Libyae te, Nile, negent. quos inter in alta 
It conualle tacens iam moribus unda receptis. 
330 Prima tibi campos permittit apertaque Memphis 
Rura, modumque uetat Crescendi ponere ripas.^ 



324 potens] 8. S. 24 sensit ah Variante O' Q X percnlsa B P T U («. Ouden- 
dorp zu 1 487) 325 Scopolis C : Scopu]i| 6 qaos flaaii Y^ qs B^ : qaod 

ah Variante M» : q T 326 Quod BG» M» PQ : Quo V^ : Qui MS in Correetur 

VI : Vel ah Variante G» timoris \J\ ah VaHante G» M» X» 327 Hie mor- 

tes C circundedit G P V 328 libie P Q ü Y : lybie B G V : lib[ye] X« ne- 

gent EMPQTUV : negant GY : legent, in negent corrigirt B^ in B E G^ M* T 
V» X : et Q, ah Variante G« P» X» : [et] V^ : ut Pi : fehlt M^ 329 lid (It B>) 

conu. tacens im (iam B') mollibus unda receptis B : Et conuallae iacens I. Q. (sol) C : 
It conu. tac. iam motibus u. quietis E : Et (In G^) conu. iacens i[t] (t in Bas. 3 Buchsty 
etat G*) mo[n]tibus (darüber molibus G^) unda receptis (darüber quietis G*) G : It (& Va^ 
riante M^) conu. tacens (iacens Variante M^) iam moribus (mol|ibus M^) unda rec. M : 
It conu. tac. iam mollibus u. receptis (darüber iacens P^) P : In conu. iac. stat motibus 
u. quietis Q : I[t] conualle tac. iam mollibus u. receptis T : I[t] conualle tacens (iacens 
U') iam moribus unda receptis U : It c. iacens iam motibus u. quietis Y^ : In conu. 
iac. stat motibus (molibus V*) u. receptis V^ : Est (li Variante) conualle iacens iam mol- 
libus unda receptis, darunter von derselben Hand und in derselben Schrift AI In conualle 
iacens stat motibus unda quietis X : It (verwischt) conualle tacens (darüber iacens Y^) 
iam molibus (darüber i moribus unda receptis (darüber quietis?) Y. Nach der aufgenom- 
menen Lesart wird die in tacens begonnene Personification durch moribus receptis weiter ge- 
führt, vgl. Staüus Achill, II 184 Ut leo materno cum raptus ab ubere mores Accepit. S. 
S. 27. 330 permittat P : remittit B^ memphjs P 



Seneca und Lucan. 43 



SENECA NATURALES QÜAESTIONES IV 1. 2. 



6» 



44 D I E L s : 



E = Berolinensis (Erfurtensis) Oct. 9. Perg. s. XIII f. 91''. 

W = Wirceburgensis M. Pap. f. 59 s. XV. 

L = Vossianus Leidensis lat. fol. 69 Perg. 

P = Parisinus (Oolbertinus) lat. 6628, oct. Perg. s. XII ex. 

Q = Parisinus (Oolbertinus) lat. 8624, kl. fol. Perg. s. XII ex. 



Für die Bezeichnung der Hände u. 8. w. verweise ich auf das oben S. 34 Ge- 
sagte. Die Berliner Hds. enthält auf den 7 Vorsatzblättern neben Excerpten aus den 
Kirchenvätern etc. an erster Stelle f. P von einer Hd. d. XIII. J.: Anno domini 1264 julii 
die 17 die soUe ante aduentum aurore apparuit [co]meta de quo a tnultis interrogatus ego 
lippoldus propter sollicitam illorum instanciam rle^sponsum nolui denegare primo quidem na- 
turaliter, secundo astrologice, tercio theologice respondendo: secundum scientiam naturalem 

c 

aristoieles dicit. Cometa est uapor terrenus hahens partes foriiter conttantes (d. i. coniectan- 
tes, etwa concitantes?) ascendens ab in/eriori estu ad superiorem partem estus usque ad con- 
(actum regionis ignis. Ob dies etwa ein Excerpt ans Leopolds von Ostreich CompilaUo 
de Astrorum scientia (gedr. Augsburg 1489. 4^) ist, (s. Grässe Trisor IV 168) kann ich 
hier nicht entscheiden, f. 1^ Schrift des XIV J.: Ldher iste est [magistri franconis canonici 
ausgekratzt^ der Name kaum lesbar] vilicensis inquo duo libri, scilicet Über senece de na- 

o 

turalibus questionibw continentur, qui Über continet VIIL libros. et epistolas quas misit 
Seneca ad paulum apostolum et beatus apostolus ad senecam. et liber tullii de amieitia cum 
materia eiusdem libri. Ciceros Schrift fehlt heute, f. 98' in späterer Schrift erscheint als 
Besitzer ein Conradus monachus de alemania. E ist bei weitem die beste Hds., aus der W 
abgeschrieben scheint. Zur andern theilweise interpolirten Classe gehören LPQ. Der 
Bambergensis M. IV. 16 und Pragensis L 94 enthalten IV 1. 2 nicht. Für die zuvorkom- 
mende Überlassung der Collation von WL bin ich Hrn. Bruno L arisch in Patschkau, 
von PQ Hrn. Otto Rossbach in Breslau verbunden. E habe ich selbst verglichen. 
Die Orthographie der Composita in Bezug auf die Assimilation ist allein nach dieser Hds. 
gegeben, mit der die andern gewöhnlich stimmen, cöperimus u. dgl. ist stets comperimus 
aufgelöst. Die Lesart vor ] ist die der Vulgata. 



Seneca und Lucan. 45 



I Itaque, ut totum te inde abducam, quamuis multa ha- 1 
beat Sicilia in se circaque se mirabilia, omnes interim prouinciae 
tuae quaestiones praeteribo et in diuersum cogitationes tuas abstra- 
ham. quaeram enim tecum id, quod superiore libro distuli: quid 

6 ita Nilus aestiuis mensibus abundat? cui Danubium similis natu- 
rae philosophi tradiderunt, quod et fontis ignoti et aestate quam 
hieme maior sit: utrumque apparuit falsum. nam et Caput eius in 2 
Germania esse comperimus et aestate quidem incipit crescere, sed 
adhnc manente intra mensuram suam Nilo primis caloribus, cum 
10 sol uehementior intra extrema ueris niues emoUit, quas ante con- 
sumit, quam Nilus tumescere incipiat: reliquo uero aestatis minui- 
tur et ad hibernam quidem magnitudinem redit atque ex ea di- 
mittitur. 

II At Nilus ante ortus caniculae augetur mediis aestibus 1 
15 ultra aequinoctium. hunc nobilissimum amnium natura extulit ante 

humani generis oculos et ita disposuit, ut eo tempore inundaret 
Aegyptum, quo maxime usta feruoribus terra undas altius traheret 
tantum hausura quantum siccitati annuae sufficere possit. nam in 
ea parte, quae in Aethiopiam uergit, aut nulli imbres sunt aut rari 
20 et qui insuetam aquis caelestibus terram non adiuuent. unam, ut 2 
scis, Aegyptus in hoc spem habet suam : proinde aut sterilis annus 

1 inde te L P Q habet E 2 prouintie P Q 3 tuas fehlt P ex- 

thraam L 4 libro superiore L P Q 5 habundat E : habundet L P Q similem 

habere nataram L P Q 6 quam — aestate (8) im Texte attsgelasaen, am oberen Bande 

Folgendes ergänzt.: quam hyeme maior sit. atrumque apparait falsum. nam et caput eius 
in germania esse et pmissus (sol) L 8 estate quod incipit P 9 suam fehlt P 

coloribus (1 aus p? corr.) P 10 inter L niues (sol) EWLPQ mollit LPQ 

11 tumescere (sol) EWLPQ nilus vor incipiat LPQ nero fehlt F 12 qui- 

dem (sol) E W: fehlt LPQ credit P demittitur L^ pi Q 14 ac W ex- 

ortum LPQ hestibus P 15 amnium LQ : annium P : axm d, h, animum E^ : 

amnem E» W 16 ita] illa W (i E) ut] et P 17 egiptum P Q w. s,f. 18 usu- 
ra E^ W Q : 1 hausura über der Zeile E^, al hausura Band W : mensuram P animae W 
19 quae] quam (sol) E 21 spem (speciem) L P suam habet LPQ 



46 D I B L s : 

aut fertilis est, prout ille magnus influxit aut parcior. nemo ara- 
torum aspicit caelum : quare non cum poeta meo iocor et illi Oui- 
dium suum impingo? qui ait nee Pluuio supplicat herba lovi. unde 3 
crescere incipiat si comprehendi posset, causae quoque incrementi 
5 inuenirentur: nunc uero magnas solitudines peruagatus et in palu* 
des diffusus et * ingentibus sparsus circa Philas primum ex uago 
et errante colligitur. Philae insula est aspera et undique prae- 
rupta. duobus in unum coeuntibus amnibus cingitur, qui Nilo 
mutantur et eins nomen ferunt. urbs totam complectitur. ab hac 4 

10 Nilus magnus magis quam uiolentus, egressus Aethiopiam, harenas- 
[que], per quas ad commercia Indici maris iter est, praelabitur. ex- 
cipiunt autem cataractae, nobilis insigni spectaculo locus, ibi per 5 
arduas excisasque pluribus locis rupes Nilus exsurgit et uires suas 
concitat. frangitur enim occurrentibus saxis et per angusta eluc- 

15 tatus, ubicumque uincit aut uincitur, fluctuat et illic primum exci- 
tatis aquis, quas sine tumultu leui alueo duxerat, uiolentus et tor- 
rens per malignos transitus prosilit dissimilis sibi, quippe ad id 
lutosus et turbidus fluit: at ubi [in] scopulos cautium uerberauit, 
spumat et illi non ex natura sua, sed ex iniuria loci color est. 

20 tandemque eluctatus obstantia in uastam altitudinem subito desti- 
tutus cadit cum ingenti circumiacentium regionum strepitu. quem 
perferre gens ibi a Persis coUocata non potuit obtusis assiduo fra- 
göre auribus et ob hoc sedibus ad quietiora translatis. inter mi- 6 

1 ioluxit P partior LPQ, vielleicht auch E 2 respicit LPQ non L 

Q : nunc E W oaidium LPQ: ouidianam E W 4 inci |||, Anfang der Zeile piat E 
5 solucitudines Q^ 6 et ingentibus L P («. S, 22) : gentibus E W Q 7 asper- 

sa E' 8 coeuntibus W Vincent Bell. : comitibus E : coituris LPQ anmibns P 

9 urbs Ibrtunatus : urbem E W L P Q cooplectitur P 10 uiolentibus P 11 qne 

tilgte Haaee iter nach quas LPQ commertia P 12 autem (aü) E W : enm 

LQ : enim P insignis W : in signo LP 13 exsurgit EW : insurgit LPQ 

14 eluctatus PQL («. Z. 20) : reluctatus EW 15 primum excitatis E^ W : exci- 

tatis primum E^ P Q : exercitatis prius L 16 leui LPQ : leui oder leni EW 

17 transilitus EW 18 at] ac W in (so!) E WLPQ, vielleicht idem cautium 

W : cautium oder cantium E : cantium P Q 19 illi] acuta L ex (nach non) 

fehlt P ex {nach sed) über der Zeile Q 20 uasta altitudine P 21 strepitu 

regionum P 22 ibi aspersis P frangore P 23 nach hoc fiigie Haaee muta- 

tis zu equietiora P translatis E W L' : translatus L^ : translati sunt Vulgata iter P 



Seneca und Lucan. 47 

racula flnminis incredibilem incolarum audaciam accepi: bini par- 
uula nauigia conscendunt, quorum alter nauem regit, alter exhau- 
rit. deinde multum inter rapidam insaniam Nili et reciprocos qui* 
dem fluctus uolutati tan dem tenuissimos canales tenent, per qaos 
5 angusta rupium efiugiunt, et cum toto flumine effusi nauigium ruens 
manu temperant magnoque spectantium metu in caput missi, cum 
iam adploraueris mersos atque obrutos tanta mole credideris, longe 
ab eo, in quem ceciderunt, loco nauigant tormenti modo missi. 
nee mergit cadens illos unda, sed planis aquis tradit. primum in- 7 

10 crementum Nili circa insulam, quam modo rettuli, Philas, nascitur. 
Exiguo ab hac spatio petra diuiditur: Abaton graeci uocant, nee il- 
Iam uUi nisi antistites calcant. illa primum saxa auctum fluminis 
sentiunt. post spatium deinde magnum duo emicant scopuU (NiH 
uenas uocant incolae), ex quibus magna uis funditur, non tamen 

15 quanta operire possit Aegyptum. in haec ora stipem sacerdotes et 
aurea dona praefecti, cum sollemne uenit sacrum, iaciunt. hinc 8 
iam manifestus nouarum uirium Nilus alto ac profundo alueo fer- 
tur, ne in latitudinem excedat, obiectu montium pressus. circa 
Memphim demum liber et per campestria uagus in plura scinditur 

20 flumina manuque canalibus factis, ut sit modus in deriuantium po- 
testate, per totam discurrit Aegyptum. initio diducitur, deinde con- 
tinuatis aquis in faciem lati ac turbidi maris stagnat, cursumque 
illi uiolentiamque eripit latitudo regionum, in quas extenditur dex- 
tra laeuaque totam amplexus Aegyptum. quantum creuit Nilus, 9 



1 andatiam LP 3 maltam fehlt £ W quidem fehlt L P Q 4 volup- 

tad P 5 effulsi P 6 temperant L Q : tenperant P : temperat («ol) E W 7 mer- 

sos («ol) E W : mersosqae L P Q atque] et P 8 in quam ceciderint P 9 can- 

dens EW illos (jo\) EW : nach mergit LPQ 10 qua W rettuli {eo\) E : 

retuli LPQ nascitur] darüber von 2. gleichz, Hand uel uieitur Q 11 exigenti P^ 

ab hac] ab hoc LQ : ob hoc £ W spacio LQ illa P 13 magnum deinde spacium 

LPQ eminent LPQ 14 excole P vis (sol) EWLPQ 15 possit (sol) 

E W L P Q egiptum LPQ: oriri £ W sacerdotis P 16 praefecti fehü £ W 

soUempne £ P Q 17 iam nach manifestus L 18 latitudinem Fortunatus : alti- 

tndinem EWLPQ 19 demum L P W : dein (d. i, deinde) £ : demum nach circa P 

20 diriuantium P Q 21 inicio Q 22 stagnatur W (stagnat.°crüq; EI) qua 

fehlt PQ 23 illi, 11 in Correctur (aus riui?) £ 



48 D I E L s : 

tantum spei in annum est. nee computatio fallit agricolam: adeo 
ad mensuram fluminis respondet (terra), quam fertilem facit Nilus. 
Is harenoso et sitienti solo et aquam inducit et terram : nam cum 
turbulentus fluat, omnem in siccis et hiantibus locis faecem relin- 
b quit et quicquid pingue tulit secum, arentibus locis allinit iuuatque 
agros duabus ex causis, et quod inundat et quod oblimat. itaque 
quicquid non adiuuit, sterile ac squalidum iacet. si creuit super 
debitum, nocuit. mira itaque natura fluminis, quod cum ceteri 10 
amnes abluant terras et euiscerent, Nilus, tanto ceteris maior, adeo 

10 nihil exedit nee abradit, ut contra adiciat uires nimiumque in eo 
sit, quod solum temperat. illato enim limo harenas saturat et iun- 
git debetque illi Aegyptus non tantum fertilitatem terrarum, sed 
ipsas. illa faeies pulcherrima est, cum iam se in agros Nilus in- 11 
gessit: latent campi opertaeque sunt ualles. oppida modo insula- 

15 rum exstant. nullum in mediterraneis nisi per nauigia commercium 
est: maior est laetitia gentibus, quo minus terrarum suarum ui- 
dent. sie quoque cum se ripis continet Nilus, per septena ostia 12 
in mare emittitur. quodeumque elegeris ex bis, mare est. multos 
nihilominus ignobiles ramos in aliud atque aliud litus porrigit. 

20 ceterum beluas marinis uel magnitudine uel noxa pares edueat, et 
ex eo quantus sit aestimari potest, quod ingentia animalia et pa- 
bulo sufficienti et ad uagandum loco continet. Balbillus, uirorum 13 
optimus profeetusque in omni litterarum genere rarissimi, auetor 

2 terra fügte Haase zu 3 arenoso W L ac sitienti P Q terram indu- 

cit et aquam P 4 fluat] fiat E W L P Q et] atque L P Q byantibus L fae- 

oem fehlt L 5 secum tulit L P Q adliuit W 6 mdat L oblimat] oblinat E WLPQ 
7 adiuuit] oblinit L scalidum P 8 vielleicht nocet mirai täque (- über a ra- 

dirt) P 9 abluto L adeo fehlt E W 10 nichil P Q aditiat P minimum- 

■ 

que Q 11 temperet P illato] illa (ii Zeichen der Correctur) L arenas WL et] 

ac LPQ iungit fehlt P 12 egigtus L sterilitatem W 13 est fehlt P 

14 opertaque P modo insnlarum (sol) EW : insularum modo LPQ 15 null[u] 

E^»^^ : nuUam W commertium E L P 16 maiorque L P Q est /eAft Q leticia 

LPQ: letitia| E minus] darüber i. propius E^ uident suarum von i. Hand ver- 
bessert Q 17 ripis se L hostia EP 18 ex bis elegeris LPQ 19 nihilo 
minus L : nilo minus E W : nicbilominus P Q in aliud aq (aque P Q) litus («ol) E 
WP Q : in aliud et aliud litus L 21 estimari Q : extimari L : fehlt P 22 ba- 
billus E W uirorum P Q L : uir E W 23 profeetusque] perfectusque («ol) B W 
LPQ litterarum EP : literarum W L Q rarissimus P 



Seneca und Lucan. 49 

est, cum ipse praefectus obtineret Aegyptum, Heracleotico ostio 
Nili, quod est maximum ex { Septem), spectaculo sibi fuisse delphi- 
norum a man concurreritium et cocodrillorum a flumine aduersum 
agmen agentium uelut pro partibus proelium. cocodrillos ab ani* 

5 malibus placidis morsuque innoxiis uictos. bis superior pars cor- 14 
poris dura et impenetrabilis est etiam maiorum animalium denti- 
bus, at inferior moUis ac tenera. hanc delpbini spinis, quas dorso 
eminentes gerunt, submersi uulnerabant et in aduersum enisi diui- 
debant. rescissis hoc modo pluribus ceteri uelut acie uersa refu- 

10 gerunt. fugax animal audaci, audacissimum timido. nee illos Ten- 15 
tyritae generis aut sanguinis proprietate superant, sed contemptu 
et temeritate. ultro enim insequuntur fugientesque iniecto tra- 
hunt laqueo, plurimique pereunt, quibus minus praesens animus ad 
persequendum fuit. Nilum aliquando marinam aquam detulisse 16 

15 Theophrastus est auctor. Biennio continuo, regnante Cleopatra 
non ascendisse, decimo regni anno et undecimo, constat. significa- 
tam aimit duobus rerum potientibus defectionem: Antonii enim et 
Cleopatrae defecit imperium. per nouem annos non ascendisse Ni- 
lum superioribus seculis Callimachus est auctor. 

20 Sed nunc ad inspiciendas causas, propter quas aestate Ni- 17 

lus crescat, accedam et ab antiquissimis incipiam. Anaxagoras 
ait ex Aethiopiae iugis solutas niues ad Nilum usque decurrere. in 
eadem opinione omnis uetustas fuit. hoc Aeschylus, Sophocles, 



1 obtinet W : optineret £ heracleotico L : heradiotico E W : heracleatico 

(ra aus re) P hostio E P Q 2 ex spectaculo E W P Q : expectaculo L : Septem 

ßi/gte ich ein 3 concarrentium E W : occurrentium L P Q cocodrillorum E W L 

P Q («. Bitschi op. II 461) flamine W auersam E W 4 velud E W per 

partes P cocodrillos E W L Q P 6 durum L inpenetrabilis Q 7 ac W 

8 summersi Q uolnerabant Vtdgata emisi P 9 rescissis Guelferbyianus : re- 

eissis E W : rescisis PQ : recisis L velud E W u. «./. 10 tumido L Ten tyritae] 

tanti rite EWLP : tintiritae Q 12 insecuutur P trabat P 13 plurimique 

£W: plerique LPQ : plorimi quidem Haaee 14 sequendum L 15 thophra- 

stus E : theopbastus Q : theofrastus L actor L cleopatra regnente L 16 anni 

regno L adscendisse LW 17 antonii enim cleopatraeque PQ : antonii cleopa- 

treqne L 18 adscendisse LW 19 callimacus P : calliniacus Q 20 inspi- 

tiendas P 23 opione W ' eschilas E W Q P : escinus L sophodes P 

Philos.'histar. Abh. 1885. III . 7 



50 D I E L s : 

Euripides tradunt. sed falsum esse pluribus argumentis patet. 
primo Aethiopiam feruentissimam esse indicat hominum color ad- 18 
ustus et Trogodytae, quibus subterraneae domus sunt, saxa uelut 
igni feruescunt, non tantum medio, sed inclinato quoque die. ar- 
6 dens puluis nee humani uestigü patiens. argentum replumbatur. 
signorum coagmenta soluuntur. nullum materiae superadornatae 
manet operimentum. auster quoque, qui ex illo tractu uenit, uen- 
tus calidissimus est. nullum ex his animalibus, quae latent, bruma 
umquam reconditur. et per hiemes in summo et aperto serpens 

10 est. Alexandria quoque longe ab immodicis caloribus posita est: 
niues non cadunt. superiora pluuia carent. quemadmodum ergo 19 
regio tantis subiecta feruoribus duraturas per totam aestatem ni- 
ues recepit? quas sane aliqui montes illic quoque excipiant: num- 
quid magis quam Alpes, quam Thraciae iuga, quam Caucasus? at- 

15 qui borum montium flumina uere et prima aestate intumeseunt, 
deinde hibernis minora sunt: quippe uernis teraporibus imbres ni- 
uem diluunt, reliquias eius primus calor dissoluit. nee Rhenus nee 20 
Rhodanus nee Hister nee, qui ipsi subiacent polo, aestate proue- 
niunt: et illis in septemtrionibus altissimae iugiter sunt niues. 

20 Phasis quoque per idem tempus et Borysthenes crescerent, si ni- 
ues possent flumina contra aestatem magna producere. praeterea 21 

1 eripides E W : euripedes P argumentis pluribus LP 2 primam ethio- 

piam L adustus color L P Q 3 trogodite L P, (das erste o aus a corrigirt) Q 

(«. Parthey Abh, BerL Ak, 1869 S. 4. Pitchstein Epigr. graeca, Argentor. 1880 S. 53) : trago- 
dite E W 4 illi P 6 8uperad[o]rnatae Q 7 uentorum L P Q 8 est fehlt P 

bruina W 9 unquam P Q, vor bruma gestellt P et] etiam L P Q perhennes P 

byemes L serpens [fpef E]^ E L P Q : spes d, i, species W 10 immodicis Q 

12 tantis regio L 13 recipit LPQ nunquid Q : nonquod P 14 tracie E : 

traciae Q : tracbie P iuga aut caucasus LP 15 uere et prima] et prima uera P 

16 uernis] hier bricht Q, ab 17 reliquas PL^ dissipat LP renus PL 18 ro- 

danus E L, aus rortanus von 2. gleichz, Hand P hister E W P : hyster L nee qui ipsi 
subiacent polo schreibe ich : n {d. h. nee) ei ystrus subiacent. molo E, ebenso^ aber subia- 
cent — in tentrionibus (sol) am Bande W : nee caistrus subiacent molo P : nee caistrus sub- 
iacent malo L (Die Variante Isirus zu Hister hat das Echte verdrängt, s, S. 33, 8) : nee qui 
alii biberno subiacent coelo Haase 19 altissime ut in septemtrionibus LP iugis L 

20 per idem tempus L : per indie tempus P : ^m (= proinde) tempore E W bory- 
sthenes L : horis tenes EWP 8iL:utEWP 21 possent aus possint E flu- 
mina possent L P 



Seneca und Lucan. 51 

si haec causa attolleret Nilum, aestate prima plenissimus flueret. 
tunc enim roaxime integrae adhuc niues ex mollissimoque tabes 
est: Nilus autem per menses quatuor liquitur et Uli aequalis acces- 
sio est. 
b Si Thaleti credis, etesiae descendenti Nilo resistunt et cur- 22 

sum eius acto contra ostia mari sustinent: ita reuerberatus in se 
recurrit nee crescit, sed exitu prohibitus resistit et quacumque mox 
potuit inconcessus erumpit. 

Euthymenes Massiliensis testimonium dicit: „Nauigaui, 

10 inquit, Atlanticum mare, unde Nilus fluit, maior quamdiu etesiae 
tempus obseruant. tunc enim eicitur mare instantibus uentis. cum 
resederint, pelagus conquiescit minorque descendenti inde uis Nilo 
est« ceterum dulcis mari sapor est et similis Niloticis beluae.'^ 
quare ergo, si Nilum etesiae prouocant, et ante illos incipit incre- 23 

15 mentum eius et post eos durat? praeterea non fit maior, quo illi 
flauere uehementius, nee remittitur incitaturque, prout illis impetus 
fuit, quod fieret, si illorum uiribus cresceret. quid, quod etesiae 
litus Aegyptium uerberant et contra illos Nilus descendit, inde uen- 
turus unde illi, si origo ab illis esset? praeterea ex mari purus 

20 et caeruleus efflueret, non ut nunc turbidus ueniret. adde, quod 24 
testimonium eius testium^ tm-ba coarguitur. tunc erat mendacio 



2 maxime E W L P : maximae et Vulgaia ex mollissimoque P : ex mollis- 

simo qua L : ex moles fimo quae (que W) £ W thabes ohne est L 3 quatuorj tttt 

£ P aequalis L : qualis E W P 5 taleti P et esie £ W ^ L descendeote 

L W : discedente («ol) E : discedent P cursum schreibe ick (s. S. 12. 13, 8) : cursu £ 
WLP : cnrsvLS Vulgata 6 hostia EWP mari L : maris £ («ol) WP ita re- 

yerberatus LPQ : In reverberatus EW 7 exitu sed L qnecumque P* 8 in- 

concessus E W : in concestus L : inconcestus P 8. S. 12^ 9 Euchimenes £ W L P 

10 athlanticum P : athalanticum E W L inde L P etesiae] esie £ W P L' 11 eii- 

citur £ 12 resederit pelagus (sol) EW : resederit et pelagus P : resederunt et 

pelagus L descendentis £ W L P indeuis L P : indeui' («ol) £ : uidemus W 13 ce- 

terum aus deterum P similis E^ : similes E^ P : simile W 14 ethesie EP pro- 

uocante tante EWP: prouocant et tant^ L 15 eas L^ non sit quo illi L 16 fla- 

uere] fauere EWLP incitatusque EW 17 ethesie P : esie EW 18 litus 

L : littus P : lutus £ W egyptum E W L^ : egiptum P : egypti L* ascendit L 

nenturus est unde L 19 illi si L : illis EWP esset E> W L P : venit E^ («. 

Z. 20) afflueret E W aueniret P : uenit £ W : euenit L adde P : Age £ W L 
21 mendatio £ : mendario P 



52 D I E L s : 

locus cum ignota essent externa. licebat illis fabulas mittere. 
nunc uero tota exteri maris ora mercatorum nauibus stringitur, 
quorum nemo narrat initium Nili aut mare saporis alterius, quae 
natura credi uetat, quia dulcissimum quodque et leuissimum sol 

5 trahit. praeterea quare hieme non crescit? et tunc potest uentis 25 
concitari mare, aliquando quidem maioribus: nam etesiae temperati 
sunt, quod si e mar! ferretur atlantico, semel oppleret Aegyp- 
tum: at nunc per gradus crescit. 

OenopidesChius ait: hieme calorem sub terris contineri. 26 

10 ideo et specus calidos esse et tepidiorem puteis aquam: itaque ue- 
nas interno calore siccari. Sed in aliis terris augeri flumina imbri- 
bus: Nilum quia nullo imbre adiuuetur, tenuari, deinde crescere 
per aestatem, quo tempore frigent interiora terrarum et redit rigor 
fontibus. quod si uerum esset, aestate flumina crescerent (omnia), 27 

15 omnes putei aestate abundarent. Deinde 'calorem hieme sub ter- 
ris esse maiorem*? at quare specus et putei tepent? 'quia aSra 
[et] rigentem extrinsecus non recipiunt.* ita non calorem habent, 
sed frigus excludunt. ex eadem causa aestate frigidi sunt, quia ad 
illos remotos seductosque calefactus non peruenit. 

20 Diogenes Apolloniates ait: „Sol humorem ad se rapit: 

hunc adsiccata tellus ex mari ducit cuof ceteris aquis. fieri autem 



1 licebatj libebat EWLP mittere EWLP : miscere Hactse 2 nunc] nee L 

exceri P hora EP 3 initium L^ Haupt : nuntium EPL^ : nuncium W alte- 

rius jjjcredi**"*™ °* **" | Anf. d, Z, uetat L que P : quam E W L : quod et Vulgata 

4 queque W 5 crescit] cresciint EWLP 6 aliquante L ethesie EP 7 ath- 

lantico P : athalantico E W L semel L P : semper («o!) E W oppuleret L 8 at 

E : ac W^L P 10 calidos L : cauosos E W P aquam L : quam E WP 11 in- 

terno L P : intercio E W augeri L : augent E W P : augentur Vulgata imbribrus 

(inbribus P) flumina LP 13 rigor E WLP : vigor Schottus 14 omnia fehlt 

E W P : hinter flumina übergeschrieben L 15 omnesque Vulgata aestate — pu- 

tei (16) fehlt E W 16 at quare specus L : aqua respecus P : aqua et specus Vul- 

gata 17 et E WLi P : et getilgt L^ itaque L s. S, 53, iö 18 aestate L : 

est atre P : est aer E W frigidi sunt schreibe ich : frigidus E W : fri*/dunt P : frigi- 

ad 8 

dum L : frigescunt Vulgata aer frigidus E W quia ab illo remotos seductos- 

que L : quia ab illo remotos seductosque (sed doctusque P) E W P : quia illo remo- 
tus seductusque aer Vulgata 20 duogenes P 21 cum (c) E* : cum ex E^ P : 

cum ex W : Q ex L : tum ex Vulgata : vielleicht et 



Seneca und Ltican. 53 

non potest, ut una sicca sit tellus, alia abundet. sunt enim per- 
forata omnia et inuicem peruia et sicca ab humidis sumunt ali- 
quando. nisi aliquid terra acciperet, exaruisset. ergo sol undique 
trabit, sed ex bis, quae preinit, maxime: baec meridiana sunt, terra 29 

5 cum exaruit, plus bumoris ad se adducit. ut in lucernis oleum illo 
fluit, ubi exuritur, sie aqua illo incumbit, quo uis caloris et ter- 
rae aestuantis arcessit. unde ergo trabit? ex illis scilicet partibus 
semper bibernis, quae aquis exundant. ob boc Pontus in infernum 
mare assidue fluit rapidus, non ut cetera maria alternatis ultro 

10 citroque aestibus, in unam partem semper pronus et torrens. quod 
nisi factis itineribus quod cuique deest, redderetur, quod cuique 
superest, emitteretur, iam aut sicca essent omnia aut inundata.^ 
interrogare Diogenem licet: quare, cum pertusa sint cuncta et 30 
inuicem commeent, non omnibus locis aestate [uero] maiora sunt 

15 flumina? 'Aegyptum sol magis percoquit/ ita Nilus magis crescit: 
sed in ceteris quoque terris aliqua fluminibus fiat adiectio. deinde 
quare uUa pars terrae sine humore, cum omnis ad se ex aliis 



1 ut {aus aut) una sicca sie tellus L : ut auia suta sie tellus P : aut nia sicca . sie 
telius £ W habundet £ W P 2 aliqnando (aliqn) £ W P : alioquin L 3 ali- 

quid] a^ (= aliud?) £ : etwa aliunde («. Z. i7)? undique (vor sol) L P : unde £ W : 
undas VtUgata 4 thrait L que P premunt maxime £WLP (prem^'r L) : 

premit maxime (ohne Komma) Haasey premunt : maxime Fickert 5 ad se bumoris 

LP trabit adducit £* 6 exuritur LP : exoritur £W 7 arcessit LP : 

accessit (sol) £W 8 quae aquis exundant schreibe ich : Septem trionalis exundant 

£ W L P (Das Olossem septemtrione hat quae vermuthlich verdrängt. S. zu S. 47, 15, 50, 18) : 
septentrionalibus unde exundat nach dem Ouel/erbytanus Vulgata 9 non ut L P : ut non 

£W alternans W 10 citro PL aestibus] estatibus £WPL 11 factis 

schreibe ich : facbis £ W L : facit bis P : fieret bisque Vulgata cuique] cui £ W 

L P cuique L P : cuiquam £ W 13 licet £ W : übet L P quare si cum 

pertusa sint cuncta et inuicem commeent schreibe ich S. 14^ : quasi conpertis as (asunt) 
cuncta et inuicem commeant P : quasi percussa sint cuncta et inuicem commeant L : 
quasi compertus almus cuncta et inuicem commeant £ W : quare cum pontus et amnes 
cuncti inuicem commeent Fickert : quare si complexus amnibus (est) et cuncta inuicem 
commeant Haase 14 locis . estate uero (S) £ W sint L 15 itaque LP Vul- 

gata, aber «. S. 52, 17 16 abiectio PL 17 bumore est L P 

Philos.'hütor. Abh. 1885. III. 8 



&4 DiELs: Seneca und Lucan. 



terris trabat, eo quidem magis quo calidior est? deinde quare Nilus 
dulcis est, si haec Uli cum mai*i unda est? nee enim uUi flumini 
dulcior gustus. 



1 terris E W : regionibas L P thraat L eo quod P 2 haec W L P : 

hoc £ illi cü mari £ W : illic emari P : illi e mari L ulH] illi W 3 dal- 

tior P 



ANHANG ZU DEN 



ABHANDLUNGEN 



DER 



KÖNIGLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

zu BERLIN. 



ABHANDLUNGEN NICHT ZUR AKADEMIE GEHÖRIGER GELEHRTER. 



AUS DEM JAHRE 
1885. 



MIT 11 TAFELN. 



BERLIN. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

1886. 



BUCHDRUCKEREI DER KÖNIGL. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (G. VOGT). 



Inhalt. 



Physikalische Abhandlungen. 

H EID er: Ober die Anlage der Keimblätter von Hydrophilua piceus L. 

(Mit 2 Tafeln) S. 1—47. 

Philosophisch-historische Abhandlangen. 

Hirschfeld, 6.: Papblagonische Felsengräber. Ein Beitrag zur 

Knnstgescbichte Kleinasiens. (Mit 7 Tafeln) . Abb. I. S. 1 — 57. 
Schweinfurth: Alte Baureste und hierogljp bische Inschriften im 

Uadi Oasüs. Mit Bemerkungen von A. Erman. 

(Mit 2 Tafeln) « H. „ 1—23. 



PHYSIKALISCHE ABHANDLUNGEN. 



t^'l 



über die Anlage der Keimblätter von 

Hydrophilus piceus L. 

Von 

Dr. KARL HEIDER, 

Assistent am zoologischen Institut der Kgl. Universität zu Berlin. 



Phys, Äbh. nickt zur Akad. gehör. Gelehrter. 1S85. L 



Vorgelegt in der Sitzung der phys.-math. Glasse am 26. November 1885. 



s. 



^chon seit längerer Zeit habe ich die Embryonal -Entwickelung 
des Hydrophüus zum Gegenstand eines eingehenden Studiums gemacht. 
Mein Augenmerk war dabei vor Allem auf die Art der Entstehung der 
Keimblätter gerichtet. Da nun meine bisherigen Untersuchungen mich in 
Bezug auf diesen Punkt zu Resultaten von der mir wünschenswerthen 
Klarheit und Bestimmtheit geführt haben, habe ich mich entschlossen, 
dieselben schon jetzt der Veröffentlichung zu übergeben, während ich die 
übrigen Beobachtungen einer späteren monographischen Darstellung re- 
servire. 

In Hinsicht auf die ersten Entwickelungsvorgänge, welche sich im 
Ei, wenige Stunden nach der Ablage desselben, abspielen und schliefslich 
zu jenem interessanten Procefs von Zellenknospung an der Oberfläche 
fahren, den uns Bobretzky^) kennen gelehrt hat, und der zur Bildung 
des Blastoderms führt, liegen mir bis jetzt nur wenige und unzusammen- 
hängende Beobachtungen vor. Meine Schilderung wird daher der Haupt- 
sache nach denselben Ausgangspunkt zu nehmen haben, wie die Beschrei- 
bung Kowalevsky's^), welche auch von dem Stadium nach vollendeter 
Bildung des Blastoderms ausgeht. 

^) N. Bobretzky, Über die Bildung des Blastoderms uod der Keimblätter bei 
den Insecten. Zeitschr. f. wiss. Zool. 1878. XXXI. Bd. pag. 195. Taf. XIV. 

3) A. Kowalevsky, Embrjologische Studien an Würmern und Arthropoden« 
Mem. de TAcademie des Sciences de St. Petersbourg. VII* ser. Tom. XVL 1871. 

1» 



4 H £ I D E R : 

Es sei mir jedoch erlaubt, über die früheren Vorgänge einige ein- 
leitende Bemerkungen vorauszuschicken. 

Das Ei des Hydrophilus ist von länglich -ovoider Form und zeigt 
einen vorderen spitzen und einen hinteren stumpfen Pol. (Vgl. Fig. 1 — 6 
Taf. L) Nach vom zu ist dasselbe verschmälert, während sein gröfster 
Breitendurchmesser dem hinteren Eipol genähert ist. An jener Seite, 
welche später zur ventralen Fläche des Embryo wird, ist das Ei abge- 
flacht, ja in vielen Fällen sogar schwach eingebogen, während entspre- 
chend der späteren Dorsalseite sich eine stärkere Wölbung des Eies gel- 
tend macht. 

Das Ei ist von einer doppelten Hülle umgeben. Unter dem ver- 
hältnifsmäfsig starken Chorion findet sich der Oberfläche des Eies anlie- 
gend ein äufserst zartes, wie es scheint, structurloses Häutchen, die Dot- 
termembran. (Taf. L Fig. 7a.) 

An der Oberfläche des Eies selbst erkennen wir, bevor das Blasto- 
derm gebildet ist, eine ziemlich schmale Zone von Protoplasma (Bildungs- 
dotter), in welcher noch keine Zellkerne gelagert erscheinen (Tf. L Fg. 7b)^). 
(Weismann's Keimhau tblastem.) Diese Zone steht mit dem das Innere 
des Eies durchziehenden Protoplasmanetze in Zusammenhang. In den 
Knotenpunkten dieses protoplasmatischen Netzwerkes bemerkt man kern- 
haltige Binnenkörper (Taf. I. Fig. 7c\ welche aus einem grofsen Kern mit 
umgebender Protoplasma -Ansammlung bestehen. Solche, amoeboiden Wan- 
derzellen ähnlich aussehende Binnenkörper triffl^ man in den ersten Sta- 
dien (einige Stunden nach der Eiablage) nur wenige im Innern des Eies. 
Um so gröfser ist zu dieser Zeit der in ihnen enthaltene Kern, und um 
so reichlicher die denselben umgebende Plasma -Ansammlung. Zehn bis 
zwölf Stimden nach der Eiablage findet man ihre Zahl schon bedeutend 
angewachsen; ihre Dimensionen dagegen sind geringere geworden. Auf 
welche Weise diese zahlreichen Binnenkörper der späteren Stadien ent- 
standen sind, habe ich nicht direct beobachtet; aber es ist wohl kein 
Zweifel, dafs sie sich durch Theilung von den wenigen grofsen Binnen- 
körpem der ersten Stadien ableiten. 

^) Bobretzky (loc. cit. pag. 213) hat das Vorhandensein eines oberflächlichen 
Plasma -Stratums am Hydrophilus '^i gelängnet. Dasselbe ist aber stets und von allem 
Anfange an zu beobachten. 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophihis piceus L. 5 

In dieser Periode der Entwickelung finden wir also im Hydrophi- 
his "Bmhryo nirgends abgegrenzte Zellen, sondern nur nach Art eines Syn- 
cytiums im Innern des Eies verstreute Zellkerne mit umgebendem Pro- 
toplasma, welches jedoch mit dem plasmatischen Netz und der oberflftch- 
lichen Schichte in continuirlichem Zusammenhang steht. 

Der ganze Zwischenraum im plasmatischen Netzwerk des Eiinnern 
ist von Elementen des Nahrungsdotters erfüllt (Taf. I. Fig. 19 — vergL 
Taf. L Fig. 7). Dieselben sind von homogener, stark lichtbrechender Be- 
schaffenheit und gelblicher Färbung und zeigen eine durch gegenseitigen 
Druck polygonal gewordene Gestalt, jedoch von im Allgemeinen ziemlich 
rundlichen Formen. Die kleinen DotterkOrnchen der Oberfläche, zunächst 
der Plasmazone, sind vollkommen kugelig. Die Nahrungsdotter-Elemente, 
welche nahe der Eioberfläche liegen, sind die gröfsten, während sie gegen 
das Eiinnere zu immer mehr an GrOfse abnehmen, um schlieiüslich im 
Centrum des Eies nur wie angehäufte Granula zu erscheinen. 

Da in den Zwischenräumen zwischen den polygonalen Elementen 
des Nahrungsdotters nicht nur die plasmatischen Stränge des Bildungs- 
dotters verlaufen, sondern auch zahlreiche, kugelige Fetttröpfchen von 
ziemlicher Gröfse eingebettet liegen, so zeigen die Elemente des Nah- 
rungsdotters an Schnitten durch gehärtete Exemplare diesen FetttrOpf- 
chen entsprechende, kugelsegmentfOrmige Ausschnitte an ihrer Oberfläche 
(Taf. I. Fig. 19). Zumeist sitzen diese FetttrOpfchen in den Knotenpunk- 
ten der zwischen den Elementen des Nahrungsdotters befindlichen Zwi- 
schenräume. 

Zu Beginn der Blastodermbildung ordnet sich ein TheU der im 
Dotter vorhandenen kernhaltigen BinnenkOrper in gleichen Abständen zur 
Eioberfläche an, so dafs sie an Querschnitten einen mit der äufseren Um- 
grenzung concentrischen Kreis bilden, (vgl. die Lage der Kerne in Taf. I. 
Fig. 7), welcher je näher dem hinteren Eipole der Schnitt gelegt wurde, 
um so mehr sich der Ei- Oberfläche nähert. Daraus folgt, da(s in der 
Umgebung des hinteren Eipoles die ersten kernhaltigen BinnenkOrper 
die Oberfläche erreichen müssen. Und so verhält es sich auch in der 
That, wie wir schon aus den auf diesen Punkt der Entwickelung bezüg- 
lichen Oberflächenbildern (Taf. I. Figg. 1 u. 2) entnehmen können. An 
der Taf. I. Fig. i gegebenen Darstellung eines dreizehn Stunden nach 



6 H £ I D £ R : 

der Ablage conservirten Eies erkennen wir am hinteren Eipole die ersten 
auftauchenden Elemente des künftigen Blastoderms. Am Deutlichsten er- 
scheinen sie am hinteren Eipole selbst; weiter vorn, wo sie noch in tie- 
feren Schichten lagern, zeigen sie sich mehr schattenhaft verschwommen, 
doch ebenso dicht aneinander gedrängt, wie am hinteren Eipole selbst. 
Die kernhaltigen Binnenkörper lagern sich eben schon — wie oben be- 
sprochen — in der Tiefe des Dotters in jener Ordnung zu einander, in 
welcher sie später an der Oberfläche erscheinen. 

Die Oberflächenansicht Taf, L Fig. 2 ist einem um zwei Stunden 
älteren Ei entnommen und zeigt einen noch weiter vorgerückten Zustand 
der Blastodermbildung. Wir bemerken, dafs nur etwa das vorderste Vier- 
tel des Eies an seiner Oberfläche keine Kerne erkennen läfst. Hier fin- 
den wir nur die auch an der vorhergehenden Abbildung (Taf. I. Fig. i) 
vorfindlichen kleinen, vacuolenähnlichen Pünktchen, welche nichts Ande- 
res sind als der Ausdruck jener oben erwähnten Höhlungen im Dotter, 
die vorhanden gewesenen Fetttröpfchen entsprechen. Gehen wir an dem 
in Rede stehenden Ei weiter nach hinten, so gelangen wir zur Zone der 
auftauchenden Binnenkörperchen, welche uns dasselbe Bild darbietet, wie 
die Gegend des hintern Eipoles im vorhergehenden Stadium. Noch wei- 
ter rückwärts finden wir die ganze Oberfläche des Eies mit schon fertig 
gebildetem Blastoderm bedeckt. Dieses an der Oberfläche sich hinziehende 
Epithel nimmt an unserem Stadium bereits mehr als die hintere Hälfte 
des Eies in Anspruch und zeigt sich wieder durch minutiöse Unterschiede 
in verschiedene Zonen gegliedert — Details, auf die ich mich jedoch hier 
nicht weiter einlassen will. 

Das Wesentliche dieses interessanten Processes — das Einwandern 
der kernhaltigen Binnenkörperchen in das oberflächliche Plasmastratum 
und die Segmentirung desselben in den einzelnen Kernen entsprechende 
Zellterritorien — wurde von Bobretzky^) und Anderen fllr verschie- 
dene Insectenarten in befriedigender Weise geschildert. 

Uns genügt hier, den Beweis erbracht zu haben, dafs es der hin- 



^) Freilich hält Bobretzky das Keimhautblastem nur für ein durch die Zu- 
sammenziehung des Eies während der Erhärtung entstandenes Kunstproduct; was ich aber 
nicht annehmen kann. 



über die Anlage dei* Keimblätter von Hydrophüus piceus L. 7 

tere Eipol ist, an dem die Blastodertn- Bildung beginnt, und von dem 
sie nach vom zu allmählich fortschreitet. Bobretzky^) hat für das lang- 
gestreckte Ei von Ptem und Bütschli^), Kowalevsky^) und Grassi*) 
haben fQr Apis den vordem Eipol als den Ausgangspunkt der Oberflächen- 
furchung bezeichnet. Dagegen nähern sich nach Weismann's wichtigen 
Beobachtungen^), die dem hinteren Polkern des Eies von Rhodites ent- 
stammenden Kerne der Oberfläche und gehen allein in die Bildung des 
Blastoderms ein, während bei einer ChironomuS' Art das erste Auftreten 
von Blastodermzellen am vordem Pol der Eioberfläche beobachtet wurde. 
Es scheint daher in diesem Punkte ein in den verschiedenen Insecten- 
Ordnungen wechselndes Verhalten vorzuliegen. 

Ferner konnte ich an diesen Oberflächenbildern mich Überzeugen, 
dafs die den einzelnen Stadien der Blastodermbildung entsprechenden Zo- 
nen stets vollkommen in querer Richtung sich begrenzten, so dafs also 
weder die spätere ROckenfläche, noch die Bauchfläche in Bezug auf die- 
sen Vorgang vorauseilt. 

Nach Beendigung des Processes der Blastodermbildung zeigt sich 
das Ei an seiner ganzen Oberfläche von einem Epithel bedeckt, dessen 
Zellen cubisch -abgerundete Form besitzen. Die Zellen sind in ihrem 
ganzen Umfang scharf begrenzt und haben sich dicht aneinander geschlos- 
sen. An der Oberfläche ragen sie kaum als flache Kuppe vor; dagegen 
zeigt jede Zelle nach innen gegen die compacte Dottermasse eine rund- 
liche Kuppe, von deren Berfihrungsstelle mit dem Dotter aus sich hier 
und da pseudopodienartige Fortsätze in den Dotter einsenken. 

Die zunächst eintretende Veränderung ist, dafs die Zellen der 
künftigen Ventralseite etwas an Höhe gewinnen, so dafs dort das Blasto- 



^) loc. cit. pag. 198 flF. 

') O. Bütschli, Zur Entwickelangsgeschicbte der Biene. Zeitschr. für wiss. 
Zool. XX. Bd. 1870. p. 522. 

') loc. cit. p. 45. 

^) B. Grassi, Intorno allo sviluppo delle api nell' uovo. Atti dell' Academia 
Gioenia di Scienze Naturali in Catania. Ser. 3. Vol. XVIII. 1884. pag. 7. 

^) A. Weismann, Beiträge zur Kenntnifs der ersten Entwicklungsvorgänge im 
Insectenei, in: Beitr. zur Anatomie und Embryologie als Festgabe für Jakob Henle. 
Bonn 1882. pag. 80. Taf. X, XI u. XII. 



8 H £ I D £ R : 

derm eine dickere Schicht darstellt. Damit ist der Beginn jenes interes- 
santen Vorgangs gekennzeichnet, der die Sonderung der Keimblätter ein- 
leitet und in der von Kowalevsky beschriebenen Form einer Rinnenbil- 
dung abläuft. 

Es sondert sich nämlich zu Beginn dieses Processes an der Yen- 
tralseite des Eies eine verdickte Blastodermplatte von dem übrigen Theil 
des Blastoderms dadurch ab, dafs sich zu beiden Seiten dieser Platte 
Längs-Furchen bilden, welche lateralwärts von einem schwach vorragen- 
den Wall begleitet sind. Die ersten Spuren einer solchen Sonderung 
einer ventralwärts gelegenen Platte, welche durch Einstülpung zum un- 
teren Blatte Kowalevsky 's (Entoderm + Mesoderm) wird, von dem 
Rest des Blastoderms zeigen sich am klarsten an Querschnitten, welche 
durch gehärtete Embryonen solcher früher Stadien angefertigt wurden. 

Die Abbildungen (Taf. L Fig. 8 u. 9) stellen Querschnitte durch 
ein Stadium dar, welches der Kowalevsky 'sehen Fig. 1 auf Taf.VIU um 
ein Weniges vorhergeht. Der Querschnitt Fig. 8 zeigt uns den ersten 
Anfang des Processes der Keimblätterbildung. Wir erkennen das aus ku- 
bischen Zellen (e) bestehende Ectoderm, während zwischen den Furchen 
eine aus hohen Zellen bestehende Platte sich ausdehnt. Genau genom- 
men reicht dieselbe jederseits über die begrenzende Furche (/) etwas 
hinaus und bildet dort einen schwach vorragenden Wall (w). Dieser aus 
cylindrischen oder prismatischen Zellen zusammengesetzte Schild zeigt an 
Schnitten eine durchaus bilateral- symmetrische Anordnung, und es ver- 
dient auch gleich als bedeutsam hervorgehoben zu werden, dais wir an 
ihm stets einen medianen Theil von zwei seitlichen Theilen unterscheiden 
können, die im Bau einige Verschiedenheit von demselben zeigen. Der 
Schnitt Fig. 8 lälst uns der Medianlinie genähert mäfsig hohe cylindri- 
sche Zellen bemerken, deren Kerne etwa in der Mitte des Zellleibs und 
äufserst regelmä&ig in einem Horizont gestellt erscheinen. Zu beiden 
Seiten, den Furchen entsprechend, finden wir höhere Zellen, die einen 
weniger regelmäfsigen Anblick darbieten. Mehrere dieser Zellen sitzen 
mit einer verhältnifsmäfsig breiten Basis innen auf, während sie nur mit 
einer ganz kleinen Fläche an der äufseren Oberfläche Theil nehmen, oder 
umgekehrt. Ihre seitlichen Grenzen erhalten dadurch einen convergiren- 
den Verlauf, und die ganze Zelle geht aus der prismatischen Gestalt ia 



über die Anlage der Keimblätter von Hydropkilus piceus L. 9 

die Form einer Pyramide über. Dem entsprechend haben die Kerne, wie 
einem Druck gehorchend, sich in den breiten Basaltheil der Pyramide 
zorQckgezogen, daher denn die Kerne nicht gleichmälsig in einer Reihe 
gestellt erscheinen, sondern in verschiedenen Höhen gelagert sind. Im 
Allgemeinen zeigen diese Zellen eine mehr weniger radiäre Anordnung 
um einen Mittelpunkt, der zugleich als KrQmmungs-Mittelpunkt für die 
Furche, wie sie sich am Querschnitt darstellt, gelten kann. 

Der Querschnitt Taf, L Fig. 9 weist etwas weiter vorgeschrit- 
tene Verhältnisse auf. Die beiden Furchen (/) haben sich ziemlich ge- 
nähert. Wir sehen, dafs das Cylinderepithel der Platte im Allgemeinen 
noch weit höher ist, und dafs die es zusammensetzenden Zellen noch 
schlanker und unregelmäfsiger sind als am vorhergehenden Schnitte. Nicht 
nur den beiden Furchen entsprechend, sondern auch im Mitteltheil finden 
wir pyramidenförmige Zellen und eine unregelmäfsige Lagerung der Kerne. 
Den Furchen entsprechend scheinen manche Zellen von der Oberfläcbe 
zurückgedrängt zu sein und so eine Pyramide darzustellen, deren Höhe 
geringer ist als die Höhe des Epithels an dieser Stelle. Solche Bilder 
zeigen uns, wie durch das Dicken wachsthum und den seitlichen Druck, 
dem die Mittelplatte ausgesetzt ist, aus dem einschichtigen Cylinderepi- 
thel ein mehrschichtiges wird. Von Wichtigkeit ist es noch, zu bemerken, 
dafs die Mittelplatte an diesem Querschnitt gegenüber dem früheren an 
Relief gewonnen hat. Die Furchen sind deutlich tiefer; auch scheint die 
ganze Platte schon ein wenig unter das Niveau des Ectoderms gesenkt 
zu sein. 

Wir erkennen auch aus beiden Schnitten, dafs nicht sämmtliche 
zellähnliche Binnenkörperchen aus dem Innern des Dotters an die Ober- 
fläche getreten sind, um bei der Bildung des Blastoderms in dasselbe 
einzugehen, sondern dafs noch eine Anzahl derselben im Dotter verblie- 
ben ist. 

Ich habe oben gesagt, dafs die durch die lateralen Furchen und 
Wälle begrenzte Platte zum unteren Blatt Kowalevsky's wird, welches 
sich — wie wir sehen werden — in Entoderm und Mesoderm scheidet. 
Der nächste zur Beobachtung kommende Vorgang ist nun der, dafs die 
in Rede stehende Platte in die Tiefe rückt und sich zu einem Rohr ein- 
krümmt, welches von den in Form einer Falte der Medianlinie sich nä* 

Phys. Abh. nicht zur Akad, gehör. Gelehrter. 1885, L 2 



10 H E ID E R : 

hernden Rändern des Ectoderms überwachsen wird. Der Wall w an un- 
seren Querschnitten entspricht der Stelle, an welcher später sich die 
höchste Erhebung dieser Falte ausbildet, während die Furche / die 
Knickiingsstelle anzeigt, über welche die erwähnte Falte sich herum- 
schlägt« 

Die Furchen sind an jenem Stadium, auf welches sich unsere 
Querschnitte Taf. L Ftgg. 8 u. 9 beziehen, noch ganz kurz und finden 
sich an der ventralen Seite etwas hinter der Mitte des Eies gelagert. 
Sie enden sowohl nach vom als auch nach hinten, indem sie sich all- 
mählich verflachen. Bald wachsen sie aber nach beiden Richtungen län- 
ger aus und knicken sich dabei an einer etwa in der Mitte der Furche 
gelegenen Stelle, so dafs sie dann von dieser Stelle aus sowohl nach 
vom als auch nach hinten in zu einander divergirender Richtung ver- 
laufen. Diese Stelle, an welcher die Furchen der Medianlinie am meisten 
genähert erscheinen, ist es, an der auch das nun zur Entwickelung kom- 
mende Rohr zuerst zum Abschlüsse gelangt. — (Vergleiche die einem 
etwas späteren Stadium angehörige Oberflächen -Ansicht Taf. L Fig. 3.) 

Die durch die Furchen begrenzte mediane Platte hat an diesen 
Stadien weder nach vom noch nach hinten einen deutlichen Abschluls, 

m 

sondern verläuft allmählich in die unveränderten Theile des Blastoderms. 
Bald jedoch gewinnt sie einen Abschlufs nach vom zu, indem die Längs- 
furchen sich gegen einander biegen und in querer Richtung in einander 
übergehen — ein Stadium, welches Kowalevsky in seiner Fig. 1 auf 
Taf. VIII dargestellt hat. Auch auf meiner Ftg. 4 ist dieser Abschlufs 
nach vom — wenngleich an einem späteren Stadium — deutlich zu er- 
kennen. Schon an diesen frühen Stadien zeigt die Mittelplatte die ersten 
Anzeichen der späteren Segmentirung des Körpers, indem verdickte und 
dünnere Parthien in aufeinanderfolgender Reihe abwechseln. 

Der Abschlufs, welchen die verdickte ventrale Platte in den darauf 
folgenden Stadien nach hinten zu erhält, legt sich nun merkwürdiger 
Weise nicht im Zusammenhang mit den bisher beschriebenen Bildungen 
an, sondern vollständig unabhängig von denselben, wie aus meiner Fig. 4 
hervorgeht. Und zwar geschieht dies in Form zweier nach hinten con- 
vergirender Furchen (/'), welche sich immer mehr einander nähern bis 
zu dem Punkte, wo sie in ein Grübchen einlaufen, welches mit dem ersten 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 11 

Auftreten der Amnionfalte in Zusammenhang zu bringen ist (g). Da es 
meine Absicht nicht ist, hier auf den Procefs der Amnionbildung näher 
einzugehen, so mufs ich in dieser Hinsicht auf die Schilderung Eowa- 
levsky's vei*weisen. Hier soll nur der Einstülpungs -Vorgang geschildert 
werden, unter welchem die Bildung der Keimblätter einhergeht. 

Auf meiner Fig. 5, welche unge&hr der Eowalevsky'schen Fig. 3 
auf Taf. Vni (Claus Fig. 4766)^) entspricht, finden wir die Verhältnisse 
schon um einen Schritt weiter gediehen. Die seitlichen Längsfurchen des 
vorderen Theils der Embryonal -Anlage {Fig. 5f) und des hinteren Theils 
(Fig» 5f) sind mit einander verschmolzen, indem sie ganz schwach an- 
gedeutete Ausläufer gegen einander gesendet haben. Auf diese Weise ist 
nun jene Platte, welche dazu bestimmt ist, in die Tiefe versenkt zu wer- 
den, und welche — wie wir an Fig. 5 sehen — eine eigenthOmliche, 
lanzettförmige Gestalt angenommen hat, nach allen Seiten hin deutlich 
abgegrenzt. Wir erkennen auch, dafs der Einstülpungs- Procefs an der 
vordersten Parthie dieser Platte schon am weitesten gediehen ist, indem 
ihre seitlichen Ränder zur Bildung einer Rinne sich zusammengekrümmt 
haben. Nur das allervorderste Ende (Taf. I. Fig. 5 bei a) nimmt an 
dieser Rinnenbildung nicht Theil, sondern zeigt sich an diesem wie in 
den darauf folgenden Stadien in der Form eines weit geO£Pnet bleibenden 
rautenförmigen Feldes. Dieses rautenförmige Feld finden wir an späte- 
ren Stadien noch weit geöffnet zu einer Zeit, da schon der ganze übrige 
Theil der Rinne durch Berührung der sie überwachsenden Falten zum 
Verschlufs gekommen ist; und da ich durch meine Untersuchungen dazu 
geführt wurde, die Ränder der rinnenförmigen Einstülpung als 
Blastoporus zu betrachten, so ist es vielleicht von Interesse, gleich 
an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dafs der vorderste Theil des Blasto- 
porus es ist, welcher am spätesten zum Verschlusse kommt, jener Theil, 
welcher der Lage nach der in viel späterer Zeit erst auftretenden Oeso- 
phagus -Einstülpung und definitiven Mundöffnung entspricht. 



1} Zur Bequemlichkeit der Leser führe ich neben den Kowalevsky 'sehen Num- 
mern der Stadien auch stets die in Claus, Lehrbuch der Zoologie, 3. Auflage 1885 
durchgeführte Bezeichnung der Reproduction der Kowalevsky'schen Figuren in Klam- 
mer mit an. 



12 H E I D E R : 

Die Besprechung dieser Verhältnisse führt uns zu einer Schilde- 
rung des Taf. L Fig. 6 dargestellten Stadiums , welches ungefähr gleich- 
alterig ist mit Kowalevsky's Fig. 4 auf Taf. VIII (Claus Fig. 476c). 
Wir sehen, dafs die Einstülpung des unteren Blattes an diesem Stadium 
ihrem Abschlüsse nahe ist, indem sich die Ränder der Rinne mit Aus- 
nahme des eben erwähnten rautenförmigen Feldes (a) in ihrem ganzen 
Verlaufe an einander gelegt haben. Durch Einkerbungen in diesen Rän- 
dern (b) ist die Segmentation des Embryos angedeutet. Der hinterste 
Theil desselben ist schon von der ziemlich weit nach vorn vorgeschobe- 
nen Schwanzfalte des Amnions (s) überdeckt, während vom eine von mir 
gefundene, paarig auftretende und nur durch kurze Zeit als selbständige 
Bildung zu beobachtende Eopffalte (k) die allmählich vollständig werdende 
Überwachsung des Embryos mit Embryonalhäuten einleitet. Auch das 
Ectoderm tritt an diesem Stadium als verdickte Zellplatte gegenüber den 
dünneren und daher durchscheinenderen übrigen Parthien des Blastoderms 
deutlich hervor. Wir erkennen auch in der Ectodermplatte Querfurchen 
als erste Andeutung auftretender Segmentation. 

In Hinsicht auf die nun weiter folgenden Veränderungen des Ober- 
flächenbildes kann ich auf die Schilderungen in Eowalevsky's schöner 
und grundlegender Arbeit verweisen, der ich ja auch in Bezug auf die 
besprochenen Stadien nur wenig neue Punkte habe hinzufügen können. 

Die genaueren Details des im Vorhergehenden geschilderten Ein- 
stülpungs-Processes lernen wir am besten durch serienweise durch die 
verschiedenen Stadien angefertigte Querschnitte kennen. Daher gehe ich 
nun zur Beschreibung der mir vorliegenden über. Ich werde vorerst die- 
sen Einstülpungs-Procefs darlegen, wie er an dem weitaus gröfsten Theil 
der Rinne — nämlich in den mittleren und hinteren Parthien derselben — 
abläuft. Den Modus der Einstülpung in dem vordersten Theil der Rinne, 
welcher etwas geänderte Verhältnisse aufweist, werde ich im Anschlüsse 
behandeln. 

Die Taf. L Figg. lOy 11, 12, 13, 14 u. 15 abgebildeten Querschnitte^,) 



^) Die Zellen des Ectoderms färben sich etwas intensiver mit Garmin^ als die 
des unteren Blattes; ich habe sie daher in meinen Abbildungen durch einen dunkleren 
Ton hervorgehoben. 



Über die Anlage de?' Keimblätter von Hydrophilits piceus L. 13 

geben uns eine Vorstellung von dem Typus, nach welchem die Einstül- 
pung im gröfsten Theile der Rinne normaler Weise abläuft. Diese Quer- 
schnitte entstammen alle ein und derselben Serie und zwar durch ein Sta- 
dium, welches nur um ein Weniges älter war, als meine Fig. 5, und wel- 
ches ungefähr dem Kowalevsky 'sehen Stadium der Fig. 3 auf Taf. VIII 
(Claus Fig. 476 Ä) entsprechen dürfte. Es waren die Ränder der Rinne 
eine kurze Strecke weit bis zur Berührung genähert. Verfolgte man die 
Schnitte von dieser Stelle aus bis in Regionen, welche der noch verbrei- 
terten und flachen Mittelplatte entsprachen, so konnte man an dieser ein- 
zigen Serie successive sämmtliche auf einander folgende Stadien des fort- 
schreitenden Invaginations-Processes auffinden. Wir werden die Schnitte 
in jener Reihenfolge besprechen, wie sie den immer weiter schreitenden 
Vorgängen nach auf einander folgen. 

Der Schnitt Fig. 10 schliefst sich an die für ein früheres Sta- 
dium geschilderten Bilder an. Er zeigt fast dieselben Verhältnisse, wie 
der auf Fig. 9 dargestellte Schnitt. Die Furchen sind tiefer geworden 
und zu beiden Seiten derselben zeigt sich deutlich der sie begrenzende 
Ectodermwall (w). Auch hier erkennen wir, wie in Fig. 5, eine schwache 
Depression (m) der Oberfläche in der Medianlinie- Die Epithelzelle (p) 
dieses Schnittes ist ein Beispiel einer pyramidenförmigen Zelle, die schon 
bedeutend an Höhe abgenommen hat. Sie reicht wenig über die Mitte 
der Höhe des Epithels hinaus. 

Fig. 11 bietet wesentlich dieselben Verhältnisse. Nur erkennen wir 
schon deutlich, wie die Mittelplatte unter das Niveau des Ectoderms in 
die Tiefe gesunken ist. Die den beiden Furchen entsprechenden Stellen 
der Oberfläche (/) haben sich zu einem Winkel abgeknickt, und der ecto- 
dermale äufsere Grenz wall (w) wird überhängend, indem die Ectoderm- 
Zellen seitlich über die Mittelplatte gegen die Medianlinie her ein wuchern. 
Die Lage und Form der Zellen a, 6, c, c? ist in dieser Hinsicht von 
besonderem Interesse. Die Zellen der Mittelplatte sind noch höher ge- 
worden, als an den vorigen Schnitten; ihre Kerne liegen noch unregel- 
mäfsiger. 

An diesem Schnitt erkennen wir auch, was an den folgenden deut- 
licher zu Tage tritt, dafs die Zellen des Ectoderms (ec) seitlich der Rinne 



14 H EI D E R : 

ihre kubische Gestalt gegen eine cylindrische eintauschen, wodurch eine 
Verdickung des Ectoderms entsteht. 

Die Figg. 12 u. 13 zeigen bei Weitem vorgeschrittenere Verhält- 
nisse und sind von besonderem Interesse und Werth für das Verständnifs 
der Formirung der Rinne. In Fig. 12 zeigt die Mittelplatte noch dieselbe 
Grundform wie in den vorhergehenden Schnitten, nur hat sie sich mehr 
in die Tiefe gesenkt, ist höher oder dicker geworden und hat an Breite 
eingebQfst. Aber noch erkennen wir, dafs die den beiden Furchen ent- 
• sprechenden Winkel (/) durch eine flache Vorwölbung nach aufsen in der 
Medianlinie (m) getrennt sind, welcher Vorwölbung eine ihr parallele des 
Dotters entspricht (rn!). 

Die oben erwähnte Breiten -Abnahme der Mittelplatte ist durch 
zweierlei Vorgänge bedingt: 1) Durch das Höhen -Wachsthum derselben. 
Die Zellen werden immer höhere und schmälere Säulchen; sie schieben 
sich in verschiedene Höhen neben einander, und so wird das Epithel der 
Platte theils durch diese mechanischen Verschiebungen, theils wohl aber 
auch durch Zell theilungs -Vorgänge zu einem mehrschichtigen. 2) Durch 
die Verengerung der Rinne. Immer mehr und mehr werden die seitlichen 
Parthien der Platte senkrecht aufgestellt, um die Seitenwände der sich 
vertiefenden Rinne zu bilden, während eine immer kleinere Medianparthie 
der Mittelplatte för den Boden der Rinne bleibt. 

In Fig. 13 ist der Boden der Rinne schon völlig flach und zeigt 
nichts mehr von der früheren Vorwölbung nach aufsen. Dem entspre- 
chend hat sich auch der Grenzcontour zwischen Platte und Dotter geän- 
dert; er ist eine elliptische oder annähernd kreisförmige Linie geworden. 

In Fig. 14 hat sich die Rinne noch um ein Bedeutendes weiter 
verengt. Die Ectoderm -Ränder haben sich so sehr genähert, dafs die 
Rinne nur mehr als schmaler Spalt zwischen den Ectoderm -Zellen be- 
merkbar ist. Im Innern jedoch gewinnt sie ein etwas breiteres Lumen 
von ungefähr kreisförmigem Querschnitt. Demselben entspricht ein kreis- 
förmiger Aufsencontour der Anlage des unteren Blattes. Das Ectoderm (ec) 
ist zu einem ziemlich hohen Oylinderepithel geworden, dessen Zellkerne 
sämmtlich in einer Reihe neben einander liegen. 

Besonderes Augenmerk müssen wir den Zellen a und b zuwenden, 
welche den medialen Rand des Ectoderms bezeichnen. Dieselben sind 



Über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 15 

über den aufgestülpten seitlichen Wulst der Mittelplatte in die Rinne hin- 
eingewuchert und stehen sich mit convexer Oberfläche am Eingang der 
Rinne gegenüber. Bei Verschlufs der Rinne schliefsen sich diese Zellen 
an einander, indem die beiden convexen Flächen sich berühren. 

Die Form der Zelle c ist gleichfalls von Interesse. Dieselbe ist 
gegen den Dotter gedrängt und von unregelmäfsig polygonaler Form ge- 
worden. 

Der Schnitt Fig. 15 zeigt die an diesem Stadium am weitesten 
vorgeschrittenen Verhältnisse. Die Rinne hat sich vollständig abgeschlos- 
sen, und es ist dadurch zur Bildung eines Rohres gekommen, dessen Lumen 
und äufserer Querschnitt schon einigermafsen flachgedrückt erscheinen. 
Während die früheren Schnitte einen kreisförmigen Aufsencontour der An- 
lage des unteren Blattes zeigten, erkennen wir an diesem Schnitt die 
Form einer Ellipse, deren lange Axe der Oberfläche des Embryo's pa- 
ralell läuft. Die Anlage des unteren Blattes ist demnach in verticaler 
Richtung abgeplattet, ferner bemerken wir, dafs das Rohr sich mehr 
und mehr von den angrenzenden Ectodermrändern emancipirt. Es stehen 
nur mehr wenig Ectoderm- Zellen in directem Oontact mit der Anlage 
des unteren Blattes. Der meniscoidale Spalt (sp) zwischen Ectoderm und 
dem unteren Blatt greift immer weiter medianwärts und füllt sich mit 
Nahrungsdotter-Elementen. Von Bedeutung ist die Art und Weise, in 
welcher der Verschlufs des Rohres bewirkt ist. An demselben betheiligt 
sich sowohl das Ectoderm als das untere Blatt. Während in der Tiefe 
zunächst dem Lumen Zellen des unteren Blattes sich aneinandergelagert 
haben, verschliefsen aufsen jene zwei Ectoderm - Zellen , welche in die 
Rinne hineingewuchert sind, dieselbe, so dafs durch diesen Contact an 
der Oberfläche das Ectoderm völlig geschlossen ist. Andererseits ist das 
Rohr durch seinen vollständigen Verschlufs auch zu einem Organ von 
gröfserer Selbstständigkeit geworden. Wenn wir uns denken, dafs der 
von den Seiten gegen die Mittellinie fortschreitende Spalt die Mittellinie 
erreicht, so gelangen wir zum Verständnifs, wie die vollständige Sonde- 
rung der Anlage des unteren Blattes vom Ectoderm sich vollzieht. 

Ich mufs hier erwähnen, dafs die Schnitt-Serien in Übereinstim- 
mung mit dem Oberflächenbild zeigen, dafs der Verschlufs der Rinne 
nicht continuirlich von vorn nach hinten sich vollzieht, sondern dafs im 



16 H E I D E R : 

Verlauf der abgeschlossenen Strecke den Segmenten entsprechend, von 
Stelle zu Stelle sich offengebliebene, rautenförmige, kleine Lücken ein- 
schieben (Ta/. /. Fig.6)j ein Verhalten, auf welches wir schon oben auf- 
merksam gemacht haben. Der einem späteren Stadium angehörige Schnitt 
auf Taf. I. Fig. 17 zeigt noch immer ganz deutlich diesen intersegmental 
verzögerten Verschlufs des zum unteren Blatt sich ausbildenden Rohres. 

Die nächste nach vollendeter Bildung dieses Rohres zur Beobach- 
tung kommende Erscheinung ist eine Verbreiterung desselben, welche 
gleichzeitig mit einer Verringerung der Höhendimension einhergeht; oder, 
da die vom Ectoderm bedeckte Fläche des Rohres der ventralen Seite 
des Embryos entspricht, so können wir auch von einer Abplattung des 
Rohres nach der dorsoventralen Richtung sprechen. Die Schnitte, welche 
auf Taf. I. Figg. 16 ^ 17 u. 18 abgebildet sind , zeigen den Beginn dieses 
Processes, während wir sein Fortschreiten auf Taf. II an den Schnitten 
Figg. 21, 22, 23 u. 24 verfolgen können. 

Die auf Taf. I. Figg. 16 u. 17 dargestellten Schnitte entstam- 
men einem Embryo, welcher um ein Weniges jünger war, als der in 
Fig. 6 derselben Tafel abgebildete. Die querelliptische Gestalt, welche 
uns der Querschnitt darbietet, ist ebenso auffällig, als die Abflachung, 
welche das Lumen des Rohres nach derselben Richtung erfahren hat. 
Dasselbe zeigt sich in der Form einer ziemlich abgeflachten Querspalte 
von geringer Ausdehnung. Diese Schnitte machen den Eindruck, wie 
wenn das Rohr durch einen in dorsoventraler Richtung wirkenden Druck 
comprimirt worden wäre, und dieser Eindruck wird noch erhöht durch 
die Verhältnisse, welche das Rohr dem Ectoderm gegenüber aufweist. 
Während die seitlich von dem Rohr gelegenen Zellen der Ectodermplatte 
ein hohes, aus regelmäfsigen Prismen bestehendes Cylinderepithel dar- 
stellen, sind die über dem Rohr gelegenen Ectoderm - Zellen von mehr 
wenig kurzcylindrischer oder kubischer Gestalt, und wenn wir die Schnitte 
Fig. 16 u. 17 mit dem in Fig. 15 dargestellten Querschnitt eines frühe- 
ren Stadiums vergleichen, so fällt uns auch auf, dafs nun der Contact 
des Rohres mit dem Ectoderm wieder ein viel innigerer geworden ist. 
An Fig. 16 erscheint das Rohr des unteren Blattes durch den besproche- 
nen dorsoventralen Druck geradezu wie in das Ectoderm hineingepreßt. 
Das ist natürlich nur eine roh mechanische Vorstellung, welche zu nichts 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceiLS L. 17 

anderem dienen soll, als uns den Ablauf dieser Wachsthumsprocesse in — 
ich möchte sagen — symbolischer Art zu versinnlichen. 

Betrachten wir die Zellen, aus denen das Rohr in dem besproche- 
nen Zeitpunkt zusammengesetzt ist, so finden wir gegenüber der Fig. 15 
auch schon erhebliche unterschiede. Allerdings haben zahlreiche Zellen 
noch die langgestreckt prismatische, pyramidale oder Spindelform sowie 
ihre Orientirung nach der radialen Richtung um das Lumen des Rohres 
beibehalten. Aber wir finden doch schon bedeutend mehr kurzpyrami- 
denfOrmige, kubische oder unregelmäfsig polygonale Elemente besonders 
in den dem Ectoderm anliegenden Theilen des Rohres. Ich habe es nicht 
untersucht, ob zahlreich auftretende Quertheilungen oder active Formver- 
änderungen der das Epithel des Rohres zusammensetzenden Zellen die 
Ursache dieser Umwandlungen sind, doch glaube ich, dafs beide Processe 
gemeinsam nach dieser Richtung wirken. Auf jeden Fall hat bei dem in 
Rede stehenden Stadium das Epithel des Rohres in noch viel höherem 
Grade den Character des mehrschichtigen Cylinderepithels angenommen. 

An dem in Fig. 18 dargestellten Querschnitt durch einen Em- 
bryo, welcher nahezu dem Stadium Fig. 6 entsprach, finden wir diese 
Umformung der Zellen des unteren Blattes in Elemente von unregelmäfsig 
polygonaler Gestalt noch weiter vorgeschritten. Ebenso hat die Abplat- 
tung nach der dorsoventralen Richtung zugenommen. Das Lumen des 
Rohres ist in Folge dessen dem völligen Verschwinden nahe. An unse- 
rem Querschnitte zeigt es sich allerdings in der queren Richtung ziem- 
lich ausgedehnt. DafQr ist es in der MedianUnie durch Aneinanderlage- 
rung der der oberen und unteren Schicht des unteren Blattes angehörigen 
Zellen beinahe zum Verschlusse gekommen. An anderen Schnitten der- 
selben Serie, kann ich in der That kaum eine deutliche Spur dieses Lu- 
mens mehr wahrnehmen. 

Es sollte uns daher nicht wundern, wenn wir in den folgenden 
Stadien dasselbe völlig obliterirt fänden, dennoch ist dies nicht der Fall. 
Es erweitert sich im Gegentheil in darauffolgenden Stadien wieder etwas 
mehr und wird zu einem Querspalt von erheblicher Ausdehnung. Der 
von mir Taf. II. Fig. 21 abgebildete Querschnitt, welcher wieder einer 
intersegmentalen Stelle entspricht und einem Embryo entnommen ist, 
welcher ungefähr auf der Stufe der Kowalevsky'schen Fig. 6. Taf. VIII 

Phys. Äbh. nicht zur Äkad. gehör. Gelehrter. 1885. I. 3 



18 Heider: 

(Claus, Fig. 476 e) stand, zeigt diese dem vollständigen Verschlufs des 
Lumens vorhergehende, mir anfangs auffällige Erweiterung auf das deut- 
lichste. Ich habe dieselbe an Querschnitten durch diese Stadien so re- 
gelmäfsig vorgefunden, dafs ich nicht umhin kann, diese Erscheinung als 
der Norm des Entwickelungsprocesses zugehörig zu betrachten. Ich finde 
die Ursache dieser Vergröfserung des Lumens 1) in der fortschreitenden 
Ausdehnung, welche das untere Blatt nach der Breitendimension nimmt 
und 2) in der stets zunehmenden Zusammenziehung der Zellen des un- 
teren Blattes zu rundlichen oder unregelmäfsig polygonalen Formen. Denn, 
da in früheren Stadien das verhältnifsmäfsig kleine Lumen des Rohres 
von hohen prismatischen Zellen umgrenzt wurde, so mufs, wenn diesel- 
ben sich nach der Hohendimension verkürzen und der Aufsencontour des 
Rohres derselbe bleibt, das Lumen des Rohres entsprechend erweitert 
werden. 

Betrachten wir im Anschlüsse den einem noch etwas weiter vor- 
geschrittenen Stadium entnommenen Schnitt Taf. II. Fig. 22, so macht 
uns derselbe den Eindruck, wie wenn nun die in dorsoventraler Richtung 
wirkende Compression endgültig das Übergewicht erhalten hätte. Das 
Lumen des Rohres ist vollständig verschlossen und wir erkennen die 
letzte Andeutung desselben als einen kaum merkbaren Spalt {sp)y der 
aber dennoch deutlich die Grenze zwischen zwei Schichten des unteren 
Blattes markirt. 

Dafs die Ränder des Ectoderms an diesen Schnitten nicht anein- 
ander schliefen, während sie an den Schnitten Fig. 15 u. 16 der früheren 
Stadien schon völlig mit einander verwachsen waren, darf uns nicht 
Wunder nehmen. Solche Differenzen in der Entwickelung dieser ersten 
Stadien, welche sehr rasch aufeinander folgen, finden sich gar häufig, 
gleichen sich aber im Verlauf der weiteren Entwickelung immer wie- 
der aus. 

Wir wollen nun die Schilderung der weiter sich ergebenden Ver- 
änderungen unterbrechen, um den Verschlufs des vordersten oder rauten- 
förmigen Theils des Rohres ins Auge zu fassen, welcher, wenngleich 
nach demselben Typus, so doch unter einem etwas anderen Modus ab- 
läuft, als der ist, den wir für die übrige Parthie des Rohres beschrieben 
haben. Schon Eowalevsky hat auf diesen Unterschied aufmerksam ge- 



^ 

Über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceits L. 19 

macht. — Auf p. 34 seiner „Embryologischen Studien an Würmern und 
Arthropoden'' sagt er: „Aus dem oben Gesagten ist es schon klar, dafs 
das zweite oder untere Blatt aus dem oberen oder aus den Zellen des Bla- 
stoderms entsteht, welche eine geschlossene Röhre bildeten, deren Zellen 
sich abrunden und in eine Schicht oder das Blatt zerfallen; oder es entsteht 
wie am vorderen Ende der Fig. 6, wo die Rinne sich nicht zu einem 
Rohre schliefst, dadurch, dafs die Zellen, welche den Boden der 
Rinne bilden, sich abrunden und auseinander treten. Die eine 
Art der Bildung geht in die andere ganz allmählich über.'' Seine hierauf 
bezügliche Abbildung Taf. IX. Fig. 22 scheint mir allerdings einem Sta- 
dium entnommen, an welchem auch im Vorderende der Rinne der Abson* 
derungsprocefs des unteren Blattes im Wesentlichen schon beendet ist. 
An Querschnitten durch entsprechende Stadien gewinnt man in der That 
häufig den Eindruck, wie wenn im vordersten Theile der Rinne die Ver- 
senkung des unteren Blattes in der Weise vor sich ginge, dafs die me- 
diane Platte unter das Niveau des Ectoderms einsinkt, und die Ectoderm- 
ränder, nachdem sie den Zusammenhang mit dieser Platte verloren ha- 
ben, sich einfach median wärts über dieselbe gegen einander schieben. 
Nach einer genauen Durchmusterung zahlreicher Schnitte jedoch habe ich 
bei aufmerksamem Zusehen auch hier den unteren umgeschlagenen Theil 
jener Falte, welchen die medianwärts sich vorschiebenden Ectodermränder 
mit der in die Tiefe gesenkten Mittelplatte bilden, auffinden können, und 
der von mir Taf. I. Fig.] 20 dargestellte Schnitt läfst denselben ganz 
deutlich erkennen (bei a). — Ich glaube, dafs der ganze unterschied, der 
sich hier im Typus der Einstülpung darbietet, darin begründet ist, dafs 
der Verschlufs der Rinne so lange verzögert ist, während die übrigen Ver- 
änderungen auch von diesem Theil der Mittelplatte mitgemacht werden. 
Es ist daher die Mittelplatte schon in abgerundete und polygonale Zellen 
zerfallen, welche in gelockerterem Zusammenhang stehen, als die prisma- 
tischen Zellen, aus denen sie hervorgegangen sind, und die Rinne als 
Ganzes (auch ihr Lumen) ist flachgedrückt und erscheint wie in das Ec- 
toderm hineingeprefst, zu einer Zeit, da die Ränder derselben noch weit 
von einander entfernt sind. Die Fig. 20 auf Taf. I weist ungefähr die- 
selben Verhältnisse auf, wie Fig. 12 oder i5, wenn wir uns die erwähnten 
Veränderungen an der Rinne vorgenommen denken. Wenn ich den Ein- 

3» 



20 H E I D E R : 

druck sprechen lassen darf, welchen das Bild in Fig. 20 und die hierher 
gehörigen Schnitte hinsichtlich der Mechanik der hier ablaufenden Ein- 
stfilpungs -Vorgänge auf mich machen, so möchte ich sagen, es hat fast 
den Anschein, als wenn bei dem Zerfall der Mittelplatte in zahlreiche, 
gelockerte, polygonale oder rundliche Elemente und der gröfseren Ver- 
schieblichkeit derselben, dieselbe dem von den Seiten her einwirkenden 
Druck nicht mehr genügenden Widerstand dargeboten hätte, um als Gan- 
zes zu einem eigentlichen Rohr eingebogen zu werden. Immerhin werden 
wir auf diese Verschiedenheit im EinstOlpungs-Modus gegenüber den mitt- 
leren und hinteren Parthien der Rinne keinen besonderen Werth legen, 
da ja der Typus der Einstülpung, wie wir gesehen haben, in beiden 
Fällen derselbe ist. 

Wenn nun die Rinne ihrer ganzen Ausdehnung nach zum Ver- 
schlusse gekommen, und auch die Embryonalhüllen sich vollständig oder 
doch nahezu vollständig über dem Embryo geschlossen haben, tritt der- 
selbe in die zweite Entwickelungsperiode Eowalevsky's ein. Man 
könnte dieselbe bezeichnen als die Stufe der Organ -Anlagen aus den Keim- 
blättern. Denn diese Thätigkeit des Embryos ist für die vorliegende Reihe 
von Umwandlungen charakteristisch. Allerdings reicht auch die Sonde- 
rung der Keimblätter von einander noch in diese Zeit des Embryonal- 
lebens herein. Denn die Trennung der aus dem unteren Blatt Kowa- 
levsky's entstehenden Keimblätter: Entoderm und Mesoderm hat sich 
zu Anfang dieser Periode noch nicht vollzogen und dieser Procefs ist es 
gerade, welcher unsere Aufmerksamkeit in hervorragendem Mafse in An- 
spruch nehmen wird. Wir werden sehen, dafs dieser Procefs mit dem 
Auftreten der einzelnen Organ -Anlagen Hand in Hand geht. Im Allge- 
meinen können wir — wenn wir die fortschreitende Diflferenzirung vom 
Allgemeinen zum Besonderen, je nachdem sie sich auf die Hervorbrin- 
gung von Keimblättern, Anlagen von Organsystemen oder specifisch dif- 
ferenten Geweben richtet, mit Karl Ernst v. Baer^) als primäre, mor- 
phologische und histologische Sonderung unterscheiden wollen — die von 



^) Karl Ernst v. Baer, über die Entwickelungsgeschichte der Thiere. Königs- 
berg 1828. I. Theil. II. Scholion. III. Innere Ausbildung des Individuums pag. 153. 



über die Anlage dei* Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 21 

Kowalevsky geschiedenen drei Entwickelungsstufen des j&yrfropAtftts- Em- 
bryos auf jene drei Grade der Differenzirung beziehen. 

Unser Taf. IL Fig. 23 abgebildeter Querschnitt gehört noch der 
ersten £ntwickelungsperiode an, steht aber mit den darauf folgenden an 
der Grenze gegen die zweite. Er ist einem Embryo entnommen, welcher 
der Kowalevsky'schen Fig. 7 auf Taf . VTII gleichwerthig ist. 

Das Ectoderm läfst bereits zu beiden Seiten der Medianlinie eine 
schwach angedeutete Verdickung erkennen, in welcher wir die erste 
Andeutung des auftretenden Nervensystems (PrimitivwQlste Hatscheck^s) 
erkennen. Die Embryonalhäute, welche sich Ober den Keimstreifen schlie- 
fsen, sind der Einfachheit halber auf der Zeichnung nicht ausgeführt. Uns 
interessiren vor Allem die Verhältnisse des unteren Blattes. Wenn wir 
dieselben mit den in Ftg. 22 dargestellten vergleichen, so ist die völlige 
mediane Verwachsung des Ectoderms, die Anordnung der Zellen derselben 
nach einer gerade fortlaufenden, basalen Linie, kurz die völlige Trennung 
des Ectoderms vom unteren Blatt bemerkenswerth. Ferner sehen wir die 
beträchtliche Breitenzunahme, welche dasselbe aufzuweisen hat. Während 
in den bisher geschilderten Stadien das Rohr des unteren Blattes nur von 
einem verhältnifsmäfsig schmalen, medianen Antheii des Ectoderms direct 
bedeckt wurde, hat sich nun das untere Blatt zu einer Platte ausgedehnt, 
deren Breite nahezu der des ectodermalen Antheils des Eeimstreifens gleich- 
kommt. Von dem Spalt, welchen wir als den letzten Rest des Lumens 
des flachgedrückten Robres erkannt haben, ist an dem vorliegenden Schnitt 
kaum etwas zu erkennen, wenn ich nicht den letzten Rest desselben in 
einer etwas unregelmä&igen und weniger dichten Aneinanderlagerung der 
Zellen in den mittleren Parthien des unteren Blattes erkennen will. Den- 
noch glaube ich keinen Fehlgriff zu begehen, wenn ich die zwischen den 
beiden Schichton des unteren Blattes in den nächstfolgenden Stadien auf- 
tretende Grenze auf diesen im vorliegenden Schnitt undeutlich geworde- 
nen Spalt zurückbeziehe. Denn auch in dem vorhandenen Stadium kann 
ich an histiologischen Unterschieden deutlich das Vorhandensein von zwei 
Schichten erkennen, in welche das untere Blatt Kowalevsky's getrennt 
ist. Von diesen beiden Schichten will ich stets die dem Ectoderm an- 
liegende als die äufsere (a) und die dem Dotter anliegende als die in- 
nere (i) bezeichnen. Ich glaube, dafs die Grenze zwischen beiden 



22 H £ I D E R : 

Schichten hervorgegangen ist aus dem in querer Richtung ver* 
breiterten Lumen des eingestülpten Rohres. Da ich diesen Ein- 
stülpungs-Procefs als echte Gastrulation und das Lumen dieser Einstül- 
pung als Urdarmhöhle auffasse, so werden wir in der Grenze zwischen 
der inneren und äufseren Schicht des unteren Blattes den letzten Rest 
der Urdarmhöhle zu erkennen haben. 

Was die histiologischen Unterschiede, welche mich auch an dem 
vorliegenden Stadium eine Sonderung in zwei Schichten erkennen lassen, 
anbelangt, so sind es folgende: die Zellen der äufseren Schicht sind im 
Wesentlichen unregelmäfsig polygonal oder kubisch geformt. Wenn man 
an einigen von ihnen jedoch eine Dimension vergröfsert findet, so ist es 
stets die Richtung senkrecht auf die Oberfläche des Embryos. Die Zellen 
dieser Schicht zeigen sich also zum Theil in dorsoventraler Richtung ver- 
längert. Femer sind sie etwas stärker granulirt und zeigen auch gegen 
Reagentien ein etwas anderes Verhalten, als die Zellen der inneren Schicht, 
indem sich mit Carmin auch ihr Zellkörper etwas stärker färbt. Die 
Zellen der inneren Schicht dagegen sind stets deutlich in der Richtung 
parallel zur Oberfläche des Embryos abgeplattet. Sie erscheinen weniger 
stark granulirt und ihre Zellsubstanz färbt sich weniger mit Carmin^). 
In Fig. 23 sind diese schwach ausgeprägten histiologischen Differenzen 
durch Punktirung der stärker granulirten Zellen der äufseren Schicht an- 
gedeutet. 

Wenn ich mir die Frage vorlege^ warum in diesem Stadium die 
Grenze zwischen beiden Schichten des unteren Blattes so undeutlich er- 
scheint, während sie schon in den nächstfolgenden Stadien wieder scharf 
markirt hervortritt, so möchte ich als Ursache dieser Erscheinung bezeich- 
nen: die regen Wachsthums-Processe, durch welche die Volums Vermehrung 
des unteren Blattes auf dieser Stufe hervorgebracht wird. Die Verbreite- 
rung dieser Schicht geht unter reger Zellvermehrung und unter Verschie- 
bungen und Änderungen der gegenseitigen Lage der Zellen vor sich. Ich 
möchte sagen, das untere Blatt ist in dem besprochenen Zeitpunkt in 



^} Bei diesen embryonalen Geweben zeigt die Zellsubstanz selbst nach langem 
Auswaschen der Färbeflüssigkeiten eine schwache Färbung. Es sind Nuancen in dieser 
Färbung, auf welche ich mich oben beziehe. 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceu^ L. 23 

Flufs gerathen, um erst in den folgenden Perioden wieder wesentlich ge- 
änderte, stabilere Verhältnisse aufzuweisen. 

Es mufs hier darauf hingewiesen werden, wie wesentlich sich der 
histiologische Charakter des unteren Blattes während der beschriebenen 
Processe geändert hat. Während dasselbe in den früheren Stadien ein 
anfangs einschichtiges, später mehrschichtiges Epithel dargestellt hat, 
ist dasselbe nun zu einer Art Parenchym umgewandelt, welches zwischen 
Ectoderm und Dotter als untere Schicht des Eeimstreifs sich ausbildet. 

Der folgende Schnitt (Fig. 24)^ welcher der Kowalevsky'schen 
Fig. 26 auf Taf. IX gleich ist und dem Eowalevsky'schen Stadium 
Fig. 8 auf Taf. Vni (Claus Fig. 476/) entnommen ist, zeigt gegenüber 
dem eben besprochenen nur die regelmäfsigere Anordnung der Elemente 
des unteren Blattes nach zwei Schichten, von denen die äu&ere an man- 
chen Stellen am Querschnitt aus mehreren über einander liegenden Zell- 
reihen zusammengesetzt ist, während die innere Schicht (i) wohl überall 
nur aus einer einzigen Zellschicht besteht. 

Die nächste nun zur Beobachtung kommende Erscheinung ist, dafs 
die innere Schicht des unteren Blattes längs der Medianebene des Embryos 
sich trennt und von derselben sich zurückzieht, so dafs in den dadurch 
frei gewordenen Raum der Dotter sich vordrängt, bis er mit der äufse- 
ren Schicht des unteren Blattes in Berührung tritt. Diese Veränderung 
ist an dem in Fig. 25 dargestellten Querschnitt durch den Abdominaltheil 
eines Embryos zu sehen, welcher dem Eowalevsky 'sehen Stadium Fig. 9 
auf Taf. VIII entspricht. Es folgt in den nächsten Entwickelungs- Perio- 
den ein Stadium, in welchem auch der Mediantheil der äuiseren Schicht 
des unteren Blattes die gleiche Trennung erfährt, so dafs der Dotter 
bis an das Ectoderm heranreicht. Das erkennen wir an Eowalevsky 's 
Fig. 27 auf Taf. X. Der von mir Taf. IL Fig. 26 abgebildete Schnitt 
liegt nun in der Mitte zwischen meiner Fig. 25 und der erwähnten Fig. 27 
Kowalevsky's. Er war dem Stadium von Kowalevsky's Fig. 10 auf 
Taf. VIII entnommen und ich konnte an diesen Stadien die ersten Spuren 
der auftretenden SegmentalhOhlen erkennen. Der in Rede stehende Schnitt 
zeigt jederseits in den lateralen Parthien des unteren Blattes einen zwi- 
schen der inneren (i) und äuiseren (a) Schicht desselben aufgetretenen 
Spalt. Wenn man eine vollständige Serie von Schnitten dieser Stadien 



24 H E I D E R : 

übersieht, so finden wir an der Grenze zwischen je zwei Segmenten stets 
eine Stelle, an welcher der Contact zwischen der äuiseren und inneren 
Schicht des unteren Blattes erhalten geblieben ist. Es sind dies jene 
Stellen, welche dem zwischen je zwei benachbarten Segmenthohlen sich 
bildenden Septum entsprechen. 

Eowalevsky giebt an, dafs sich diese in sämmtlichen Segmenten 
(mit Ausnahme des Kopf- und des Mandibularsegmentes) auftretenden 
ürsegmenthöhlen in der Weise bilden, dafs die seitlichen Ränder des flä- 
chenhaft ausgebreiteten unteren Blattes sich nach unten umschlagen und 
eine Falte bilden, welche den segmentalen Hohlraum umgebe und aus 
fast cylindrischen Zellen bestehe. Dagegen konnte ich mich auf das Be- 
stimmteste überzeugen, dafs die Bildungsweise der Ürsegmenthöhlen eine 
andere ist. Es erweitert sich nämlich jederseits segmentweise 
die zwischen der äufseren und inneren Schicht des unteren 
Blattes vorhandene Grenze zu einem Spalt, welcher in den folgen- 
den Stadien immer mehr an Höhenausdehnung gewinnt, und so zu einem 
auf dem Querschnitt mehr weniger rundlichen oder ovalen Hohlraum sich 
ausbildet, während die denselben umgebenden Zellen sich immer mehr — 
wie schon Kowalevsky angiebt - zu einem aus cylindrischen (später 
aus cubischen) Zellen bestehenden Epithel organisiren. Da die ürseg- 
menthöhlen stets nur auf den lateralen Antheil des unteren Blattes be- 
schränkt bleiben, so müssen wir sowohl an der äufseren, als an der in- 
neren Schicht desselben von nun an zwei Regionen unterscheiden, näm- 
lich eine der Medianlinie genäherte Zone, welche den bisherigen Charak- 
ter ungeändert bewahrt hat, und eine laterale Region, in welcher die Zel- 
len zu einem die Segmenthöhle umschliefsenden niedrigen Cylinderepithel 
sich augeordnet haben. 

Für die äufsere Schicht des unteren Blattes hat nun diese Tren- 
nung in einen medianen und einen lateralen Antheil keinen besondern 
Werth, da die beiden Parthien im Lauf der weitern Entwickelung ihren 
Zusammenhang nicht verlieren, sondern sich als Ganzes stets dem Ecto- 
derm des Keimstreifs anliegend zur Muskelschicht der Körperwandung 
umbilden. Anders verhält es sich aber mit der innern Schicht des unte- 
ren Blattes. Denn während jener laterale Antheil derselben, 
welcher die Ursegmenthöhle begrenzt (i), zum gröfsten Theile zur Bildung 



Über die Anlage der Keimblätter von Hydrophiltis piceus L. 25 

der Muskelschicht des Mitteldarms aufgebraucht wird und daher das 
Darmfaserblatt darstellt, gewinnt die mediale Parthie sehr bald 
einen histiologisch diflFerenten Charakter und wandelt sich durch einen 
merkwürdigen Umordnungsprocefs zur Epithelschicht des Mittel - 
darms um, sodafs sie von nun an als definitive Entoderman- 
läge bezeichnet werden mufs. 

Ich bin in meiner Schilderung etwas vorausgeeilt und habe Verän- 
derungen anticipirt, welche auf dem Schnitt Fig. 26 nur in ihren ersten 
Anfangen zu erkennen sind. Der in meiner Fig. 27 dargestellte Schnitt 
zeigt schon wesentlich vorgeschrittene Verhältnisse (Stadium der Eowa- 
levsky 'sehen Fig. 11 auf Taf. VIII) und schliefst sich an Fig. 26 nicht 
ganz direct an. Immerhin lassen sich die eingetretenen Veränderungen 
leicht auf die für die früheren Stadien beschriebenen Zustände zurück- 
führen. Wir bemerken vor Allem — wenn wir das Ectoderm ganz aus 
dem Bereich unserer Betrachtung ausschlie&en — eine ungeheure Zell- 
production, durch welche die Elemente der äufseren Schicht des unteren 
Blatts (somatische Mesodermschicht) sich beträchtlich vermehrt haben. 
Das Epithel der UrsegmenthOhle (h) ist in seinem, auf der Abbildung 
nach oben gekehrten, dem Ectoderm zugewendeten Antheile, welcher sich 
an die somatische Mesodermschicht anschliefst, aus einem einfachen Lager 
cubischer Zellen zusanmiengesetzt. Dagegen ist die untere, dem Dotter 
zugewendete Hälfte desselben (splanchnische Mesodermschicht) zu einem 
mehrschichtigen hohen Gylinderepithel umgewandelt. Nach innen von 
dieser Schicht und noch die ursprünglichen Lagerungsverhältnisse aufwei- 
send finden wir die Entodermanlage. Die Zellen derselben haben sich 
nicht in gleichem Mafse vermehrt, wie die Elemente des Mesoderms; da- 
gegen weisen sie schon jetzt in ihrem histologischen Verhalten einige Dif- 
ferenzen auf, durch welche sie sich von nun an von den Elementen des 
Mesoderms unterscheiden. Die Zellen des Entoderms sind vor Allem et- 
was gröfser, als die Mesodermzellen und von succulenterem Aussehen. 
Während die Zellsubstanz der Mesodermzellen auch immer an gefärbten 
Präparaten eine blasse Farbennuance angenommen hat, weisen die Ento- 
dermzellen eine reine Kemfarbung auf und sind durch ihren etwas grös- 
seren, stets stark gefärbten Kern aufEäUig. Solche minutiöse Unterschiede 
des histologischen Gesammteindrucks lassen sich bei dem wenig ausge^ 

Phys. Äbh, nicht zur Akad. gehör, Gelehrter, 1885, I, 4 



26 H £ I D £ R : 

prägten Verhalten des embryonalen Gewebes schwer beschrieben. Es 
scheint mir auch, wie wenn die Zellen des Mesodermlagers etwas stärker 
granulirt wären. 

Ein weiterer, auffälligerer Unterschied betriflft die Form und die 
Lagerung der Zellen zu einander. Die Zellen der Mesodermanlage liegen 
in diesen Stadien noch dicht gedrängt; daher zeigen die Zellgrenzen po- 
lygonale, eckige Umrisse, während die Zellen der Entodermanlage sich 
abgerundet haben und zu einem lockeren Geffige vereinigt sind, welches 
zahlreiche Spalten zwischen den einzelnen Zellen erkennen läfst. Nur 
einige der Medianlinie genäherte ZeUen des Entoderms haben noch den 
für die früheren Stadien beschriebenen abgeplatteten Umrifs beibehalten 
(Fig. 27 bei a). — 

In Bezug auf den Dotter hätten wir einer Veränderung Erwähnung 
zu thun, welche seit dem durch Fig. 25 vertretenen Stadium aufgetreten 
ist. Es ist dies der Procefs der Dotterfurchung, welcher dadurch zu 
Stande kommt, dafs der Dotter in den einzelnen in ihm enthaltenen Ker- 
nen entsprechende Territorien zerf&Ut. 

Die nächste nun zur Erscheinung kommende, wichtige Veränderung 
ist, dafs die Entodermanlage als Ganzes sich nach der lateralen Richtung 
verschiebt und dabei zwischen die splanchnische Mesodermschicht und 
den Dotter einwandert. Über die Mechanik dieses Vorgangs kann ich 
mich nur vermuthungsweise äufsern. Ich habe schon oben gesagt, dafs 
die Entodermzellen dieser Stadien ein succulentes Aussehen und eine un- 
regelmäfsig rundliche Form zeigen und nur locker aneinander gelagert 
sind. Ich kann hinzufdgen, dafs sie fast den Eindruck von amoeboiden 
Wanderzellen machen. Nun beginnt gerade in diesem Zeitpunkt eine par- 
tielle Abhebung des Keimstreifs vom Dotter, durch welche die in Fig. 29 
schon mächtig angewachsenen Höhlungen c zu Stande kommen, welche 
mit einer eiweifshaltigen serösen Flüssigkeit sich fallen. In dem in Fig. 28 
dargestellten Zeitpunkt erscheinen die dem Dotter anliegenden Theile des 
Keimstreifs mit Rücksicht auf diese beginnende Ausbildung der Leibes- 
höhle wie mit Serum durchtränkt und ein wenig gelockert. Auf jeden 
Fall ist der Verband des Keimstreifs mit dem Dotter ein weniger inniger 
als früher. Ich kann daher den Gedanken nicht von mir weisen, dafe die 
Lageveränderung des Entoderms vielleicht doch durch actives Wandern 



über die Anlage der Keimblätter von Hydropkäus piceus L. 27 

der diese Anlage zusammensetzenden Zellen zu Stande kommt. In wie 
weit hierbei auch Wachsthumsdifferenzen in Frage kommen, wage ich 
nicht zu entscheiden. 

Der Querschnitt Fig. 28^ welcher diesen höchst wichtigen Pro- 
cels der Umlagerung des Entoderms darstellt, stammt ungefähr von dem- 
selben Stadium, wie der vorhergehende Schnitt. Da nicht alle Segmente 
in der Ausbildung gleichen Schritt halten, so gelingt es oft sogar, an 
den aufeinanderfolgenden Schnitten derselben Serie verschiedene Stufen 
der Entwickelung au&ufinden. 

Der nun zur Besprechung kommende Querschnitt eines Embryos 
(Taf. n. Fig. 29) von der Entwickelungsstufe der Kowalevsky'schen 
Fig 11 zeigt wichtige zur Ausbildung gelangte Differenzir ungen , welche 
ich, soweit sie mit dem hier zu besprechenden Thema in keinem direc- 
ten Zusammenhang stehen, nur kurz erwähnen will. Dieser Querschnitt 
hat das beiderseitige Tracheestigma eines Thoracalsegmentes getroffen. 
Die Eingänge in die zu weiten, platten Säcken sich ausbuchtenden Ecto- 
dermeinstfllpungen der Tracheenanlage sind mit st bezeichnet. Median- 
wärts von denselben finden wir die Extremitätenquerschnitte j9, aus Ec- 
toderm und noch solider Mesodermmasse bestehend. In der Medianebene 
selbst sehen wir schliefslich den Querschnitt der Bauchganglienkette ge- 
legen, aus den vom Ectoderm schon abgetrennten Seitensträngen ($) und 
dem eingestülpten Mediantheil (m) bestehend. Fig. 30 auf Taf. II zeigt 
diese Verhältnisse in vergröfsertem Mafsstabe. 

In erhöhtem Mafse müssen unser Interesse in Anspruch nehmen 
die Veränderungen, welche die Gebilde des Mesoderms erkennen lassen. 
Durch eine beiderseits aufgetretene Abhebung des Keimstreifs vom Dot- 
ter hat sich ein mit seröser Flüssigkeit gefüllter Hohlraum (c) gebildet, 
welcher nach aufsen zu von dem lockeren Lager des somatischen Meso- 
derms begrenzt ist, während seine innere oder an der Zeichnung untere 
Grenze direct von der nackten Oberfläche des Dotters dargestellt ist. 
Wir bemerken derselben anliegend allerdings vereinzelte amoeboide Wan- 
derzellen, welche sich auch zu Haufen aggregiren können (^Figg. 29aj 32a). 
Allein diese Elemente gaben keiner der späteren Organbildungen denUr- 
Sprung, sondern werden, wie mir höchst wahrscheinlich geworden, zu 
Blutkörperchen umgewandelt. 

4» 



28 H £ I D £ R : 

Der Hohlraum c, welcher sich zwischen dem Dotter und der so- 
matischen Mesodermlage erstreckt, ist die erste Anlage der definitiven 
Leibeshöhle der Insecten. Dieselbe bildet sich demnach unabhängig von 
den Ursegmenthohlen , und muis der Art ihrer Bildung nach wohl von 
der primären Leibeshohle abgeleitet werden. 

Wenn wir die Theile des Eeimstreifs auf die spätere Larve bezie- 
hen, so entspricht die Anlage der Bauchganglienkette der Ventralseite, die 
Stellen, an denen wir die Stigmen an unserem Schnitte vorfinden, den 
Seitentheilen der Larve, während die noch weit auseinander liegenden 
zwei Punkte, wo das Ectoderm des Eeimstreifs in das Amnion umbiegt, 
der Medianlinie des Rückens der Larve entsprechen. Da das Entoderm- 
zellenlager (m) und die splanchnische Mesodermschicht (sp) diesem — 
später dorsalen — Antheil des Eeimstreifens angehören, so geht daraus 
hervor, dafs an diesem Stadium die Mitteldarmwand beiderseits nur al& 
eine Platte entwickelt ist, welche der Lage nach dem späteren Dorsal- 
antheil des Mitteldarms entspräche. Es wird sich daher im Folgenden 
vor Allem darum handeln, zu zeigen, wie durch einen fortschreitenden 
Wachsthumsprocefs dieser Platte auch jene Parthien des Dotters, welche 
dem (später) lateralen und ventralen Antheil des Eeimstreifs entsprechen, 
von der sich ausbreitenden Mitteldarmwand gegen die Leibeshöhle zu be- 
deckt werden. Das Fortschreiten dieses Processes und die gleichzeitig 
zunehmende Differenzirung der einzelnen Schichten der Mitteldarm wand 
ist Taf. IL Figg. 31, 32, 33 dargestellt. 

Fig. 31 zeigt die in Fig. 29 abgebildeten Verhältnisse in vergrös- 
sertem Mafsstabe. Das die ürsegmenthöhle h umschliefsende Epithel ist 
nach innen zu und an der dem Entoderm anliegenden Seite (a) zu einem 
mehrschichtigen Zelllager geworden. Von diesem trennt sich ein Com- 
plex von Zellen (b) ab, um sich immer inniger der sich ausdehnenden 
Entodermschicht anzulagern. Dieser Zellcomplex b ist die erste selbstän- 
dige Anlage des Darmfaserblatts, während ich die Stelle, an welcher der- 
selbe mit dem geschichteten Epithel der Ürsegmenthöhle zusammenhängt^ 
als die Enospungszone des Darmfaserblatts bezeichnen möchte. Die 
Schnitte Fig. 32 und Fig. 33 machen die geschilderten Wachsthumsprocesse 
deutlich. 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 29 

Fig. 32, einem um Weniges älteren Embryo entstammend als Fig. 29, 
zeigt sowohl das Entoderm, als auch das Darmfaserblatt verbreitert und 
abgeflacht Die ürsegmenthöhle steht durch einen Spalt mit der defini- 
tiven Leibeshöhle in Zusammenhang — eine Communication, welche in 
den späteren Stadien wieder unterbrochen wird, wie Fig. 33 zeigt. Diese 
letztere läfst uns zahlreiche Querschnitte durch Malpighi'sche Gefafse 
(M) erkennen. Das Darmfaserblatt 5p, welches sich bei a in Folge der 
Präparation von dem Entodermzelllager en abgehoben hat, zeigt bereits 
eine Anordnung in zwei Schichten, wie das unter stärkerer Vergröfserung 
gezeichnete Bild Fig. 34 darstellt. Die den grofsen, succulenten Ento- 
dermzellen en zunächst anliegende Schicht a weist durch die langgestreckte 
Spindelform ihrer Elemente darauf hin, dafs aus ihr die Ringmuskelschicht 
des Darms entsteht. Die Schicht 5, welche zur Längsmuskelschicht sich 
umbildet, zeigt auf Querschnitten rundliche oder polygonale Elemente. 
Doch ist anzunehmen, dafs auch die Zellen dieser Schichte bereits dem 
in Rede stehenden Stadium sich entsprechend ihrer späteren Ausbildung 
in spindelförmige, längsgeordnete Elemente verwandelt haben. Das kann 
man natürlich an Querschnitten nicht verfolgen. 

Eine Umwandlung, welche den Nahningsdotter betriflft und in 
Fig. 34 zu erkennen ist, sei kurz erwähnt. Die polygonalen Elemente 
des Nahrungsdotters erscheinen mehr abgerundet und liegen lockerer, 
während ihre Zwischenräume von feinkörnigem Dotterdetritus erfüllt sind, 
in welchem sich verschieden grofse Vacuolen vorfinden. Diese Verände- 
rungen kennzeichnen die Umwandlung des Nahrungsdotters in einen für 
die Entodermzellen resorptionsföhigen Zustand. 

Über die weiteren Entwickelungsvorgänge des Mitteldarms können 
wir uns kurz fassen. Nachdem auf die geschilderte Weise paarige Anla- 
gen des Darmdrüsenblatts und der ihm anliegenden Darmfaserschicht zur 
Ausbildung gekommen sind, verbreiten sich dieselben immer mehr und 
mehr, bis sie durch diesen fortschreitenden Wachsthumsprocess in der 
Medianlinie über dem Nervensystem zusammenstofsen und mit einander 
verwachsen. Gleichzeitig hat aber der Keimstreif durch sein zunehmen- 
des Breit enwachsth um den Dotter des Eies immer mehr umfafst, bis 
(nach Ausbildung des Kowalevsky 'sehen Rückenorgans — jener eigen- 
thümlichen Involutionsform der Embryonalhäute — ) die anfangs lateralen 



30 H £ I D £ R : 

und nachher doi*salen Ränder des Eeimstreifs sich in der dorsalen Me- 
diane erreichen und verwachsen. Auf diese Weise wird der Dotter sammt 
dem in ihm versenkten ROckenrohre von der Entodermanlage völlig um- 
wachsen und in das Lumen des nun zu einem geschlossenen Rohre aus- 
gebildeten Mitteldarms aufgenommen. 

Wir haben also gesehen, wie durch die von Kowalevsky zuerst 
beschriebene rinnenfOrmige Einstülpung von dem Blastoderm eine Zell- 
schicht abgetrennt wurde, das untere Blatt Kowalevsky 's, welches durch 
fortschreitende Abflachung der anfangs röhrenförmigen Anlage zu einem 
zweischichtigen Blatte sich ausbildet. Aus der inneren dieser beiden 
Schichten wird das Entoderm und das Darmfaserblatt zur Sonderung ge- 
bracht, während die äufsere Schicht das somatische Mesoderm darstellt. 

Wir müssen aber nun auf ein höchst merkwürdiges Verhalten ein- 
gehen, welches uns beweist, bis zu welchem Grade caenogenetische Ver- 
änderungen den ursprünglichen Typus der Insectenentwicklung entstellen. 
Während nämlich die geschilderte Abtrennung des Entoderms von dem 
unteren Blatt Kowalevsky's im vorderen Theil des HydrophtltLS-EmhryoB 
(den Kopf- und Thoraxsegmenten) deutlich zu beobachten ist und ebenso 
klar in den letzten Abdominalsegmenten zur Ausbildung kommt, treffen 
wir entsprechend den vorderen Segmenten des Abdomens eine Querzone 
des Embiyos, in welcher keine Entodermschicht zur Anlage kommt — 
mit anderen Worten : die Entodermanlage entwickelt sich im Vordertheil 
und nahe dem Hinterende des Embryos in zwei gesonderten Stücken, 
welche erst in späteren Stadien gegeneinander wachsen und miteinander 
verschmelzen. Diese gesonderte Ausbildung des Entoderms vomVorder- 
und Hinterende des Embryos ist ein Seitenstück zu dem von uns ge- 
schilderten und (Taf. L Fig. 4) abgebildeten, selbständigen Auftreten des 
Vorder- und Hinterendes der rinnenförmigen Einstülpung. Wie ich aus 
den Angaben Kowalevsky 's und Grassi's ersehe, weist das Darmdrü- 
senblatt der Biene hinsichtlich seiner ersten Anlage ganz ähnliche Ver- 
hältnisse auf. 

Ich habe bis jetzt den Dotter und die in ihm enthaltenenen Zell- 
kerne gar nicht berücksichtigt. Wir haben gesehen, dafs die letzteren 
sich an dem Aufbaue des Embryos nicht betheiligen. In der That ist 
nur der Keimstreif als morphologische Anlage des Hydropkilus -Embryos 



Über die Anlage der Keimblätter van Hydrophüus piceus L. 31 

zu betrachten, während ihm der Dotter und die Embryonalhäute gegen- 
überstehen, aus denen kein Theil des Embryos (auch nicht die Rücken- 
haut) zur Anlage kommt. 

Wir haben gesehen, dafs nicht sämmtliche aus der Theilung des 
Furch ungskerns hervorgegangenen zellähnlichen BinnenkOrperchen des Dot- 
ters in die Bildung des Blastoderms eingingen, sondern dafs noch ein 
Theil derselben seine Lage im Innern des Dotters beibehalten hat. Diese 
Elemente vermehren sich in späteren Entwickelungsstadien und zwar nicht 
nur dtu*ch Theilungsprocesse, sondern auch durch neu hinzukommende, 
welche — wie ich mit ziemlicher Gewifsheit aussprechen kann — aus 
dem unteren Blatt in den Dotter einwandern. Diese Einwande- 
rung von Zellen aus dem unteren Blatt in den Dotter scheint in den 
Stadien der Kowalevs ky 'sehen Figg. 5 u. 6 eine besonders rege zu sein. 
Auf Taf. L Fig. 20 und Taf. IL Fig. 22 sind jene Bilder wiedergegeben, 
welche mir einen solchen Einwanderungsprocefs wahrscheinlich machen. 
Derselbe scheint zu Ende der ersten Entwickelungsperiode (Kowalevs- 
ky's) zum Abschlüsse zu kommen. Die zellähnlichen Elemente lagern 
eich im Dotter in gleichen Abständen und indem sie als Attractionscen- 
tren wirken und die Nahrungsdotter-Elemente in Ballen um sich ansammeln, 
während sich zwischen diesen Ballen Grenzfurchen ausbilden, kommt es zum 
schon oben erwähnten Procefs der Dotterfurchung (Taf. II von Fig. 25 
angefangen). Der gefurchte Dotter geht nun im weiteren Verlauf der Ent- 
wickelung keine bemerkenswerthen Veränderungen ein. Ich habe nie- 
mals Bilder gesehen, welche nur irgend eine Andeutung davon 
enthalten hätte, dafs Zellen aus dem Innern des Dotters sich 
dem Eeimstreif apponirt und dort zum Darmdrüsenblatt aggre- 
girt hätten. Die Zellkerne des Dotters sind histiologisch sehr deutlich 
charakterisirt und von denen des Eeimstreifs so verschieden, dafs ein 
Übertritt von Zellen aus dem Dotter an den Keimstreif oder eine Bil- 
dung des Entoderms aus Binnenelementen des Dotters mir absolut nicht 
hätte entgehen können. Dagegen war ich im Stande, die von mir ge- 
schilderte Art der Bildung des Mitteldarms aufs Genaueste und Unzwei- 
felhafteste zu verfolgen. 

Wir haben schon den Auflösungsprocefs erwähnt, dem der Dotter 
in den letzten Zeiten der Embryonalentwickelung anheimfallt. Die Gren- 



32 H E I D E R : 

zen der Dotterballen werden undeutlich, die Nahrungsdotter -Elemente run- 
den sich ab und zerfallen zu einem körnigen Detritus. Auch die im Dot- 
ter vorhandenen Zellkerne (wozu auch die aus dem Zerfall des Rücken- 
rohrs hervorgegangenen zu zählen sind) zeigen Veränderungen, welche ich 
auf ihren Untergang bezog. Wenigstens habe ich die in einigen zu be- 
merkende Rarefication des Eerngerüstes , die Zusammenballung des Chro- 
matins zu homogenen, wie gequollen aussehenden Klumpen in anderen, 
das ündeutlichwerden und den Schwund der Eernmembran als eine der 
schlieislichen Auflösung vorhergehende Degeneration der Dotterkerne ge- 
deutet. 

Der so in eine granulöse Masse umgewandelte Dotter wird schliefs- 
lich von den nun zu einem einschichtigen Cylinderepithel angeordneten 
Entodermzellen aufgenommen oder im wahren Sinne des Wortes aufge- 
fressen. Diese Zellen^ deren Plasma häufig gröfsere Vacuolen erkennen 
läfst, entsenden an ihrer Oberfläche zahlreiche, feinste, wie Franzen in 
die Detritusmasse des Dotters eindringende, Pseudopodien -ähnliche Fort- 
sätze, durch welche die Aufnahme der Dottergranula in's Zellinnere be- 
werkstelligt wird. In der That kann man im Innern der Entodermzellen 
häufig grofse rundliche Ballen bemerken, welche nur aus aufgenommenen 
Dottergranulis bestehen. Die oben erwähnten, Pseudopodien -ähnlichen 
Fortsätze der Zelloberfläche, welche mit einer feinen Längsstreifung im 
Innern der Zelle in Zusammenhang stehen, werden wohl später zu dem 
cuticula- ähnlichen Stäbchensaum umgewandelt (Taf. IL Fig. 35). 

Wie man aus der oben stehenden Beschreibung ersieht, ist meine 
Darstellung der Hydrophtlus -YinWickelung in ihren HauptzOgen eine Be- 
stätigung der Kowalevsky'schen Funde ^). Nur in zwei wesentlichen 
Punkten stimme ich mit Kowalevsky nicht überein: der Entstehung der 
ürsegmenthöhlen und der Art und Weise der Absonderung des Entoderms 
vom unteren Blatte. Während Kowalevsky den Aufsenrand des unte- 
ren Blattes sich nach unten und innen umschlagen und die auf diese 
Weise entstandene Bucht oder Rinne zu den ürsegmenthöhlen werden 
läfst, konnte ich mich überzeugen, dafs die letzteren als Spalträume zwi- 



^) Vergl. A. Kowalevsky, Embryologische Studien an Würmern und Arthro- 
poden. M^m. de TAcad. des sciences de St. Petersbourg. YII® ser. Tom. XYI. 1877. 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 33 

sehen den beiden Schichten des unteren Blattes in deren lateralem An- 
theil ihren Ursprung nehmen. Nach Kowalevsky soll der umgeschla- 
gene Theil die gemeinsame Anlage des Darmfaserblattes und des Ento- 
derms repräsentiren und sich erstlich zu einem hochzelligen, mehrschich- 
tigen Epithellager umbilden, in dessen ganzer Ausdehnung sodann durch 
eine Art Abspaltung sich die Grenze zwischen splanchnischer Mesoderm- 
schicht und Mitteldarmepithel manifestire, während nach meinen Unter- 
suchungen die von mir so genannte innere Schicht des unteren Blattes 
sich in einen medianen und einen lateralen Antheil sondert. Der late- 
rale, die Ursegmenthöhle begrenzende Antheil repräsentirt die Anlage des 
Darmfaserblattes und der mediane Theil, der durch eine inzwischen in 
der Mittellinie aufgetretene Ruptur in einen rechten und linken durch sich 
zwischenschiebenden Dotter getrennten Längsstreifen zerlegt wurde, wird 
zur Entoderm- Zellschicht, indem die denselben zusammensetzenden Ele- 
mente in ihrem Verband sich lockern und eine Umordnung erfahren, 
welche gleichzeitig mit einer Verschiebung des ganzen Streifens nach der 
lateralen Richtung einhergeht. Auf diese Weise gelangt die Entoderm- 
anlage zwischen das Darmfaserblatt und die Dotteroberfläche, und es 
bedarf nunmehr nur einer Ausdehnung beider Blätter nach der Flächen- 
dimension, um den Dotter sowohl ventralwäiis als auch dorsalwärts zu 
umgreifen und endlich zu umschliefsen. Wie einschneidend die erwähn- 
ten Differenzen aber auch scheinen mögen, so mufs ich doch entschei- 
dendes Gewicht darauf legen, dafs Kowalevsky und ich in dem einen 
Hauptpunkte fibereinstimmen, dafs nämlich die Elemente des Mitteldarm- 
epithels, also das Entoderm, vom eingestülpten unteren Blatt ihren 
Ursprung nehmen. Es ist dies eine Behauptung, mit der die Angaben 
anderer Forscher, welche sich mit Insecten- Embryologie beschäftigt ha- 
ben, durchaus nicht fibereinstimmen. Man begegnet vielmehr, wenn man 
die neuere Literatur Ober den in Rede stehenden Gegenstand durchsieht, 
der Meinung, dafs die sogenannten Dotterballen d. i. die kernhaltigen 
Furchungskugeln des Dotters, nachdem sie den Nahrungsdotter in Körn- 
chendetritus umgewandelt haben, zu kleineren, den fibrigen embryonalen 
Zellen ähnlichen Elementen sich umbilden und zum Epithel des Mittel- 
darms organisiren. Wie wir gesehen haben, mufs ich diese Ansicht auf 
Grund meiner Beobachtungen als eine irrige bezeichnen ; und in der That 

Phys, Abh. nicht zur Äkad, gehör. Gelehrter, 1885, I, 5 



34 H E I D £ R : 

muTs es auch jedem, der die betreffenden Arbeiten einsieht, auffallen, 
dafs der Obergang von Dotterballen in Entodermzellen von keinem der 
betreffenden Forscher genau beobachtet und klar dargestellt wurde. Die 
auf diesen Punkt bezQglichen Angaben machen sämmtlich mehr weniger 
den Eindruck, dafs sie nur auf den Vergleich früherer und späterer Sta- 
dien gegründete, aber doch erschlossene Meinungen darstellen. 

Die Behauptung, dafs die zelligen Elemente des Dotters das Ento- 
derm ausmachen und sich später zum Mitteldarmepithel umbilden, wurde 
— wie ich glaube — zuerst von Dohrn^) ausgesprochen. Später haben 
sich Graber 2), Bobretzky^), Balfour'*), die Brüder Hertwig^), Ti- 
chomiroff®), Patten''), Weismann ^) und Korotneff^) dieser An- 



1) Antoo Dohrn, Medicinisches Gentralblatt. Nr. 54. 1866. — Notizen zar 
Eenntnifs der Insectenentwicklung. Ztschr. f. wiss. Zool. XXVI. Bd. 1876. pag. 113. 

^) Graber, Vorläufige Ergebnisse über vergl. Embryologie der Insecten. Arcb. 
für micr. Anat. Vol. XV- 1878. 

^) N. Bobretzkj, Über die Bildung des Blastoderms und der Keimblätter bei 
den Insecten. Zeitschr. f. wiss. Zool. 1878. XXXI. Bd. pag. 195. Taf. XIV. 

*) F. M. Balfour, Handbuch der vergl. Embryologie. Übersetzt von Vetter- 
1880. pag. 385 u. 394. 

^) O. u. R. Hertwig, Die Coelomtheorie. Jena. 1881. pag. 71 f. Taf. IL 
Fig. 4, 5, 6 u. 8. 

^} A. A. Tichomiroff, Die Entwicklungsgeschichte des Seidenspinners {Bomhyx 
Mcri L.) im Ei. Arb. Labor, zool. Mus. Moskau. L Bd. 4. 176. 1882. Russisch. Ref. 
in: Zool. Jahresbericht far 1882. Herausgeg. v. d. Zool. Station zu Neapel. 11. Abth. 
pag. 101. — In seiner vorläufigen Mittheilung (Zool. Anz. 1879. Nr. 20. pag. 64} schlo£s 
sich Tichomiroff hinsichtlich dieses Punktes an Eowalevsky an, wenngleich er eine 
Vermehrung der Elemente des Mesoderms durch Aufnahme von Dotterzellen beobachtet 
zu haben glaubte. 

^) Will. Patten, The Development of Phryganids, with a preliminary Note on 
the development of Blatta germanica. With 3 pl. in Quart. Joum. Micr. Soc. Vol. 24. 
Oct. pag. 549 — 602. — Apart Inaug. Diss. (Leipzig). London 1884. 

^) A. Weis mann, Beiträge zur Eenntnifs der ersten Entwicklongs Vorgänge im 
Insectenei. In: Beiträge zur Anatomie und Embryologie als Festgabe für Jakob Henle. 
Bonn 1882. pag. 80. Taf. X. XI. XII. 

^) A. Eorotneff, Die Embryologie der Gryllotalpa. Zeitschr, für wiss. ZooL 
XLLBd. 1885. pag. 570, Taf. XXIX— XXXL 



c/6er rftV Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceics L. 35 

sieht angeschlossen.^) Sie fQhrt noth wendiger Weise zu der von den Brü- 
dern Hertwig klar formulirten Consequenz, dafs man den mit zellähn- 
lichen Bildungscentren erfüllten Dotter und die durch die langgestreckte 
Gastrula- Einstülpung entstandene Zellschicht des unteren Blattes zusam- 
men als ein Ganzes — das primäre Entoderm — aufzufassen habe. Der 
Gastrulationsprocefs würde daher bei den Insecten in zwei von einander 
gesonderten Acten ablaufen, von denen der erste durch den Umwachsungs- 
procefs des Dotters durch das Blastoderm repräsentirt wäre, während die 
darauf folgende Einstülpung jener Zellschichten, welche die Mesoderm- 
elemente liefern, den zweiten Act der Gastrulation darstellen würde. Bei 
einer solchen Anschauung mufs man, da der erste Act des Gastrulations- 
yorganges nach dem epibolischen Typus abläuft, die centrolecithale Fur- 
chung der Insecten als einen speciellen Fall der discoidalen Furchung 
betrachten und dieselbe von der inaequalen Furchung herleiten. 

Der Ansicht, dafs wii* im Dotter des Insecteneies einen Theil des En- 
toderms zu betrachten haben, kann ich mich — abgesehen davon, dafs der 
Dotter am Aufbau des Embryos keinen Antheil nimmt, sondern völlig 
resorbirt wird — schon aus dem Grunde nicht anschliefsen, weil jene 
Beziehungen des gegenseitigen Zusammenhanges und der Lagerung nicht 
vorhanden sind, welche wir in einem solchen Falle voraussetzen müfsten. 
Die Blastodermbildung beginnt bei Hydrophilus am hinteren Eipole und 
schreitet gegen den vorderen Eipol vor. Der kreisförmige,, in einer auf 
die Längsaxe des Eies senkrechten Ebene gelagerte, freie Rand des den 
Dotter umwachsenden Blastoderms rückt allmählich gegen den vorderen 
Eipol vor, wo er zum Verschlusse kommt. Wäre dieser ümwachsungs- 
procefs der erste Act der Gastrulation, so hätten wir in diesem am vor- 
deren Eipol sich schliefsenden Foramen jenen bei dem ersten Gastrula- 
tionsact zum Verschlusse kommenden Antheil des Blastoporus zu erblicken. 
Dieser müfste mit dem im zweiten Act der Gastrulation sich schliefsen- 
den Theil des Blastoporus der Lage nach in directem Zusammenhang ste- 
hen. Dies ist aber nicht der Fall. Die Längseinstülpung, in welcher 



^) Auch Paul Mayer ist aus theoretischen Gründen zur gleichen Auffassung 
gekommen. Vgl. Paul Mayer, Über Ontogenie und Phylogenie der Insecten. Jen. 
Ztschr. f. Nat. 1876. X. Bd. p. 164. 



36 H E I D E R : 

ich im Anschlüsse an die Brüder Hertwig einen wirklichen Gastrulations* 
Vorgang erblicke, tritt in der hinteren Eihälfte auf und zwischen dem vor- 
dersten Ende des auf diese Weise gebildeten Blastoporus und dem Punkte, 
an welchem das Blastoderm zum Verschlusse kam, dehnt sich eine breite 
Zone des Blastoderms aus, aus welcher zum Theil Gebilde des Ectoderms 
zum Theil Embryonalhüllen hervorgehen. Jener Zusammenhang aber zwi- 
schen dem Dotter und der durch die Einstülpung hervorgegangenen Ento- 
dermschicht, welcher dadurch gegeben ist, dafs der eingestülpte Sack in 
seinem Fundus eine Längsspalte zeigt, existirt — wie wir gesehen ha- 
ben — nicht von Anfang an, wie wir doch erwarten müfsten, wenn der 
Dotter eine vielkernige, zwischen die übrigen Entodermelemente sich ein- 
schiebende Entodermzelle darstellte/ sondern die erwähnte Längsspalte tritt 
erst in verhältnifsmäfsig späten Entwickelungsperioden auf, in welchen die 
ursprünglichen Verhältnisse des ürdarmrohres schon in vieler Hinsicht 
geändert und verwischt erscheinen. Sie ist — meiner Ansicht nach — 
nichts als eine durch das fortschreitende Breitenwachsthum des Keim- 
Streifs erzeugte mediane Ruptur, welche aber dadurch von Bedeutung für 
die weitere Entwicklung wird, dafs sie die Pforte darstellt, durch welche 
der Dotter in das ursprüngliche Urdarmlumen aufgenommen wird. 

Nachdem wir im Stande waren, den Nachweis zu liefern, dafs 
sämmtliche Keimschichten des Hydrophiltis -Embryos vom Blastoderm sich 
absondern, und dafs dieser Procefs in der Form einer rinnenförmigen 
Längseinstülpung vor sich geht, so müssen wir in dem diesbezüglichen 
Entwickelungsstadium eine unzweifelhafte und echte Invaginationsgastrula 
erkennen. Das primäre Entoderm der Insecten legt sich — wie wir ge- 
sehen haben — nach Ablauf des Gastrulationsprocesses in Form eines 
langgestreckten Rohres an, welches wir als ürdarm bezeichnen müssen 
und welches nach erfolgter dorsoventraler Abflachung die ürsegmenthöh- 
len durch Bildung seitlicher Divertikel zur Differenzirung bringt. Die Sup- 
position, welche wir bei dieser Auffassung vornehmen, indem wir die zwi- 
schen der äufseren und inneren Schicht des unteren Blattes vorhandene 
Grenze als den Rest des spaltförmig abgeflachten ürdarmlumens in An- 
spruch nehmen, ist gewifs keine allzu gewagte, sondern meiner Ansicht 
nach eine sehr nahe liegende. Die Ränder dieser Einstülpung, welche 
über dem Urdarmrohre bald zum Verschlusse kommen, müssen wir als 



99 

Über die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 37 

einen langgestreckten Blastoporus ansehen, welcher — wie wir beobach- 
ten konnten — in seinem vordersten der späteren definitiven Mundöfihung 
entsprechenden Antheile zuletzt verschlossen wird. 

Bei einer solchen Auffassung der Dinge, welche uns in dem Bla- 
stoderm der Insecten die ursprüngliche, einschichtige Eeimblase erkennen 
läfst, aus welcher sämmtliche Keimblätter des Insectenembryos ihren Ur- 
sprung nehmen, werden wir zu der Ansicht geführt, dafs wir in dem In- 
nenraum dieser Blase die Furchungshöhle oder primäre Leibeshöhle zu 
erkennen haben ^), welche in diesem Falle — und das mufs uns allerdings 
als das Merkwürdigste erscheinen — vollständig mit Nahrungsdotter er- 
füllt ist. Diese Auffassung, so befremdend sie auch für den ersten Blick 
erscheinen mag, wird durch den Vergleich der centrolecithalen Furchungs- 
vorgänge, wie sie für die Eier mancher Crustaceen (Moina)^) beschrieben 
sind, einigermafsen plausibel. In beiden Fällen wird durch die Bildung 
des Blastoderms die gesammte Masse des Eies in zwei Antheile geschie- 
den: einen plastischen Antheil, der durch das Blastoderm repräsen- 
tirt, ist und der sämmtliche Schichten des Embryos und (bei den Insec- 
ten) auch die Embryonalhäute aus sich entstehen läfst, und einen zwei- 
ten Antheil, welcher zum gröfsten Theile aus Nahrungsdotter besteht, und 
welcher an dem Aufbau des Embryos direct nicht betheiligt ist. Diesen 
zweiten Antheil, dessen Rolle während der ganzen weiteren Entwickelung 
mit Ausnahme des einzigen Actes der Dotterfurchung eine vollständig 
passive ist, will ich als den trophodischen^) Antheil bezeichnen. Mor- 
phologisch ist dieser trophodische Antheil nach beendigter Blastodermbil- 
dung der Insecten eine einzige vielkernige Furchungskugel — eine Rie- 
senzelle — , aus welcher durch einen oberflächUchen Knospungsvorgang 
der ganze plastische Antheil des Insecteneies zur Abscheidung gekom- 
men ist. 

^) Es ist dies die Auffassung HaeckeTs. Vgl. Ernst Haeckel, Biologische 
Stadien. II. Heft. pag. 103. 

') Carl Grobben, Zur Entwicklungsgeschichte der Moina rectirostris, Arbeiten 
AUS dem zool. Institute Wien. Vol. II. 1879. 

3) T^o<pwSrigf von nahrhafter Beschaffenheit. 



38 H E I D E R : 

Nach beendigter Absonderung des plastischen Theils des Insecten- 
eies stellt der trophodische Antheil einen in der Furchungshöhle 
gelegenen und dieselbe völlig erfüllenden Restkörper dar, 
welcher als ein Depot von in späteren Perioden zur Verwendung kom- 
menden Reserven ahrungsstoflFen anzusehen ist, aber, wie ich glaube, nur 
schwer als einem bestimmten Keimblatte des Embryos zugehörig betrach- 
tet werden kann. 

Bei den Crustaceen, wo, wie z. B. bei Moina sämmtliche Furchungs- 
kerne und der gröfste Theil des Bildungsdotters in das Blastoderm ein- 
gehen, und im Innern der Furchungshöhle nur ein Ballen von Deutoplasma- 
Elementen zurückbleibt, ist eine solche Betrachtungsweise ziemlich nahe- 
liegend. Für die Insecteneier dagegen erwächst eine Schwierigkeit aus 
dem umstände, dafs der trophodische Antheil des Eies nicht blos aus 
Deutoplasma besteht, sondern auch Zellkerne mit umgebender Plasma- 
masse enthält, deren Wirksamkeit als Attractionscentren sich in dem in 
späteren Stadien auftretenden Procels der Dotterfurchung äufsert. Wir 
werden aber nicht aufser Acht lassen dürfen, dafs der Dotter des Insec- 
teneies erst in verhältnifsmäfsig späten Entwicklungsperioden zur Resorp- 
tion kommt. Es mag in diesem Verhältnifs begründet sein, dafs dem 
Dotter bei seiner Trennung vom plastischen Antheil des Embryos Bil- 
dungsdottercentren beigegeben werden, welche den im Dotter — welcher 
ja auch ein lebender Theil des Eies ist — vor sich gehenden Functionen 
des StoflFwechsels vorstehen und vielleicht auch die Auflösung des Dot- 
ters zu resorbirbarem Detritus vorbereiten. — Durch eine solche Betrach- 
tung ist es nicht ausgeschlossen, dafs wir uns den trophodischen Antheil 
des Insecteneies phyletisch aus nach dieser Richtung modificirten Ento- 
dermfurchungskugeln ableitbar vorstellen. Die Verhältnisse, wie sie nach 
Kowalevsky's Schilderung bei Euaxes sich vorfinden, würden eine sol- 
che Ableitung nur begünstigen. Diese bei den Stammformen der Tra- 
cheaten vielleicht bestehenden Verhältnisse sind aber in der Ontogenese 
der Insecten vollkommen verwischt durch den Umstand, dafe die Sonde- 
rung eines trophodischen Entodermantheils von einem plastischen Ento- 
dermantheil schon bei der Furchung geschieht und der Keimblätterbil- 
dung vorausgeht. 



über die Anlage der Keimblätter von Hydrophihis ptceus L. 39 

In diesem Sinne haben wir wohl auch die von Weismann^) ge- 
lieferten hochinteressanten Angaben hinsichtlich der ersten Evolutionsvor- 
gänge in Rhodites^-Eiem zu deuten. Dort theilt sich der Furchungskem 
in zwei TheilstQcke, welche nach ihrer Lagerung nahe den Polen des 
langgestreckten Eies als vorderer und hinterer Polkern unterschieden wer- 
den. Ans dem hinteren Polkern, welcher im weiteren Verlauf sich ra- 
scher theilt, als der vordere, und in zahlreiche kleine Furchungskerne 
zerfällt, gehen jene Kerne hervor, welche an die Oberfläche des Eies 
rücken und sich an der Bildung des Blastoderms betheiligen. Der vor- 
dere, längere Zeit inactiv verbleibende Kern liefert durch später eintre- 
tende Theilungen die im Dotter bleibenden Bildungscentren und wird 
daher von Weis mann als Entodermkern bezeichnet. Ich mufs diesen 
Kern als den ersten Kern des trophodischen Eiantheiles betrachten und 
als Deutung der besprochenen Entwickelungsvorgänge annehmen, dafs die 
Trennung ^nes plastischen und trophodischen Antheils bei den in Rede 
stehenden Eiern in die früheste Entwickelungsperiode zur Zeit des Ab- 
laufs des ersten Kerntheilungsvorgangs verlegt sei. Ob die bei diesen 
kleinen, verhältniTsmäfsig dotterarmen Hymenoptereneiern beobachteten 
Verhältnisse den ursprünglichen Typus repräsentiren oder ob sie sich von 
den bei gröfseren, dotterreichen Insecteneiern sich findenden, bis jetzt noch 
ununtersuchten Processen ableiten lassen, will ich dahingestellt sein las- 
sen, da nur weitere Untersuchungen uns darüber Aufklärung verschaflFen 
können. Ein Einwand gegen die von uns gegebene Deutung der rinnen- 
f&rmigen Einstülpung als Gastrnla-Invagination könnte aus dem Umstände 
abgeleitet werden, dafs das Lumen, um welches die Entodermzellen in 
späteren Stadien sich zum Mitteldarmepithel organisiren, nicht mit dem 
Lumen des durch die Einstülpung gebildeten Urdarmrohres zusammenfällt. 
Wir werden aber nicht aufser Augen lassen dürfen, dafs durch die er- 
wähnte mediane Ruptur, durch welche die Entodermanlage in zwei paa- 
rige Antheile zerfällt, das vermittelnde Glied in der Kette jener Umord- 
nungsprocesse , durch welche das Entoderm betroflfen wird, gefunden ist. 



^) A. Weis mann, Beiträge zar Kenntnifs der ersten Entwicklangs Vorgänge im 
Insectenei. In : Beiträge znr Anatomie und Embryologie als Festgabe für Jakob Henle. 
Bonn 1882. 



40 H E I D E R : 

Da wir den durch den Dotter erfüllten Raum als die Furehungshöhle in 
Anspruch genommen haben, so wird die in Rede stehende Ruptur eine 
Communication des Urdarmlumens mit der Furehungshöhle darstellen. Und 
während durch das fortschreitende Breiten wachsth um des Eeimstreifs das 
Erstere sich stetig auf Kosten der Letzteren vergröfsert, stellt die frag- 
liche Medianruptur die Durchgangspforte dar, durch welche die Aufnahme 
des Nahrungsdotters in das Mitteldarmlumen bewerkstelligt wird. 

Ich kann es nicht unterlassen, zum Schlüsse der Besprechung die- 
ser Verhältnisse hervorzuheben, dafs die bei Bildung des Blastoderms im 
Dotter verbliebenen Kerne und die durch Theilung aus ihnen hervorgegan- 
genen nicht die Gesammtzahl der in späteren Stadien im Dotter sich fin- 
denden Kerne repräsentiren, sondern dafs ihre Zahl durch eine zweifache 
Zellschöpfung aus den Derivaten des Blastoderms sich beträchtlich ver- 
mehrt. Die erste Einwanderung von Zellen in den Dotter haben wir bei 
Besprechung der Bildung des unteren Blattes ei*wähnt, die zweite kommt 
durch die Aufnahme des Rückenrohres in den Dotter zu Stande. 

Wir haben nun noch auf die Keimblätterbildung, wie sie für die 
Biene beschrieben worden ist, zu verweisen, bei welcher Form sich Ver- 
hältnisse ergeben haben, die sehr gut mit den von mir im Anschlufs an 
Kowalevsky geschilderten Processen in Übereinstimmung gebracht wer- 
den können. Auch für Apis mellißca sind Kowalevsky's Untersuchun- 
gen fundamental gewesen. Ich will seine Schilderung der Entstehung des 
Entoderms wörtlich anführen: „Beobachtet man diese Stadien von der Seite, 
so sieht man, dafs ein grofser Theil des Rückens (Fig. 13) bis zur Bildung 
des Oesophagus und Hinterdarms nur von einer Schicht flacher Zellen 
gebildet war, die als ein äufseres Epithelium anzusehen ist; je weiter 
aber der Kopf sich abschnürt und der Hinterdarm sich bildet, zieht 
sich vom Kopf und Hinterende eine Schicht von Zellen, welche 
sich zwischen dem Dotter und dem sie bedeckenden Hautschicht -Epithe- 
lium einkeilen (Fig. 16 ab). Diese Schicht ist, wie es scheint, die 
unmittelbare Fortsetzung des auf die Rückenseite des Dotters 
sich fortsetzenden zweiten Blattes des Keimstreifens; die von 
hinten und vorn auf den Rücken wachsenden Zellschichten rücken gegen 
einander, und da sie mit den Seitentheilen des Mittelblattes zusammen- 
hängen, so wird bald der ganze Dotter auf der Rückenseite von zwei 



über die Anlage der KeimblatteT von Hydrophans piceus L. 41 

Zellenschichten bedeckt (Fig. 16 u. 27), von der oberen — der Haut, und 
von der unteren — dem Darmdrüsenblatt oder dem Epithel des sich bil- 
denden Darmkanals" ^). Grassi^) in seiner schönen und sehr interessan- 
ten, aber leider — wie ich glaube — nicht ganz ausgereiften Monogra- 
phie der Bienenentwickelung hat die besprochenen Verhältnisse eingehend 
studirt und konnte Kowalevsky's Angaben bestätigen. Er fügte die be- 
stimmte Versicherung hinzu, dafs das Entoderm vom vorderen und hin- 
teren auf die Dorsalseite zurückgeschlagenen Ende des unteren Blattes 
sich absondere und nicht von dessen seitlichen Rändern. 

Wenn dies auch immerhin einen Unterschied gegenüber den bei 
Hydrophilus vorfindlichen Verhältnissen darstellen würde, so ist uns doch 
die eine Thatsache bedeutungsvoll, da(js auch bei der Biene das Ento- 
derm vom unteren Blatte herstammt und in zwei gesonderten Parthien 
angelegt wird, welche, vom Kopfende und Schwanzende des Embryos 
gegen einanger wachsend, sich vereinigen und zur epithelialen Bekleidung 
des Mitteldarms umbilden. 



^} A. Kowalevsky, Embryol. Stadien an Würmern und Arthropoden. M^m. 
de TAcad. imp. des sciences de St. Petersbourg. VII* s^r. Tom. XVI. 1871. pag. 50. 

') B. Grassi, Intorno allo svilappo delle api nell' novo. Atti dell' Accademia 
Gioenia di Scienze Natarali in Catania. Ser. 3. Vol. XVIII. 



Phys. Abh. nicht zur Akad. gehör. Gelehrter, 1885, I, 



42 H E I D £ R : 



Es sei mir erlaubt, zum Schlüsse noch einige weitere Resultate 
meiner Untersuchungen kurz anzuführen: 

1) Nicht blos am ersten Abdominalsegment, sondern auch an 
sämmtlichen übrigen kann man zu einer gewissen Entwicke- 
lungsperiode (Kowalevsky's Fig. 12) Anlagen von Extre- 
mitätenrudimenten erkennen. 

2) Hinsichtlich der Ausbildung des Nervensystems kann ich im 
Wesentlichen Hatschek 's Angaben bestätigen. Die Quercom- 
missuren der Ganglienkette entstehen durch einen zwischen 
die Seitenstränge sich einstülpenden Mitteltheil, welcher inter- 
segmental seinen Zusammenhang mit dem Ectoderm beibe- 
hält. Auch die in die Bildung des Gehirns eingehende Ein- 
stülpung konnte ich — wie auch schon Patten — nach- 
weisen. Die Schlundcommissur wird aus dem vordersten 
Theil der Seitenstränge gebildet, ohne dafs das Mandibel- 
ganglion an derselben Antheil hätte. Die Scheitelplatten 
stehen von Anfang an mit den Seitensträngen in Zusam- 
menhang. Das Ganglion frontale bildet sich unabhängig 
vom Centralnervensystem aus einer unpaaren Einstülpung, 
welche an der Grenze zwischen der Oberlippenanlage und 
der Oesophaguseinsenkung zur Entwicklung kommt. 

3) Die von Kowalevsky beschriebene Bildung des Rücken- 
rohres ist der Involutionsprocefs der Eihäute^). Nach dem 
Au^latzen derselben verwächst der Rand des Amnion mit 
dem der Serosa und nach dem Zurückschlagen der Eihäute 
auf die dorsale Seite des Eies verengen sich diese verwach- 
senen Ränder zu einem immer kleiner werdenden Foramen, 
wodurch die Rückenplatte in der schon von Kowalevsky 



^) Wie schon Ajres behauptet hat. Vgl. H. Ayres, On the development of 
Oecanthus niveus and its parasite Teleas. Mem. Bost. Soc. Nat. Hist. Vol. 3. 1884. 



über die Anlage der Keimblatter von HydropkUus piceus L. 43 

geschilderten Weise zu einem Rohr geschlossen wird, wel- 
ches schlielslich in den Dotter einsinkt, um mit demselben 
gemeinsam der Auflösung und Resorption anheimzufallen. 

4) Die Malpighi'schen Gefefse entstehen vom Ectoderm als 
Ausstülpungen des Enddarms. 



6* 



44 H E I D E R : 



Erklärung der Tafeln. 



Tafel I. 

JFlg, i. Oberflächenansicht eines dreizehn Stunden nach der Ablage conservir- 
ten Eies. Erstes Auftauchen von Zellkernen mit umgebendem Protoplasma am hinteren 
Eipole. 

Fig. 2. Oberflächenansicht eines fünfzehn Stunden nach der Ablage coneervirten 
Eies. Das gebildete Blastoderm nimmt bereits mehr als die hintere Hälfte des Eies ein. 
In der vorderen Hälfte bemerkt man die auftauchenden Kerne. 

Fig. 3. Oberflächenansicht eines der Kowalevsky 'sehen Fig. 1 knapp vorher- 
gehenden Stadiums. /. Furchen, welche die Mittelplatte seitlich begrenzen; 8. Segment- 
grenzen in der Mittelplatte; k, Enickungsstelle der Furchen. 

^t^. 4. Oberflächenansicht eines Stadiums, welches die erste Anlage des Hinter- 
endes des Embryos und des demselben sich anschliefsenden Grübchens (g) zeigt. Zwi- 
schen Kowalevsky's Fig. 2 und 3 stehend. /. Furchen, welche die Mittelplatte vorn 
lateralwärts begrenzen; /'. Furchen, welche die Mittelplatte hinten lateralwärts be- 
grenzen. 

^t^. Ö, Oberflächenansicht vom Stadium der vollendeten Umgrenzung der Mit- 
telplatte. Die dem vorderen Antheil angehorigen Furchen /. sind mit denen des hinteren 
Antheils /' verschmolzen, a. vorderste, erweitert bleibende Parthie des sich schliefsenden 
Blastoporus. Nahe dem hinteren Eipole rechterseits ist das Blastoderm losgelöst und man 
erblickt den freiliegenden Dotter mit als Flecken erscheinenden, zahlreichen, kernhaltigen 
Binnenkorperchen. 

Itg, 6. Oberflächenansicht eines der Eowalevskj'schen Fig. 4 entsprechenden 
Embryos, a. Vorderster erweitert gebliebener Theil des Blastoporus; b, b. segmentweise 
Erweiterungen des im VerschluTs begriffenen Antheils des Blastoporus; 8, Schwanzfalte 
des Amnions; k, paarige Kopffalten des Amnions; 8p. flugelformig nach vorn verlängerte 
Anlage der Scheitelplatten. 



tlber die Anlage der Keimblätter von Hydrophilus piceus L. 45 

Fig. 7. Querschnitt durch ein Stadium, in welchem die der Oberfläche sich nä- 
hernden kernhaltigen Binnenkörperchen die Oberfläche noch nicht ganz erreicht haben, 
also etwa der Grenze des hinteren Dritttheils in Fig. 1 entsprechend, a. Dotterhaut; 
b. oberflächliche Plasmaschicht; c. kernhaltiges, zellähnliches Binnenkörperchen. 

Fig, 8 u. 9. Querschnitte durch ein Stadium, welches der Kowalevskj'schen 
Fig. 1 um ein Weniges Torhergeht Beginnende DijSerenzirung der Mittelplatte, e, Ecto- 
derm; /. Depression der Längsfurchen; w. seitlich dieselben begrenzender Wall. 

Fig, 10 — lö. Querschnitte durch ein der Kowalevsky'schen Fig. 3 entspre- 
chendes Stadium den Einstülpungsprocefs des unteren Blattes darstellend, wie derselbe 
in den mittleren und hinteren Parthieen der Rinne abläuft. /. Querschnitt durch die la- 
teralen Furchen; tv. dieselben überwachsender Randwall des Ectoderms; ec. Ectoderm. 

t^g, 10. m. mediane Depression der Mittelplatte; p. pyramidenförmige Zelle 
in derselben. 

^ 11. a, b, c, d. Randzellen des Ectoderms, welche die Mittelplatte in der 
Richtung gegen die Mediane überwuchern. 

^ 12. m. vorgewölbte Parthie der Mittelplatte; m* entsprechende Einbuch- 
tung an der Dottergrenze. 

^ 14. a, b. Randzellen des Ectoderms. 

„ lö. 8p. meniscoidaler, mit Dotter gefüllter Spalt zwischen Ectoderm und 
dem unteren Blatt. 

jF^. 16 u. 17, Querschnitte durch ein etwas jüngeres Stadium, als das in Flg, 6 
abgebildete. 

Fig, 18. Querschnitt durch einen Embryo, ungefähr dem Stadium der Fig. 6 
entsprechend. 

Fig, 19, Elemente des Nahrungsdotters in gehärtetem Zustand, zwischen sich 
die rundlichen mit Fetttröpfchen erfüllten Hohlräume (a) aufweisend. 

Fig. 20. Querschnitt durch den vordersten, rautenförmig erweiterten Theil der 
Einstülpung; von einem der JFtg. 6 entsprechenden Embryo. 



46 Beider: 



^ Tafel n. 

Fig. 21. Querschnitt durch einen Emhryo, der Eowalevsky'schen Fig. 6 ent- 
sprechend. 

Fig. 22. Querschnitt durch ein etwas weiter vorgeschrittenes Stadium. 

Fig. 23. Querschnitt durch den Ahdominaltheil eines Emhryos, der Kowa- 
levsky 'sehen Fig. 7 entsprechend, a. Sufsere Schicht, t. innere Schicht des unteren 
Blattes. 

Fig. 24. Querschnitt durch einen Embryo des Eowalevsky 'sehen Stadiums 
Fig. 8. Dem von Eowalevsky auf Taf. IX Fig. 26 dargestellten Querschnitt entspre- 
chend, a. äufsere, i. innere Schicht des unteren Blattes. 

Fig. 25. Querschnitt durch den Ahdominaltheil eines weiter ausgebildeten Sta- 
diums (Eowalevsky Fig. 9). a. äufsere, t. innere Schicht des unteren Blattes. 

Fig. 26. Querschnitt durch das Stadium der Eowalevsky 'sehen Fig. 10. 
Durch Auseinanderweichen der äufseren (a) und inneren (») Schicht des unteren Blattes 
in ihrem lateralen Antheile sind die Ursegmenthöhlen gebildet worden. Daher kann man 
an der inneren Schicht des unteren Blattes einen lateralen Theil (t), welcher an der Be- 
grenzung der Ursegmenthöhle Antheil hat, und einen medianen Theil (t') unterscheiden. 
h. Ursegmenthöhle. 

Fig. 27. Querschnitt durch das Abdomen eines Embryos vom Stadium der Eo - 
walevsky 'sehen Fig. 11. me«. somatische Mesodermschicht; en. Entoderm, 

Fig. 28. Querschnitt durch einen Embryo von ungefähr der gleichen Entwicke- 
lungsstufe, wie der der vorhergehenden Figur, doch weiter gediehene Verhältnisse zeigend. 
Dieselbe Bezeichnung, wie oben. 

Fig. 29. Querschnitt durch ein Thoraxsegment eines Embryos, entsprechend der 
Eowalevsky 'sehen Fig. 11. s. Seitenstränge der Anlage der Ganglienkette; m. einge- 
stülpter Mediantheil; p. quergetroifene Extremitätenanlagen; st. Tracheenstigmen; tr. Tra- 
cheeneinstülpung; c. definitive Leibeshohle; a. amoeboide Wanderzellen (in Bildung be- 
griffene Blutkörperchen?); ap. splanchnische Mesodermschicht; en. Entoderm. 

Fig. 30. Die Nervenanlage des vorhergehenden Querschnittes im vergröfserten 
Mafsstabe. Bezeichnung wie oben. x. vom Ectoderm stammende Zellen von mir unbe- 
kannter Bedeutung. 

JF^. 31. Region der Entodermanlage des in Fig. 29 dargestellten Schnittes, ver- 
gröfsert. Bezeichnung wie in Fig. 29. tr. Tracheeneinstülpung; ec. Ectoderm; h. Urseg- 
menthöhle; a. mehrschichtiges Epithel der Ursegmentanlage; h. von derselben abgetrenn- 
ter Zellcomplex des Darmfaserblatts. 



über die Anlage de?' Keimblätter von Hydrophihis piceus L. 47 

Fig. 32, Region der Entodermanlage eines Querschnitts durch ein etwas älteres 
Stadium als Fig. 19. 

JFt^. 33. Querschnitt durch ein Abdominalsegment des Stadiums der Eowa- 
levsky^schen Fig. 12. M. Malpighische Geffifse; sp. Darmfaserblatt; en. Darmdrüsen- 
blatt; X. Abhebung dieser beiden Schichten (Artefact). 

Fig. 34. Ein Stuck der Hg. 33 y st&rker vergrofsert. a. Ringmuskelschicht; 
h. Längsmuskelschicht des Mitteldarms; en. Darmdrüsenblatt. 

Fig. 35. Ein Stück der Mitteldarm wand eines dem Ausschlüpfen nahestehenden 
Embryos, a. L&ngsmuskelschicht im Querschnitt; c. Epithel des Mitteldarms; d. Nah- 
rnngsdotterkugeln; e. eine zu grobkörnigem Detritus umgewandelte Nahrungsdotterkugel; 
/. feinkörniger Dotterdetritus; g. Ballen von Dotterdetritus, welche in die Zellen des Mit- 
teldarmepithels aufgenommen wurden. 



^4 













•^ I 



a 



Fij 



I 



PHILOSOPHISCH - HISTORISCHE 

ABHANDLUNGEN. 



Vorgelegt in der Sitzang der philos.-histor. Classe am 23. October 1884. 




Vertheilung der Felsendenkmäler in Kleinaaien. 



D 



ie von mir im Sommer des Jahres 1882 im Norden Eleinasiens 
ausgeführte Reise hat, vorzüglich auf Paphlagonischem Gebiete, zur Auf- 
findung einer Anzahl von Felsengräbern geführt, welche zunächst durch 
ihre Eigenart die Auftnerksamkeit in Anspruch nahmen. Je mehr die- 
selben bei eindringenderem Studium aber auch in ihrem Verhältnifs zu 
anderen Denkmälern Kleinasiens klar wurden, desto höheren Werth schie- 
nen sie allmälich für eine Reihe von Fragen über älteste Volks- und Cul- 
turzusammenhänge auf dem Boden des Landes zu gewinnen. Sind wir 



4 G. Hirschfbld: 

doch von einer sicheren Kenntnifs derselben so weit entfernt, dafs wir 
aus derselben heraus nicht nur nicht den Monumenten ihre Stellen an- 
zuweisen vermögen, sondern hier vielmehr einmal den umgekehrten Ver- 
such machen müssen, die Denkmäler zum Aussagen zu bewegen. Ich 
habe das durch strenge Beschränkung auf das Thatsächliche durchzufüh- 
ren gesucht; denn dem Hypothetischen auf einem jetzt noch so unbe- 
grenzten Felde einen Platz einzuräumen, erscheint gefährlich, weil es 
leicht ins Grenzenlose führt und geführt hat. Einer detaillirten Beschrei- 
bung meiner Denkmäler und ihrer Analoga lasse ich die Schlüsse und 
Vergleiche folgen, welche sich ungezwungen zu ergeben schienen. Die 
Wichtigkeit, welche diesen Denkmälern schliefslich beigelegt werden mufs, 
mag die Ausführlichkeit der Beschreibung rechtfertigen.^) 

Die Tafeln sind nach eigenen Photographien und Aufnahmen im 
gemeinsamen Mafsstab von 1 : 100 hergestellt; einzelne Skizzen schon be- 
kannter Monumente vorhandenen Publicationen entlehnt. 



^) Die Arbeit war seit dem Sommer 1884 abgeschlossen und nicht mehr in 
meinen Händen; daraus erklären sich die mehrfachen durch Klammern [] eingeschlosse- 
nen Nachträge. 



Paphlagontsche Felsengräber. 



L 



1. Die Felsengräber von Kastamuni, Olukbaschi kayalti 

(Taf. V und Vü). 

Eine halbe Stunde westlich vom Bazar von Eastamuni, südsüd- 
westlich der Stadtlage erhebt sich am westlichen Rande eines Feldweges, 
dessen andere Seite Haushöfe begrenzen, eine steile, nicht sehr hohe Fels- 
partie, an deren Fufs eine flachgewölbte grofse natürliche Höhlung sich 
befindet. Darüber sind in der künstlich abgesteilten Wand die zwei gie- 
belbekrönten , nach Osten gerichteten Fa^aden angebracht, von welchen 
N. Chanykof eine kleine, auch in der ganzen Situation nicht genaue 
Skizze gegeben hat^). Die gröfsere rechts — nördlich — zeigt inmit- 
ten zwei frei herausgearbeitete viereckige Pfeiler von etwa vier Metern 
Höhe, welche keine Basis haben, aber oben durch ein rohes Capitel 
mit einer flachen Hohlkehle abgeschlossen sind; der Stamm ist bei 
beiden durch Verwitterung stark mitgenommen. Rechts und links 
entspricht den Pfeilern je eine Ante; ein Epistylion von kunstvoller 
Profilirung zieht sich darüber hin; der Giebel, den ich leider nicht 
messen konnte, ist hoch, das Tympanon etwas vertieft; in demsel- 
ben umsteht jederseits ein flach ausgemeifselter geflügelter Vierfüfsler, 
welcher alle vier Füfse auf den Boden setzt, eine Mittelfigur, die mir sicher 
eine menschliche zu sein schien und zwar wohl eine Frauengestalt in lan- 
gem Gewände. Chanykof hat da ein ganz unförmliches Idol. Kopf und 
Arme der Gestalt fehlen, die letzteren waren vermuthlich seitwärts ausge- 
streckt auf die Thiere zu, ohne dieselben indessen wohl berührt haben 
zu können. Nichtsdestoweniger ist die Analogie mit jener bekannten 
Thiere haltenden oder würgenden weiblichen Gestalt orientalischer Her- 
kunft in die Augen fallend.^) 

1) Zeitschrift d. Oesellscb. f. Erdkunde I 1866 Taf. VI. 

^) [Vor kurzem hat nun W. M. Ramsay ein sehr bedeutendes Pbrjgisches 
Felsenmonument bei Liyen zwischen Afium Karahissar und Kutahia beschrieben — Jour- 
nal for promoting Hellen, stud. in England V 1884 S. 241 ff. Taf. XLIV ^y in dessen 



6 G. Hirschfeld: 

Aus der nur schmalen Vorhalle führt eine Thüröffnung von 
1,70°* Höhe, die sich nicht ganz in der Mitte der Rückwand befindet, 
in eine allseitig geschlossene viereckige Kammer, deren Wände sorg- 
fältig abgearbeitet sind. Von ihrem oberen Rande leitet eine vorsprin- 
gende Leiste zur Decke über, deren Gestaltung augenscheinlich vom 
Zeltdache hergenommen ist, indem die Mitte in der Querrichtung wie 
zwei neben einander gelegte Rundhölzer gearbeitet ist, von welchen die 
Decken seh ragen beiderseits mit flach nach unten gewölbtem Bogen gleich- 
sam herabhängen (s. Taf. V, i") ; auch die Decke ist von sorgfältiger Ar- 
beit. Bis auf eine flache Nische in der südlichen kurzen Wand ist die 
Kammer ohne jede Spur einer weiteren Anlage. Wie weit dieselbe etwa 
einst von aufsen Licht empfing, war schwer zu sagen, da zur Zeit unse- 
res Besuches die Zwischenräume zwischen den Pfeilern und Anten mit 
Brettern verkleidet waren; denn der ganze Complex diente einer Familie 
von Muhadjtrs, die nach dem russisch -türkischen Kriege aus Rumelien 
geflüchtet waren, zu dauerndem Aufenthalt. 

Aus der linken südlichen Wand der Vorhalle leitet eine kleine 
Pforte in eine zweite kleinere Kammer von ganz anderem^ Charakter; 
die Decke ist hier vielmehr der Holzarchitektur nachgebildet: von einem 
flachen Balken oder Brett inmitten ziehen sich die Schrägen gradlinig 
zu den kurzen Wänden, wo sie wie in der ersten Kammer auf einer 
Art vorspringender Leiste zu ruhen scheinen^). Die östliche, dem Feld- 



Giebel zwei geflügelte Vierfufsler einen kurzen Mittelpfeiler umstehen, wie er uns noch 
mehrfach beschäftigen wird. Ramsay beschreibt den auf S. 242 a. a. O. skizzirten Gie- 
bel so: „two sphinxes of very archaic character stand in the two angles, turned towards 
each other, but separate d by the supporting column which always occupies the middle of 
these pediments. Their faces are directed outwards, the ears are very large, but the fea- 
tures are now hopelessly obliterated. A long curl hangs down in archaic style over 
the Shoulder of each.^ 

Wenngleich Wendung und Ausstattung der Thierkopfe auf dem Denkmal von 
Kastamuni nicht mehr erkennbar sind, so springt doch die Ähnlichkeit der Giebelzierden 
in die Augen. Doch befindet sich unter jenem Giebel nach Phrygischer Weise eine volle 
Wand, nur unten von einer Thür durchbrochen, und nicht eine öffnende Säulenhalle.] 

^) Zu vergleichen ist die Deckenbildung in einem etruskischen Grabe, s. 
Gailhabaud, Denkm. d. Bauk. herausgeg. von Lohde, I. Etruskische Gräber, vorletzte 
Tafel. 



Paphlagonische Felsengräber. 7 

weg zugekehrte Wand ist völlig geschlossen und glatt; an der westlichen 
ist eine 0,60" hohe und 2,00" lange Steinbank stehen geblieben, deren Vor- 
derseite, wiederum im Charakter von Holzarbeit eine von breitem Rande 
umrahmte flache Einsenkung zeigt. Die Oberfläche der Bank von etwa 
0,70" Tiefe ist wie zu einem Lager eingearbeitet. 

Aber der Complex ist damit noch nicht abgeschlossen, vielmehr 
leitet ein relativ breiter (1,00") und langer (2,50") Gang von 1,50" Höhe 
immer weiter in südlicher Richtung und schliefslich über zwei Stufen zu 
einer Öffnung, welche nach gewissen Vorrichtungen an Schwelle und 
Sturz zu irgend einer Zeit jedenfalls durch eine Thür verschliefsbar war. 
Diese Öffnung leitet zu einem dritten Raum (s. Taf. V 3), demjenigen, 
welcher aufsen als die zweite kleinere Felsfapade links neben der gröfse* 
ren characterisirt ist; indessen ist die Front hier, wie bei einigen der 
älteren Phrygischen Monumente, nur durch eine glatte Wand mit einer 
Eingangsöffnung von 0,80" Breite und 1,00" Höhe gebildet; der Gie- 
bel darüber ist unverziert. Der lange und schmale Innenraum ist 
viel weniger sorgfältig hergerichtet, als die bisher betrachteten; die 
Decke flach — der Länge nach — gewölbt, die innere westliche Längs* 
wand ganz unregelmäfsig gezogen, wie unfertig. Auch hier fehlt jede 
Spur einer bestimmenden Anlage wie im ersten Gemach; diese bietet 
auch hier wieder der sQdlich anstofsende letzte Raum (s. Taf. V, 14), 
in welchen eine 1,00" hohe Thüröffnung leitet; dieser ist wiederum sorg- 
fältig ausgearbeitet, die Decke als ein Giebeldach gestaltet, dessen Schrä- 
gen auch hier auf VorsprQngen der Längswände ruhen ; an den letzteren 
sind auch hier Felsbänke beiderseits stehen geblieben von 2,00" Länge 
wie jene im zweiten Gemach. Diesen Raum benfitzten die Muhadjlrs 
nicht, denn es herrscht der Glaube, dafs der verschwinde, welcher sich 
darin niederlege. Auch unterhalb der letzten Kammern sind in der Fels- 
wand ein paar kleinere Höhlungen im Felsen zum Theil künstlich aus- 
gearbeitet. 

Diese ganze zusammenhängende Gruppe hat eine Längenentwicke- 
lung von 22,7". Die durchgängige Verbindung aller Räume steht, soweit 
ich sehen kann, unter den analogen Anlagen einzig dar. 

In der Nähe dieser Felsendenkmäler sind einige Höhlen und viel- 
leicht Abarbeitungen des Gesteins erkennbar, aber weiter keine Spur von 



8 G. Hirschfeld: 

Resten ; unmittelbar über den Felsfa^aden ist ein etwas gewelltes Plateau, 
auch dies ohne Reste des Alterthumes ; von hier aus überblickt man den 
ganzen umschlossenen Kessel, welchen die späte Eastamon (s. Ritter, 
Kleinasien I 41 4 ff.) ausfüllt, gleich links erhebt sich der Burgberg, des- 
sen eine ruinengekrönte Spitze wie die zwei unbebaueten mit etwa 950" 
absoluter Erhebung ca. 120°" über dem Stadtboden (832°"), liegt, wie ich 
nach fünftägiger häufiger Barometerbeobachtung gegen Ainsworth's 2350' 
engl. = 716°* (travels I S. 84) und in gröfserer Übereinstimmung mit 
Tchihatcheff's 850"* sagen darf. 

Kastamon wird bekanntlich erst seit dem XII. Jahrhundert genannt, 
aber schon Ritter (a. a. 0.) hat mit Recht bemerkt, dafs es wohl eine 
alte Stadt sein kann. Bedeutend kann diese indessen schon der einge- 
pferchten Lage wegen nicht gewesen sein; aber mancherlei Säulenreste 
und vor Allem ein Reliefstück in Marmor (Sarkophag?) mit drei durch 
Guirlanden verbundenen Stierköpfen, welches bei der schönen, wohl sel- 
dschukischen Pforte am Yelanglytekesi eingemauert ist, weisen doch in 
antike Zeit zurück; der Name wird dann wohl in Ptolemaeus V 4, 5 
stecken^). 

^) [Erst jetzt bin ich aufmerksam geworden auf eine Beschreibung Eastamunis 
von A. D. Mordtmann, welcher die Stadt im October 1856 besuchte, im bullettino d. 
Inst. 1859 S. 201 ff. Die hierher gehörige Stelle S. 203 lautet: 

AI piede della coUina (der Burg), laddove ella presenta il lato sinistro ad una 
strada della cittä, un ragazzo che mi conduceva ai diversi monumenti me ne mostro 
una Serie che fino ad ora sono sfuggiti all' attenzione de' viaggiatori. La pietra della 
coUina vi forma diversi muri verticali; cominciando dalla man sinistra, si vede al 11- 
vello della strada una porta, la cui metä e nascosta dal livello attuale; essa e fatta 
regolarmente ed e coronata d'un ärchitrave di forma triangolare. L'interno e scavato 
per servire di sepolcro. Viene poi una seconda caverna, la cui bocca non e scolpita 
regolarmente o piuttosto la scultura non e stata terminata. La terza caverna e sopra 
il livello della strada ed ha una piccola entrata semicircolare ; non avendo scala ne 
altro mezzo per entrarvi, non ne ho potuto esaminare le parti interne. 

Sopra questa terza, la dove la pietra retrocede, vi si trovano altre caverne sca- 
vate con maggiore arte; sotto un frontone triangolare s'incontrano due porte quadran- 
golari, e alla destra due altre caverne con entrata bassa semicircolare. Finalmente 
la pietra avanza di nuovo e la faccia e scolpita con grande regolarita. Vi troviamo 
un portico formato da due pilastri quadrilateri e da due ante, e sopra questo vedesi 
un frontone, nel quäle sono scolpiti due leoni alati e nel mezzo una Corona sovrastante 
ad una colonna. Sotto al portico due ingressi conducono al interno di altre caverne. 



Paphlagonische Felsengräber. 



2. Das Felsengrab im Halysthal, Hambarkaya (Taf. I. II. V). 

Unter allen Felsengräbern, deren nähere Umgebung mir genauer 
bekannt geworden ist, hat Hambarkaya, der „ Scheunenfelsen ^ im Halys- 
thal die weitaus bedeutsamste, man könnte sagen die betonteste Lage. 
Denn hier findet sich und zwar am rechten Ufer des Stromes die letzte 
grofse und fruchtbare Ebene, jetzt die Olivenebene, ZettQnowasi, genannt, 
auch heute und zumal hier auffallend durch viele Dörfer und dichte Be* 
Wohnung. Zur vollen Würdigung der Lage ist es nöthig etwas weiter 
auszuholen: etwa bei Osmandjik darf man in der Entwickelung des Halys 
einen scharfen Abschnitt machen, denn hier beginnt derjenige — unter- 
ste — Lauf des Stromes, welchem der Kampf mit dem Gebirge des 
Nordrandes seinen Character giebt; ein Kampf, welcher keinem der FlQsse 
an der kleinasiatischen NordkOste erspart bleibt^ und der beim östliche- 
ren Iris wenig unterhalb der Breitenlage von Osmandjik mit geradezu 
drohender Grofsartigkeit anhebt. 

Zwischen Felsen eingesenkt bahnt sich der Halys seinen Weg zum 
Meere, erst ganz nahe demselben wird der Flufs wieder frei und tritt in 

II primo, 2 o 3 piedi sopra il livello del portico, e molto stretto e di forma semicir- 
colare; Taltro e al lirelio della sala stessa; entrando in quest' ultimo, una galleria 
scavata nella pietra conduce fin alla prima delle due porte anteriormente descritte, che 
si trovano sotto un frontone comune. 

Diese Beschreibung der Denkmäler von Eastamuni kann ich auf keine Weise mit 
den meinigen iu Einklang bringen; ich mufs annehmen, dafs die erste Gruppe von ange- 
häufter Erde verdeckt war, denn dafs in der zweiten, so wenig die Notizen im Einzelnen 
mit den meinigen stimmen, diese gemeint sei, scheint mir zweifellos, einmal wegen der 
Beschreibung des Giebels, dann wegen des Ganges, der in die andern Grotten fuhrt. Ich 
kann nur sagen, dafs ich meine Notizen mit Aufmerksamkeit und unmittelbar vor den 
Denkmälern gemacht habe. Auch die Angabe der Lage bei Mord t mann, die Bestimmung 
vom Burgberg aus, ist nicht glücklich, da sie einen falschen Eindruck hervorrufen mufs. 
Mordtmann vergleicht die Felsenreliefs von Bogazköi und das Verwandte, er- 
innert bei den geflügelten Löwen sogar daran, dafs die Tradition die Veneter aus Pa- 
phlagonien auswandern liefs, und dafs Venedig den geflügelten Löwen im Wappen führe; 
er schreibt die Monumente dem VII. oder VIII. Jahrhundert zu und hält sie für Anzei- 
chen einer alten Stadt in dem Bezirk, den Strabo Blaene nenne.] 

PhiL'hisU Äbh, nicht zur Äkad. gehör. Gelehrter. 1885. I. 2 



10 G. Hirschpeld: 

seine MQndungsebene, welche er durch die mitgeführten Sinkstoffe allmä- 
lich immer weiter hinausschiebt und ungesund macht. In seinem Eng- 
laufe hat ihm das Gebirge viele und stark von einander abweichende 
Richtungen aufgezwungen; aber die bisherige Meinung, als ob der Strom 
bald nach seiner Vereinigung mit dem Dewrektschai in unzugängliche 
Steilfelsen eintrete (Ritter, Kleinasien I S. 402, vgl. S. 398) ist nicht zutref- 
fend: vielmehr lockert sich die enge Umgürtung in kleineren und gröfse- 
ren Abständen; zum gröfsten Theil sind es freilich nur ganz kleine Ebe- 
nen, gleichsam Bergbuchten, welche sie am Rande des Flusses gestattet, 
fruchtbar, heifs, aber im Alterthum gewifs so emsig bewohnt wie heuti- 
gen Tages. Das beweisen schon die zu beiden Seiten entlang ziehenden 
Pfade, die bald unten am Ufer, häufiger auf den Felsen hoch oben sich 
hinwinden, immer hart am Rande des purpurschlammfarbigen, schnell 
dahinströmenden Flusses. Dafs diese Pfade im Alterthum gebahnt sind, 
kann nicht bezweifelt werden. 

Auf dieser letzten Entwickelungsstufe des Stromes, auf dem Wege 
von Osmandjik an, ist wohl die erste gröfsere Ebene diejenige westlich 
von KargO, wo der Dewrektschai von Westen her einmündet, welcher 
vorzüglich die Gewässer von der Rückseite Paphlagoniens, vom Olgassys 
her, dem Halys zuführt. Dann erreicht man in einer kleinen Tagereise 
von sechs bis sieben Stunden erst wieder eine gröfsere Ausbuchtung, zu- 
mal am rechten Ufer, die von einer eigenen kleinen Wasserader, dem Zel- 
tüntschai, durchzogen wird, einem Bergbach, dessen breites weifses Bett 
schon aus weiter Ferne entgegenleuchtet: das eben ist die Zeltünowasi. 
Auch am linken Ufer ist eine kleine Ebene, deren verfallendes Örtchen 
unter hochragenden gewaltigen Felsen — Ulukaya — den bezeichnenden 
Namen Köprübaschi, d. i. Brückenkopf, führt. Überraschend wirkt da 
der Rest eines reichen türkischen Baues, welcher durch gestürzte Fels- 
blöcke zerstört zu sein scheint. Drohende Stellen sind da noch mehrfach 
sichtbar. Vom Dorfe an bleiben hier die Felsen wieder hart am Flufs; 
auch drüben am rechten Ufer treten ihnen gleich jenseits der Einmün- 
dung des Zeltüntschai wieder röthlich schimmernde Felsmassen entgegen, 
und durch diese Ausgangspforte verläfst dort der Flufs diese letzte 
gröfsere Ebene, die ihm auf seinem untern Laufe gestattet ist und tritt 
zunächst in ein schmales nach Nordosten gerichtetes Thal ruhigen Cha- 



Paphlagonisclie Felsengräber. 11 

rakters; er ist da noch 271°" Ober dem Meere und hatte am 16. Septem- 
ber 1882 eine Breite von 70 Schritt, welche indessen zur Frühlings- und 
Winterszeit bedeutend wächst; denn diese Wasserader erschien nur wie 
ein Band inmitten des breiten durch Geröll und Lehmboden gekennzeich- 
neten Inundationsgebietes. 

Der Pfad am linken Ufer ist in mäfsiger Höhe — bis etwa 25°* 
über dem Flufs in den rauhen FuTs des Ealksteinfelsens eingearbeitet, 
auch wohl nur eingetreten; einmal bleibt da zur Rechten ein grof^er 
isolirter Block, der künstlich geglättet und abgesteilt erscheint. Wo man 
zum letzten Mal die sanft ansteigende Ebene drüben mit ihren abgetheil- 
ten Feldern, ihren Baumgruppen und vielfach zerstreuten Ansiedelungen 
überblickt, d. h. wo der Pfad gerade einlenkt ins Nordostthal, da läfst er 
zur Rechten einen von der Hauptmasse ins Flufsbett vortretenden starken 
Felsblock von etwa dreikantiger Gestalt, dessen Spitze im Wasser ruht, 
während seine Grundfläche von der Ebene abgewendet in das schmale 
Thal blickt (s. Taf. I u. II): diese ist es, in welche das bedeutende Fel- 
sengrab eingemeifselt ist, welches dem Blocke den Namen Hambarkaya 
eingetragen hat. 

Die Bildfläche, um sie in ihrer Gesammtheit so zu nennen, war 
anscheinend schon von vorn herein ziemlich gleichmäfsig gestaltet und ist 
durch Abarbeitung zu einer Wand geworden, deren Böschungswinkel etwa 
12° beträgt; bis zur höchsten Spitze mifst dieselbe 13,70"". Etwa in 
ihrer Mitte, 3^ — 4" über dem ansteigenden Boden sitzt das Denkmal, so 
gestellt und so grofs, um dem ganzen Block den Charakter eines Monu- 
mentes zu geben. Dieses vortrefl'liche Verhältnifs zu den umgebenden 
Felspartien, „das gute Sitzen**, wenn ich einmal so sagen darf, fällt zwar 
auch bei ein paar andern Denkmälern — wie beim Deliklitasch (Perrot 
Exploration Taf. 5) und beim Grab von Tokäd (s. unten) ins Auge, aber 
nirgends erscheint Grab und Umgebung bei der Harmonie aller Verhält- 
nisse so sehr aus einem Gusse wie beim Hambarkaya. 

Die Arbeit des Denkmals ist im Ganzen wie im Einzelnen von 
gröfsester Sorgfalt; dasselbe steht senkrecht im Felsen, der Übergang aus 
der Neigung der Wand zur Senkrechten ist geschickt durch zwei breite 
(0,27 — 28) hinter einander zurücktretende bandartige Streifen bewirkt, 
welche die rechteckige Einhöhlung an den zwei Seitenrändern umziehen 

2* 



12 G. Hirschfeld: 

und die am obern Rande naturgemftfs als zwei flach neben einander lie- 
gende Bänder erscheinen; am untern Rande ist die entstehende Differenz 
zur Anlage einer Stufe benützt, auf die wir noch zurückkommen. Die 
so umrahmte rechteckige Höhlung (Taf. V, ii*), welche 5,40 in der Länge 
mifst, hat an der linken Seite eine Tiefe von 1,74, an der rechten — 
bei der leisen Neigung der Wand auch in der Breitenentwickelung — 
eine Tiefe von nur 1,51", diesen schmalen Raum füllen fast ganz die 
drei gewaltigen Säulen der Front, welche 3,13"" in der Höhe messen; 
dieselben erscheinen kurz und dick durch die starke Verjüngung des 
Stammes, welche auf 2,19"" Länge fast 0,20 (0,85 : 0,66) beträgt (s. Taf. 
n u. V, n*) beträgt. Für die Mafsangaben bemerke ich ein für alle Mal, 
dafs die entsprechenden Mafse bei allen hierher gehörigen Denkmälern 
keineswegs immer einander gleich sind, im Gegentheil ist Verschiedenheit 
die Regel. Meine Angaben beziehen sich im vorliegenden Falle auf die 
mittlere Säule und treffen auf die beiden andern nicht vollständig zu, 
doch stimmen alle drei in ihrer Gliederung durchaus überein. Die Basis 
besteht aus einem sehr kraftvollen, weit ausladenden Torus, dessen 
gröfsester Durchmesser 1,33™ beträgt bei 0,54" Höhe, und welcher 
auf dem Boden oder besser auf einer gemeinsamen Stufe aufliegt. 
Eine scharf sich absetzende Leiste vermittelt den Übergang zum Stamm. 
Die nicht übereinstimmenden Entfernungen der Basen von einander, von 
der Rückwand und den Seitenwänden sind aus dem Grundrifs ersichtlich. 
Das Intercolumnium in halber Höhe des Stammes beträgt links 1,20", 
rechts 1,22™. EigenthOmlich wie die Basis, ja weit befremdlicher ist 
auch das Capitell der Säulen gestaltet: in diesem ist der Nachklang des 
Holzbaues unverkennbar. Das Rund des Säulenstammes geht da ohne 
weitere Vermittelung in einen viereckigen Abschlufs über, der mit einer 
Breite von 0,66™ nur ganz unbedeutend über den Stamm hervorragt. 
Der Höhe (0,35) nach ist das Capitell in drei Theile gegliedert, welche 
als zwei dünnere und als eine stärkere obere Platte characterisirt sind. 
(So gewifs richtig nach meinen vor dem Monument gemachten Skizzen; 
nach der Photographie würde man geneigt sein, die mittlere Platte für 
stärker zu halten.) FQr das Capitell darf man vielleicht auf den unte- 
ren Theil des oben ionisirenden Capitels an den zwei kleinen Säulen auf 
einem bekannten Relief von Khorsabad (Botta und Plan d in Taf. 114, 



Paphlagonische Felsengräher. 13 

Kugler, Gesch. der Bauk. I S. 88) verweUen'), obgleich auch diese Ana- 
logie zu wünschen übrig läTst. Für die Basis finde ich eine solche an 
der eigenthümlichen durch eine Palmette abgeschlossenen kurzen Säule 
in einem sehr alten phrygischen Grabe^), das ich, auch seines später 
noch zu beröhrenden Interesses wegen hier verkleinert folgen lasse. 
Die Säulen des Grabes von Aladja (Perrot, Exploration Taf. 33, hier Taf. 
VII) sind in jeder Beziehung entwickelter. 



1) Dafs dieser Bau ein Tempel ist, kein königliches Lustbaus, wie Kngler am 
a. 0. meinte, geht mit Sicherheit ans einer Darstellung rom Nordpalaste zu Kujundjik 
hervor (Brit. Mus.), abgebildet bei Rawlinson, the five great monarcbies I S. 338, den 
ich leider nur nach der ersten Auflage citiren kann, wo unmittelbar neben einem analo- 
gen Bau ein Königsbild dargestellt ist, auf welches ein breiter Weg zufuhrt, in dessen 
Mitte ein Altar sich erhebt. Ich lasse das wesentliche Stück dieser Darstellung hier 
folgen, weil es mir sehr wichtig zu sein 
scheint für den Sinn von Figuren wie die 
bekannte Stele des Sargon, des Merodach- 
idin-aki (ferro t, bistoire de l'art dang 
l'antiquite II S. 509) für das Denkmal von 
Biredjik (transactions of the Society of bibl. 
arcbaeol. VII zu S. 250), für die Felsenbil- 
der bei Beirut (Ritter, Eleinasien I Taf. 
VIII, jetzt besser bei Perrot, histoire etc. 
n S. 641) und bei Njrmpbi, die drei letzte- 
ren sogenannten „hitti tische" Gebilde, über 
welche unten S. 45. 

[Beide Säuleubauten jetzt auch bei 
Perrot, histoire etc. II p. 142f., der eine 
bezeichnet als Kiosk am Wasser, der an- 
dere, hier abgebildete, als eine des ddicules 
ou chapetles qui d^corent h» jarding royaux. 

Über die assyrischen KSnigsstelen im Allgemeinen spricht Perrot a. a. O. S. 619 
mit der richtigen Bemerkung, dafa aus denselben eine göttliche Verehrung der Könige 
nach ihrem Tode zo folgern sei.} 

») Journal for promoting Hellenic studies in England 1882 Taf. XIX S. 24. Ich 
gestehe übrigens in der Aufnahme des Grabes mich nicht ganz zurecht finden zu können. 
Leider mafste auch Hr. Ramsay seine Beschreibung anfertigen, ohne die Zeichnungen 
snr Hand zu haben. 



14 



G. Hirschfeld: 




Vor und (0,28) unterhalb der Säulen ist, wie schon oben ange- 
deutet, als Diflferenz zwischen der Schräge der Wand und der Senkrech- 
ten des Denkmals, d, h. als die kurze Kathete des rechtwinkligen Dreiecks, 
dessen Hypothenuse die Wandschräge, dessen andere Kathete die Senk- 
rechte des Felsgrabes ist, ein 0,74 breiter Streifen entstanden, welcher 
beinahe 7"* lang ist. Etwa in der Mitte desselben, vor und unter der 
mittleren Säule, ruht ein aus dem Felsen gearbeiteter Löwe von über 2 " 
Länge, die Vorderbeine vorgestreckt, das etwas entstellend verwitterte 
Haupt gesenkt; links hinter ihm kommt ein etwa 1,30" langes Vorder- 
theil eines zweiten Löwen aus der Wand und von rechts her kommt ihm 
ein gleiches von 1,52" Länge entgegen, also eine völlig symmetrisch ge- 
gliederte Darstellung. An der vordem Seite haben die Thiere wohl kaum 
je wesentlich anders gewirkt als jetzt, denn sie waren nie rund heraus 
gearbeitet, sondern haben sich der geradlinig abfallenden Wand gefügt, so 
dafs sie an ihrer Vorderseite wie durchschnitten erscheinen; aber ihre 
Rückenrundung war ausgedrückt, ist jedoch bei der ganz ungeschützten 
Lage dieser Theile stark verwittert, am wenigsten beim mittleren. Dafs 
hier Löwen gemeint sind, kann nicht bezweifelt werden; hat das mittlere 
Thier die Haltung der bekannten bronzenen Gewichtslöwen von Nimrud^), 
so erinnern die Vordertheile, bis auf die hier wohl geschlossenen Rachen 
an jene ältesten lydischen Münzen^); ein Typus, in welchem übrigens 



1) Vgl. z. B. Barclay V. Head, coinage of Lydia and Persia S. 2. [Vgl. jetzt 
besonders Per rot, histoire etc. II S. 566 Taf. XL] 

*) Vgl. Percy Gardner, types of Greek coins Taf. IV 13, Barclay V. He ad 
a. a. O. Taf. I 6 und 9 — 13. 



Paphlagonische Felsengräber, 15 

sowohl Herleitung des Gewichtes aus dem Mittelstromlande, wie der Zu- 
sammenhang der Münze mit dem Gewicht ausdrücklich mir gewahrt 
scheint. 1) 

Über der Säulenhalle, von der vertieften doppelten Umrahmung 
durch ein 0,32" breites erhöhetes Band getrennt, war ein ganz flacher 
Giebel eingearbeitet, der aus dem gleichen Grunde wie die Löwen unten, 
besonders in seinem rechten Theile stark durch Verwitterung gelitten hat; 
doch sind alle Ecken kenntlich und so die Grundfläche auf ca. 5,70°, die 
Hohe auf etwa 1^™ zu bestimmen. Der so entstandene Raum war durch 
eine figürliche Darstellung gefüllt, welche links bei passender (Morgen-) 
Beleuchtung im Ganzen wahrnehmbar ist; sie zeigt zunächst einen Vier- 
füfsler, der schreitend oder stehend alle vier Tatzen auf den Boden ge- 
setzt hat; der geringelte Schweif, der starke Abfall des Rückens nach 
hinten, die Ähnlichkeit des Kopfes mit demjenigen des unten rechts ru- 
henden Löwen lassen mich auch hier an einen Löwen denken und Zoo- 
logen bestärken mich in dieser Ansicht. Dem Vierfüfsler folgte in der 
Ecke ohne Zweifel ein Vogel, man darf an einen Hahn denken. Die am 
weitesten vorgesetzte Tatze des Löwen ruht schon über der Mitte der 
Mittelsäule, sein Maul unter der Spitze des Giebels; wenn aber auch keine 
völlig symmetrische Raumvertheilung statt fand, so darf doch nach den 
dem Löwen gegenüber noch erkennbaren Contouren nicht bezweifelt wer- 
den, dafs in der rechten Seite die Darstellung der linken sich durchaus 
wiederholte. 

Am meisten Schwierigkeit macht der fast schattenhafte, aber völ- 
lig gesicherte Umrifs über der linken Giebelseite, zu welchem ich einen 
entsprechenden auf der anderen Seite auf einem mir vorliegenden Negativ 
mit der Loupe zu erkennen glaube. Man wird auch hierin kaum etwas 
anderes als ein lagerndes Thier erkennen können i); ich dachte auch an 



*) Doch verdient an dieser Stelle bemerkt zu werden, dafs Löwen auf dem Bo- 
den Kleinasiens angeblich noch im XVI. Jahrhundert gesehen worden sind, und früher 
mehrfach erwähnt werden: Hymnus auf Aphrodite V. 69. 199. Aelian bist, animal. XVII 
31. — Konstantin Porphyrog. de Thematib. I. p. 19 ed. Bonn. Vgl. H. Schliemann, 
Ilios S. 129 nach Tchihatcheff. 

2) Zu vergleichen wäre Etrurisches, so der bekannte Chiusiner Cippus im Ber- 
liner Museum, wo je ein Löwe auf dem Ende des Giebeldaches ruht (Abeken, Mittel- 



16 G. Hirschfeld: 

eine Verzierung der Giebelspitze etwa in der Art des Midasgrabes [oder 
des schon oben genannten durch Ramsay neuerdings aufgefundenen Phry- 
gischen Felsengrabes, Journal V S. 242], allein diese Spitze ist sammt ihrer 
nächsten Umgebung hier so scharf erhalten, dafs dann wohl ein Ansatz 
erkennbar sein würde. 

Nach dieser Schilderung des Äufseren treten wir in die Vorhalle: 
die Seitenwände derselben sind an ihrem vorderen und oberen Rande von 
einem schmalen, etwas erhöhten Bande umzogen, die Rückwand (Taf. V, ii**) 
bildet eine glatte Fläche. In derselben ist auch hier unsymmetrisch, nach 
rechts verschoben und 0,75" über dem Boden der Vorhalle eine Thüröff- 
nung angebracht, die bei 0,93" Höhe sich auch nach oben um 6""" ver- 
jüngt und nach dem umziehenden Falze durch eine Platte geschlossen 
war. Zur Pracht der Vorbereitung bildet die Kammer einen starken Con- 
trast (Taf. V, n* und ii^); die Arbeit ist freilich auch hier sorgfältig, die 
Decke als ein Giebeldach — in Querrichtung — characterisirt aber die 
Dimensionen sind auffallend klein, die Wände völlig glatt. Die Thür sitzt 
fast in der Ecke der Kammer, welche jetzt durch das einströmende Ta- 
geslicht vollkommen erhellt wird. Fast die halbe Breite und die ganze 
Länge des Gemaches nimmt die an der Hinterwand stehen gebliebene 
Felsbank ein (0,55 hoch, 0,95 breit), deren rechtes nördliches Ende z. Th. 
zerstört ist. Der Boden der Kammer war mit Steinen und Sand gefüllt. 
Es ist wohl möglich, dafs der Halys bisweilen so hoch steht, Wassermar- 
ken sind da unterhalb des Denkmals nah dem Flufs 2 und 3 " hoch über 
dem Boden bemerkbar; und drüben am jenseitigen Ufer etwas weiter zu- 
rück sind einige Partien erdiger Abstürze, welche auch auf eine zeitwei- 
lige starke Höhe des Wassers zu deuten scheinen. 

Reste des Alterthums sind in der Nähe von Hambarkaya nicht 
vorhanden, wie sich nach eigenem Suchen und vielfachem Herumfragen 
ergab. Vollends wollte man von der Existenz ähnlicher Denkmäler weit 
und breit im Umkreise nichts wissen. 

Italien Taf. VIII); dazu die spätere Fa^ade von Norchia Mon. dell' Inst. I Taf. XL VIII; 
doch verkenne ich nicht, dafs diese Erscheinungen sehr viel verstandlicher sind. 



Paphlagonische Felsengräber. 17 



3. Die Felsengräber zu Iskelib (Taf. III, IV, VI, VII). 

Von diesen Denkmälern habe ich schon in den Monatsberichten 
der Berliner Akademie von 1883 S. 1254 eine kurze Nachricht gegeben. 
Dieselben sind in den Fnfs des gewaltigen Burgberges eingearbeitet, wel- 
chen ich für denjenigen von Tavium halte. Es sind vier an der Zahl, 
drei derselben bilden eine Gruppe in zwei Etagen ; das einzelne Grab der 
unteren Etage, in welches man vom jetzigen Boden, dem Hof eines tür- 
kischen Hauses unmittelbar eintritt, befindet sich ziemlich genau unter 
dem gröfsesten der oberen Etage, von dessen unterem Rande seine Gie- 
belspitze 0,64" entfernt ist; unmittelbar rechts neben dem oberen ist das 
dritte kleinste Grab (s. Taf. lU). Zwischen den beiden Etagen ist jetzt 
ein Bretterboden gezogen, der die untere Anlage völlig ins Dunkel legt; 
aber auch eine Untersuchung des oberen Grabes war nur mit Licht mög- 
lich, weil die Intercolumnien mit Holzvorräthen verstellt waren. Da fer- 
ner der Bretterboden sich nicht bis zum kleinen Grabe der oberen Reihe 
erstreckt, auch eine Annäherung von unten ausgeschlossen war, so hat 
dasselbe nicht näher untersucht werden können; die darauf bezüglichen 
Mafse sind aus der Photographie berechnet worden und treffen nur un- 
gefähr zu. 

Das gröfseste Grab (Iskelik I — Taf. III und VI) ist von grofser 
Schärfe der Arbeit und äufserlich wenigstens am reichsten ausgestattet: 
die Front bilden zwei starke Säulen, welchen vortretende Anten seitlich 
entsprechen; absolute Gleichheit der Mafse der symmetrischen Theile ist 
auch hier nicht gewahrt. Die Säulenhöhe von fast 3 Metern (2,98™) ver- 
theilt sich so, dafs — bei der linken besser mefsbaren Säule — 0,57" 
auf die Basis, 0,29™ auf das Capitell kommen. Die Basis ist ein Seiten- 
stück zu derjenigen von Hambarkaya, nur steht der Torus hier auf einer 
0,10" dünnen Plinthe von 0,95" Breite, nähert sich mehr der Form eines 
Kessels und ist an seinem obern Theile fast wagerecht abgeschnitten; 
auf diesem setzt auch hier eine rings herumgeführte Leiste auf. Der Säulen- 
stamm verjüngt sich auf 2,12" Höhe um 21"" (von 0,72 auf 0,51). Das 
Capitell setzt auch hier viereckig auf — bei der linken Säule mit 0,53", 

Phil.'hüt. Äbh. nicht zur Äkad. gehör. Gelehrter. 1885, I, 3 



18 G. Hirschfeld: 

bei der rechten mit 0,52 — , springt also zunächst auch hier kaum über 
den Stamm vor; dann aber ladet es in einer flachen Hohlkehle aus, die 
zuletzt in einen viereckigen Abakus übergeht, der bei der linken Säule 
vorn und hinten 0,64°, an den Seiten 0,68° mifst; bei der rechten Säule 
ist das ensprechende Verhältnifs 0,57 : 0,74°, Auch das Antencapitell 
(0,38) ist zweigliedrig, zeigt aber statt der Hohlkehle nur eine schräge 
Linie (0,18° hoch), eine Basis haben die Anten nicht; bei einer Breite 
von 0,56 bez. 0,53° treten sie 0,40 bez. 0,88° vor die Seitenwände der 
Vorhalle vor. Über Säulen und Anten ist ein 0,55 breites stark vortre- 
tendes, glattes Band als Epistylion und darüber vertieft der Giebel ein- 
geschnitten, der in der Mitte hier ebenfalls etwa 1^° hoch ist. Auch in 
der Umgebung des Denkmals ist der Felsen bearbeitet, vorgerichtet gleich- 
sam wie zur Herstellung einer Bildfläche oder einer Gesammtumrahmung, 
deren Contouren den senkrechten Seiten wie den ansteigenden Giebellinien 
folgen, etwa wie man es beim Relief en creux gewöhnt ist und auch 
bei Phrygischen Gräbern sieht. Die Mitte des Giebels ist durch die zu- 
gleich einzige Ausstattung desselben bezeichnet, ein pfeilerartiges Gebilde 
in hohem Relief, von welchem leider nur ein kleinerer Theil sich erhal- 
ten hat, während der obere sammt der Giebelspitze abgestofsen ist. Die 
sonstige Erhaltung des Grabes läfst hier eine absichtliche Zerstörung ver- 
muthen, was für die Deutung dieser Verzierung und anderer gleichartiger 
(s. unten) vielleicht ins Gewicht fällt. Ich bemerke ausdrücklich, dafs 
der Giebel niemals einen anderen weiteren Inhalt gehabt hat. 

Auch die Vorhalle dieses Grabes ist ungewöhnlich geräumig, links 
2,31°, rechts 2,25° tief. Die Decke derselben ist als ein ganz flaches 
Giebeldach gestaltet. An der linken Seitenwand zieht in der Breite der 
Ante eine 0,44° hohe Stufe oder Bank sich hin, darüber, etwa 1,00° 
über dem Boden der Halle, ist eine ziemlich tiefe halbrunde und gewölbte 
Nische in den Felsen gearbeitet. Die Thüröffnung in der Rückwand steht 
wiederum nicht genau in der Mitte und setzt ziemlich hoch über dem 
Boden ein; sie verjüngt sich um 0,20° und ist von einem Falz umzogen. 

Auch die Kammer dieser Anlage ist ungewöhnlich grofs; sie hat 
Ober 3° Länge und 2 J° Breite; die 1,55° hohen Seitenwände sind glatt, 
die Decke ist — in der Längsrichtung — als Wölbung charakterisirt, 
das Gemach an der höchsten Stelle 1,90° hoch. Fast die Hälfte des 



Paphlagonische Felsengräber. 19 

Raumes nimmt auch hier die 0,79"" hohe Steinbank an der Rückwand 
ein, deren Vorderseite in der auf Taf. VI, e bezeichneten Weise profilirt 
ist; an der oberen Fläche ist der äufsere Rand erhöht. Vom linken unte- 
ren Ende der Steinbank zieht sich eine flache 0,35" breite Stufe bis zur 
entsprechenden Vorderwand; an die rechte untere Ecke des Lagers scheint 
eine kleine quadratische jetzt zerstörte Stufe gestofsen zu haben. — 

Das kleine, anstofsende Grab (Iskelib II), dessen Fa^ade bei 2°^ 
Länge etwa 1,75"" Höhe hat, zeigt in auffälliger Weise eine Säule in der 
Front; diese wie der Giebel darüber sind arg zerschunden, und so- 
weit das erkennbar ist, auch ursprünglich wenig sorgföltig angelegt Das 
Gemach befindet sich da nicht im Rücken der Vorhalle, sondern seitlich 
rechts. Eine Verbindung zwischen den zwei Gräbern, wie in Eastamuni, 
besteht nicht. 

Das untere Grab (Iskelib III — Taf. VI) ist in mehrfacher 
Beziehung das merkwürdigste der Gruppe; zwar ist die Säule, welche 
auch hier allein die Mitte der Fa^ade einnahm, herausgebrochen, und ihre 
Stelle oben und unten ziemlich glatt abgearbeitet; gewifs wollte man spä- 
ter einmal die auch hier ziemlich geräumige Vorhalle — 3,50 Länge zu 
1,50 Tiefe — freier benützen können; die Anten an ihren zwei Aufsen- 
ecken sind erhalten und 1,90°" hoch; einen oberen Abschlufs derselben habe 
ich mir ebensowenig notirt wie einen Inhalt des Giebels. Die Decke der 
Vorhalle ist sehr sorgfältig als Dach gearbeitet (Höhe inmitten 2,48°*); 
um die seitlichen und den oberen Rand der Rückwand (Taf. VI, b) ist 
eine 0,07 "" starke saubere Leiste stehen gelassen worden. Die wiederum 
unsymmetrisch sitzende Thüröffnung ist auch hier von einem Falz um- 
zogen, verjüngt sich aber nicht; sie leitet zu einem Gemach von ganz 
einziger Sorgfalt der Arbeit, welches der Länge nach (3,41°*) fast der 
Vorhalle entspricht, und der Tiefe nach in einen grofsen (2,28") vorde- 
ren und einen kleinen, kürzeren hinteren Raum (0, 96) zerfÄllt, der ab- 
getrennten Stätte des Todten. 

Die Decke ist auch im vorderen Gemach wieder dem Giebeldach 
entlehnt. Die an den zwei kurzen Seitenwänden entstehenden Giebel 
sind etwas unterhalb der Ansatzstelle der Dachschrägen durch ein sau- 
beres etwas vortretendes Band abgeschlossen (Taf. VI, c). Die Mitte des 
dadurch etwas überhöheten Giebelfeldes nimmt jederseits jenes eigenthüm- 

3» 



20 G. Hirschfeld: 

liehe Gebilde ein, das aus einer dQnnen Plinthe, einem viereckigen Stamm 
und einem oberen Abschlufs besteht, der sich in die Giebelspitze legt 
und dadurch das Aussehen einer Art von Kappe erhält. Bei demjenigen 
der rechten Seite tritt ein Mittelstreifen des Stammes der Länge nach 
etwas vor (s. Taf. VI, e, /). 

Der Raum des Todtenlagers hat eine eigene Bedachung, unter 
welcher das Bett des Todten wie unter einem Baldachin steht; dasselbe 
füllt die ganze Breite des Raumes, aber nicht die Länge: läfst vielmehr 
bei einer Ausdehnung von 2,15"° an jedem Ende Raum för zwei Stufen; 
seine Höhe beträgt 0,80™. Die Vorderseite ist in zwei vertiefte Felder 
zwischen breiten Streifen getheilt, wie das entsprechend auch an der 
Rückwand hinter und Ober dem Lager geschehen ist (Taf. VI, d); man 
meint Paneele zu sehen, wie sie an hölzernen Thürflügeln gebräuchlich 
sind. Der Übergang aus der Wand in das Lager ist durch zwei halbe 
Rundstäbe bewirkt, der vordere Rand der Steinbank auch hier erhöht, 
sodafs für die eigentliche Lagerstätte wenig mehr als 0,60°* Breite übrig 
bleiben (Taf. VI, c). Alles ist von der gröfsten Zierlichkeit und Schärfe. 

Eine ganz besondere Eigenthümlichkeit erwähne ich zuletzt, es ist 
das eine viereckige 0,30 : 0,22 grofse Öffnung, welche die Wand des Ge- 
maches links neben dem Ausgang mit starker Verjüngung bis zur Vor- 
halle durchsetzt, wo sie wie ein kleines Guckfenster aussieht. 

Das vierte einzelne Grab (Iskelib IV — Taf. IV u. VII) befin- 
det sich in einiger Entfernung östlich von der Gruppe und sitzt etwa 3" 
über dem jetzigen Boden im Felsen. Nur in den Elementen, zwei Säu- 
len und Giebel gleicht es dem grofsen oberen Grabe der anderen Gruppe, 
in allen Einzelheiten ist es von diesem wie von allen übrigen mir be- 
kannt gewordenen sehi* verschieden. Seine Erhaltung läfst zu wünschen 
übrig; aber auch die ursprüngliche Arbeit zeigt nicht die bisher meist 
gefundene Sorgfalt, endlich fehlt es nicht an Spuren von späten Umar- 
beitungen. 

Die viereckige Öffnung ist wie bei Hambarkaya von einem dop- 
pelten Bande umzogen; sie bietet eine Länge von 3,72'°, eine Höhe von 
2,80". Die Säulen erscheinen hier durch eine Verjüngung des Stammes, 
welche etwa ein Sechstel seiner Höhe und ein Drittel (0,32"*) seines un- 
teren Durchmessers (0,95") beträgt, ganz besonders gedrungen, dick und 



Paphlagmiische Felsengräber. 21 

kurz. Die Basen sind arg zerscbunden, lassen aber auch einen weitaus- 
ladenden, doch niedrigen (0,30"°) Torus von ca. 1,40"° Durchmesser er- 
kennen; eine Plinthe darunter ist ebensowenig wahrnehmbar, wie eine 
umziehende Leiste oben, erstere war wohl auch nie vorbanden. Das 
Merkwürdigste sind die ungefügen, vierkantigen, 0,50" hohen Capitelle, 
welche fast die halbe (^) Höhe des Säulenstammes haben und vorn 0,73, 
an den Seiten 0,95" messen. Aus ihrer Vorderfläche Mickt ein Thier- 
kopf mit zerschlagener Schnauze entgegen, unter welchem die Stüm- 
pfe der Vordertatzen hervorspringen; in Übereinstimmung mit Zoologen 
sehe ich auch in diesen Resten Löwenköpfe. Eine völlig zutreffende Ana- 
logie zu dieser Gestaltung des Capitells kenne ich nicht. Denn sowohl 
die bekannten Pferdecapitelle von den Königsgräbern zu Persepolis und 
Naksch-i-Rustam'), und die Greifen capitelle von Persepolis, von wel- 
chen ich hier eine Abbildung nach Rawünson (a. a. O. S. 277) beifüge. 



wie die nicht sehr frühen ionischen Capitelle mit Stiervordertheilen zu 
Ephesos und die noch bekannteren dorischen von der Halle Philipps V. 
in Delos^) zeigen die Thiere in Function als Stützen. In diesem Sinne 
kann freilich auch ein Capitell wie das zu Iskelih ursprünglich nur ge- 
dacht sein, dabei kann die Bestimmung als Wächter ganz gut noch mit- 
gewirkt haben. Als freie Bekrönung zeigt aber zwei hervorspringende 



<} Vgl. z. B. Kugler, Oesch. d. Baukanst I S. 113. Rftwiinson, the five great 
monarchiee IV S. 296, vor Allem die trefflichen unter so unsfiglichen Anstrengungen 
gemachten Aufnahmen von Stolie, Persepolis I Taf. 70 II Taf. 106ff. 

>) Durm, die Baukunst der Griechen S. 173 a. 155. 



22 6. Hirschfeld: 

Stiervordertheile ein Pfeiler oder eine Säule an einem der Felsenreliefs 
zu Bavian^) in Assyrien, welche auf das erste oder zweite Regierungsjahr 
Sanheribs bezogen werden. In altorientalischen Vorstellungsformen bewe- 
gen wii* uns da sicherlich, auch noch in den Ausläufern zu Ephesos und 
Delos2). 

Die Säulenbasen nehmen die ganze Tiefe der Vorhalle ein; an den 
vorderen Ecken derselben sind glatte Anten — 0,55 bez. 0,48 breit — 
ausgearbeitet. Die rechte Seitenwand der Vorhalle zeigt auch hier 0,95 
Ober dem Boden eine grofse, etwas unregelmäfsig geformte Nische. 

Eine beschädigte 0,80*** hohe Thüröffnung, vor welcher — spä- 
ter? — eine Stufe ausgearbeitet ist, führt in eine enge, 2,50" tiefe Kam- 
mer von wenig sorgfilltiger Arbeit; die Decke ist gewölbt und an höch- 
ster Stelle nur 1,80" Ober dem Boden. An der linken und an der hin- 
teren Wand ist je eine ganz niedrige Steinbank stehen geblieben von 0,77 
Breite; der vordere Rand der seitlichen ragt mit etwa 0,11" in die Thür- 
öffnung hinein. Über der rechten Thürecke aufsen mündet auch hier 
eine fensterartige kleine Öffnung, welche vorn dm'ch ein im Gestein aus- 
gespartes Kreuz wie ein Gitterfenster characterisirt ist. 

Ich stelle an den Schlufs dieser Beschreibung den Giebel mit 
seinen Seltsamkeiten. Derselbe erinnert im Ganzen am meisten an Ham- 




^} Hier abgebildet nach Layard, discoveries S. 211, oder 
ist eine Standarte gemeint? Ich will nicht verschweigen, dafs es mir 
überhaupt immer als eine bedenkliche Methode erscheint, so verein- 
zelte und abgelegene Erscheinungen heranzuziehen. 

') Es mufs Zufall sein, dafs wir erst in Persien Analogien begegnen, denn 
die Persische Baukunst begann ja bekanntlich erst verhältnifsmäfsig spät; dafs sie da- 
bei stark unter dem Einflufs der schon entwickelten Baukunst im Westen, in ELleinasien 
stand, hat bei Gelegenheit der Säulen auf der Grabstätte des Kyros schon Kugler 
I S. 100 bemerkt. Aber ganz besonders fällt da ins Gewicht, dafs die Persische Bau- 
kunst, so abweichend von Assur und Babylon, auf der Säule beruht, wie Rawlinson 
(I S. 380 Note 6) hervorgehoben. Wenn aber derselbe (III S. 21} dabei an Medischen 
Vorgang denkt, so ist das doch zu unsicher. Richtig bleibt allerdings immer und zu- 
gleich erklärend für den — freilich keineswegs gänzlichen — Säulenmangel im Mittel- 
stromlande, wenn derselbe a. a. O. sagt: a pillar architecture naturally began in a coun* 
try where there was abundant wood. Dafs trotzdem Persien im Stil seiner Zierformen 
im weitesten Sinne an Assyrien anknüpfte, ist klar und bekannt genug. 



Paphlagonische Felsengrähei\ 23 

barkaya, nur ist Alles viel weniger scharf und präcis. Dadurch dafs die 
Grundlinie des Giebels auch in diesem Falle nicht unmittelbar Ober der 
Umrahmung liegt, entsteht auch hier über den Säulen ein drittes Band, 
so dafs auch hier wiederum — gewifs durchaus zufällig — eine Drei- 
theilung nach Art des ionischen Epistylion herauskommt. Wie bei Ham- 
barkaya sind die unteren Giebelecken etwas Oberhöht und ein wenig 
eingerückt, was auch an phrygischen Gräbern begegnet. Die Höhe des 
Giebels beträgt 1,20 — 1,25"; der Neigungswinkel bewegt sich in allen 
unsern Fällen um einen Werth von 20 — 25°; ist also sehr viel gröfser 
als bei griechischen ßauten und findet eher in Etrurien Analoga. 

Nun wird das Tympanon ausgefüllt durch zwei geflügelte einander 
gegenüber schwebende Knabengestalten, von denen derjenige zur Rechten 
in beiden Händen ein flatterndes Gewandstück vor sich hält; der Andere 
trägt in seiner Linken einen Gegenstand, der wie eine Frucht oder auch 
wie ein kleines Gefäfs aussieht. Die Gestalten sind von sehr flacher Ar- 
beit, verschwimmen beim Betrachten vielfach mit dem röthlichen Gestein 
und sind wie die Löwen im Giebel von Hamarkaya deutlicher auf der 
Photographie zu erkennen, als am Monument selber. So ist denn an den 
Eroten — denn so dürfen wir sie doch nennen — nicht viel Detail wahr- 
zunehmen, wohl aber bezeugt die leichte ungezwungene Bewegung, die 
flotte Art der Behandlung, ja die Thatsache selber, dafs hier zwei Ero- 
ten dargestellt sind, dafs wir in keine zu frühe Zeit zurückgehen dürfen; 
auf der andern Seite füllen sie durch Haltung, Flügel, Gewandstück den 
Giebelraum ganz befriedigend aus. Dennoch sind diese Gestalten gerade 
an dieser Stelle aufserordentlich befremdlich: wenn ich auch einmal da- 
von absehe, dafs schwebende Figuren in einem Giebelfelde ein innerer 
Widerspruch sind, der vielleicht in einer Verfallzeit einmal möglich ist^), 
so ist dieser Schmuck doch jedenfalls derartig, dafs an eine Gleichzeitig- 
keit mit dem Giebelschmuck von Hambarkaya und Kastamuni gar nicht 
gedacht werden kann. Ich greife mit dieser zeitlichen Andeutung frei- 



^) [Nackte fliegende Eroten im Relief zeigen die Eckakroterien des spitzen Gie- 
beldaches auf einem schlichten grofsen Sarkophage der Gräberstrafse zu Sidjma, s. 
Benndorf, Reisen in Lykien und Karien S. 80. Die Inschrift weist den Sarkophag ins 
zweite oder dritte Jahrhundert nach Christas.] 



24 G. Hirschfeld: 

lieh schon vor. Da nun die übrigen Theile des vorliegenden Grabes 
nicht blos untereinander, sondern auch mit den verwandten Denkmälern 
vollkommen harmoniren, so bleibt nur übrig, jene Decoration als einen 
späteren Zusatz zu betrachten, von dem ich mir vor dem Monument sel- 
ber notirte, dafs er in die spätere Römische Eaiserzeit zu fallen scheine. 
Dann entsteht aber die Frage, ob der Giebelraum früher anders verziert 
gewesen sei. Dafs ein Mittelstück von der Art des am grofsen Grabe 
befindlichen ausgefallen , scheint mir unwahrscheinlich, da dann bei der 
Abarbeitung die obere Giebelspitze innen wohl weniger scharfe Contouren 
erhalten hätte, als sie zeigt. Ich habe früher hinter dem Eros links eine 
verwitterte Vogelgestalt zu erkennen geglaubt, sehe aber bei genauer 
Nachprüfung meiner photographischen Aufnahmen, dafs wenigstens der 
vermeintliche Kopf derselben nichts anderes ist, als die zwischen den 
Füfsen des Schwebenden entstehenden Contouren. Bei der starken Ver- 
witterung möchte ich nichts für gewifs geben; aber selbst ein ursprüng- 
lich leerer Giebel würde kaum anstöfsig sein, wofür ich auf das untere 
Grab der Gruppe (Iskelib III) und auf das eine zu Eastamuni verweise. 
Man begreift nun auch die aufserordentliche Flachheit der Eroten, die 
hier nicht durch Wasser verwischt sein können, wie der Giebel von Ham- 
barkaya, da sie unter dem Schutze des Giebelrahmens liegen. Die Spä- 
teren scheuten eben zu viel Abarbeitung. 

Bei der Bestimmung dieser Monumente darf man also ohne Wei- 
teres von diesen Eroten absehen, die mit den ungefügen Löwencapitellen 
ohnehin absolut unvereinbar sind. 

Die spätere Benützung älterer Grabstätten ist zumal auf dem Bo- 
den Kleinasiens nach positiven und negativen Thatsachen (Verboten) et- 
was so Gewöhnliches, dafs es fast als die Regel erscheint. In Beziehung 
auf späteren Gebrauch einer älteren Felsenanlage darf ich auf das Prie- 
stergrab zu Amasia hinweisen (s. unten S. 28 Anm. 1). 

Das letzte von mir gesehene Felsengrab dieser Art ist zu Tokäd 
an der Südwestseite des gewaltigen langgestreckten nach Südost streichen- 
den Burgfelsens. Das Grab, dessen Skizze ich Taf. VII, in gebe, ist nur 
von kleinen Dimensionen, seine Vorhalle ruht auf einem vierkantigen kur- 
zen gedrungenen Mittelpfeiler; die ThüröflFnung sitzt in der rechten Ecke 
der Rückwand und zeigt an ihren Aufsenrändern zwei symmetrische Ver- 



Paphlagonische Felsengräber. 25 

tiefungen einander gegenüber, die hier einmal auf einen Verschlufs in 
Metall hindeuten. Das Gemach ist klein und unregelmäfsig, ein Lager 
ist nicht darin. Die Felspartie, in welchem das Denkmal sich befindet, 
erscheint, etwas unterhalb betrachtet, wie ein isolirtes gleichschenkliges 
Dreieck, dessen Spitze zugleich die höchste Spitze des Burgfelsens bildet, 
während die Mitte seiner Grundlinie das Grab freilich nur zu einem recht 
kleinen Theile besetzt hält. 

Zu diesen Monumenten füge ich zunächst ein dreisäuliges, wel- 
ches nach luir gemachten Angaben im Amniasthale auf dem Wege von 
TaschkoepiH (Pompeiopolis Paphlagon.) nach Boiabäd rechter Hand, fünf 
Stunden von letzterem Orte liegen soll. 

Dann hat Ghanykof 4:^ Stunde NW. von Tschangri (Gangra) 
hoch oben in einer colossalen Felswand eine Grotte bemerkt mit dreiecki- 
gem, von einer Säule gestützten Giebel, die er den zuerst von ihm in 
Eastamuni bemerkten anscheinend sehr ähnlich nennt. ^) 

Von den schon bekannten Denkmälern der vorliegenden Gattung 
nenne ich zuerst jenes grofsartige Denkmal etwa zwei Stunden nordwest^ 
lieh von Aladja, welches Hamilton (I S. 401) aufgefunden und Perrot 
veröffentlicht hat^) und das jetzt den Namen Gerdek kayasi führt. An 
der Seite eines Engthaies oben über einem ziemlich steilen rasigen Hange 
ist das Grab in einen Felsblock gegraben, welcher nach Osten gerichtet 
ist. Auch hier scheint wie bei Hambarkaya durch das Verhältnifs der 
Mafse der ganze Block den Eindruck eines Denkmals zu machen. Drei 
starke Säulen von fast 4" Höhe stützen die sehr geräumige Vorhalle, 
welche 9,70" lang und etwa 3^™ tief ist und welche sich 6 — 8" über 
dem darunter liegenden Erdreich befindet. Die Basis der Säulen bildet 
eine 0,20"* hohe runde Plinthe von 1,40 Dm., auf welcher (s. Taf. VH, n) 
der Säulenstamm mit einem Ablauf sich erhebt; seine Verjüngung ist sehr 
stark und beträgt auf 3,20" Länge fast 0,60. Das Capitell setzt über 
einer halbrunden vorspringenden Leiste mit einem Echinus an und wird 
durch einen viereckigen Abacus abgeschlossen. Über den Säulen zieht 
sich ein einfaches Band hin, welches nur an dem linken Teile gedoppelt 



1) Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde 1866 S. 424. 

^) Perrot, Guillaome et Delbet, exploration de la Galatie etc. Taf. 33 S. 339f. 

Phil.'hist Abh. nicht zur Akad. geh. Gelehrter. 1885. I. 4 



26 G. Hirschfeld: 

erscheint, wie zu Iskelib und Hambarkaya. Aus der linken Wand der 
Vorhalle leitet eine fast 1"* hoch angebrachte niedrige ThOröfFnung in 
das Hauptgemach, welches nach aufsen als eine Wand mit zwei Anten 
markirt ist, zwischen welchen ein zierlich umrahmtes, giebelbekröntes 
Fenster sich öffnet, das auch hier von innen nach aufsen sich verjüngt. 
Der Innenraum zerfällt hier, ähnlich wie einmal in Iskelib (No. HI), in 
einen gröfseren vorderen Raum (3,94 : 3,63) mit Giebeldach und einen 
kleineren, welchen das nach Westen etwas ansteigende Lager ausfüllt. 
Diesem Gemach entspricht ein viel weniger sorgfältiges zur Rechten, das 
keine Spur eines Lagers zeigt, aber auch durch eine Fensteröffnung et- 
was Licht und Luft empfängt. 

Endlich ist in der Rückwand, weit nach rechts zwischen die 
zweite und dritte Säule gerückt, eine dritte Thüröffnung, welche aber in 
einen ganz engen kleinen unregelmäfsigen , anscheinend nur eben begon- 
nenen Raum führt (vgl. den Durchschnitt Taf. VH). Unter dem Denkmal 
und zwar unter der ersten Säule links, ist hier wie in Kastamuni ein 
Eingang zu einer Höhle sichtbar,- die zweitheilig ist, von Menschenhand 
zugerichtet, wenigstens nachgebessert; ihr ursprünglicher Zugang soll in- 
dessen nach Perrot nur durch ein Loch oben im Boden neben der ent- 
sprechenden Säule stattgefunden haben. 

unter allen bisher betrachteten Monumenten macht Gerdek kayasi 
den vorgeschrittensten, man kann sagen, den am meisten abgeklärten Ein- 
druck. Um so geflissentlichter habe ich die Berührungspunkte mit den 
übrigen hervorgehoben, Punkte, welche Perrots Betrachtungsweise noch 
nicht nahe liegen konnten. 

Das letzte Denkmal, welches ich nennen will, führt weit hinab 
nach Süden, in die Nähe von Urgub, westlich von Mazaca- Caesarea. Es 
ist jene imposante, Dikilitasch genannte Anlage, welche bis jetzt leider 
nur wie jenes ganze merkwürdige Thal durch Texier's Aufnahmen be- 
kannt geworden ist^). 

^) Texier, description de TAsie Mineure Taf. 92 und in der Di dot 'sehen Samm- 
lung L'ünivers, Asie Mineure S. 552, wo Texier von einem style egyptien spricht! H. 
Barth (Reise von Trapezunt nach Scutari im Herbst 1858, Ergänzungsheft zu Peter- 
mann's Mittheilungen 1860 S. 63) hat das Grab nicht auffinden können, weil die unmit- 
telbar benachbarte hohe Säule, nach der es benannt ist, und an welcher es schon von 



Paphlagonische Felsengräber. 27 

Hier ist zunächst ein bedeutender Vorraum hergestellt, in welchem 
zu beiden Seiten ein paar gewaltige basenartige Quaderblöcke aus dem 
Felsen gehauen sind; durch dieselben schreitet man auf die Fa^ade zu, 
welche durch zwei starke kurze runde Säulen in der Mitte, dann jeder- 
seits durch einen viereckigen Pfeiler und eine Ante — alle sechs ohne 
Basen und mit gleichem oberen Abschlufs — gebildet wird; darauf ruht 
ein niedriger Giebel von 14,35" Länge und 1,36" Höhe, welcher leer ist. 
Die Capitelle sind denen von Aladja ähnlich. Eine 1,50" hohe, nach 
oben verjüngte ThQr leitet aus der Rückwand in das Grabgemach, das 
je ein Lager an den Seiten, im Hintergrunde aber eine dritte Todtenstelle 
in vertiefter Form enthält, wie solche in Phrygischen Gräbern vielfach 
vorkommen. 

Das Grabmal von Nakoleia^) gehört natürlich nicht in diesen Zu- 
sammenhang — wenn auch Texier dasselbe als vorpersisch bezeichnet — , 
und ebensowenig das sogen. Grabmal des Jacobus, welches Durm nach 
de Saulcy für uralt hält^); diese haben in ihrem characterlosen Grae- 
cismus höchsten ein Interesse als Spätlinge, ohne einen Anspruch auf 
originale Bedeutung machen zu können. Dasselbe wird wohl von den 
Gräbern zu Neupaphos gelten^), wenn auch zu wünschen ist, dafs dieselben 



fern kenntlich gewesen wäre, mittlerweile von den Eingeborenen in die Luft gesprengt 
sei, wohl um angeblich darunter befindliche Schätze zu suchen. Auch in einer Polemik 
über die in dem betreffenden Thal (THto^tfAsti) vorhandenen Felswohnungen (von Anacho- 
reten?) zwischen Mordtmann (dem Vater) und Paranikas einerseits und Sophokles und 
Basiades andererseits finde ich das Denkmal nicht genannt (o tu KMvrrcivTtvovTroXst s>Xv}vi' 
xoQ Tv>Xoyog I S. 207 f. 296 ff.). Ebensowenig wird es von H. F. Tozer bei seinem Be- 
such des Thaies „Gueremeh^ erwähnt (Turkish Armenia and Eastern Asia Minor Lond. 
1881 S. 139 ff. s. auch das Titelbild). 

^) Texier, description de TA sie Mineure Taf. 60, ungenau in den Details na<^h 
Ramsay Journal 1882 S. 28. 

^) Durm, die Baukunst der Griechen S. 8, wo überhaupt seltsame Dinge vor- 
getragen werden. 

^) Cesnola, Cyprus S. 224. Pottier, les hypogees doriques de Nea Paphos, 
im Bulletin de Corresp. Hellen. lY S. 497 ff., der in einem übrigens sehr anfechtbaren 
Versuch, die Felsengräber des griechischen und weiteren Ostens zeitlich zu ordnen, die 
betr. Denkmäler von Neupaphos überhaupt unter griechischem Einflufs entstanden denkt. 
[Vgl. jetzt Perrot, bistoire III S. 223 f.: frühestens aus dem V. Jahrhundert, vielleicht 
erst nach Alexander.] 

4* 



28 G. Hirschfeld: 

noch genauer bekannt werden. Auf Lykische Gräber einzugehen wird spä- 
ter Gelegenheit sein. 



n. 

Die bisher betrachtete Reihe von Felsengräbern findet sich, wie 
man bemerken wird, nur auf verhältnifsmäfsig kleinem Gebiete; nach der 
Landschaft, in welcher sie am zahlreichsten sind, sei es gestattet, diesel- 
ben paphlagonisch zu nennen. Ich habe diese Denkmäler ohne Weiteres 
als Gräber bezeichnet; den Beweis dafQr wird man erlassen. Aber wenn 
alle anderen Judicien fehlten, so würde man den Rückschlufs aus den 
gesicherten Königsgräbern zu Amasia ziehen können, welche aufserdem 
ebenso offenbar als absichtliche Nachahmungen der früheren einheimischen 
Grabanlagen durch die Fürsten des III. u. IL Jahrh. (s. Perrot Exploration 
S. 371) betrachtet werden dürfen, wie die Pergamener Herrscher für gut 
fanden, im Tumulus einen alten nationalen Typus wieder aufzunehmen i). 



^) Wenn Per rot (S. 372} das bekannte Felsengrab am Irisufer bei Amasia mit 

der Inschrift 

TH t 

A P X 
lEPE Yl 

— das sog. Spiegelgrab — um die Zeit des Augustus ansetzt, so ist das entschieden ein 
Mifsgriff, einmal wegen des offenbaren zeitlichen Zusammenhanges der Felsengräber von 
Amasia, ganz besonders aber aus epigraphischen Gründen: die Inschrift ist etwa um das 
dritte Jahrhundert anzusetzen; das läfst sich — trotz des geringen datirbaren inschrift- 
lichen Materials — von Amasia mit Sicherheit behaupten. Perrot*s Irrthum beruht, so- 
viel ich sehen kann, auf einer petitio principn, dafs nämlich die Fürsten wohl keinem an- 
dern Zeitgenossen gestattet haben würden, ein den ihrigen ähnliches Denkmal zu errich- 
ten. Indessen kann das Rechnen mit persönlichen Beweggründen auch in diesem Falle 
kaum für bündig gelten, und die von Ferro t selber erwähnten Felsengräber von Achor- 
önü unmittelbar bei der Stadt, sowie die stark mi^enommenen beim Aufgang zu den 
Königsgräbern (erwähnt auch bei Perrot S. 382), bezeugen für Amasia eine weitere Be- 
nützung dieser Form. Die Königsgräber sind dadarch vor den andern ausgezeichnet, dafs 



Paphlagonische Felsengräber. 29 

Wir dürfen aus diesen Analogien wohl noch mehr schliefsen, nämlich 
dafs auch unsere Felsengräber den Herren des Landes angehörten, was 
ihr sparsames Vorkommen, ihre Vereinzelung und die offenbar freie Wahl 
ihrer stets bedeutsamen, oft imposanten und erhöheten Lage erst hinrei- 
chend erklärt. Während einige unter ihnen augenscheinlich für Einzelne 
bestimmt waren, bieten andere (z. B. Iskelib IV) mehrere Lagerplätze, 
noch andere — wie diejenigen zu Kastamuni und Aladja — sind an- 
scheinend allmälich nach Bedörfnifs erweitert worden und tragen mehr 
den Charakter von Familiengräbern. Die Kammern ohne besondere Vor- 
richtung könnten wohl Sammelgräber gewesen sein, doch machen da 
die analogen Eönigsgräber von Amasia (s. unten) stutzig. 

Die Felsengräber sollten, abgesehen von ihrer Lage wirken durch 
ihr Äufseres, denn dieses ist auch da mit Sorgfalt ausgeführt, wo das 
Innere vernachlässigt ist^). 

Die Felsengrotten, in welchen man die Todten bestattete, in ihrem 



sie wie der Palast iv tw ns^ißoXw liegen (Strabo S. 561), und diese Angabe macht sie 
eben auch noch für uns erkennbar. Handelt es sich nun beim Spiegelgrabe, wie ich mit 
Perrot (S. 372) glauben mochte, wirklich um den Hohenpriester von Eomana, so heilst 
es ja bei Strabo S. 557 ausdrucklich vom Ib^vq: v)v SiVTt^09 Hctra thavjv ßtra rov ßavikia 
und zwei Mal im Jahre trug er ein Diadem. Darnach könnte man sogar vermuthen, dafs 
auch die übrigen zerstreueten Felsengräber in und bei Amasia solchen Priestern angehor- 
ten. Dafs am Spiegelgrabe, wo die Inschrift nun einmal in die Wand gegraben war — 
bei den übrigen mufs sie in anderer Weise hinzugefugt sein, wie beim Grabe des Ejros 
(vgl. Stolze zu Taf. 128) — kein Name angegeben ist, kann auffallen; aber die Reste 
einer Inschrift unter der anderen und unter der Eingangsthür, die ich abweichend von 

Perrot als 

Z 

K A OZ 

sah, haben mit jener älteren nichts zu thun, und können nur als ein Beweis späterer 
Benützung gelten, worauf ich schon oben S. 24 hingewiesen habe. Es ist auch sehr wohl 
möglich, dafs das Spiegelgrab zur Beisetzung der Hohenpriester überhaupt oder doch 
mehrerer gedient hat. 

Zu den Gräbern von Amasia stellt sich übrigens wohl das des IKEIION (so?), 
welches Ainsworth (travels in Asia minor I S. 99) sah, dessen Abbildungen allerdings 
leider keinen hohen Grad von Genauigkeit haben. 

^) [Einen besonders augenfälligen Gegensatz bei einem lykischen Felsengrabe 
(des Amyntas) hat auch Benndorf betont, Lykien S. 41 vgl. principiell S. 96; in Phry- 
gien Ramsay, Athenaeum 1884 S. 864.] 



30 G. Hirschfeld: 

Äulseren architektonisch zu gestalten, ist eine Neigung, die wir auf dem 
Boden Kleinasiens vielfach verbreitet finden, und so hat man in diesen 
Anlagen eine Eigenthümlichkeit des Landes erkennen zu müssen geglaubt. 
Das ist auch im Ganzen richtig, und in dem Umfange richtig, dafs die 
an den verschiedensten Punkten vorkommenden Gräber ohne Weiteres mit 
einander verglichen, aus einander erklärt werden dürfen und — bei dem 
vorliegenden Material — oft nur durch einander völlig zu verstehen sind. 
Dennoch bedarf jener Satz in hohem Grade näherer Bestimmungen, die 
ebensoviele unterecheidende Charakteristica der hier in Frage kommenden 
Klassen sind. 

Zu ganz allgemeiner Abgrenzung darf man zunächst sagen, dafs 
westlich einer idealen Linie von der Propontis nach Karien, etwa zwi- 
schen dem 26ten und 27ten Grad 0. L. von Paris — d. h. am vorde- 
ren Rande Kleinasiens der Tumulus das Felsengrab als nationale Grab- 
form ablöst^) eine Form, welche dann die Griechen lediglich mit mythi- 
schen Ereignissen und Heroen in Beziehung setzen. Die Seltenheit des 
Tumulus in Phrygien ist schon früher als auffallend bemerkt worden 2); 
dem sporadischen Vorkommen entsprechend wird auch einmal ein Felsen- 
grab, dasjenige im Thal des Rhyndakos (bei Perrot, Exploration Taf. 7) 
weit nach Westen vorgeschoben gefunden. Verschiedenartige Völker und 
Bräuche erscheinen durch solches Vorschieben gleichsam in einander 
verzahnt. 

Gewifs gehen diese Formen auch von grundverschiedenen An- 
schauungen aus; für die Felsengräber wird darauf später zurückzukom- 
men sein. Wie der Tumulus gruppen- ja schaarenweise in Sardes und 
auf der troischen Ebene, sonst aber fast nur vereinzelt vorkommt, so 
treten die Felsengräber mit Fapaden als durchgängige Form und in 



^) Dafs er das auch in Thracien ist und zwar bis in römische Zeit hat A. Da- 
mont bemerkt, Archives des missions scientif. et litt. 1871 S. 457 ff. 

2) Ramsay, Journal III 1882 S. 18, one is surprised by the rarity of tumulus 
in Phrygia. Three at wide intervals in the Afium Karahissar Valley, one between Kum- 
bet and the Midastomb, another beside Nacolea (Seid-el-Ghari) ; dazu sind nun einige bei 
Seldjukier zwischen Uschak und Ischikli gekommen (Journal IV S. 409), deren Alter mir 
indessen nicht klar ist wegen des finely-built sepulcral Chamber, das in dem einen neuer- 
dings aufgedeckt ist. 



Paphlagontsche Felsengräber. 31 

ganzen Nekropolen auf in Lykien. Dort zeigen sie bekanntlich in ihrer 
Gestaltung die ganze Scala von einfachstem Aussehen bis zu grofsartiger 
und aufwändigster Ausstattung und erscheinen überall als Supplement zu 
Resten bewohnter Städte. Aber diese Deckung findet so vollkommen nur 
dort statt! Schon in Phrygien scheint das anders zu werden: zwar kom- 
men auch hier die Felsengräber noch in ganzen Nekropolen vor und in 
einem Falle ist eine bewohnte Stadt in der Nähe gesichert^); ein anderes 
Mal meint Ramsay die Stadtreste nur noch nicht gefunden zu haben. 
Aber hier ist schon eine gewaltige Kluft zwischen den bedeutenden und 
unbedeutenden Denkmälern, und der Unterschied betrifil nicht blofs die 
Dimensionen, sondern den ganzen Stil. In Beziehung darauf will ich an 
dieser Stelle nur bemerken, dafs die mit gradlinigen Mustern überzogenen 
Felswände nur hier vorkommen, und dafs die Felsengräber mit plasti- 
schem Schmuck, auch die späteren, hier durchaus eigenartig sind. 

Ganz anders die paphlagonischen Gräber: sie kommen nur verein- 
zelt vor, liegen in mäfsiger Höhe, aber doch ohne dafs ein Zugang beab- 
sichtigt wäre, Stadtreste in ihrer Nähe sind zumeist nicht nachzuweisen. 
Kündigen sich schon durch diese Äufserlichkeiten die von uns betrachte- 
ten Anlagen als eine Art an, so vollendet und sichert erst diesen Zu- 
sammenschlufs ihre Gestaltung, und zwar in erster Linie das für die Er- 
scheinung der Paphlagonischen Gräber wesentliche Element: die offenen 
von freien Säulen getragenen Vorhallen. Phrygien kennt diese 
Anlage gar nicht, sondern nur eine decorative, allerdings recht alte Ver- 
wendung der Säule, wie sie auch bei den Persischen Königsgräbern von 
Persepolis und Naksch-i-Rustam stattfindet (Stolze, Persepolis I Taf. 
70 f. 11 106 ff.). Lykien kennt diese von Säulen getragenen Vorhallen, 
aber nur in seinen ionisirenden Anlagen, Bauten, welche frühestens 
dem Ausgang des fünften Jahrhunderts angehören (s. unten) und die vor- 
ionisch zu nennen niemals Jemandem hätte beikommen dürfen 2). 



1) Ramsay, Journal III 1882 S. 6. 

^} Durm a. a. O. S. 158. [Das erlösende Wort über diese Anlagen hat nun be- 
kanntlich Benndorf gesprochen, Lykien S. 11 Off., dessen Zeitbestimmung auch der mei- 
nigen entspricht. Im Hinblick auf die Benndorf sehen Anschauungen und seine Herlei- 
tung des Lykisch-Jonischen Styles vom Westen wird es interessant sein, ein entsprechen- 
des Felsgrab so weit nach Westen vorgeschoben zu finden, wie daf^jenige, welches ich am 



32 6. Hirschfeld: 

Die Zahl der Säulen wechselt zwischen einer, zweien, auch dreien ; 
eine besondere Absicht oder auch der Reflex eines bestimmten baulichen 
Princips liegt in der Zahl der Säulen gewifs nicht; dieselbe wächst mit 
dem allgemeinen gröfseren Aufwand der Ausstattung und war in letzter 
Instanz eine Frage der Mittel. Zu der ofienen Halle tritt in den Paphla- 
gonischen Gräbern als zweites Element gewöhnlich der Giebel. Aber 
zwischen diesem und der Säulenhalle findet sich hier keiner der bekann- 
ten architektonischen Übergänge: beide trennt einmal ein starkes Band, 
dann die zweifach oder dreifach gegliederte Einrahmung, deren Ähnlich- 
keit mit dem ionischen Epistyl sich schon dadurch als eine wesenlose er- 
weist, dafs sie mehrmals auch die Seitenränder der Denkmale umzieht. 
Wollte man Anlagen wie Hambarkaya und das grofse obere Grab zu 
Iskelib solcher Abweichungen wegen von einander trennen, so würden — 
abgesehen vom ganzen Aufbau — die Säulenbasen wieder beide aneinan- 
der fügen, und so treten bei allen diesen Gräbern gewisse Ähnlichkei- 
ten, sei es in den Säulen, sei es im Giebel und in dessen Überhöhung 
und EinrOckung oder in gewissen Zierformen oder Symbolen, so stark in 
den Vordergrund, dafs sie bei aller Verschiedenheit im Einzelnen zu einem 
zusammenhaltenden Bande vollkommen genügen. Auf die angedeutete 
Mannigfaltigkeit, daneben wohl auch auf die Abweichung der entsprechen- 
den Mafse, darf vielleicht schon hier als ein Kennzeichen echter alter le- 
bendiger Kunst Übung auftnerksam gemacht werden. Das am weitesten 
entwickelte Grab, dasjenige von Aladja, zeigt freilich keinen Giebel, aber 
nicht etwa aus ünkenntnifs dieser Form, wie die schräg geschnittene 



Schlafs dieses Aufsatzes abbilden lassen kann. Dasselbe befindet sich an der Spitze der 
Bai von Giova (Ks^aiAstHog Ho>.nog) nahe den Resten des alten Bargasa; es ward im Jahre 
1870 Ton Herrn H. Kiepert aufgefunden, der die grofse Oute hatte, mich auf dasselbe 
hinzuweisen und mir die Zeichnung zu überlassen. Derselbe bemerkt, dafs die Höhe der 
Thür im Lichten 1,81°^ betrage, und dafs die innere Kammer „rohe Felswand^ sei. Am 
nächsten liegt der Vergleich mit dem bekannten Amyntasgrabe (Benndorf, Taf. XVII 
bes. S. 40, auch 113). 

In diesen Znsammenhang gehören wohl auch die Grabfa^aden von Kaunos, die 
leider nur sehr ungenügend beschrieben sind (buUetin de Corr. Hellen. I S. 344); es wird 
nichts über Säulen gesagt, obgleich das Äufsere Antentempeln ähnlich genannt wird. 
Die Verzierung eines Giebels wird mit derjenigen von Kumbet (Perrot, Exploration 
Taf. 7) verglichen.] 



Paphlagonische Felsengräber. 33 

Deckung der Kammern und besonders die Fenstereinfassung zur Genüge er- 
weist. Am Ende ist es hier auch nur eine Folge von Verwitterung, dafs 
der vielleicht nur ganz flach angegebene Giebel fehlt, wie ja auch die 
rechte Fortsetzung der oberen Umrahmungslinie nicht mehr sichtbar, und 
wie auch bei dem übrigens so gut erhaltenen Hambarkaya der Giebel im 
Schwinden begriffen ist. 

Die Gestaltung der Todtenräume in den Paphlagonischen Felsen- 
gräbern ist in keinem wesentlichen Punkt eigenthümlich : der verschiedene 
Schnitt der Decken — als Wölbung oder Giebeldach — begegnet bekannt- 
lich in den Grabkammern auch anderer Gegenden und der verschieden- 
sten Zeiten; einzig steht vielleicht die zeltmäfsige Bedeckung in der gro- 
fsen Kammer von Kastamuni da; in derselben sind, wie in mehreren 
anderen Räumen keine Vorrichtungen zur Bestattung sichtbar, ebensowe- 
nig wie in einigen Gräbern zu Amasia (Perrot a. a. 0. Taf. 73. 77. 79); 
sonst erscheint hier — aufser bei dem so weit südlich vorgeschobenen 
Dikilitasch — den Senkungen in Phrygischen Gräbern gegenüber als das 
Regelmäfsige die erhohete Steinbank, wie eine solche z. B. auch in Etrus- 
kischen Grabkammern nicht selten vorkommt. Die Gräber zu Amasia 
verrathen ihren späteren, compilatorischen Charakter, wenn der Ausdruck 
erlaubt ist, schon in der Vermischung beider Bestattungsarten (vgl. Per- 
rot Taf. 72. 74. 76). Wo die Steinbank eine Kunstform hat, ist diese 
der Holztechnik entlehnt, viel einfacher freilich, als das zuweilen in Etru- 
rien und in der scheinbar künstlich gedrechselten Lagerstatt eines bedeu- 
tend späteren, durch Heuzey bekannt gewordenen Grabes zu Pydna 
auftritt^). 

Auf der Oberfläche der Steinbank ist hier und da eine Art Lager 
eingearbeitet (Kastamuni, Iskelib 1 und III); eine Erhöhung für den Kopf, 
wie sie u. A. in Etrurien vorkommt, habe ich nirgends bemerkt. 

Von einer Tendenz das Todtengemach zu verstecken, welche bei 
den Phrygischen Gräbern mit den verzierten Felswänden und bei den 
Tumuli beobachtet ist, ist hier keine Rede. Denn auch der kleine unre- 
gelmäfsige Raum in der Rückwand des Grabes zu Aladja ist ein aus ir- 



') Exploration de la Macedoine Taf. XVII f. Heuzey selber weist S. 258 auf 
Kleinasien, S. 262 auf Etrurien hin. 

PhiL-hist, Äbh, nicht zur Akad, gehör. Gelehrter. 1885. I. 5 



34 G. Hirschfeld: 

gend einem Grunde aufgegebener Anfang eines Todtengemaches, aber keine 
Vexiranlage. Die durch eine Platte verstellte EingangsöfFnung, die aller- 
dings niemals Mannshöhe hat, gestattet doch immer einen bequemen Zu- 
gang; der Boden im Innern liegt gewöhnlich in etwa gleicher Höhe mit 
der Schwelle derselben. 

Sehr auffällig ist die Anbringung von Fenstern in den Grabkam- 
mern, wie dieselbe an zwei Gräbern zu Iskelib und kunstvoller an dem- 
jenigen zu Aladja zu beobachten ist. Da dieselben an andern fehlen, so 
können sie keinen wesentlichen Bestandtheil des Todtenraumes gebildet 
haben und ihr Zweck war wohl lediglich ein praktischer, nämlich durch 
Zuführung frischer Luft die Zersetzung der Leiche zu beschleunigen^), 
welche, wie man vermuthen darf, einfach auf der Steinbank aufgebahrt 
wurde. Bei der Vereinzelung dieser Gräber, bei der Seltenheit ihrer Be- 
nützung (s. unten), bei ihrer erhöheten Lage war eine Verpestung der 
umgebenden Luft kaum zu befürchten; auf die Isolirtheit der Lage in 
Beziehung auf bewohnte Stätten darf man aber wohl in diesem Zusam- 
menhange nicht hinweisen, denn diese ist vielleicht nur scheinbar, worü- 
ber unten noch Einiges zu sagen ist. Auch sonst gewährt die Ausstat- 
tung des Todtenraumes manchen Aufschlufs: die Stufen an oder nahe 
der Steinbank haben wohl zur Aufstellung von Mitgaben gedient; auf die 
vielleicht bedeutungsvollen Symbole in dem untern Grabe der Gruppe zu 
Iskelik sei hier nur erst beiläufig hingewiesen. Die Nischen, welche sich 
mehrfach in den Vorhallen finden, mögen auf Gultus deuten; doch hat 
ein solcher wohl nur bei besonderen Gelegenheiten statt gefunden, da 
gegen eine regelmäfsige Annäherung die erhöhete Lage der meisten der- 
artigen Gräber über dem Boden spricht. Dafs man dieselben nach der 
ersten Benützung wiederum betrat, ist in den Fällen wo mehrere Lager 
oder mehrere Kammern vorhanden sind, ohnehin deutlich. Für die Ver- 
ehrung des Todten in unmittelbarer Nähe seiner Ruhestätte dürfen viel- 
leicht auch die Gräber von Amasia angeführt werden, da denn Späteres 



^) In dieser Annahme bestärkt mich mein College, der Professor der Anatomie 
Dr. Fr. Merkel, der auf viele moderne Analogien hinweist. In Etruskischen Gräbern fin- 
den sich Fenster nur in den Zwischenwänden zwischen den einzelnen Todtenkammern, 
Tgl. z. B. Dennis, cities and cem. ^ I S. 256. 



Paphlagonische Felsengräber. 35 

nicht selten eine ursprüngliche Absicht augenfälliger, wenigstens ausführ- 
licher und handgreiflicher auszusprechen pflegt. Vor dem einen Königs- 
grabe sind die Spuren eines Altares sichtbar (Perrot, Explorat. Taf. 79); 
doch ist ja da auch eine Beeinflussung durch spätere Anschauungen nicht 
ausgeschlossen, und es ist eine Zeit, in der göttliche Verehrung der Für- 
sten, zumal nach ihrem Tode, die Regel war. 

Wie dem aber auch sei, eine Verehrung des Todten an seiner Ru- 
hestätte scheint mir auch bei den Gräbern gesichert. So wenig nun aber 
ein nicht profaner Charakter in mancherlei Einzelheiten dieser Gräber 
wird verkannt werden können, so wenig ist gewifs auf der andern Seite 
denen beizupflichten, welche solche Anlagen aus heiligem Baustil, aus 
Tempelanalogie meinen herleiten zu müssen. Das ist neuerdings wieder 
bei den Phrygischen geschehen. Allein da liegt eine Verwechselung, ein 
aus griechischen Erscheinungen erklärbares Vorurtheil, welches den Tem- 
pelstil als das Frühere, Mafsgebende auffafst, statt auf die gemeinsame 
Quelle zurückzugreifen. So viel ist allerdings wohl unumstöfslich , dafs 
auch den Paphlagonischen Gräbern Freibauten zu Grunde liegen: denn 
die Säule ist ja so wenig als blofse Zierform entstanden zu denken, wie 
der Giebel, vielmehr sind beide Elemente, zumal das Giebeldach, als Fol- 
gen des Holzbaues zu betrachten, bei welchem sie sich constructiv erga- 
ben. In Holz ist auch anderwärts und in sehr alter Zeit gebauet wor- 
den, aber dem Steinbau hat der Holzbau nirgends so scharf seinen Stem- 
pel aufgedrückt, wie in Kleinasien, nirgends so vielfach wie hier liegen uns 
so authentische steinerne Abdrücke der ehemaligen leichteren Anlagen 
vor, gleichsam Versteinerungen längst verlorener Bauformen. Ich sehe 
von der Frage ab, ob die Säulen im Einzelnen fremden Einflufs verra- 
then, und werfe zunächst nur diejenige auf, ob die giebelbekrönten Säu- 
lenhallen unserer Gräber in ihrer Gesammtheit als Form irgendwoher wie 
fertige Impoi-tartikel übernommen sind, oder ob ihre Bildung an Ort und 
Stelle sich vollzog? Gewifs war das Letztere der Fall, aus mancher- 
lei Gründen, hauptsächlich aber deswegen, weil uns hier zum ersten 
Male jenes neue, nur auf constructivem Wege entstandene Element des 
Giebels begegnet. Der Giebel als Kunstform tritt uns meines Wissens 
überhaupt zuerst in unsern Gräbern und deren näheren und ferneren 



36 G. Hirschfeld: 

Verwandten entgegen') und es ist dabei auch wichtig zu bemerken, dafe, 
BO gewifs der Giebel vom Holzbau kommt, er doch keineswegs unter al- 

■) Die eintige Ausnahme, welche mir bekannt geworden iat, scheint da« auf 
sechs Pfeilern rahende Gebäude zu bieten, welches auf einem Relief zu Khoraabad vor- 
kommt (Botta et Flandin Taf. Hl) und das hier auf die Hälfte verkleinert folgt: 



Botta (V S> 160) nennt den Bau un palaU »u tetuplt d /ronton triangulaire; die 
Ahtheilungen zwischen den Pfeilern bezeichnet er als Fenster. Zunächst ist das Denk- 
mal verhällnifsmäTsig jung, da es eine That Sargons darstellt. Herr E. Schrader, 
Ton mir befragt, gab folgende höchst willkommene Aufechlüeee: qDer über dem Relief 
eingegrabene Stadtname ist derjenige der uns Assyriologen wohlbekannten arroeniachen 
Stadt Muzazir. Von der Einnahme dieser Stadt und der Besiegnng ihres Königs Urzana, 
der mit Ursa von Urafta (Araratland = Araxesebene) im Bunde stand, berichtet der as- 
syrische König an verschiedenen Stellen seiner Inschririen." Die Einnahme fand nach 
Schrader, (die Keüinacbriften und das Alte TesUment S. 404) im Jahre 714 statt. 

Das Gebiet des Könige Urzana kann nach Herrn S. nicht wohl nördlich von 
Assyrien gelegen haben, weil es sonst zwischen dasselbe und Urartu gefallen wäre, des- 
sen Kfinig doch als directester Gegner genannt ist. Auf der andern Seite muTs aber Ma- 
■azir doch Assyrien sehr nahe gerückt gewesen sein, da von König Urzana ein Siegel 
mit assyrischer Keilinschrift und assyrischen Eunstformen sich findet (s, Schrader, Mo- 
natsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften 1879 S, 288 ff.). Hr. S. vermn- 
tbet das Gebiet des Urzana in der Umgehung des Van-See und wohl eher im Westen 
desselben. Dafs es ein gebirgiges Land war, wird nun aufser jener Siegel Inschrift 
auch durch einen Berg an der linken Seite unseres Reliefs bezeugt. In Bezug auf 
daaselbe fügt Hr. S. hinzu, „dafs die auf Seilen hinauf klimmenden Krieger Assyrer 
sind". Derselbe tbeilt die Ansicht, dafs hier ein Heiligtbum vorgestellt sei; der untere 
Theil ist noch ein Bild des Friedens: ruhig saugt das junge Thier (welcher Art?) an 
seiner Mutter, grofse Weihebecken (?) stehen vor der Pforte, welche zwei Krieger bewa- 



Paphlagontsche Felsengräber. 37 

len Umständen seine Consequenz sein mufs, wie z. B. so zahlreiche moderne 
Hütten in Eleinasien erweisen, die mit einer offenen Umgangshalle aus 
Baumstämmen ein plattes Dach verbinden. Das Giebeldach ist ja zunädist 
lediglich als praktische Anlage zu verstehen, und muTs in Aufnahme ge- 
kommen sein, wo starke Niederschläge das platte Dach ungeeignet er- 
scheinen liefsen; wie sehr dies auf die Nordregionen Eleinasiens — und 
auch auf Lykien — zutrifft, leuchtet ein. Es ist sehr wahrscheinlich, 
dafs auch der Gedanke der Giebelverzierung zuerst bei der Übertragung 
dieser Form im Relief, d. h. bei ihrer Benützung als Zierform und somit 
auch auf dem Boden Eleinasiens aufgetaucht ist.^) 

Wir werden uns erinnern dürfen, dafs der Holzbau gerade im 
Nordosten Eleinasiens in so ausgedehntem Gebrauch war, und vielleicht 
beruht auch die Vereinsamung der Mehrzahl unserer Denkmäler nur auf 
dem Umstände, dafs sie von leicht gebauten Holzan siedelungen umgeben 
waren, die vergangen sind, ohne eine andere Spur zu hinterlassen, als 
eben diese steinernen idealisirten Abbilder. Bei Iskelib darf man ohne- 
hin Bewohnung für sicher halten (vgl. Sitzungsberichte der Berliner 

chen. Aber auf dem Dache herrscht BtürmiBche Bewegung: Die einheimischen (?) Krieger 
haben — den Speer geschultert, also nicht mehr auf Vertheidigung bedacht — Geräthe 
ergriffen, wie sie noch unten in den Fensteröffnungen angebracht sind, es sind wohl hei- 
lige Gegenstände, welche sie retten wollen, dabei stofsen sie an der rechten Seite des 
Daches auf die eindringenden Feinde. Dafs diese Scenen gerade auf dem schrägen Gie- 
beldache stattfinden, ist eine etwas wunderliche Zusammenziehung, welche durch die Enge 
des Raumes erklärt wird, wo rechts noch eine Burg, links die Scene einer Aufzeich- 
nung, wohl der Beutestücke, anzubringen war. Hr. S. bemerkt, dafs das Gebäude durch 
seine Fremdartigkeit auf die Assyrer Eindruck gemacht zu haben scheine; eine Herkunft 
dieser Kunstform vom Mittelstromlande sei ausgeschlossen, aus Nordwesten wohl möglich; 
und das Gebiet ist es ja gerade, wohin unsere Denkmäler fuhren. Aber erst eine Auffin- 
dung von Mittelgliedern, welche hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten läfst, könnte 
weiteren Aufschlufs geben über das Alter und die ursprüngliche Heimath. Vielleicht wird 
auch in diesem Zusammenhange die Öfter betonte Verwandtschaft zwischen Phrygiern 
und Armeniern noch einmal berücksichtigt werden müssen. Die runden Verzierungen 
an den Pfeilern erinnern auch an Lykisches, vgl. z. B. das Grab des Amyntas und un- 
ten S. 50. Dafs Giebeldächer auch im Armenischen Hochlande praktisch sein mufsten, 
leuchtet ohne Weiteres ein. [Vgl. auch die Bemerkung am Schlufs.] 

^) Was Pindar von den Korinthern sagt (Ol. XIII 21), kann, wie so manche 
andere Angabe über Erfindungen, welche Griechen gemacht haben sollen, nicht einmal in 
dem Umfange zutreffen, aufweichen es schon Welcker (A.D. I. S. 170) beschränkt hatte. 



38 G. Hirschfeld: 

Akademie 1884 S- 1252), bei Ksatamuni für wahrscheinlich. Weit von 
bewohnten Strecken kann in Anbetracht der umgebenden Natur (s. oben) 
auch Hambarkaya nicht gedacht werden. 

So sind unsere Felsengräber zunächst Nachahmungen von wirklich 
Gebauetem. Das Grab hat aber in Kleinasien da, wo es überirdisch ist 
und überhaupt eine Kunstform hat, dieselbe durchgehends dem Hause 
entlehnt: die Bestimmung, die Stelle, die Technik erweitern die dadurch 
gegebenen Elemente, gestalten sie auch wohl etwas um, aber das Gerüst 
bleibt unverändert; noch die späten vorzugsweise kleinasiatischen grofsen 
Sarkophage mit den hohen dachartigen Deckeln^) halten die Idee einer Be- 
hausung fest^). Auf die Analogie lykischer Grabesbauten mit modernen 
Häusern derselben Region ist gleich nach ihrer Entdeckung und vielfach 
hingewiesen worden; auf die jetzigen Behausungen in Paphlagonien habe 
ich eben aufmerksam gemacht. Auf einen Durchgang durch heilige Bau- 
ten, also Tempel, deutet auch bei den Paphlagonischen Gräbern nichts 
hin. Legt man, was ich freilich nicht für berechtigt halte, griechischen 
Mafsstab an, so wäre die Einzahl und Dreizahl der Säulen wohl noch 
gegen Herkunft vom Tempel geltend zu machen. Beiläufig bemerke ich 
übrigens, dafs kein Grund vorliegt, für die Phrygischen Königsgräber 
nach einem andern Motiv zu suchen, bei deren flächenhafter Decoration 
man bekanntlich an Vorhänge, welche Heiliges verhüllen, erinnert hat. 
Ich sehe darin nichts anderes, als die Nachahmung geschnitzter Holzflä- 
chen 3) und kann mir auch nur unter dieser Annahme erklären, dafs am 
Midasgrabe auch die Giebeleinrahmung, bei einem neulich entdeckten 
Grabe (Journal 1882 Taf. XXI) selbst der Mittelpfosten des Giebels von der 
Decoration mit ergriffen wird. Man darf vielleicht auch dafür den noch 
jetzt im Norden Kleinasiens bestehenden Brauch geltend machen, die Holz- 
balken aufsen an den Hütten mit eingeschnittenen und bemalten Verzie- 
rungen zu überziehen. 

Liegt also bis dahin in der äufseren Erscheinung der Paphlagoni- 
schen Gräber nichts, was über die Nachahmung täglicher Bauten hinaus- 

*) [Auch darüber vgl. jetzt Benndorf, Lykien S. 103 f.] 

^) Eine Analogie hierfür findet sich ebenfalls wieder in Persien, in dem bekann- 
ten Grabe des Kyros; s. jetzt Stolze, Persepolis II Taf. 128. 
') Ähnlich artheilt Kugler, Gesch. d. Bank. I S. 16ö. 



Paphlagonische Felsengräber. 39 

weist, so erübrigt nun, diejenigen Elemente zu nennen, welche sicher oder 
wahrscheinlich eine specielle Beziehung zur Grabstätte haben, zunächst 
die Löwen. Die Verwendung derselben als Grabwächter ist bekannt 
genug und hat ihre vollkommene Analogie in den Phiygischen Gräbern^) 
in Etrurien, Cypern und z. B. ja auch noch beim Maussolleum von Hali- 
kamafs^). Im Einzelnen weisen die gepaarten heraldischen Löwen im 
Giebel von Hambarkaya so gut wie das Löwenpaar von Kumbet (Perrot, 
Exploration Taf. 7) nach Osten, wofür ich ein für alle Mal auf Cur- 
tius' Abhandlung „über Wappengebrauch und Wappenstil im griechischen 
Alterthum"^) verweise; für die Zusammenstellung mit Vögeln am Harn- 
baiicaya darf an alte griechische Vasenbilder erinnert werden. In den 
lagernden Löwen ist die Ähnlichkeit mit den bronzenen Gewichten von 
Nimrud unverkennbar; vgl. oben S. 14 und S. 5 über die Giebel Verzie- 
rung zu Eastamuni, die bei aller Wappenhaftigkeit zugleich noch eine 
religiöse Anschauung birgt, was bei den Löwen nicht so ohne Weiteres 
gesagt werden kann. 

Eine noch auffallendere Berührung mit Phrygischen Monumenten 
verräth jener eigenthOmliche kleine Pfeiler, welcher inmitten des Giebels 
beim grofsen Grabe zu Jskelib und im Innern des darunter liegenden 
zweimal erscheint, und der in zwei äufserst merkwürdigen, neuerdings 
von Ramsay entdeckten Gräbern Phrygiens an entsprechender Stelle 
wiederkehrt: einmal im Innern der Grabkammer, an dessen Aufsenseite 
der ungeheure assyrisirende Löwe sich befand (journ. III Taf. XVIII, XIX) 
— s. oben im Text S. 14 — und dann im Giebel der schon oben ange- 
führten Grabwand mit geometrischer Decoration (journ. III Taf. XXI) 
[und am Grabe zu Liyen s. oben S. 6 Anm., wo die Bemerkung which 
always occupies the middle of these pediments entschieden zu weit geht]. 
Dieser Gegenstand kann als rein constructives Element, nämlich als Mit- 
telstütze des Giebels gefafst werden, und ich finde, dafs Kugler (Gesch. 
d. Bauk. I S. 169) Analoges in Lykien so deutet; und wo er ganz glatt, 
wie anscheinend im Giebel des grofsen Grabes Iskelib I gebildet ist, liegt 



1) Ramsay, Journal 1882 III S. 19. 

*) Vgl. Dennis » I S. 33. 199 Note 7. 

^) Abhandl. d. K. Akad. d. Wissensch. zu Berlin 1874. 



40 



G. Hirschfeld: 



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II 


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diese Auffassung in der That nah, wenn auch hier schon stutzig machen 
kann, dafs der obere Theil dieses Gliedes bei dem übrigens so gut erhal- 
tenen Grabe wohl absichtlich zerstört worden ist. Dagegen erscheint die 
Gliederung, wie die übrigen derartigen Gebilde (s. Taf. VI, n*^ »^^ zei- 
gen, bei der obigen Voraussetzung wenigstens nicht nothwendig, und vol- 
lends, wo es die Giebelspitze gar nicht berührt und durch eine Art von 
Kappe abgeschlossen (vgl. das bei- 



stehend in Abbildung wiederholte 
Grab von Pischmisch Kalesi bei Per- 
rot S. 146) oder in dieser Gestalt 
noch von Stier und Pferd umstan- 
den ist, wie ebenfalls beistehend nach 
journ. III Tf. XXVIII die Abbildung 
wiederholt ist^), scheint eine Deu- 
tung aus dem Constructiven ausge- 
schlossen. Diese kann für den Ur- 
. Sprung darum immer noch zutreffen. 

Perrot hat an einen Phallus 
gedacht und ich halte diese Ausle- 
gung für möglich; grofse Phallen, höchst wahrscheinlich alte Grabbekrö- 
nungen, habe ich selber auf Paphlagonischem Boden im Thale des De- 
vrikiantschai gefunden. Eine bestimmte Bedeutung darf wohl auch aus 
der völligen Gleichheit des Gebildes an so weit getrennten Stellen wie 
Phrygien und Iskelib gefolgert werden, obgleich am Ende auch dafür der 
constructive Ursprung genügen möchte. Doch kann wohl auch hierher 
gehören, was ohne eine Giebelumrahmung zwischen den zwei höchst al- 
terthümlichen Löwen (Journal 1882 Taf. XVII) erscheint und von Ram- 
say als Obelisk bezeichnet ist. 

Den vollen Gewinn aus neuentdeckten Denkmälern kann die Wis- 
senschaft erst dann ziehen, wenn es gelingt, dieselben wenigstens relativ 
zu datiren. Auf gewisse Berührungspunkte mit dem Mittelstromlande ist 





''k}^^^-'-h\M^' 



^) [Ramsay sagt nichts vom Innern dieses Orabes, wo nach Barths Skizze 
(Reise von Trapezunt u. s. f. S. 94) ebenfalls ein Oiebel mit dem betreffenden Mittelstack 
erscheint.] 



Paphlagonische Felsengräber. 41 

schon öfter hingewiesen worden, allein es würde verkehrt sein, wenn man 
diese inhaltlichen unmittelbar auch in zeitliche umsetzen wollte. Auf 
conservativem, dem Weltverkehr immer mehr entrücktem Boden, wie wir 
ihn da in Kleinasien vor uns haben, erhalten sich alterthümliche Erschei- 
nungen unberechenbare Zeit^), und es war ein Fehler von Perrot, bei 
der zeitlichen Bestimmung des Denkmals von Kumbet vom Wappenge- 
bilde über dem Eingange wie von einem datirbaren Factor auszugehen. 
Ein Grab, dafs seiner ganzen Erscheinung nach frühestens im IV. Jahr- 
hundert möglich ist, würde er wohl ohne jenes Vorurtheil nicht ins V, 
oder gar VI. Jahrhundert gesetzt haben. 2) Hiervon hätte schon ein Blick 
auf das grofse lykische Grab in Myra (Texier III Taf. 225) abhalten 
müssen, dessen Giebel einen viel strenger und altei*thümlicher gebildeten 



1) Vgl. z. B. über die Widderdenkmäler A. Milchhöfer, Arch. Zeitg. 1883 
S. 263f. 

') Es scheint mir sogar beträchtlich junger und zum Beweise will ich es kurz 
beschreiben. Der untere Theil des Felsengrabes ist verschüttet. Über der Thür zieht 
sich ein breites, mannigfaltig aber geradlinig profilirtes Oesims hin; dann folgt ein brei- 
tes Band, das an den zwei Enden genau so abgeschlossen ist, wie die überaus zahl- 
reichen Tablets mit Orabschriften aus römischer Zeit. Um einen grofsen Krater von völlig 
entwickelter späterer Form steht da links ein Löwe, rechts eine Löwin, matt und schwächlich 
in Zeichnung und Bewegung. Darüber steigt der hohe Giebel auf: die Schrägen zeigen an 
ihrer unteren Seite, also im Tympanon, doppelten Zahnschnitt; inmitten ist ein runder 
Schild gebildet, zu dessen Seiten je ein Adler in Vorderansicht steht; diese zwar etwas 
beschädigt, aber doch erkennbare spätere Arbeiten, flott und frei ohne jede Spur einer 
Stilisirung. Die Reverse ägyptischer Königsmünzen sind zu vergleichen. Die Palmetten 
auf Giebelecken und Spitze, die durch Rankenwerk mit einander verbunden sind, sind 
das Feinste an der ganzen Ausstattung, aber auch diese ohne jede Spur von Alterthüm- 
lichkeit. 

Ich verstehe nicht recht, wie Perrot (Exploration S. 141) die Löwen von Kum- 
bet mit dem streng stylisirten und alterthümlichen von Kalaba (Expl. Taf. 32) vergleichen 
konnte; und ebenso sprechen wenigstens die Abbildungen gegen Ramsay, wenn er das 
uralte Löwengrab (Journal Taf. XVII) mit dem obigen vergleicht, in dessen Giebel Pferd 
und Stier den Pfeiler umstehen (Journal III S. 257). Gegen die Bemerkung a. a. O.: 
I do not know any other case where the bull appears on Phrygian tombs verweise ich 
übrigens auf die Aussenwand des Grabes von Kumbet mit dem ^boeuf bossu^ — Per- 
rot S. 139. Reste des Buckelochsen haben sich vielleicht in der Troas gefunden; 
s. Virchow, Alttrojanische Gräber und Schädel S. 111 (Abhandlungen der Berliner 
Akademie 1882). 

PhiL'hist, Abh, nicht zur Akad. gehör. Gelehrter. 1885. L 6 



42 6. Hirschfeld: 

Kampf eines LOwen gegen einen Stier, aber in seinem Aufbau ausgebil- 
dete ionische Formen zeigt. Ein ähnliches Grab aus Antiphellos ^vor- 
ionisch" zu nennen, blieb nur Durm (a. a. 0. S. 158) vorbehalten. Es 
ist möglich und an dieser Stelle wichtig, diese lykischen Monumente ge- 
nauer zu datiren. Von dem bekannten Felsengrabe des Amyntas (bei 
Texier III Taf. 169) sehe ich ab, weil die Inschrift nicht genau genug 
bekannt, auch wenig umfangreich ist^). Aber Kugler (Gesch. d. Bauk. 
I S. 171) hat nach einer Skizze des Malers Berg ein einsäuliges ioni- 
sches Felsgrab von Kyaneai-Jaghu von grofser Einfachheit und Strenge 
des Aufbaues abbilden lassen, dessen „griechische Inschrift noch aus best- 
griechischer Zeit** stamme (S. 173 Anm. 3); es ist Lebas -Waddington III 
n. 1289, wie mir Herr Benndorf nachweist, dem ich zugleich eine ge- 
naue Revision der Inschrift von Petersen verdanke. Ich habe dieselbe 
mit Abklatschen der Maussollosinschrift von Phaseiis (jetzt im Berliner 
Museum) und der Pixodarosinschrift von Xanthos (jetzt im Britischen 
Museum) vergleichen können; das genügt allerdings nur zu ganz unge- 
fährer Bestimmung, sichert aber doch so viel, dafs die Inschrift unter 
keinen Umständen Ober das vierte Jahrhundert hinaufgehen kann. Noch 
in dieser Periode also kommt auf Lykischen Gräbern jenes altorienta- 
lischö Schema, freilich in vollendeter Ausführung vor. 

Die Phrygischen Gräber hat Ramsay in eine relative Folge zu 
bringen versucht, die ich hier mit seinen eigenen Worten anführe: 
/ the period of sculpture in relief^ 

II the period of geometrical ornamentation and of inscriptions, 

III the architectural period under the inßuence of Greek art. 
Wenn diese letztere vom Jahre 585 an datirt wird, weil erst da- 
mals die Mermnaden begonnen hätten, Lydien dem westlichen Einflufs 
zu öffnen und ihr Reich bis zum Halys auszudehnen, so ist das eines je- 
ner sehr allgemeinen historischen Argumente, deren Beweiskraft für specielle 
Erscheinungen auf realem, auch künstlerischem Gebiet« jetzt nicht selten 
Oberschätzt zu werden scheint. Auch macht ein Vergleich der Paphlago- 
nischen Gräber bedenklich, da sie Elemente von I und III verbunden 



^) [Jetzt bei Benndorf, Lykien Taf. XVII, die Inschrift S. 40; das Denkmal 
wird ins vierte Jahrhundert gesetzt.] 



PapJdagonische Felsengräbei\ 48 

zeigen, wie ja auch das merkwürdige Grab bei Ramsay Taf. X VIII f. mit 
dem alterthümlichen Löwen der Vorderseite ausgesprochene architektoni- 
Gliederung im Innern vereinigt; ja die Giebelstatze verknüpft hier auf 
der einen Seite mit den Phrygischen Flachengräbern, auf der andern mit 
den Paphlagonischen, wohin auch die Basis der kurzen palmettenbekrön- 
ten Säule weiset (s. oben S. 14). Wenn aber über jeden Zweifel ist, daüs 
gerade dieses Grab — wie die älteste Phrygische Gruppe mit den 
Wappenthieren überhaupt — vor jeden griechischen Einflufs fällt, 
so zieht das die Paphlagonischen Felsengräber nach sich, vor Allem Harn* 
barkaya, bei welchem der Stil der bildlichen Verzierungen ohnehin deut- 
lich genug für eine solche Periode spricht. Wenn darnach diesem Grabe 
ein hohes Alter zukommt, so könnten freilich darum doch seine einzelnen 
Bestandtheile, vor Allem die Säulen, welche wieder die übrigen Paphla- 
gonischen nach sich ziehen, fremden Vorbildern entlehnt sein. Indessen 
mehr noch als die meisten andern Paphlagonischen Gräber trägt Harn- 
barkaya durch die starke Verjüngung seiner Säulen, den gewaltigen To- 
rus, den bedachtsam aufgebauten oberen Abscfalufs den Stempel eines 
lebendigen Stilgefühles an sich, so sehr, dafs der Gedanke an eine mehr 
oder weniger unlebendige Entlehnung vollkommen ausgeschlossen erscheint. 
Es ist ein eingewurzeltes Vorurtheil, dafs Alles, was an Säulen auf später 
hellenisirtem Gebiet erscheint, griechischem Einflufs verdankt werde; sonst 
hätten weder Per rot noch Ramsay fragen können, Jener ob er in AI- 
adja. Dieser ob er in Phrygien etwa entartete griechische Formen vor 
sich habe. Aber wie in Griechenland, so suchen wir auf dem Boden des 
Mittelstromlandes vergebens nach Vorbildern unserer Paphlagonischen Säu- 
len. Für den Torus, der so griechisch empfunden aussieht und doch kein 
schlagendes griechisches Analogon hat, kann ich immer nur wieder auf 
das uralte Phrygische Grab (Journal Taf. XIX) verweisen. Es ist nicht an- 
ders: ein freier Säulenbau mit eigenartigen Säulen und mit Giebeldach 
ist in gewissen nördlichen Gegenden Rleinasiens zuerst aufgekommen, 
eher jedenfalls, als wir jetzt im Stande sind, diese Combination in Grie- 
chenland nachzuweisen. Fertig konnte dieselbe den Griechen in Klein- 
asien entgegentreten, zugleich — wenn wir Ramsays neue Phrygische 
Funde hinzunehmen, was nach Abweisung seiner Datirung erlaubt ist, 
mit einer Fülle von Säulengestaltungen, von denen einige sicher, viele si- 

6» 



44 G. Hirschpeld: 

eher nicht nach dem ferneren Osten weisen. Es ist von vorn herein in 
hohem Grade unwahrscheinlich, dafs diese Vielheit aus den einfachen we- 
nigen Formen der Griechen abgeleitet werden konnte, sondern vielmehr 
wahrscheinlich, dafs sie denselben vorangehe. Ein Charateristicum sehr 
alter Zeit ist gerade die Mannigfaltigkeit der Formen, die erst allmälich, 
und keineswegs immer und fiberall, durch unablässige Arbeit geläutert 
und vereinfacht, und dadurch verringert und beschränkt werden: so ist 
es im Ganzen, so im Einzelnen, wie uns die ältesten Denkmale des do- 
rischen Stiles noch neuerdings eindringlich gelehrt haben. 

So zeigen uns auch die Säulenformen Kleinasiens ein tappendes 
Versuchen, dem die Willkür nicht fremd ist. Hier wurden den Griechen 
keine einseitig ausgesprochenen Gebilde vorgelegt, sondern eine lange ßeihe 
von Formen; um so gröfser erscheint ein Genius, der mit sicherer Hand 
hineingriff und aus jener FfiUe in weiser Selbstbeschränkung wählte und 
zum Einfachsten und darum Fruchtbarsten umgestaltete. In Kleinasien 
wucherten dann die mannigfachen Formen weiter; wo man sich nicht, wie 
in Lykien, den Griechen vollkommen in die Arme warf, kam es nicht 
zur strengen Auswahl des Lebensfähigsten, Treffendsten: dazu reichte die 
Begabung offenbar nicht aus. So werden die oft so seltsamen phrygi- 
schen Säulenformen zu erklären sein, die allerdings wie die paphlagoni- 
schen unter dem vorgetragenen Gesichtspunkt aufser ordentlich an Inter- 
esse gewinnen. Wie Nachgeahmtes auch auf diesem Boden aussah, näm- 
lich unverkennbar schwächlich und unlebendig, zeigt das schon oben S. 27 
citirte Grab von Nacoleia (Texier Taf. LX)^). 

An den Schlufs stelle ich einige Bemerkungen fiber das Verhältnifs 
unserer Denkmäler zu andern alten Monumenten Kleinasiens; bei fortge- 
setzter Vermehrung und Prüfung wird gerade dieser Punkt an Wichtig- 
keit immer mehr zunehmen; von diesem aus haben wir, wenn nicht. ganz 



^) [Die Benndor fache Erklärung der hellenischen Bauformen in Lykien — 
8. oben S. 31 Anm. 2 — kann man annehmen, ohne dieselbe jedoch auf Phrygien aas- 
sndehnen, wo ein umgekehrtes Yerh&ltnifs stattfand. Fragt man aber, weshalb denn Ly- 
kien nicht von Phrygien beeinflufst sei, so kann man wohl antworten, dafs Lykien ur- 
sprünglich doch einen eigenen ausgebildeten Baustyl hatte, den zu überwinden die ge- 
schlossene Gruppe durchgearbeiteter Formen, wie sie von Jonien kam, wohl geeignet und 
im Stande war, aber nicht die noch unconsolidirten auseinanderfallenden Formen Phrygiens.] 



Paphlagonische Felsengräber. 45 

besondere und unerwartete GlückszuflBlle eintreten, am meisten Belehrung 
Qber die ältesten Volks- und Gulturströmungen des Landes zu erwarten. 
Vor Allem gilt es da Stellung zu nehmen zu den Denkmälern, welche in der 
ganzen SQdhälfte Eleinasiens vom westlichen Saume bis nach Syrien hinein 
verfolgt werden können, und welche Englische Gelehrte besonders Sayce 
„hittitisch^ nennen, ein Name, der auch in Deutschland hie und da Ein- 
druck gemacht zu haben scheint^). Ich habe die Ansicht, dafs für eine 
solche Bezeichnung bisher auch nicht die Spur eines Beweises erbracht 
worden ist und freue mich, darin mit einigen Englischen Gelehrten zu- 
sammenzutreffen, wie mit Gardner, der „Anatolisch'^ vorschlägt, und 
besonders mit Rylands, der sich bisher um die betreffenden Denkmäler 
das gröfseste Verdienst erworben hat, da er eine bedeutende Reihe der- 
selben in authentischen Abbildungen veröffentlicht und mustergiltig be- 
schrieben hat^). Unter Anerkennung Hittitischen Ursprunges hat dann 
Fr. Lenormant in einem seiner letzten Aufsätze mehrere treffende Be- 
merkungen gemacht^). Derselbe hat richtig die Verschiedenheit der hier- 
her gezogenen Monumente bemerkt, unter denen er fast so viele Grup- 
pen heraussondert wie Plätze ihres Vorkommens vorhanden sind. Das 
ist schon bezeichnend genug, und es steht zu hoffen, dafs gerade fbr 
das Verschiedene unser Auge bei eingehenderem Studium und auch er- 
weitertem Material sich immer mehr schärfen wird. Schon Perrot hatte 
Karabel (den „Sesostris^ Herodot^s) und Giaurkaleh einerseits, Ojük und 
Bogazköi andererseits zusammengestellt^). 

Wie die Sachen jetzt liegen, so ist zunächst ganz im Grofsen eine 
westliche Gruppe von einer östlichen zu sondern, welche ich von Iwris, 
nördlich am kilikischen Taurus beginnen lasse, dessen Denkmal jetzt in 



1) vgl. z. B. O. Ebers, annali deir Instituto 1883 S. 109. 

^) Transactions of the society of biblical archaeology VII 1882 S. 429 ff. mit 
6 Tafeln. 

s) Gazette archeologique 1883 S. 121. 

^} M^moires d'archeologie S. 43 ff. Bei dem noch geringeren Material hat aber 
Per rot, so gut wie bisher Andere, nicht ZnsammengehÖriges vermischt; gerade von die- 
sem genauen Kenner auch der orientalischen Kunst haben wir aber gewifs jetzt wertbvoUe 
Aufschlüsse zu erwarten. 



46 G. Hirschfeld: 

einer anscheinend treuen Copie von Davis vorliegt^). Zur westlichen 
Gruppe rechne ich den Earabel, die sog, Niobe(?), Giaurkaleh, öjük und 
Bogazköi und wohl das Denkmal von Eflatun, östlich vom Beischehrsee 
(Hamilton, researches H S. 350), das mir in einer genaueren Skizze 
von Ramsay vorliegt^). In der Ostlichen Gruppe kommen zu den gröfse- 
ren Monumenten die zahlreichen bildlichen Schriftzeichen, die noch 
ihrer kunsthistorischen Verwerthung harren, bei denen übrigens Rylands 
nach früherem Vorgange mit Recht wieder auf die sichere Bustrophedon- 
richtung als etwas besonders Merkwürdiges hingewiesen hat. 

In der westlichen Gruppe ist eine spitze Kopfbedeckung häufig, 
die auf den östlichen nicht wiederkehrt, auch nicht an den zahlreichen 
bildschriftlichen Köpfen derselben: ein Kopf zeigt da eine Tiara, andere 
^ine flache Kappe, vorn mit einer Art von Stutz. Alle Denkmäler die- 
ser Art zeigen die Schnabelschuhe, wie sie ja bekanntlich auch auf den 
ältesten griechischen vorkommen^). Wie wenig das ganze Bild den Gheta 
im Schlachtbilde von Kadesch entspricht, hat, denke ich, schon Rylands 
bemerkt und auch Lenor man t widerwillig anerkennen müssen. Die öst- 

^) Transactions of the bog. of bibl. arch. IV 1876 S. 336. Für die gröfBere Ge- 
stalt mit Abren in der L., Trauben in der R. sind Münzen von Tarsos (z. B. Gardner, ty- 
pes of greek coins Taf. X, 30) zu vergleichen, welcbe Baal auf dem Thron zeigen mit Trau- 
ben und Ähren in der R. Eine hierher gehörige Felseninschrift giebt Davis zwischen Tschif- 
teh Chan und- Bulgarmaden an in seinem Buche: Life in Asiatic Turney S. 222; zwei gleich- 
artige hat Sir Gh. Wilson bei Gurun nördlich von Tjana gefanden nach W. M. Ram- 
say, der in Tyana selber nennt a stone with similar sculpture and inscription (on early 
historical relations between Phrygia and Gappadocia, Separatabdruck aus dem Journal of 
the R. As. Soc. XV, Part 1, 1883 S. 5). 

^) An der bequemen Naturstrafse zwischen Karajakbazar und Buldur, etwa 
halbwegs in Earaatlu hat E. J. Davis (Anatolica S. 145) gesehen 'some coarse bas- 
reliefs on a crystalline white limestone rock in the village, consisting of two tall Standing 
figures, but so much defaced and worn that we could make nothing of them. It was 
evidently not greek work and I concluded that it was of the same natare, perhaps of 
the same age, as the rock carvings at Euyuk\ 

Herr Ramsay, der Earaatlu besucht hat, schreibt mir, dafs er auf eiligem 
Marsche die betreffenden Felsen nur aus der Entfernung (100 yards) habe betrachten 
können, wobei ihm das eigenthümliche Aussehen Witterungseinflüssen verdankt zu werden 
schien; er hatte aber zu seinem Bedauern damals keine Kenntnifs von Davis* Notiz. 
Es bleibt also dieser Punkt einem künftigen Reisenden zu erledigen. 

^) Vgl. A. Furtwängler, die Sammlung Saburoff zu Taf. I. 



Paphlagonische Felsengräber. 47 

liehe Gruppe scheint auch durch ihre Schriftzeichen zusammengehalten 
zu werden; wie weit die gleichen oder auch andere bei der westlichen 
vorkommen, mufs leider noch als offene Frage behandelt werden, denn 
mit der Bildtafel von Bogazköi (Perrot, Exploration Taf. 35) ist nichts 
oder noch nichts anzufragen, und die Beischriften beim Karabel und der 
„Niobe", wie sie Sayce gegeben hat^), können für gesichert nicht gel- 
ten, woflir ich mich auf die so sehr verschiedene Abzeichnung der letzte- 
ren bei Dennis (Transactions III S. 49) und auf Rylands (a. a. 0. S. 439) 
berufe. 

Die Verbindung zunächst der östlichen Gruppe mit dem Mittel- 
stromlande beweisen rein äufserlich jene Thonsiegel mit offenbar gleichen 
Schriftzeichen, die Layard in Euyundjik gefunden hat (Rylands a. 0. 
Taf. V). Für Bogazköi und öjOk hat Per rot Einiges beigebracht — M^- 
langes etc. S. 56 ff., vgl. bes. das Felsengrab von Malthalf, nördlich von 
Mossul bei Place, Ninive Taf. 45 [Perrot, histoire II S. 642] — was bei so 
vielerlei Fremdartigem doch nach Assur weist, obgleich seine Zusammen- 
fassung aller alten kleinasiatischen Denkmäler auch da zu mancher schie- 
fen Auffassung geführt hat. Der Phönikische Antheil bei den südlichen 
Denkmälern bleibt wohl noch au&uklären. Man darf sagen, mit dem wei- 
teren Vorrücken nach Osten und Südosten wird die Erscheinungsform die- 
ser Denkmäler auch in Einzelheiten immer orientalischer, oder umgekehrt: 
ein breiter von Osten ausgehender Kunststrom, wenn der Ausdruck er- 
laubt ist, fluthet in die vorgestreckte Halbinsel hinein, verzweigt sich 
mannigfach, nimmt allerlei Eigenartiges auf und endet in Gestalten wie 
der Karabel, welchem etwas Knappes, Zusammengefafstes, Geläutertes 
gegenüber den östlicheren Gestalten nicht abzustreiten ist. Aber dieser 
Strom geht nur durch den Süden des Landes. Wie von dem gewaltigen 
Massengebirge im Osten zwei grofse Arme sich ablösen, von welchen der 
eine den Süden des Landes, der Andere den Norden durchzieht und be- 
stimmt, so geht ein Kunststrom durchaus getrennt von jenem südli- 
chen durch das nördliche Kleinasien — und in ihn hinein gehören die 
Denkmäler Paphlagoniens und Phrygiens. (Vgl. die Kartenskizze am An- 
fang über dem Text.) Man begreift nun, weshalb wir den Namen einer 

1) Bei Rylands a. a. O. S. 439 und Taf. V. 



48 G. Hirschfeld: 

^anatolischen* Kunst für die südliche Gruppe ablehnen müssen, er besagt 
zu viel und zu wenig. Wie die Denkmälergruppen der Configuration der 
Halbinsel entsprechen, zeigt sich noch deutlicher, wenn man auch das 
Verbreitungsgebiet der Tumuli in Betracht zieht. 

Die nördliche Gruppe verzahnt sich durch ihr Vorgreifen nach 
Aladja und Urgub gleichsam mit der südlichen, aber innerlich haben sie 
beide keine Berührungspunkte — aufser etwa in ihrem Ausgange. 
Auch die Anregungen der nördlichen Gruppe stammen zum guten Theil 
— auch hier etwa bis auf das architektonische Gerüst — von Osten, aber 
aufgenommen wurden sie hier von einem ganz verschiedenen Volk oder 
Völkern, worauf auch schon die Verschiedenartigkeit der Gegenstände hin- 
deutet, welchen jede Gruppe ihre bildnerische Thätigkeit zuwendet. Die 
südliche hat sich im Stil wenigstens fremden Einflüssen unselbständig gefügt, 
ist über eine gewisse Handfertigkeit auch nirgends hinausgekommen; die 
nördliche, ungleich eigenartiger, geht im Aufbau ihrer Denkmäler nicht 
blos selbständig, sondern auch künstlerisch vor, experimentirt unermüd- 
lich mit den Elementen, die sie scha£ßb oder umbildet, zeigt Empfindung 
für die architektonische Form, hat in ihrer ganzen idealischen Richtung, 
wenn man mit einem Anachronismus so sagen darf, etwas Hellenisches. 
Darum haben auch die Griechen an die südlichen Anlagen nicht, wohl 
aber an die nördlichen anknüpfen können, welche ihnen hinein bis in 
die Wahl ihrer Zierobjecte homogen waren; Kleinasien war nicht blos die 
Brücke, auf der die Kunst- und Culturblüthen des ferneren Asiens den 
Griechen zugeführt wurden, wie man uns oft glauben machen möchte, 
sondern auch selber eine Schatzkammer, aus welchen die Griechen ent- 
nahmen, um allerdings mit den reichsten Zinsen zurückzugeben. 

Das ist lange anerkannt und liegt handgreiflich für Jedermann 
vor Augen auf dem Gebiete der Münzkunst, da die Griechen das Metall- 
stück, das ursprünglich in rein commercieller Absicht gestempelt wurde, 
zu einem Kunstwerk umschufen, das dann freilich wieder seinen Weg 
nicht blos nach Eleinasien, sondern auch nach dem ferneren Osten machte. 
Die Paphlagonischen und Phrygischen Gräber erweisen einen ähnlichen 
Vorgang auch für die Baukunst. 



Paphlaganische Felsengräber. 49 



Bemerkung zu S. 36f. Anm. 1. 

Es ist mir daraa gelegen, die Bedeutung dieses Bauwerkes nicht abschwächen 
zu lassen, und ich gehe daher noch kurz auf Perrot*s Ansicht ein, welcher dasselbe 
neuerdings (histoire de Tart II 409 ff.) abgebildet und besprochen hat. Wohl mit Recht erkennt 
er in dem Bau ^la demenre du dieu Haidia*' in der Stadt Muzazir (vgl. Oppert, anna- 
les de Sargon bei Place, Ninive II 313). Neben den Stufenbauten, welche den eigent- 
lichen Typus des chaldaeisch- assyrischen Tempels bildeten, setzt Perrot die Existenz 
secundarer Typen voraus, 'qui se pretaient k une grande variete de forme'; als ein Bei- 
spiel dafür sieht er unsern Bau an: entweder sei hier wirklich eine ungewöhnliche Form 
nach den Berichten von Theilnehmern des Feldzuges gegeben, oder der Künsler habe, um 
zu zeigen, dafs es sich um einen Tempel handle, einen gel&ufigen Typus gew&hlt. Per- 
rot entscheidet sich für das Letztere; aber auch, wenn ein treues Bild des Armenischen 
Tempels vorliege, so sei doch der Typus von der Assyrischen Kunst abzuleiten, da die 
Armenier in jener Zeit keine eigene Givilisation gehabt hätten. Wie die Schrift über 
Assyrien bezogen sei, so zeigten alle Objecte, welche um den Vansee gefunden werden, 
eine rein assyrische Physiognomie. Sehr ähnlich hatte sich vorher schon Dune k er, 
auch unter ausdrücklicher Berücksichtigung des Reliefs von Khorsabad ausgesprochen 
(Gesch. d. Alterth. I^ S. 449, vgl. auch Tozer, Turkish Armenia and Eastern Asia Mi- 
nor S. 363). Und auf einen uralten Verkehr der Bewohner der holzreichen Berge Ar- 
meniens mit Babylon kann man gewifs auch Herodot I 194 beziehen. Einen Zweifel 
darüber, ob es gestattet sei, die Bauformen armenischer Städte auf den Reliefs ohne Wei- 
teres mit assyrischen gleichzusetzen, finde ich nur angedeutet bei Rawlinson, the five 
great monarchies I S. 381, freilich bei Gelegenheit von Anlagen, die gerade in Perrot's 
so durchdachter Darstellung der Assyrischen Architektur jetzt eine gewisse Rolle spielen 
(histoire II 139 f. 2 19 f.). 

Zunächst mufs man, glaube ich, Einspruch erheben gegen die allgemeine Folge- 
rung, welche an die Überführung der Schrift, dieses formalsten alier Exportartikel, ge- 
knüpft wird; denn Phönikier haben doch auch die Schrift den Griechen, und diese wieder 
den Phrygern gegeben. Ebensowenig können Gegenstände der Kleinkunst beweisen, wo 
es sich um die eigenste und unmittelbarste Bedurfnifs- und Kunstäufserung eines Volkes, 
den architektonischen Aufbau handelt. Und da fällt es stark ins Gewicht, dafs der 
Tempel von Muzazir auf den Monumenten des Mittelstromlandes kein auch noch so ent- 
ferntes Analogon findet; und gegen diese Thatsachen nützt auch der allgemeine Hinweis 
auf die so viel höhere Cultur der Assyrer nichts. 

Auch gegen Perrot's Auffassung jenes Baues im Einzelnen mufs ich mich er- 
klären, es wird am kürzesten bei Anführung seiner eigenen Worte geschehen können: 
'Nous reconnaissons d'ailleurs ici k un detail caracteristique le goüt et le faire de TAs- 
syrie. L'entree ^tait fianquee de grands lions pareils ä ceux qui gardent l'entree du 
temple de Nimroud'; dazu die Anmerkung: Xe sculpteur pour aller plus vite n'en a in- 
dique qu'un, celui qui est ä droite de la porte; l'autre est sous-entendu. Habitue k voir 
partout la paire de taureaux ou de lions Tesprit du spectateur comblait aisement la lacune*. 

PhiL-hisU Ahh, nicht zur Akad, gehör. Gelehrter. 1885. L 7 



50 .G. Hirschfeld: 

Aber dies Tbi«r ist eicberlicb kein Löwe, aach weon es nlcbl gespslteue Klauen haben 
sollte, wie es nacb der gröfeeren Abbildung bei Botta den Anscbein hat; vollends steht 
ein lebendiges Thieridyll, wie es hier vorliegt, mit der tektonischen Verwendung, von wel- 
cher Perrot spricht, dem Gedanken wie dem wirklieben Gebranch nach in entschiedenem 
Widerspruch; von der geswungenen ErkUrong in der Anmerknng kann man gans absehen. 
Die Daritellang besagt, dars im Bezirke des Gottes Thiere gehalten worden. 

FGr die Weihsbecken verweist Perrot auf Syrischen Brauch nnd das „^enie 
Meer'* Salomons. Die Lanien von den Pfeilern erkl&rt er als schlanke SSulcheu mit 
Lauzenspitxen, die Davorstehenden für Figoren Anbetender, vielleicht Statuen oder Bas- 
reliefs. Dies kann richtig sein: auf der unmittelbar anstofsenden Platte (Botta II 140) 
wird eine etwa entsprechende Figur eben lerschlagen. Aus der Anmerkung S. 37 ist er- 
sichtlich, weshalb ich auch Perrot's Bemerkung ablehnen mnfs, dats an der rechten 
Seite die Löwenköpfe zu den Pfeilern gehörten. Aber das ist richtig, nnr >□ etwa« an- 
derm Sinne: 'ce type est interessant par l'analogie qu'il präsent« avec le temple grec'. 



FeUengrahkammer bri Giona in Karim. 
(Nach H. Kiepert; B. S. 31 Anni. 2.) 



Paphloffonische Felsengräber. 51 



Inhalt. 



Seite 

Vorwort 3 

I. Beschreibung der Felsengräber: 

Die Felsengraber von Kastamani 5 

Das Felsengrab im Halysthal 9 

Die Felsengräber zu Iskelib 17 

Zerstreute Felsengräber 25 

II. Thatsachen und Folgerungen: 

Verbreitung und Gebrauch der Felsengräber in Kleinasien 28 

Die Paphlagoni sehen Felsengräber, äufsere und innere Ausstattung 31 

Herleitung aus freien Bauten in Hole 35 

Analogie in Armenien 36 

Verwendung der Löwen 39 

Der Mittelpfeiler des Oiebels 39 

Zeitbestimmung 41 

Verh&ltnifs der Säulenformen zu den griechischen 43 

Die ,,hittitischen^ Denkmäler 45 

Ihr VerhältniTs zu den Felsengräbern 47 

Der armenische Tempel 49 



52 G. Hirschfeld: Paphkigonüche Felsengräber. 



Verzeichnifs der Tafeln und der übrigen Abbildungen 
sowie der im Text auf sie bezüglichen Seiten. 



Seite' 
^ Tafel I. Hambarkaya, Oesammtansicht; an der linken Seite ist der Halys 

aod ein Stück der Zeitfinowasi sichtbar lOf. 

/„ n. Hambarkaja, grölsere Ansicht 11 f. 32. 39 

„ m. Felsengräber (I und III) zu Iskelib 17 f. 32 i 

. ^ IV. Felsengrab (IV) zu Iskelib 20f. 

; ^ V — VII. Pläne und Einzelheiten der Felsengräber 

Taf. V: von Kastamuni 5 f. 33 

Hambarkaja s. oben. 

Taf. VI: von Iskelib I und UI 34. 39 f. 

Taf. VII: von Iskelib IV 34 

von Tokad 11. 24 

von Kastamuni 5. 39 

von Aladscha 13. 25. 32. 33 i 

Im Text: 

S. 3. Skizze von Kleinasien mit Bezeichnung der Felsendenkmäler, vgl. S. 45 ff. 

„13. Assyrische Tempel vom Nordpalast zu Kujundjik. 

„14. Innenansicht eines Phrygischen Grabes, vgl. auch S. 39. 43. 

„21. Greifencapitell von Persepolis. 

„ 22. Felsenrelief von Bavian. 

„ 36. Armenischer Tempel von einem Relief zu Ehorsabad, vgl. auch S. 49 f. 

„ 40. Aufsenwand eines Phrygischen Grabes von Pischmisch Ealesi. 

„ „ Giebel eines Phrygischen Grabes zu Yapuldagh, vgl. S. 41 Anm. 2. 

„ 50. Felsengrab bei Giova in Earien s. S. 31 Anm. 2, vgl. S. 37 Anm. 



At,Aa»!f :. il. Abh. 1S83. 
PAil.-Ahl. AbA. Taf. I. 



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Ä'. Preussische Akad. il. WisstaiscA. 



Atihang s. d. Abh. Ifi85. 
Pliil.-hisi. AU. Taf. IL 



sehe Akad. d. Wissemch. 



An/ianff s. d. Abh. 1S8Ö. 
PliiL-hiat.Abh. Ta/.IIl. 



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A'. l^eussische Akad. d. Wissemch. 



Anhang:, d. Abh. 188:1. 
PhiL-hist.Äbh. Ta/.IV. 






K. Preussische Akad. d. Wuamsch. 



Anhang t. d. Abk. 1885. 
Biil.-hist.Jbh. Ta/. V. 





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Anhang z, d. Ahh. 1885, 
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Anhang z. d. Abh. 1885. 
P/tiL-hist. Abh, Taf. VIL 



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Alte Baureste und hieroglyphische Inschrifken im 

Uadi Gasüs. 



Von 

G. SCHWEINFÜRTH, 

Professor in Kairo. 



Mit Bemerkungen 

von 

Prof. A. Erman, 

Director der aegjptischen Abtheilang der K. Museen. 



Phil.-hisL Äbh, nicht zur Akad. gehör. Gelehrter, 1885, IL 



Abhandlung gelesen in der Sitzung der phys.-math. Glasse am 21. Mai 1885. 



n 



nter den Thälern, die nördlich Qoseir von den zwischen dem Nil 
und dem Rothen Meere verlaufenden krystallinischen Ketten herabsteigend 
die Küste erreichen, ist das üadi Gasüs durch seine aus dem Alterthum über- 
lieferten Reste von besonderem Interesse. Die Wüstenbewohner (Ababde) 
unterscheiden zwei Thäler dieses Namens, von denen das nördliche, üadi 
Gasus el foqäni genannt, eine gröfsere Ausdehnung landeinwärts erreicht, 
während das südliche unbedeutend ist. Im Vergleich mit den gröfiseren 
Thalsystemen dieser Gegend kommt indefs auch dem erstgenannten ein 
untergeordneter Rang zu, da die gesammte Längenentwickelung seiner 
Wasserzüge vom Ursprung bis zur Küste schwerlich eine 25 Kilometer 
viel überschreitende Ausdehnung erreichen dürfte. Zwei Kilometer in 
Südost vom gröfseren mündet das sogenannte Uadi Gasüs el tahtäni (zu 
deutsch: das untere Thal des Spions). Die vom Gebirge kommenden 
Regenwasser haben hier in den den Küstensaum darstellenden Korallen- 
riflfen (Saumriffen) durch Ertödtung des an einen ganz bestimmten Salz- 
gehalt gebundenen animalischen Lebens eine hafenartige Öffnung ausge- 
fressen, wie solche tiefere Buchten überall an diesen Gestaden die Mün- 
dungsstellen der Thäler zu kennzeichnen pflegen, und dieser kleine Boot- 
hafen mufs bereits im Alterthum eine Haltstation für den Küstenverkehr 
abgegeben haben; denn auf der Nordseite, auf einer die Thalaustritts- 



4 Schweinfurth: 

stelle begrenzenden gegen 10 Meter hohen Böschung von recenter Mee- 
resbildung kann man noch die Reste einiger unbedeutenden Baulichkeiten 
wahrnehmen, unter denen ein kreisrunder Unterbau wahrscheinlich dem 
alten Signal- oder Feuerthurm entspricht, der hier zu ptolemaeischer oder 
römischer Zeit gestanden haben mag. Dr. Klunzinger hielt diese Reste 
für neueren Ursprungs; allein auf einem dem Fels, der das runde Mauer- 
werk trägt, angehörigen Block, gebildet aus durch recente Kalkmasse 
verbundenen kry stallin ischen Trßmmergesteinen , erkennt man eine In- 
schrift in grofsen griechischen Charakteren, welche, sieben an Zahl, in- 
defe durch Verwitterung des untauglichen Materials so undeutlich gewor- 
den sind, dafs nur noch ein Z und ein K ausgeprägt erscheinen. 



Da die Geographen des Alterthums für die Küstenstrecke zwischen 
Myoshormos'' (= Mirsa Niiqära nach Carl Müller") und Leukos (Qo- 
seir) keinen anderen Namen überliefert haben, als höchstens den sehr 
zweifelhaft eingeschalteten Aias mons des Ptolemaeus und des Plinius 
(= Gebel Nuqära nach C. Müller), so ist in Betreff der Beziehungen 
zu den nach dem Nilthale oder den in den benachbarten Gebirgen in 
Betrieb gewesenen Steinbrüchen und Bergwerken ftlhrenden Verkehrswe- 
gen für die vorliegende örtlichkeit keinerlei Anhalt geboten. Die eigen- 
thümliche Bezeichnung des Thals der heutigen arabischen Namengebung 



1) resp. Philotera (^ Abuschar) nach der Reihenfolge des Ptolemaeus, nicht des 
Pltniae, nicht Strabo's. 

^) Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht anterlassen, meine völlige Übereinstim- 
mung mit C. Müller's Zurechtlegang der alten Ortsnamen am Rothen Meere auszuspre- 
chen. Völlige Gewifsheit wird man nie erlangen, da die alten Schriftsteller, die hier in 
Betracht kommen, offenbar selbst hSufig sehr im Ungewissen waren. 



Alte Baureste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 5 

zufolge (Gasüs = Spion) dürfte sich aus dem Alterthum überliefert ha- 
ben, wenn nicht auch hier, wie in so vielen anderen Fällen der geogra- 
phischen Nomenclatur der Araber, ein unverstanden gebliebener hamiti- 
scher Name durch allitterirende Unterschiebung eines ähnlich klingenden 
Worts ersetzt worden ist. 

Bezeichnend für den den heutigen Verhältnissen durchaus entge- 
gengesetzten grofsen Verkehr, den diese Küstenstriche im griechisch-rö- 
mischen Alterthum aufwiesen, sind auch die deutlich erhaltenen Reste 
eines grofsen Fahrweges, welche sich südlich in einem Abstände von 
1 Kilometer längs dem Meeresufer hinziehen und beim Uadi Abu Scheq6- 
leh (unter 20° 30' n. B.) in besonders wohlerhaltenem Zustande angetrof- 
fen werden. Hier hat sich eine 8 Meter breite Wegeinfassung erhalten, 
die sich in Gestalt von angehäuften Steinreihen sehr kenntlich von der 
mit kleinem Geröll bedeckten Ebene abhebt. Aufserdem gewahrt man in 
regelmäfsigen Abständen zu beiden Seiten der Strafse Steinhaufen, die 
aus den zur Freilegung des Fahrweges aufgelesenen gröfseren Stücken 
bestehen. Spuren dieser Art sollen sich bis zum Hafen von Queh 
(20° 22' n. Br.) nach Angabe meiner Ababde- Gewährsmänner verfolgen 
lassen. Hier haben wir also einen greifbaren Belag für die Angabe Wil- 
kinson's, dafs eine Kömerstrafse sich längs der Küste hinzog und dafs 
sein Myoshormos (d. h. Philotera) mit Berenice auch durch einen Land- 
weg in Verbindung stand. 

Ganz ähnlich gestaltet an Form und Umfang wie bei dem alten 
Thurm erweist sich die an der Mündungsstelle des grofsen Uadi Gasus 
belegene Hafenbucht (Mirsa Gasüs el foqäni der arabischen Küstenschif- 
fer). Dieser Platz ist auf Nares' Karte des Golfs von Sues (1871) un- 
ter 26^ 35' n. Br. und 34° 1' 20" in Ost von Greenwich eingetragen, süd- 
lich von einer im rechten Winkel vorspringenden höheren Felsecke, die 
als „Safagah Ulbur'* bezeichnet erscheint.^) 



^) Auf Dr. C. B. Klanzinger's vortrefflicher Karte seiner Routen um Qoseir 
(Zeitschr. für Erdk. Bd. XIV Taf. Vn 1879) ist die Lage dieser Hafenbucht weiter nach 
Süden gerückt worden, so dafs die nördliche Mirsa Gasüs an der Stelle der südlichen, 
die südliche aber an der als ,,Boat Harbour^ auf Nares' Karte bezeichneten zu liegen 
kommt. Die Gonfiguration der Küstenlinie und die vorgenommenen Gebirgspeilungen von 
auf Nares' Karte bestimmten Punkten ergaben diesen Irrthum. 



6 Sc H WEINFURT H : 

Das grofse Uadi Gasüs verläuft in seinem unteren Theile mit we- 
nig ausgeprägten Windungen ziemlich gerade in Ostnordost zwischen nie- 
deren Bänken eines aus dem angeschwemmten Schutt der ürgebirge zu- 
sammengesetzten Sandstein- und Kalkconglomerats. Ungefähr 7 Kilome- 
ter von der Küste entfernt treten recente Kalkbildungen (alte Riffe) von 
30 bis 40 Meter Höhe als Thalbegrenzung auf und auf der Südseite des 
üadis sind dieselben auf Diorithügel angelagert, die sich in Südwest an 
die ersten Ketten des Urgebirges anschliefsen. Hier verläuft das gegen 
150 Meter breite Thalbett in Ost zu Süd und wird innerhalb der höhe- 
ren KalkabstOrze von 10 Meter hohen Böschungen begrenzt, die aus bunt- 
farbigen Mergeln bestehen, über welche sich eine dünne Decke von re- 
centen Kieselconglomeraten und Sandsteinen ausbreitet. 

Mitten im Rinnsal treten hier deutlich erhaltene Mauerreste auf- 
einander geschichteter Steine auf, die sich in einer Länge von 150 Me- 
ter hinziehen und in Gestalt eines länglichen Vierecks einen Raum um 
schlössen zu haben scheinen, der offenbar eine alte Brunnenanlage enthielt, 
wie die noch erhaltene tiefe von einem Schuttringe umfriedigte Grube zu 
erkennen gibt. Ob die gegenwärtig noch 1 Meter hohen Mauern als 
Fangdamm für das Regen wasser des Thalbetts gedient haben, vermochte 
mir wegen ihrer gegenwärtig fast mit der Längsaxe des letzteren zusam- 
menfallenden Stellung nicht klar zu werden. (S. nebenstehende Zeichnung.) 
Das jetzige Hauptrinnsal verläuft auf der Südseite der Anlage, hat eine 
Ecke des Mauerwerks fortgespült und verräth bedeutende Veränderungen, 
welche im Laufe der Zeit die Configuration des Thalbettes erfahren hat. 
Einiges Tamariskengesträuch (T. nilotica Ehrbg.) bei der Brunnengrube, 
namentlich aber das Vorhandensein zahlreicher grofser Acacien (A. tortüts 
Hne.) etwas oberhalb im Thal gibt die an dieser Stelle immer noch vor- 
handene ausgiebige Grundfeuchtigkeit zu erkennen. 

Dafs hier, auf halbem Wege zu der das ganze Jahr hindurch vor- 
treffliches Trinkwasser liefernden Gisternenschlucht von Abu Qaua am 
Ursprung des Uadi Gasüs, und noch näher benachbart der gleich vor- 
züglichen Wasserstelle Hauadät in Westen, eine wichtige Station der zur 
Küste führenden alten Verkehrsstrafsen, vielleicht in Verbindung mit Stein- 
brüchen oder Metallminen im Innern, bestanden habe, dafür sprechen 
aufs deutlichste mehrere Überbleibsel von Gebäuden, die man auf der 



Alte Banreste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 



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8 Schweinfurth: 

südlichen Thalseite oberhalb der Böschung antrifft. Mit den als »Hy- 
dreuma'^ bezeichneten Wasserstationen aus ptolemaeischer und römischer 
Zeit, wie solche sich noch in vielen Thälern zwischen Qeneh und Qoseir 
an den alten vom Nil zum Meere führenden Strafsen erhalten haben, läfst 
sich diese Niederlassung im üadi Gasus nicht ohne Weiteres in Vergleich 
bringen; denn statt des einen inwendig vielzelligen von hohen Mauern 
und ThurmvorsprOngen umgebenen grofsen Baues, der stets ein ausge- 
mauertes Wasserbecken oder einen ähnlich angelegten Brunnen in sich 
schliefst, stöfst man hier auf vier zerstreut liegende Gebäude von gerin- 
gem Umfange nnd ohne jede Spur einer Umfassungsmauer. Auch er- 
scheinen diese nur in den Grundmauern erhaltenen Überbleibsel in weit 
höherem Grade vom Zahne der Zeit benagt, als man es sonst an den 
Hydreuma dieser Gegend bemerkt. Wohlerhalten und besonders als Ty- 
pus einer solchen alten Wasserstation zu betrachten erscheint diejenige, 
welche ich im mittleren Uadi Semneh (dem Oberlauf des Uadi Säqi) 
20 Kilometer in Ost vom Gebel Geddameh der centralen Granitkette 
auszumessen Gelegenheit fand. (Siehe nebenstehende Zeichnung.) 

Der Hauptbau am südlichen Rande von Uadi Gasüs stellt ein et- 
was längliches Viereck von 14 Meter Länge dar, das durch Quermauern 
in 10 ungleich grofse Kammern abgetheilt war. Das Mauerwerk, m*- 
sprünglich durch Lehm mit einander verkittet, bestand in den unteren 
Lagen aus schwarzen DioritstQcken, in den oberen aus Kalksteinblöcken, 
deren weiche Beschaffenheit ein fast völliges Zerfallen herbeiföhrt. In 
Folge dessen ist der Innenraum zwischen den stehengebliebenen Mauer- 
resten hoch ausgefallt. 

An einem zweiten Bau, der westwärts näher am Rande der Bö- 
schung gelegen ist, läfst sich nur eine einfache Reihe aufeinander folgen- 
der Kammern unterscheiden. Schräg zu diesem gestellt erhebt sich in 
seinen stehen gebliebenen Grundmauern bis zu Meterhöhe ein kleinerer 
quadratischer und massiver Bau, aus grofsen Kalkquadern gefügt, der 
nach Süden zu eine ThOröffnung zeigt. Diesem ist auf der Südseite ein 
viermal gröfseres aus krystallinischen Gesteinstücken aufgeschichtetes 
Mauerviereck vorgebaut, eine Art von Pronaos; denn man darf in diesen 
Überbleibseln füglich eine alte Tempelanlage vermuthen. Topfscherben 



Alte Baureste und hiet-oglyphtsche Inschriften im Vadi Gasüs. 9 



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Vorbau^ 



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Phil.-hisL Äbh. nicht zur Akad. gehör. Gelehrter. 1885. IL 



10 Schweinfurth: 

finden sich merkwürdiger Weise nur sehr spärlich vor und alles erhalten 
gebliebene zeugt von hohem Alter. 

Die Stelle mit den Hieroglyphen ist von der alten Station im üadi 
Gasüs etwas über 7 Kilometer entfernt und genau in Südwest gelegen. 
Man geht das Uadi eine kurze Strecke westwärts hinauf, auf einen das 
Thalbett um 150 Meter überragenden Kalkabfall zu, hinter welchem die 
Brunnenstelle Hauadät gelegen ist und vor welchem das Uadi Gasüs in 
einem Knick nach Südsüdwest abbiegt. Ein kleines Seitenthal, das Uadi 
el Abiad steigt alsdann in einer Offiiung zwischen den Kalkabfällen von 
West herab, während an das Hauptthal hier auch auf der gegenüberlie- 
genden östlichen Seite ein E^alkabsturz herantritt. Es folgen einige Bänke 
von älterem (nubischen) Sandstein, die unter den alteocänen Schichten 
(die obersten Kreidebildungen sind hier nicht zur Entwicklung gelangt 
und fehlen) am Thalrande hervortreten, und dann hat man im Westen 
eine vorgeschobene krystallinische Kette vor sich, bestehend aus einer 
nordwärts verlaufenden Gruppe schwarzer Diorithügel mit zackigen Kup- 
pen und Kegeln, die ungefähr 500 Meter Meereshöhe erreichen. Der 
eigentliche Centralstock dieser Gruppe der Gebel Hauadät liegt 5 Kilo- 
meter vom Uadi Gasüs entfernt weiter in Nordwest und soll nach der 
englischen Admiralitätskarte eine Höhe von 660 Metern erreichen. Seine 
aus drei kegelförmigen Zacken gebildete Masse, der sich nordwärts und 
südwärts in gerader Linie noch ähnliche niedere anschliefsen, hebt sich^ 
bereits von der Küste betrachtet, durch seine charakteristische Gestalt 
von dem Gewirre zahlloser Berge und Hügel deutlich ab. 

Während das Hauptthal Uadi Gasüs südwärts weiter reicht, tritt 
nun von Südsüdwest ein gleich starker Arm aus dem dunkeln Urgebirge 
heraus, in welches einbiegend man nach einer südwärts gerichteten Bo- 
genkrümmung bei einer abermaligen Bifurcation an der Ecke des Seiten- 
thals zur Hechten (d. h. an der nach Süden gekehrten Thalecke der Bi- 
furcation) die Inschriftenstelle erreicht. Ein Kilometer weiter in Südwest 
theilt sich das Hauptthal abermals in zwei Schenkel, von denen der 
westwärts gerichtete zu einem tief beschatteten Felskessel, der romanti- 
schen Wasserschlucht von Abu Qaua führt, dem Ursprünge dieses aus 
dem Urgebirge kommenden westlichen Arms vom Uadi Gasüs. 



Alte Baureste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 11 

Dr. C. B. Klunzinger, der hochverdiente Erforscher der Rothen- 
meerfauna, der die Gebirge von Qoseir im weiten Umkreise nach allen 
Richtungen durchschvjreifte, hat von dem Vorhandensein der Inschrift 
keine Kunde gehabt^), obgleich dieselbe vielen Eingeborenen bekannt ist 
und der Führer auf meine desfallsige Nachfrage mich unverzOglich zu der 
Stelle geleitete. Dieser Id benannte Abadi, dem gerade in dieser Gegend 
die umfassendste Ortskenntnifs zu Gebote stand, behauptete aufs Entschie- 
denste, dafs aufser der in Rede stehenden Inschrift keine zweite Stelle 
der Art in der Umgegend bekannt sei. Die erste Kunde von ihrem Vor- 
handensein ward mir aus dem Munde des russischen Aegyptologen Gole- 
nischef. Dieser ausgezeichnete Gelehrte wufste mir keine Quelle anzu- 
geben, aus welcher er die Nachricht geschöpft hatte, theilte mir aber zu- 
gleich mit, dafs in einem englischen Privatmuseum, zu Alnwickcastle, der 
Besitzung des Herzogs von Northumberland, zwei Stelen aufbewahrt wür- 
den, die der XII. Dynastie angehörten und gleichfalls aus dem Uadi Gasüs 
herstammen sollen.^) 

An der beschriebenen Thalecke des Uadi Gasüs befindet sich die 



1) In Zeitschrift der Ges. f. Erdk. Bd. XIV S. 427, 428. 

^) Diese beiden kleinen Stelen sind vonWilkinson und von Burton in einem 
kleinen Tempel im Wadi Gasüs gefunden worden (Wilkinson, manners and customs^ 
2. ed. I. p. 252; derselbe, Egypt and Thebes p. 364) und sind von mir in der Aegjpt. 
Zeitschrift 1882 S. 203 und von Birch im Catalog des Museums von Alnwick Castle 
(London 1880, S. 267 ff. Taf. 3. 4) veröffentlicht worden. Die eine ist im 28ten Jahre 
Amenemhe't U. zu Ehren des Gottes Min errichtet von einem Oberschatzmeister, „nach- 
dem er glücklich aus Punt zurückgekehrt war, seine Soldaten waren mit 
ihm heil und gesund und seine Schiffe waren in (?bei?) Sauu gelandet^; 
Punt ist die vielberühmte Heimath des Weihrauchs^ Sauu wird der Name des Hafens von 
Gasüs sein. Die andere Inschrift, vom ersten Jahre Usertesen's I., gebort ebenfalls 
einem hohen Schatzbeamten an, der hier „im Gotteslande^ (d. h. im Osten Aegjptens) 
sein Denkmal vor dem Gotte Sopd, dem Herren des Goldlandes und des Ostens 
errichtete. Beide Inschriften liegen nur wenige Jahre auseinander, ebenso wie die neuen 
Inschriften von Wadi Gasüs ja auch ihrerseits nur einen kurzen Zeitraum umfassen. 
Zwischen beiden liegen rund gerechnet anderthalb Jahrtausende, die im Wadi Gasns keine 
Spur hinterlassen haben, während im benachbarten Hamamat die Inschriften doch eine 
ziemlich zusammenhängende Reihe bilden. Daraus folgt wohl, dass die Strafse von Wadi 
Gasüs es nie zu der Bedeutung gebracht hat, wie die von Hamamat. Man hat es wohl 
zeitenweise mit ihrem Hafen versucht, um schlief slich doch wieder zu dem alten Weg zu- 
rückzukehren. Erman. 

2» 



12 Schweinfurth: 

Inschrift an einer in Mannshöhe senkrecht bis zur yöllig ebenen mit klei- 
nen Geschieben bedeckten Fläche des Rinnsals abstürzenden Felswand, 
über welcher Schutzhalden und zersetztes Trümmergestein lagern. Die 
glattgescheuerten oder ihre natürlichen Eluftflächen darbietenden Fels- 
blöcke, welche hier anstehen, sind aus demselben feinkörnigen schwarz- 
grauen Gestein gebildet, das die ganze Hügelgruppe zusammensetzt, die 
in Südost vor dem Gebel Hauadät vorgelagert ist. Diese Gesteinsart ist 
überhaupt unter allen Vorgebirgsketten centraler und höherer Granitstöcke 
in der östlichen Wüste der Thebais von gröfster Verbreitung. Es ist das 
nämliche porphyrartige Gestein, das die Aegyptologen häufig mit Basalt 
bezeichnen und das die alten Aegypter hauptsächlich im Thal von Hama- 
mat auf der von Qeneh nach Qoseir führenden Strafse in grofsen Brüchen 
ausgebeutet haben, um aus demselben Sarkophage, Sphinxe, Apisbilder, 
Statuen und andere Denkmäler herzustellen, wie man derartige an fast 
allen Tempelstellen des Alterthums in diesem Lande aufgefunden hat.^) 

In diesen Thälern stehen an vielen Stellen solche glattflächige Blöcke 
zu Tage, die sich vermittelst eines spitzen Instruments sehr bequem zur 
Herstellung von Inschriften verwenden lassen; denn eine Verwitterungs- 
kruste von ungefähr \ Millimeter Dicke und von der Färbung des Milch- 
kaffees bedeckt alle glatten, ursprünglich Kluftflächen darstellenden Aufsen- 
seiten des im Bruch dunkelschiefergrauen Gesteins, und man braucht die- 
selbe nur zu durchschlagen, um auf braunem Grunde scharf ausgeprägte 

^) Jedenfalls ist dies die Gebirgsart, die Cl. Ptolemaeus unter dem „Schwarzen 
Gestein** (Lib. III. 5) im Auge hatte, bei seiner von Norden nach Süden gegebenen Auf- 
zählung der Gebirgsrücken am Rothen Meer, die er in der Namengebung petrographisch 
charakterisirt. Er läfst an jener Stelle auf die dorsa „porphyriti montis" die des „nigri la- 
pidis*^ folgen und schliefst mit denen des „basaniti lapidis'^^ worunter nicht unser Basalt 
zu verstehen ist, sondern, der auch heut in Europa als „pierre de Koseir^ in den Handel 
kommende Schleif- und Probierstein, eine harte Schieferart, die südlich von Qoseir sehr 
verbreitet ist. Ich finde nirgends eine mikroskopisch mineralogische Beschreibung des 
Gesteins von Hamamat. Da es in der östlichen Wüste eine Menge äufserlich sehr ähn- 
licher Steinarten giebt, die mikroskopisch durchaus verschiedenes Gefüge zu erkennen ge- 
ben, so wage ich nicht dieses feinkörnige Gemenge, das Quarz, Orthoklas und Plagioklas- 
theilchen enthält, ohne Weiteres mit einem ähnlichen Quarzporphyr vom Gebel Mangül 
zn identificiren, welchen Th. Liebisch seiner Zeit bestimmt hat. O. Fraas (aus dem 
Orient, I. S. 36) hat das Gestein von Hamamat als „Melaphyr-Diorit oder Porphyr" be- 
zeichnet. 



Alte Baureste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 13 

hellgrau erscheinende Zeichen hervorzurufen. Diese graue Schrift, die 
vor 2^ Jahrtausenden in die Felswand gegraben ward, unterscheidet sich 
durch nichts in ihrer Färbung von derjenigen, die man zum Vergleich 
heute daneben herstellen kann, ein Beweis von dem unendlich langsamen 
Verwitterungsprocefs, dem dieses homogene und feste Material unterwor- 
fen gewesen ist. 

Die bildlichen Darstellungen und Schriftzeichen bedecken an der 
beschriebenen Stelle einen Flächenraum von ungefähr 6 Q Meter. Ver- 
schiedene feine parallelepipedische Risse gehen mitten durch dieselben, 
denn dieses Gestein, welches, wie der antike Porphyr des Gebel Duchan 
und andere krystallinische Mischgesteine der östlichen Wüste häufig in 
parallele Lager von je 2 — 3 Meter Mächtigkeit gegliedert ist, sondert an 
den meisten Stellen mit prismatischen Stucken ab, deren Endflächen, 
rhombisch und dreieckig, gewöhnlich schräg gestellt sind, sodafs die ganze 
Felsmasse sieh sehr häufig in lauter kleine Rhomboöder und drei- bis 
mehrkantige Prismen aufzulösen scheint. Diese Erscheinung mag zu der 
irrthümlichen Bezeichnung mit Basalt Veranlassung gegeben haben. 

Wenn man annehmen darf, dais die Inschriften in Mannshöhe, 
soweit der Arm reichte, in die Felswand geschlagen wurden, so wQrde 
sich hieraus eine diesem Mafse entsprechende Auffüllung der Thalsohle 
für die Dauer von 2500 Jahren (seit Psametik I.) herausstellen. Die 
unterste Schrift reicht nämlich heute fast bis auf die Fläche des Rinnsals 
hinab. Ich habe die Schuttmasse des letzteren einen halben Meter tief 
weggeräumt, ohne tiefer unten befindliche Schriftzeichen am Felsen zu 
erkennen. 

Das Hauptbild stellt die Prinzessin Nitokris, die Tochter Psame- 
tiks I., dar, die von ihren Eltern begleitet den Amon-Re von Theben 
(den Herrn des Tempels „Throne beider Länder '', d. h. Karnaks) 
und den ithyphallischen Min von Koptos, den Schützer der Wüstenwege, 
verehrt. Psametik steht voran, mit der Krone Oberaegyptens geschmückt, 
zwei Weinschalen in der Hand; ihm folgt, von ihrer Mutter Schepenopet 
zärtlich umfafst, die Nitokris, die durch ihre runde Frisur als besonders 
jugendlich charakterisirt wird. Nitokris ist in üblicher Weise bezeichnet 
als die Tochter des Königs Psametik, die Gottesverehrerin Ni- 
tokris, deren Mutter das verstorbene Gottesweib Schepenopet, 



14 Schweinfurth: 

die Tochter des verstorbenen Königs Pi anchi war, und diese In- 
schrift ist so angebracht, dafs über den Kopf jeder der drei Figuren ihr 
Name zu stehen kommt. Zum Schlufs folgt eine Verticalinschrift, die mit 
dem Titel j \R zu beginnen scheint, der einen Bildhauer oder etwas ähn- 
liches bezeichnet (Beispiele bei Brugsch, Wb. Suppl. S. 153. 154) und 
im benachbarten Hamamat oft vorkommt. Er scheint .^u (] ^ zu 

AVA/sA I AA^^/^A cLL 

heifsen, was freilich eine sonst nicht zu belegende Namensform wäre. 
Verwischt haben sich aufserdem mehrere der zwischen den einzelnen Fi- 
guren vertical verlaufenden Zeilen. Unter den fQnf Figuren läuft eine 
Horizontalzeile hin, die wahrscheinlich den Namen des Verfassers des 
Proseugma enthält. 

Aufser der Hauptgruppe sind an mehreren Stellen noch Min- 
Darstellungen roherer Art zu unterscheiden. Die dazu gehörigen Verti- 
calzeilen sind unleserlich. Der obersten Figur waren 40 Zeichen in 2 
Verticalreihen beigefügt, die gleichfalls unkenntlich geworden sind. Man 
sieht auch zwei ausgekratzte Figuren an der Felswand, die wahrschein- 
lich von ungeübter Hand herstammend von späteren Besuchern, die auf 
dem Wege zum Wasser sich an dieser Stelle verewigten, unterdrückt und 
zum Theil überzeichnet wurden. Einige halbverwischte schematisch -roh 
gehaltene Kamelzeichnungen, die sich ganz oben erkennen lassen, mögen 
von rohen Hirten bereits in alter Zeit angebracht worden sein. Derar- 
tige kindliche Darstellungen sollen ebensogut aus den ältesten Zeiten 
stammen, wie sie noch heutigen Tags von müfsigen Beduinenhänden her- 
rührend an Wasserstellen und Viehrastplätzen häufig wahrgenommen wer- 
den können. 

Ein besonderes Interesse beanspruchen zwei Namenschilder, die 
die oberste Ecke rechts einnehmen und aufser den Namen des Gottes- 
weibes Schepenopet (der Mutter der Nikotris) und der Gottes Ver- 
ehrerin Amenerdas auch die sie betreffende Jahreszahl angeben, was 
bei den Namen von Königinnen sonst nicht vorkommt. Beide sind als 
lebend bezeichnet. Die auf Amenerdas Bezug habende Ziffer ist un- 
deutlich geworden und kann entweder als (\ 20 oder als {j] 13 gedeutet 
werden. 

Die Inschrift in üadi Gasüs verdient insofern eine besondere Be- 
achtung, weil sie ge wisser mafsen ein geographisches ünicum ist. Aufser 



Alte Baureste und hieroglyphtsche Inschriften im Uadi Gasüs. 15 

den Inschriften im Uadi Hamamat, die sich auf eine einzige Ortlichkeit 
beschränken, hatte man bisher nirgends in der tieferen Wüstenregion, das 
heifst auf mehr als eine Tagereise vom Nil entfernt, Hieroglyphen aufge- 
funden, es sei denn in den dichtbevölkerten Oasen der Libyschen Wüste. 
Obgleich ich nun das Gebiet zwischen dem Nil und dem Eothen Meere 
bis zu 26^ n. Br. nach allen Richtungen hin durchstreift habe, sind mir 
dennoch nirgends bisher an anderen Stellen Hieroglyphen aufgestofsen. 
Was mir von Schriftzeichen aus dem Alterthum vorgekommen, beschränkt 
sich überhaupt fast ausschliefslich auf die lateinischen und griechischen 
Inschriften in den Steinbrüchen vom Porphyritis mons (Gebel Duchan) 
und in denen vom Gebel Fatireh aus der Zeit des Trajan und Hadrian. 
Die Anachoreten des 4ten Jahrhunderts scheinen aufser Kreuzen und 
Fufsspuren-Exvota (Sohlenumrisse) nichts dem Felsen eingegraben zu ha- 
ben. Nur im oberen Uadi Dachl bei dem von Figari Bey angelegten 
Stollen fand ich 1878 an einem grofsen Sandsteinblock den seltenen Na- 
men: „Natiras Presbyteros*^ eingekratzt. Natiras soll nach H. Brugsch 
um das Jahr 400 n. Chr. Bischof des Klosters Ferän am Gebel Serbai 
(Sinai-Halbinsel) gewesen sein. 

Zum Schlufs habe ich noch die Baureste im Uadi Hauadät zu er- 
wähnen. Dieselben sind von der alten Station im Uadi Gasus nur 
3^ Kilometer westlich entfernt, man hat aber, wie ich erwähnte, um hin- 
zugelangen einen Umweg durch das Seitenthal Uadi el abiad zu beschrei- 
ben. Unterhalb der Brunnenstelle von Hauadät, da wo das Thal aus en- 
ger Klause zwischen rothen Granitfelsen hervortritt und sich den Kalk- 
abstürzen der Ostseite gegenüber erweitert, sind in grofser Zahl kleine 
viereckige Mauerwerke aufgeschichtet, die ich trotz ihrer Anzahl für Hür- 
deneinfriedigungen gehalten haben würde, wie sie die heutigen Wüstenbe- 
wohner für ihr Kleinvieh herzurichten pflegen, wenn nicht die mich be- 
gleitenden Ababde dieselben ganz entschieden für Überbleibsel aus alter 
Zeit erklärt hätten. Ein Hydreuma oder ein von Mauerwerk umfriedig- 
ter umfangreicherer Raum liefs sich hier nirgends ausfindig machen. Die 
alten Häuschen sind zum Theil an den unteren Abhängen der Granitfelsen, 
zum Theil mitten im Rinnsal des Thals errichtet. Ihre Bestimmung er- 
scheint mir wegen der Abwesenheit eines gröfseren Baurestes sehr fraglich. 
Waren es Arbeiterwohnungen, so entsteht die Frage, welcherlei Arbeit hier 



16 Schweinfurth: 

verrichtet wurde, da in der Umgegend weder Spuren von Bergbau noch von 
Steinbrüchen angedeutet erscheinen. Man wird am wenigsten fehlgreifen, 
wenn man diese Stelle als das auffafst, was sie noch heutigentags ist: 
ein vielbesuchter, unentbehrlicher Wasserplatz. Das vorzügliche Trink- 
wasser von Hauadät findet sich 2 Kilometer in Südsüdwest von dieser 
Stelle am Ursprünge der engen Granitschlucht und in Gruben von rei- 
nem, lockeren Granitschutt. Elunzinger berichtet, dafs es nicht selten 
bis nach Qoseir auf den Markt gebracht werde. Da neben dem benach- 
barten, gleich vortrefflichen und ebenso das ganze Jahr mit Sicherheit 
anzutreffenden Wasser in der vorhin erwähnten Schlucht von Abu Qäua 
in der ganzen Küstengegend am ßothen Meer, das heifst auf einem Flä- 
chenraume der nach jeder Bichtung hin 80 bis 100 Kilometer mifst, ein 
gleich tadelloses Wasser erst an den Granitbergen von Hendosse und Abu 
Tiur (45 Kilometer in Süd von Qoseir) und westwärts eret halbwegs zum 
Nil bei el-Sid an der Qeneh-Qoseir-Strafse anzutreffen ist, so mufste 
dieser Brunnenstelle von jeher eine besondere Bedeutung zufallen, na- 
mentlich aber in einer Epoche, wo der Verkehr selbst in diesen entfern- 
ten Gebirgseinöden ein so reger war. 



Alte Batireste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 17 



Bemerkungen 



Von Adolf Erman. 



Das neue Denkmal, das Schweinfurth in seinem vorstehenden 
Aufsatze veröflFentlicht, nennt uns drei Prinzessinnen des saitischen Kö- 
nigshauses — Amenerdas, Schepenopet und Nitokris ^ — , während man 
sonst in derartigen Inschriften den Namen des regierenden Königs zu fin- 
den pflegt. Es hängt dies mit dem priesterlichen Amt zusammen, das 
diese Damen einnahmen und das ihnen für einen Theil des Landes eine 
wenigstens nominelle Unabhängigkeit verlieh. 

Da mir die abnorme Stellung dieser Frauen bisher nicht ganz 
richtig aufgefafst zu sein scheint, seien mir hier einige Bemerkungen ge- 
stattet, die vielleicht zur richtigen Würdigung des Schweinfurth'schen 
schönen Fundes beitragen. 

Seit dem Anfange des neuen Reiches begegnen wir auf den Denk- 
mälern Thebens Frauen königlichen Geschlechtes, die im Oultus des Amon 
ein hohes priesterliches Amt bekleiden. Es sind dies die | , die Got- 
tesweiber des Amon, die auch die Titel |^^^^ Gotteshand^) und T^ 
Gottesverehrerin 2) führen und gleichsam als die legitimen Gemahlin- 



^) Dafs dieser Titel (der zuerst LD III 656 sicher nachzuweisen ist) die ange- 
gebene, übrigens auch durch die Schreibung wahrscheinliche Bedeutung hat, mochte ich 
aus LD III, 74 a scbliefsen, wo er in auffälliger Weise neben der Hand der Dame steht. 

^) Zuerst unter Ramses IX. sicher nachweisbar, vgl. Abb. 3, 17 u. o. Die dort 
gegebene Orthographie lehrt die Bedeutung des Titels. 

PhiL'hist Ahh, nicht zur Akad. gehör. Gelehrter, 1885. II, 3 



18 Schweinfurth: 

nen des Gottes fungiren,^) während die Frauen der Hohenpriesterfamilie 
den Rang seiner obersten Kebsweiber einnehmen. 2) Sie gehören stets 
zur Königsfamilie 3) und sind oft die Gemahlinnen des regierenden Herr- 
schers*); ihre Würde vererbt sich von der Mutter auf die Tochter^) und 
ist — zum Mindestens seit dem Ende der 20. Dynastie — mit einem 
eigenen Vermögen ausgestattet, das eine besondere Verwaltung hat^). 

In zwei Epochen der aegyptischen Geschichte treten nun die Got- 
tes weiber besonders hervor. Das erste Mal im Anfange des neuen Rei- 
ches '')5 wo insbesondere die Gemahlin des Amosis und Mutter des ersten 
Amenophis, die [|| t (| <=» eine wichtige politische Rolle gespielt zu haben 

scheint. Im Steinbruch von el Bosra steht ihr Name allein^), als sei hier 

^) Ihre Aufgabe im Cultos ist, das Sistram in den Händen, ihren Vater Amon 
mit Musik zu erfreuen (LD III, 147a und öfters). Betend, mit einem andern Priester 
zusammen, ist sie LD III, 74 a dargestellt. 

3) LD III, 132. Champ. Not. I, 511ff. Lieblein, Dict. de noms 991. Meh- 
rere sind uns auch durch den Fund von Der-el-bahri bekannt geworden, vgl. Aeg. Ztscfar. 
1883 S. 70 ff. 

^) Diese ohnehin feststehende Thatsache wird noch bestätigt durch die Art, wie 
Amenophis IV., der religiöse Reformator, das Relief LD III, 74 a behandelt hat. Wäh- 
rend er die darauf befindlichen Bilder der Götter und eines Priesters zu zerstören ge- 

^^ 
ganz verschont, offenbar weil 

er in dieser Priesterin zugleich ein Mitglied seines Geschlechtes sah. 

^) So sicher z. B. bei den ersten 5 Königen der achtzehnten Dynastie. 

^) So sicher in der späteren Zeit Ein interessantes Beispiel bei der bekannten 

Gemahlin Thutmosis II. der <*-»=^ Mi i . So lange diese nur Gemahlin des Königs war, 

fungirte sie auch als Gottesweib (LD III, 25 bis l. q.), als sie aber nach dem Tode 
ihres Mannes selbst den Thron bestieg, folgte ihr in der Stelle des Gottes weibes ihr 

Töchterchen, die Prinzessin oTT T (LD III, 25t. 25 bis g). 

^) Zuerst wird dies Vermögen, das Haus der Gottes Verehrerin, ausdrück- 
lich genannt Abb. 1,6. 2, 5. 4, 7. Man könnte es indefs wohl auch schon in den in den 
vorigen Anmerkungen citirten Stellen finden. 

^) Bis auf Amenophis II. zähle ich etwa 12 Gottesweiber, in der folgenden 
Epoche aber bis zum Ende der 20. Dynastie finde ich in dem mir vorliegenden Material 
nur fünf genannt! Das ist gewifs nicht zufällig. 

8) LD III, 3 c. 



Alte Baureste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 19 

auf ihren Befehl gearbeitet worden und im Steinbruch von Maasara hebt 
die Inschrift ihren Namen neben dem des Amosis in auffallender Weise 
hervor.^) Ebendort heifst sie fl|(lfl König und eine spätere Inschrift 2) 

nennt sie sogar ^^^ Tochter des Sonnengottes, gibt ihr also einen 

Titel, der nur wirklich regierenden Königinnen zukommt. Fast möchte 
man daher vermuthen, dafs schon dieses Gottesweib, ähnlich wie wir es 
bei ihren Nachfolgerinnen in der Spätzeit sehen werden, eine halb unab- 
hängige geistliche Fürstin gewesen sei. Sieben Jahrhunderte später, zu 
der Zeit wo Aegypten in Kleinstaaten zerfällt, treten dann diese königli- 
chen Priesterinnen des höchsten Gottes ganz wie selbstständige Dynasten 
auf, Sie sprechen von ihrer Stadt und ihrem Gau 3), in den Inschrif- 
ten erscheinen sie als Herrscher und man datirt, wie die Felswand von 
Wadi Gasüs jetzt lehrt, nach den Jahren ihrer Regierung. Ja sie be- 
sitzen sogar eine volle königliche Titulatur mit einem Horusnamen und 
zwei Schildern, die sie freilich nur ausnahmsweise anwenden*). Es kann 
somit kein Zweifel sein, dafs wir in diesen Damen in der aethiopischen 
und saitischen Zeit unabhängige Herrscherinnen zu sehen haben; die alte 
heilige Stadt Theben^) war ein geistliches FOrstenthum geworden, das 

1) LD III, 3 a.b. 

^) Lepsius, Eönigsbuch 316«. 

^) Mar. Kam. 45 e. 

*) Zaerst nachweisbar bei den lybischen Prinzessinnen U ^ / und U 





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(Leps. Eonigsb. 575 und 601), sodann bei [1 ^^^]^ ■<g>- A 1 (Mar. Earn. 45«), 

Aw>AÄ \^ (Horusname und ein Schild, Berliner Museum 7972) und ^ 

(Horusname und zwei Schilder, Champ. Not. 855, 856). Bezeichnend ist dabei, dass die 
Vornamen dieser Gottesweiber mit dem Namen der Göttin Mut zusammengesetzt sind: 
Mut voran, Mut die Schonheitsglänzende, Mut die Herrin der Schönheit. 
Diese Göttin ist ja die himmlische Gattin des Amon, und es ist daher in der Ordnung, 

dafs ihre irdische Stellvertreterin, die 1 , sich nach ihr nennt. 

^) Da in Wadi Gasüs drei Generationen dieser Fürstinnen und keiner der gleich- 
zeitigen Könige vertreten ist, so könnte man vermuthen, der Ausgangspunkt der frag- 
lichen Wüstenstrafse habe auch noch zu ihrem Gebiete gehört Dem widerspricht aber, 
dafs in dem doch noch näher an Theben gelegenen Hammamat sich auch Inschriften des 
Schabaka und des Nacho finden. 



20 Schweinfurth: 

von der Stellvertreterin des Gottes, seiner irdischen Gemahlin, verwaltet 
wurde. 

Wie es nun aber in der Natur der Sache liegt, haben die aegypti- 
schen Herrscherhäuser jener verworrenen Zeit sich bemüht, Einflufs auf 
diesen Kleinstaat zu gewinnen, der ja schon durch das ungeheure Tem- 
pelvermögen des Amon ein nicht zu unterschätzender Besitz war. So 
finden wir denn nach einander Prinzen der bubastischen, aethiopischen und 
saitischen Familien als Gatten unserer Fürstinnen, je nachdem die The- 
bais unter dem Einflufs dieser oder jener Könige stand. Freilich haben 
diese Gatten sich mit einem Einflufs hinter der Scene begnügen müssen, 
denn für die ofificielle Anschauung existirten sie nicht; offlciell besafs das 
Weib des Gottes nur eben seinen einen himmlischen Gemahl. Man er- 
kennt dies leicht an ihren Inschriften. Keine einzige der fünf Frauen, 
von denen wir Denkmäler besitzen, nennt selbst ihren Gemahl, während 
sie selten unterlassen, ihren vornehmen Vater zu nennen. Den könig- 
lichen Bruder oder Grofsvater rechnen sie uns mit Stolz vor, den könig- 
lichen Gatten verschweigen sie — oflFenbar, weil sie ihn of&ciell nicht 
nennen dürfen. So nennt sich z. B. Amenerdas: Tochter des Königs 
Kaschta und des Gottesweibes Schepenopet und Schwester des 
Königs Schabaka, aber ihren Gemahl nennt sie nie; und erst aus den 
Inschriften ihrer Tochter, die den König Pianchi als ihren Vater angibt, 
erfahren wir, wie der Gatte der Amenerdas hiefs. Das Gleiche gilt, wie 
gesagt, von allen Inschriften dieser Frauen, i) 

Fassen wir schliefslich zusammen, was sich über diese Gotteswei- 
ber der späteren Zeit ermitteln läfst. Ihre Reihe stellt sich, anscheinend 
ohne Lücke, so dar: 



^) Dieser eigenthumliche Gebrauch scheint übrigens auch schon in älterer Zeit 
bestanden zu haben. Wenigstens nennen sich, soviel ich sehen kann, die Gottesweiber 

, wo sie allein oder mit ihrem 

Sohne dargestellt sind. Sobald ihr königlicher Gemahl neben ihr steht oder genannt ist, 
geschieht ihres Verhältnisses zu dem himmlischen Gatten keine Erwähnung. Vergl. LD 
III, 3c mit ib. 3a. 2»; ib. 625 mit ib. 38a; Leps. Königsb. 417 mit 423. 



Alte Baureste und hieroglyphtsche Inschriften im Uadi Gasüs. 21 

1) Name unbekannt, Gemahl ein König Osorkan^), der nach 
seinem Namen zu urtheilen zu der Eönigsfamilie von Bubastis gehört 
haben wird. 

2) SchepenopetL, Tochter der vorigen 2). Gemahl der aethio- 
pische König Kaschta. 

3) Amenerdas, Tochter der vorigen und Schwester des Königs 
Schabaka^)^ Gemahl, der wahrscheinlich aethiopische, König Pianchi. Re- 
gierte gleichzeitig mit Schabaka^) (also um 725 v. Ohr.) und herrschte, 
wie die Inschrift von Wadi Gasüs zeigt, mindestens 12 Jahre lang. 

4) Schepenopet IL, Tochter der vorigen^), Gemahl der saiti- 
sche König Psametik L Regierte anscheinend schon gleichzeitig mit 
Schabataka^) (also vor 704) und herrschte, wie Wadi Gasüs lehrt, min- 
destens 19 Jahre hindurch. Sie starb, wie dieselbe Quelle^) lehrt, noch 
unter Psametik /., und in der That mufs sie ja bedeutend älter gewesen 
sein als dieser König, der, wenn man ihm nicht ein Alter von mehr als 
80 Jahren geben will, nicht vor 690 geboren sein kann. 

5) Nitokris, Tochter der vorigen®). Ein Gemahl ist nicht be- 



*) Lieblein, Aeg. Denkm. aus St Petersburg p. 6 Taf. I, 4 — II, 7. 

2) ib. 1. 1. 

3) ib. 1. 1. LD V, le. Mar. Karn. 45c. d. e. Greene, fouilles 9, 3. ib. 10 
and die analoge Berliner Statue. Berlin 7497. 

^) Mar. Kam. 45 c. 

*) Berlin 7972. 8168. Greene 8, 1. 9,3. LD III, 271a. 

«) Turiner Stele in Pleyte's Aufsatz: Aeg. Ztschr. 1876, 51; es wird nach Ana- 
logie aller andern Inschriften unserer Fürstinnen hier zu lesen sein Schepenopet [Toch- 
ter des] Pianchi, deren Mutter die Amenerdas war, und dementsprechend auch 
Schabataka [Sohn des] Schabaka. 

^) Ebenso wird Champ. Notices p. 856 und Mar. Mon. div. 90 Psametik I. noch 
als lebend bezeichnet, während Schepenopet schon todt ist. 

8) Mar. Mon. div. 90. 91. — LD III, 271 &. 272a. 6. (= Champ. Notices 511) 



22 Schweinfürth: 

kannt. Kam, wie Wadi Gasus lehrt, jung auf den Thron und zwar zu 
Lebzeiten ihres Vaters P^am^^zÄ; /. (663 — 610). Da sie gerade eine Toch- 
ter Psametik II. zur Nachfolgerin erwählt hat, so wird sie wohl noch 
unter diesem König (594 — 589) gelebt haben. Sie hat also in jedem 
Fall ein hohes Alter erreicht^). 

6) Anchnes Raneferab^) heifst die Tochter Königs Psa^ 
metik II., deren Mutter die Gotteshand Nitokris ist, gehören 
von der Königlichen Gemahlin Tachuat^); also kann Nitokris nur 
ihre Adoptivmutter gewesen sein. Regierte noch unter Amasis (569 — 
526)^) und könnte wohl bis ans Ende der Dynastie gelebt haben, wo 
Kambyses jedenfalls auch diesem geistlichen Fürstenthum ein Ende ge- 
macht hat. 



Man sieht deutlich genug aus diesem kurzen Abrifs, dafs der Staat 
dieser Hohenpriesterinnen nicht besonders ernst zu nehmen war. Er 
glich schliefslich etwa einem reichsunmittelbaren Frauenstift mit reichen 
Einkünften, dessen Regierung Prinzessinnen auch im Kindesalter schon 



— Champ. not. p. 855. 856. LD III, 271a — Greene, fouilles 9, 1. 2. — Mar. Abjd. 
I, 26. — Ihr Sarg.: Academy 1883 nr. 585 p. 51. 

^) Man hat von dieser Nitokris diejenige scheiden wollen, die auf dem Sarge 

der Anchnes Raneferab genannt wird, da diese letztere hier zuweilen den Beinamen ^ 

trage. Aber mit demselben Rechte müfste man dann auch die in dem Sarge bestattete 
Anchnes Raneferab selbst für eine andere erklären als die sonst bekannte Prinzessin, 

denn auch diese fuhrt auf dem Sarge zuweilen den Beinamen ^ , den sie sonst nie 

trägt. Es liegt zu beiden gar kein Grund vor und ich kann mich daher dieser, soviel 
ich sehen kann, allgemein adoptirten Annahme nicht anschliefsen. 

2) LD III, 273c. e. 274a. 0. 

^) Auf ihrem eben citirten Sarg, vgl. Lepsius, Lber die 22. aegypt. Königsdj- 
nastie (Abh. d. Berl. Akad. 1856) S. 305. Diese Angabe ist von allen Interpreten falsch 
verstanden, da man sie nicht wörtlich zu nehmen wagte, und hat arge Verwirrung im 
Stammbaum der 26. Dynastie angerichtet. 

*) LD III, 274o. 



Alte Baiireste und hieroglyphische Inschriften im Uadi Gasüs. 23 

verliehen werden konnte als eine gute Versorgung für ihr Leben. Die 
eigentliche Verwaltung lag in den Händen ihrer ^grofsen Hausvor- 
steher", jener vornehmen Leute, die sich selbst auf den Tempelwänden 
hinter ihrer Gebieterin darstellen lassen konnten und deren grofsartige 
Grabbauten wir noch heute bewundern. 



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